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Petra Grell, Winfried Marotzki u.a. (Hrsg.): Neue digitale Kultur- und Bildungsräume

Cover Petra Grell, Winfried Marotzki, Heidi Schelhowe (Hrsg.): Neue digitale Kultur- und Bildungsräume. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 200 Seiten. ISBN 978-3-531-16958-3. 24,90 EUR.

Reihe: Medienbildung und Gesellschaft - Band 12.
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Thema

Vor allem das Internet wird in diesem Sammelband hervorgehoben, der von neuen Informationstechnologien und deren Kontext handelt. Das Internet wird hier als ein Kultur- und Bildungsraum betrachtet. Durch das Internet böten sich neue Optionen, wie Menschen sich inszenieren, wie sie miteinander kommunizieren und kooperieren, sodass letztlich auch neue soziale Vergemeinschaftungen entstünden.

Aus Warte der Erziehungswissenschaft soll es im vorliegenden Sammelband darum gehen, wie solche Kultur- und Bildungsräume entstehen und wie sie strukturiert sind. Was bedeuten sie dafür, wie Menschen, und zwar nicht nur junge Menschen, sich selbst und ihre Welt verstehen? Die Beiträge sollen, wie es in der Einleitung heißt, „unterschiedliche Facetten“ des Themas „akzentuieren“ (S. 8).

HerausgeberInnen

Vorab sei erwähnt, dass die HerausgeberInnen keine eigenen Artikel zum Sammelband beigesteuert haben – außer einer viereinhalbseitigen Einleitung.

Dr. Grell ist an der Universität Potsdam Juniorprofessorin für Medien und lebenslanges Lernen, Dr. Marotzki ist Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Magdeburg, und Dr. Schelhowe ist an der Universität Bremen Professorin für Digitale Medien in der Bildung, Informatik.

Entstehungshintergrund

Der Band geht auf Vorträge zurück, die an den Heimatuniversitäten der HerausgeberInnen gehalten wurden, und zwar in einer Ringvorlesung, die per Videokonferenz übertragen wurde. Im Band sind weitere Vorträge, wie die Einleitung besagt, „hinzugenommen“ (S. 8): Sie stammen aus einem Symposium, das 2008 in Dresden stattfand – auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft.

Welche Artikel auf die Ringvorlesung zurückgehen und welche auf das Symposium, ist indes nicht vermerkt.

Aufbau

Auf die Einleitung der HerausgeberInnen folgen in loser Reihe neun Beiträge. Der Umfang dieser Beiträge streut zwischen 10 und 30 Seiten.

Inhalt

Der erste Beitrag, ein englischsprachiger Text, schafft in kritischer Absicht einen Rahmen für die Diskussion der Bildungsmöglichkeiten, die mit so genannten Web-2.0-Anwendungen verschränkt sind. Es geht also um jene Angebote im Internet, die durch die Mitwirkung der NutzerInnen geprägt sind. Der Artikel bezieht sich vor allem auf eine Anbindung an die Schule, und er zeigt die Verklärungen, die oft eine solche Debatte bestimmen. Demgegenüber plädiert er für Untersuchungen, welche die jeweiligen sozialen und technischen Gegebenheiten ernst nehmen.

Von Hochschulbildung handelt dann der folgende Beitrag. Ausgehend von theoretischen Überlegungen über den Zusammenhang von Medientechnologie und Bildungssystem geht es um den möglichen Einsatz vernetzter digitaler Medien in der Lehre und im Studium. Was bringt diese Umstellung für den Bildungsraum Universität mit sich? Den konkreten Bezug gibt ein mehrteiliges Projekt zur Hochschulentwicklung, das an der Universität Hamburg stattfindet.

Ein gleichsam geschichtlicher Artikel, auch wenn die zurückverfolgte Zeit kurz ist, behandelt die Entwicklung des Internets als Kulturraum. Dabei unterscheidet der Beitrag hauptsächlich zwei Phasen: eine der Expansion in den 1990er Jahren und eine der Konsolidierung im darauffolgenden Jahrzehnt. Anhand zugänglicher Selbstbeschreibungen der Beteiligten – GestalterInnen und NutzerInnen – werden jeweils typische Muster eines kulturellen Verständnisses des Internets dargestellt.

Wie verbindet sich das Fremde mit dem Eigenen? Transkulturalität und Kosmopolitismus sind dafür die Stichwörter. Beides soll durch Kommunikation in internationalen Netzwerken ermöglicht werden, die auf dem World Wide Web basieren. Zwei Netzwerke werden exemplarisch vorgestellt („Global Modules“ und „Mideast Youth“). An beiden sind in erster Linie Studierende beteiligt.

