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Kai-Uwe Hugger (Hrsg.): Digitale Jugendkulturen

Cover Kai-Uwe Hugger (Hrsg.): Digitale Jugendkulturen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 268 Seiten. ISBN 978-3-531-16091-7. 29,90 EUR.

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Thema

Dieser Sammelband gilt der Frage, wie Jugendkulturen durch die vielfältigen Möglichkeiten unterstützt und strukturiert werden, die Computer, Internet und Handy heute bieten. Geklärt werden soll auch, wodurch sich digitale Jugendkulturen kennzeichnen. Kritisch geprüft wird zudem die Frage, ob gegenwärtige Jugend durch die Nähe zu digitalen Medien eine gleichförmige Gestalt annimmt – zugespitzt gefragt: Gibt es eine „Cybergeneration“?

Herausgeber

Dr. Hugger ist Professor für Medienpädagogik und Mediendidaktik an der Universität Köln. Als Schwerpunkte seiner Arbeit nennt er: die Erforschung digitaler Kindheit und Jugend, Forschung zur Medienkompetenz und die Erforschung medienpädagogischer Professionalität.

Entstehungshintergrund

Jugendliche gelten als besonders intensive Nutzer der so genannten Neuen Medien. Wichtige Motive sind Unterhaltung, soziale Kontakte und Selbstdarstellung. Indem sie diese Motive ausleben, zeigten sich Jugendliche, wie Hugger in der Einleitung schreibt, „als Mitglieder jugendkultureller Gesellungen, seien es Cliquen oder bestimmte Jugendszenen“ (S. 10).

Ein Leitgedanke des Herausgebers ist es, mit dem Sammelband die Heterogenität und Partikularität der mit digitalen Medien gekoppelten Jugendkulturen darzustellen: Das heißt, gerade nicht das Einheitsbild einer Jugendgeneration zu zeichnen, sondern zu zeigen, wie sich Jugendkulturen entstrukturieren, pluralisieren und ausdifferenzieren. Ein solcher Prozess habe spätestens seit Anfang der 1990er Jahre stattgefunden.

Zwar gebe es strukturell vergleichbare Erfahrungen von Intensität, Ganzheit und Subjektivität in digitalen Jugendkulturen; doch seien diese Erfahrungen, wie Hugger ebenfalls in seiner Einleitung schreibt, „immer aus dem Blickwinkel der jeweiligen Jugendlichen bzw. jugendkulturellen Gesellungen zu interpretieren“ (S. 15). Hierzu sollen mit dem vorliegenden Band Anhaltspunkte gegeben werden.

Aufbau

Der Band beginnt mit der schon erwähnten Einleitung des Herausgebers, die 14 Seiten umfasst. Sodann gliedert sich der Text in zwei Teile: „Theoretische Facetten digitaler Jugendkulturen“ und „Digitale Angebote und jugendorientierte Aneignungsformen“. Der erste Teil zieht stärker Theorien aus den Sozialwissenschaften heran, die helfen sollen, die Verschränkung von digitalen Medien und Jugendkulturen zu diskutieren. Der zweite Teil geht stärker auf einzelne empirische Erscheinungen digitaler Jugendkulturen ein.

Beide Teile beinhalten jeweils sieben Beiträge und haben in etwa gleichen Umfang. Im Durchschnitt ist ein Beitrag 15 Seiten lang.

Inhalt

Der erste Teil beginnt mit einem Text, der die Motive für die Verschränkungen von Jugendkulturen und digitalen Medien reflektiert. Besonders geht er auf Social Networking Websites im Internet ein – wie zum Beispiel SchülerVZ. Speziell diese Plattform spielt auch im zweiten Beitrag eine Rolle, neben Communitys von Online-RollenspielerInnen: Es wird dargestellt, wie sich im Gebrauch der Medien spezifische Unterscheidungen von Jugendszenen ausdrücken und welche Bedeutung das für die Identität der Jugendlichen hat. Öffentliche Selbstdarstellungen über Fotos und Videos im Internet untersucht dann der folgende Beitrag, und zwar anhand der Black-Metal-Szene. Das Material dazu wurde auf den Plattformen Flickr und YouTube erhoben.

Der nachfolgende Artikel zeigt, dass Strukturen von Macht und sozialer Ungleichheit zu berücksichtigen sind, wenn man Jugendkulturen hinsichtlich ihres spezifischen Zugangs zum Internet betrachtet: wenn man untersucht, wie die Jugendlichen es nutzen und sich daran beteiligen. Hierzu werden Daten verschiedener Studien herangezogen. Ein Beitrag, der jugendliche Gleichaltrigengruppen in historischer Sicht beleuchtet, zeigt bereits frühe Tendenzen einer De-Lokalisierung auf – bis hin zu den deutlichsten Ausprägungen in netzbasierten virtuellen Jugendkulturen. Dabei weisen die Autoren auf Übergänge, aber auch auf Kontinuitäten hin.

