Ihr Vorteil: Wir filtern, prüfen und ordnen die Angebote für die Sozialwirtschaft.

Christoph Klotter: Warum wir es schaffen, nicht gesund zu bleiben

Cover Christoph Klotter: Warum wir es schaffen, nicht gesund zu bleiben. Eine Streitschrift zur Gesundheitsförderung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2009. 163 Seiten. ISBN 978-3-497-02061-4. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 30,90 sFr.

Besprochenes Werk kaufen


Autor

Christoph Klotter ist studierter Mathematiker, Philosoph und Psychologe. Seit 1988 beschäftigt er sich unter verschiedenen Aspekten und in verschiedenen Forschungsbereichen mit Fragen der Essstörungen, der Prävention und Gesundheitsförderung. Seit einigen Jahren arbeitet Klotter an der Hochschule Fulda, in Fachbereich Oecotrophologie, als Professor in den Gebieten Gesundheitspsychologie, Ernährungspsychologie sowie Psychotherapie.

Entstehungshintergrund

Der Autor begibt sich mit seinem Buch auf eine „Erkundungsreise in das unterentwickelte und unübersichtliche Land der Gesundheitsförderung.“ (Klotter, S.13). Neben einer Bestandsaufnahme zur Gesundheitsförderung entwickelt der Autor in seinem Buch Prinzipien einer funktionierenden Gesundheitsförderung. (vgl. Klotter, S. 13)

Aufbau

Die Veröffentlichung ist wie folgt gegliedert:

Einleitung

  1. Was ist Gesundheitsförderung?
  2. Ein Beispiel aus der Praxis: Kompaktprogramm gegen Übergewicht
  3. Ein internationaler Anwalt der Gesundheitsförderung: Die Charta der WHO
  4. Welchen Wert messen wir der Gesundheitsförderung bei?
  5. Was in der Praxis gemacht wird: Interventionen der Gesundheitsförderung
  6. Was wirkt: Evaluation von Gesundheitsförderung

Zusammenfassung

Literatur

Sachregister

Inhalt

In der Einleitung gibt der Autor einen Überblick von den (illusionistischen) Zielen der WHO zur Gesundheitsförderung, die zugrunde liegende Auffassung von Gesundheit, die (aktuellen) Mängel der Gesundheitsförderung sowie deren Widersacher. Klotter nutzt zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema die Ethnomethodologie, um dadurch Gesundheitsförderung besser zu reflektieren und letztendlich weiter zu entwickeln.

Im ersten Kapitel betrachtet der Autor am Beispiel die definitorische Seite der Gesundheitsförderung. Gleichzeitig erfolgt eine Abgrenzung von anderen Interventionsformen wie der Gesundheitserziehung. Positive wie auch begleitende negative Effekte der Gesundheitsförderung werden zunächst benannt.

Im zweiten Kapitel wird ausführlich eines der wenigen transparenten und evaluierten Interventionen dargestellt. Am Beispiel des Kompaktprogrammes gegen Übergewicht werden drei Dinge deutlich. Zum einen funktionieren diese Interventionsprogramme (lediglich) mit Gesundheitsförderungselementen. Zum anderen ist die Nachhaltigkeit derartiger Interventionen nicht nur über körperliche sondern vor allem über psychische Parameter nachweisbar. Weiterhin ist im Sinne Rogers von entscheidender Bedeutung für die Eigenverantwortung der Teilnehmer das subjektive Empfinden zur Entscheidungsfreiheit.

Das dritte Kapitel wird den Gesundheitsförderungschartas gewidmet. Es erfolgt zunächst eine Defizitanalyse um daraus Wege der Veränderung aufzuzeigen. Zunächst geht Klotter auf die Deklaration von Alma-Ata ein, die das vollkommene körperliche, seelischen und soziale Wohlbefinden als einklagbares Menschenrecht propagiert. Die Endlichkeit des Lebens mit all seinen Leiden bleiben unberücksichtigt. Diese Forderungen kommen einer Revolution nahe, der „nur“ der Mensch selbst und die politischen Rahmenbedingungen entgegen stehen. Die Ottawa-Charta versteht Gesundheitsförderung als Prozess. Leider fehlen sowohl ein klarer Weg für diesen Prozess als auch die wissenschaftliche Begründung. Hingegen wird deutlich auf die doppelte Pflicht des Bürgers, sich selbst und der Gesellschaft gegenüber verwiesen. Eine Programmatik ohne Berücksichtigung des Bürgerwillens verkommt allerdings zur leblosen Hülle oder entwickelt sich zum Gesundheitsdiktat. Nachfolgechartas werden inhaltlich umrissen um anschließend deren Inhalte zu bündeln und zu erläutern. Klotter reduziert die Inhalte auf die positiven und problematischen Aspekte der Chartas.
Positiv hervorzuheben sind u.a. die allumfassende Gesundheitsdefinition sowie die politische und individuelle Verantwortung für ein gesundheitsförderndes Verhalten. Desweiteren geht der Autor darauf ein, was den Chartas fehlt und vor allem, was notwendig wäre, um erfolgreich zu intervenieren. Zur Untermauerung werden u.a. philosophische Grundgedanken von Bourdieu über die soziale Destinktion und psychologisches Zusammenhangswissen über die Beziehungen zwischen Menschen und von Individuen zur Gesellschaft hinzugezogen.