Im nächsten Artikel geht es um den Gewinn von sozialer Anerkennung und Vergewisserung von sozialer Zugehörigkeit in Internet-Communitys, und zwar speziell um Communitys, die sich an in Deutschland lebende Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund richten. Anhand einer qualitativen Studie wird eine Vielfalt unterschiedlicher Muster der Aneignung herausgearbeitet. Dabei geht es um Fragen der Identität sowie der nationalen, ethnischen und kulturellen Zugehörigkeit: Der Autor, Kai-Uwe Hugger, hält fest, dass die „national-ethnisch-kulturellen Hybridumgebungen“ dieser Communitys zwar „kein Erfolgsgarant zur Selbst-Findung“ sind, dass sie aber „den jungen Türken einen sozial-räumlichen Rahmen“ böten, „in dem sie jenseits des einwertigen deutschen, aber auch des einwertigen türkischen Zugehörigkeitskontextes Bestätigung durch andere Personen erfahren können, die ebenfalls über einen ‚prekären‘ Zugehörigkeitsstatus verfügen und damit über ähnliche Alltagserfahrungen […] wie biografische Hintergründe“ (S. 90 f.).

Der anschließende Beitrag betrachtet eine Hybridisierung der Alltagswelt, in der sich real-materielle und virtuell-softwarebasierte Räume vermischen. Beispiele hierfür werden dargestellt – eine populäre Anwendung sei Google Maps (besonders mit seinen Erweiterungen und Kombinationen). Bislang gängige Konzepte des Raumes, der Räumlichkeit und der Sozialität seien zu überdenken und werden hier diskutiert.

Mit explizit virtuellen Welten befasst sich der folgende Artikel. Als technologisch weit entwickeltes Beispiel wird in diesem Text immer wieder Second Life herangezogen. Es geht dem Autor darum, die strukturelle Komplexität virtueller Welten aufzuzeigen, dazu Kategorien für eine systematische Analyse darzustellen und auf bildungstheoretische Bezüge hinzuweisen. Ein großer Teil des Beitrags gilt den so genannten Avataren, als den virtuellen Repräsentanten der beteiligten Akteure.

Sind digitale Konsumwelten (wie Einkaufsplattformen im Internet) auch politische Bildungsräume? Diese Frage wird verfolgt in einer komplexen empirischen Untersuchung anhand der Handlungspraktiken von VerbraucherInnen. In diesem Artikel werden die VerbraucherInnen anhand von Fallanalysen typologisiert, die in einen theoretischen Zusammenhang gebracht werden. Die Frage zielt darauf, ob und wie sich Haltungen und Habitus verändern.

Der letzte Beitrag gilt der digital-vernetzten Medienkunst, die hier eingegrenzt auf eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit betrachtet wird. Es handelt sich um den medienkünstlerischen Umgang mit wissenschaftlichem Wissen. Dies wird anhand von drei Projekten vorgestellt. Darin würden neue Sinnbezüge eröffnet, in denen sich besonders Unbestimmtheiten ausdrückten. Dadurch ermöglichten solche Projekte spezifische Chancen zur Reflexion.

Diskussion

Sein Entstehungshintergrund lässt den Sammelband als eine Gelegenheitspublikation erscheinen. Darauf deuten auch die knappe Einleitung und die lockere Folge der Themen hin. Aufgefallen sind mir große Unterschiede in der formalen Qualität der Artikel – hier hätte es nochmals einer sorgfältigen Korrektur bedurft.

Die Konzepte des Kulturraums und des Bildungsraums, in der Verbindung mit digitalen Medien, können in der knappen Einleitung nur angerissen oder durch Umschreibungen variiert werden. Es bleibt so mehr oder weniger bei Metaphern – wie im Übrigen häufig in der einschlägigen Literatur. Wer hier aufgrund des Buchtitels eine systematische theoretische Klärung erwartet hat, wird nur zum Teil in einzelnen Artikeln fündig:

So vermerkt Alexander Unger, einer der Autoren des Sammelbandes, zu Recht, dass „obwohl die Bezeichnungen ‚virtuelle Räume‘ oder ‚mediale Architekturen‘ mittlerweile geläufig sind“, es „gerade in Hinblick auf die Kategorie Raum noch Nachholbedarf in der (sozial-) wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu geben“ scheint (S. 100).

Fazit

Es bestätigt sich die Facettenhaftigkeit der Darstellung, wie sie von den HerausgeberInnen in ihrer kurzen Einleitung angekündigt wird. LeserInnen aus der Sozialwirtschaft dürfte, je nach Arbeitsgebiet, nur der eine oder andere Beitrag interessieren.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 02.03.2010 zu: Petra Grell, Winfried Marotzki, Heidi Schelhowe (Hrsg.): Neue digitale Kultur- und Bildungsräume. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-16958-3. Reihe: Medienbildung und Gesellschaft - Band 12. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8822.php, Datum des Zugriffs 25.07.2016.


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