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Georg Diez: Der Tod meiner Mutter

Cover Georg Diez: Der Tod meiner Mutter. Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2009. 199 Seiten. ISBN 978-3-462-04142-2. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 29,90 sFr.

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Autor

  • Geboren 1969 in München.
  • Studium der Geschichte und Philosophie in München, Paris, Hamburg und Berlin.
  • Arbeit als Theaterkritiker für den Spiegel und die Süddeutsche Zeitung.
  • Derzeit schreibt er für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
  • Verfasser von Monographien über die Beatles und die Rolling Stones.
  • 2009 erscheint sein Romandebüt „Der Tod meiner Mutter“.

Erschienene Bücher:

  • Gegenheimat. Residenz Verl. 2002 (nicht mehr lieferbar).
  • Hier spricht Berlin – Geschichten aus einer barbarischen Stadt. Kiepenheuer & Witsch 2003.
  • The Rolling Stones. Reclam 2007.
  • Schaut auf diese Stadt. Kiepenheuer & Witsch 2007.

Inhalt

Mit einem Spaziergang durch das Münchener Glockenbachviertel, der Mutter des Autors seit 12 Jahren vertraut als Wohnsitz und berufliches Umfeld – sie ist unter anderem Leiterin einer Familienberatungsstelle – beginnt diese autobiographische Erzählung, die vom Tod berichten wird und vom schwierigen Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. Der Sohn schiebt den Rollstuhl durch die Strassen, in einem Geschäft kauft die Mutter gelbe Söckchen für das noch ungeborene Enkelkind, die „rosa Prinzessin“. „Wir waren uns nahe, ohne uns jemals nah zu sein“, schreibt der Sohn und findet die Erklärung in den bedrückenden Familien- und Kindheitserfahrungen der Mutter.

In den 50er Jahren flüchtet Hannelore Diez aus einem Elternhaus, in dem der Vater gerne vor allem die Töchter prügelte, zuerst in ein Studium der Orgel- und Kirchenmusik, später dann in die Ehe mit einem Pfarrer. 1969 wird der Sohn geboren, da ist die Ehe schon nicht mehr zu retten, die Enge unerträglich und die Freiheit zum Greifen nahe, als Hannelore Diez ein Studium der Sozialpädagogik beginnt unter „Menschen, die 10 oder 15 Jahre jünger waren als sie“. Der Sohn ist 6 Jahre alt, als sich die Eltern scheiden lassen und die Mutter ihre erste Arbeitsstelle antritt in einer Münchener Obdachlosensiedlung. In der Folgezeit arbeitet sie in einem Jugendzentrum mit Problemkindern, später dann in Schwabing als Leiterin des Familien-Notrufs. Von den „alternativen Latzhosen“ der alleinerziehenden Mutter führt da schon unmerklich der Weg zurück in die Bürgerlichkeit, von der sie sich einst abgewandt hatte. Es folgt, Ende der 80er Jahre, eine Ausbildung in den USA zur Mediatorin. Zurückgekehrt – der Sohn steckt in den Abiturvorbereitungen – zieht Hannelore Diez, trotz der „fast perfekten Scheidungsbeziehung“, so der Sohn, aus der gemeinsamen Wohnung aus, ein Schritt, der vielleicht konsequent ist, aber auch wehtut – ihr selbst und dem Sohn.

1994 dann der Wendepunkt, die Krebsdiagnose. Hannelore Diez ist 58 Jahre alt, Leiterin einer Familienberatungsstelle, Mitbegründerin des „Instituts für Mediation und Scheidungsberatung“, hält Vorträge, macht Fortbildungen, hat einen studierenden Sohn, einen Geliebten. Und beginnt nun, ihr Leben neu auszurichten, findet – nach der Lebensrolle der Tochter, der Ehefrau, der Mutter, der Emanzipierten, der Selbstbestimmten – nun ihr sechstes Leben, das darin besteht, als Krebskranke Abstand zu halten von diesem alten Leben. 1995 kündigt sie ihre Arbeit, ihre Wohnung. Sie beginnt zu reisen, schreibt an einem Buch, wird Dozentin an der Fernuniversität Hagen, begegnet gelegentlich dem Sohn in den Münchener Kammerspielen, bei Opernfestivals (Händel bevorzugend), lebt in den folgenden Jahren, als habe sich ihr eine neue Welt eröffnet. Knapp 10 Jahren später – so lange hat die Krankheit „über ihrem Leben geschwebt“ – beginnen sich die Dinge zu ändern, holt die Krankheit sie ein. Sie hat die Strahlentherapie überstanden, die Sonografie, Mammografie, Mistel-Therapie. Die Tumormarker – ihre „Wasserstandsmelder“ – bestimmen fortan das Leben, machen schließlich mehrere Chemotherapien erforderlich. Lange Jahre hat die Mutter ihre Krankheit vom Sohn ferngehalten. Das geht nun nicht mehr, die körperlichen und die damit einhergehenden psychischen Veränderungen sind zu offenkundig.