Unter dem Stichwort Medienbildung werden in einem eigenen Beitrag Potentiale erörtert, die digitalen Jugendkulturen im Hinblick auf Orientierung und Bildung zukommen. Dazu dienen zwei Beispiele: zum einen Communitys für den Austausch von Fotos und Videos, zum anderen Social Networking Websites. Speziell um intraethnische Communitys, die sich an Jugendliche mit Migrationshintergrund richten,geht es im folgenden Artikel. Solche Communitys werden – auch auf empirischer Basis – als eine Ressource dargestellt, mit der sich die Jugendlichen mit ihrer erlebten Mehrfachzugehörigkeit auseinandersetzen können.

Der zweite Teil eröffnet mit einem Beitrag über eine Szene jugendlicher Musikfans. Das Besondere dieser Szene ist, dass sie ihre Ursprünge in Japan hat (ihr Name ist Visual Kei) und sich in Deutschland als erste Szene fast ausschließlich über das Internet generierte. Avatare in Computer- und Internetspielen sind das Thema des nächsten Artikels. Es werden unterschiedliche Formen untersucht, und diskutiert wird die Bedeutung von Avataren für die Identität der jugendlichen SpielerInnen. Noch expliziter auf Computerspiele geht der folgende Beitrag ein: Solche Spiele können den Kern von jeweiligen Szenen bilden, wobei die jugendkulturelle Differenzierung mit der Diversität der verschiedenen Spielangebote einhergeht.

Ein eigener Artikel gilt nochmals den Social Networking Websites (wie MySpace, SchülerVZ oder StudiVZ). Anhand vorliegender Daten wird über Struktur, AnbieterInnen und NutzerInnen referiert, und Aspekte der Selbstdarstellung und Identitätsarbeit werden nochmals hervorgehoben – auch mögliche Gefahren. Dem konvergierenden Gebrauch verschiedener Medien widmet sich sodann der folgende Artikel, wobei er sich besonders auf Musikfernsehen und Internet bezieht. Wie eine zusammenlaufende Beschäftigung mit diesen Medien durch Jugendliche stattfindet, wird an Beispielen skizziert.

Szenen von Mädchen im Internet und Plattformen, die sich eigens an Mädchen richten, sind das Thema eines weiteren Beitrags, der auf qualitativen Studien beruht. Gefragt wird besonders, ob sich hier herkömmliche geschlechtsbezogene Zuschreibungen verändern. – Zuletzt widmet sich ein Artikel der Handynutzung von Jugendlichen. Es wird anhand empirischer Daten nach sozialen Milieus und dem jeweiligen Lifestyle differenziert.

Diskussion

Das Buch informiert hinsichtlich einer großen Breite von Aspekten digitaler Jugendkultur. Es enthält relativ eingängig zu lesende Übersichtsartikel und exemplarische Studien. Die Notwendigkeit, digitale Jugendkulturen und Szenen zu differenzieren, wird anschaulich und überzeugend deutlich. Wie gezeigt wird, kann es keinesfalls genügen, vereinfachend von einer „Cybergeneration“ zu sprechen oder heutige Jugendliche summarisch als „Digital Natives“ (als mit digitalen Technologien gleichsam Aufgewachsene) zu bezeichnen.

Wer sich schon mit dem Thema des Sammelbandes befasst hat, wird auf einiges stoßen, das aus anderen Publikationen mehrerer der AutorInnen bekannt ist. In einem Fall ist mir seitenweise eine fast wörtliche Übereinstimmung mit einer anderen Publikation aufgefallen.

Hilfreich ist dagegen Huggers systematisch angelegte Einleitung, die auch genügend Raum einnimmt, um die These der Heterogenität der digitalen Jugendkulturen darlegen zu können. Auf diese grundlegende Darstellung lassen sich die einzelnen Beiträge beim Lesen immer wieder beziehen.

Fazit

Das Buch eignet sich besonders für LeserInnen, die einen Zugang zum Thema digitale Jugendkulturen gewinnen wollen, dabei an verschiedenen Phänomenen interessiert sind und die Bereitschaft mitbringen, eine differenzierte Sichtweise auf unterschiedliche Jugendszenen zu entwickeln.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de
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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 02.03.2010 zu: Kai-Uwe Hugger (Hrsg.): Digitale Jugendkulturen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 268 Seiten. ISBN 978-3-531-16091-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8823.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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