Darauf aufbauend widmet sich das vierte Kapitel dem Status quo der Gesundheitsförderung. Wobei die Gesundheitsförderung als eine gesundheitspolitische Strategie benannt wird. Im Vergleich mit Finnland gilt Deutschland eher als Entwicklungsland in Bezug auf die Gesundheitsförderung, gelten hier auch genussvolle und konsumierende Verhaltensmuster als kulturelle Werte.
Im Vergleich mit Finnland gilt Deutschland in Bezug auf die Gesundheitsförderung eher als Entwicklungsland. Hier gelten auch genussvolle und konsumierende Verhaltensmuster als kulturelle Werte.
Basierend auf den Grundgedanken von Foucault lässt sich Klotter näher auf den Zusammenhang zwischen Macht und Gesundheit(sförderung) ein. Er zieht die Verbindung zur protestantischen Ethik und dem autoritären Modell der französischen Revolution um letztendlich den positiven Aspekt der Macht in Bezug auf die Gesundheitsförderung zu belegen.

Im fünften Kapitel stellt der Autor wesentliche Interventionsformen der Gesundheitsförderung vor. Speziell erörtert er den Setting-Ansatz, bezogen auf spezielle Krankheitsbilder, spezifischen Interventionsbereiche und in Bezug auf politische Rahmenbedingungen.

Notwendigerweise folgt im sechsten Kapitel die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Evaluation von gesundheitsfördernden Interventionen. Nach einem Überblick über die bisherige evidenzbasierte Forschung, dargestellter Defizite, plädiert Klotter für einen zukünftigen Methodenmix und schließt sich damit der Meinung u.a. von Walach (2006) sowie renommierter Gesundheitsökonomen an.
Als Hauptziel verfolgt der Autor in der Zusammenfassung Verbesserungsvorschläge für die zukünftige Gesundheitsförderung. Realistisch ist dabei die Gesundheitsförderung der kleinen Schritte. Dabei werden die Widerstände (11 Thesen) gegen eine Gesundheitsförderung berücksichtigt. Gesundheit als individueller und gesellschaftlicher Wert umfasst verschiedenen Facetten, die auf der politischen Ebene nur durch einflussreiche Bündnispartner ihren Niederschlag finden. Und wesentlich ist neben der Willensbekundung auf allen gesellschaftlichen Ebene auch die Professionalisierung incl. Qualifikation und wissenschaftlicher Fundierung.

Diskussion

Christoph Klotter gelingt es, eine kritische Darstellung der „Wert-vollen“ Ziele der WHO zur Gesundheitsförderung darzulegen und diese mit Ideen zur besseren Umsetzung und Effizienz einzelner Programme zu koppeln. Dabei greift der Autor auf Wissen aus der Philosophie, Psychologie und Gesundheitsökonomie zurück. Diese allumfassende Betrachtungsweise von Gesundheitsförderung verdeutlicht sowohl die Komplexität des Themas als auch deren Breite. Klotter scheut weder die Auseinandersetzung mit den Vertretern der Avantgarderolle der Gesundheitsförderung noch mit den militanten Gesundheitsförderern. Diese erfolgt auf derart erfrischende Art, dass mitunter beim Lesen vor Vergnügen die Lachmuskeln strapaziert wurden. Ohne die „Götter vom Olymp der Gesundheitsförderung“ (Kieckbusch, Mc Queen) zu stoßen werden die Schwachpunkte der aktuellen Herangehensweise an Gesundheitsförderung benannt und erläutert sowie einfache, wissenschaftlich begründete Schlussfolgerungen für gesundheitsfördernde Interventionen und deren Evaluationen aufgezeigt.

Fazit

Diese Veröffentlichung ist ein Muss für alle, die sich in Praxis und Theorie den Fragen von Prävention und Gesundheitsförderung widmen. Die Bezüge zur Philosophie erweitern den Blickwinkel auf aktuelle Entwicklungen in diesem Bereich und machen vor allem Lust auf eine realitätsnahe Umsetzung der hohen Ziele der Gesundheitsförderung. Ein Buch mit hohem wissenschaftlichem Anspruch und noch mehr Esprit. Überwältigend gut!


Rezensentin
Barbara Wedler
E-Mail Mailformular


Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Barbara Wedler. Rezension vom 19.06.2010 zu: Christoph Klotter: Warum wir es schaffen, nicht gesund zu bleiben. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2009. 163 Seiten. ISBN 978-3-497-02061-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8832.php, Datum des Zugriffs 23.02.2012.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang

Hilfe & Kontakt

Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.

Mehr zum Thema

Gert Kaluza: Salute! Was die Seele stark macht

Gert Kaluza: Stressbewältigung. Trainingsmanual [...]

Literaturliste anzeigen

Stellenangebote

Sozialarbeiter/-pädagoge (w/m) für Wohnheim Intensiv Betreutes Wohnen, Bremen

Pflegepädagoge (w/m) für Fachschule für Sozialberufe, Rheinfelden

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.