Eine letzte Reise – nach Capri, zur Hochzeit des Sohnes – trotzt die Mutter ihren Schmerzen, ihrer fortschreitenden Hinfälligkeit noch ab, sieht auf einem Foto aus, „wie ein Mädchen, das sich selbst wundert, warum es dieses Abenteuer mitmacht“. Zurück in München wird die Chemotherapie fortgesetzt und kurze Zeit später, angesichts der Aussicht, im Krankenhaus, angeschlossen an Apparate dahinzusiechen, spricht Hannelore Diez mit dem Sohn über die Sterbehilfe in der Schweiz (Dignitas): Sie will die im Leben erkämpfte Freiheit sich auch im Sterben bewahren. Der Sohn allerdings empfindet das als Beraubung der Sterbebegleitung und seiner Erinnerung daran. Die nächsten Wochen bringen für die Mutter eine „zerbrechliche Normalität“, das Gefühl von Abhängigkeit, von zunehmender Schwäche, Unsicherheit, Angst und Misstrauen den Freunden und Helfern gegenüber. Von Sterbehilfe ist nun nicht mehr die Rede, dagegen informiert sich der Sohn eingehend über die Hospizbewegung. Mit der Mutter spricht er darüber nicht. Deren Ängste nehmen zu: Wie lange eigentlich wird sie sich die Krankheit noch leisten können, werden ihre Ersparnisse reichen? Ihr Stolz, ihr Wunsch nach Würde und Selbständigkeit hat ihr seinerzeit lediglich die niedrigste Pflegestufe eingebracht. Mit ihrer Angst will sie nun nicht mehr allein bleiben, ruft den Sohn mehrmals am Tag an, verwirrt, manchmal von Halluzinationen heimgesucht. Essen und Trinken, zur Qual geworden, vernachlässigt sie, die Verbindung zum Leben wird immer brüchiger. Es wird einsam um sie, deren plötzlich aufbrausende Aggressivität die Freunde verscheucht. Die Freiheit der Entscheidung entgleitet ihr, geht über auf den Sohn, der sie fürchtet. Und langsam entgleitet die Mutter auch dem Sohn, dem sich nunmehr die Bilder der letzten Besuche tief einprägen: die nachwachsenden Haare, die Mütze, der schöngeformte Kopf, die schwarze Steppjacke, die Sonnenbrille.

2006 ist das Jahr, in dem sich der Tod und das Leben berühren, das Jahr, in dem die „rosa Prinzessin“ sich ins Leben kämpft und die Großmutter, die ihre Enkelin nicht mehr sehen wird, die Chemotherapie abbricht, den Kampf um ihr Leben aufgeben wird. Ihr Blick, wenn sie auf der Terrasse sitzt, bekommt nun etwas Unerbittliches, Verächtliches, scheint grausam. Sie verletzt andere, „weil sie nicht verletzt sein konnte“, baut um sich einen „Fangzaun“. Ein Satz, oftmals nur falsch verstanden, reicht aus, um sich von wohlmeinenden Menschen zu trennen, sie gegeneinander auszuspielen, sie „auszusortieren“. Sie sammelt die Schlüssel ein, die sie Freunden einst gegeben hat. Wütend wird sie auf das Sterben, stur, eigensinnig und misstrauisch. Das Gefühl der Verlassenheit wechselt ab mit dem heimlichen Wunsch nach Nähe. Die Angst hat sich verselbstständigt, macht die Mutter wehrlos, hüllt sie ein wie ein Schale, und ist doch zugleich der Beweis, dass sie noch lebt. Geduldig begleitet der Sohn sie in diesen letzten Wochen, wann immer es seine Zeit erlaubt. Er sieht ihre Wut sich steigern, je näher der Tod kommt. Doch schließlich „war sie nur noch einsam, hatte sich aufgegeben“. Der Tod kommt schnell. Als der Sohn gerufen wird, ist die Mutter schon fort. Es bleibt die Erinnerung: die Mutter auf der Terrasse sitzend dem Sohn entgegenwartend, ihr lächelndes „Heiner Schorsch“, sein Kindername. Die Totenwache zu den Klängen jener Musik, die die Mutter zuletzt noch hörte, lässt ihn erkennen, dass wir ja nicht um andere weinen, „wir weinen im Grunde nur um uns selbst“.

Der Maskenbildner der Münchener Kammerspiele, ein freundlicher Mann, nimmt die Totenmaske der Mutter ab: ruhig, routiniert, das Technische „war das Normale“. Ganz anders die Frau vom Beerdigungsinstitut: in ihrer „routinierten Funktionalität so deprimierend“, dass der Sohn ihr um ein Haar die Tür gewiesen hätte. Als schließlich der Sarg geschlossen wird, bleiben ringsum die Dinge, die zum Problem werden, denen man sich stellen muss. Doch findet sich hier nach der Trauerfeier eine eher beiläufig sich einstellende Lösung: sie werden an die Angehörigen und Freunde verschenkt, ein jeder nimmt sich, was ihm gefällt. Und mit jedem Stück, das weg ist, geht es leichter, entspannt sich die Stimmung, wird sie heiter.

Nur einen Monat später, im Januar 2007, erblickt die „rosarote Prinzessin“ das Licht der Welt. Und im Mai begleitet der Sohn die Urne seiner Mutter zum Grab auf dem Münchener Nordfriedhof und beginnt mit den Notizen für das vorliegende Buch.

Fazit

Die in Teilen chronologische Erzählweise wird immer wieder unterbrochen von einer lose geknüpften Kette von Erinnerungen aus jüngster oder weit zurückliegender Vergangenheit: Hingetupfte Stimmungsbilder aus dem Leben der Mutter und des Sohnes, zugleich schonungslos und zurückhaltend, kritisch und dennoch behutsam. Diskret wird Privates, gar Intimes angedeutet. Diese sensible, bildhafte Sprache ist anrührend, bleibt einprägsam über den Tag hinaus: die unordentlichen Stapel von ungelesenen Zeitungen im Wohnzimmer der Mutter, die herumliegenden Notizzettel mit oftmals unverständlichen, rätselhaften Eintragungen, das Bild dort an der Wand, das jahrelang verkehrt herum hängt, die obligate Wasserflasche, viel zu selten benutzt, jene Szenen des Beisammenseins, des Wartens – und die Mutter flüstert immer wieder den Kindernamen des Sohnes: „Heiner Schorsch“. Der Sohn spricht vom Schuldgefühl, das die Lebenden angesichts des nahen Todes spüren „nur deshalb, weil sie noch da sind“, weil sie ihr Versagen spüren vor dem Menschen, der sterben wird. Hin und hergerissen zwischen der alten Frage des Standhaltens oder Wegsehens, gar Weglaufens, verschweigt der Sohn nicht die Ambivalenz seines Verhaltens angesichts des Verfalls dieser starken Frau. Doch bleiben die eher leisen Töne auch dort noch Sache des Erzählers, wo man Verletzlichkeiten und Konflikte spürt, wo Kritik geübt wird etwa am Feststellungsverfahren der Krankenkasse zur Pflegestufe, das die Mutter, wie so viele, als entwürdigend empfindet. Ihr Stolz verbietet es, ihre tatsächliche Hinfälligkeit ehrlich zu dokumentieren.

Ein trostreiches Buch vor allem auch für jene, die sich in der Sterbebegleitung eines geliebten Menschen erst zurechtfinden müssen und oft genug verzweifeln an der eigenen Hilflosigkeit, den eigenen Schuldgefühlen.


Rezensentin
Dorothea Dohms
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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 03.09.2010 zu: Georg Diez: Der Tod meiner Mutter. Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2009. 199 Seiten. ISBN 978-3-462-04142-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8836.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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