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Sigrun-Heide Filipp, Peter Aymanns: Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen

Cover Sigrun-Heide Filipp, Peter Aymanns: Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen. Vom Umgang mit den Schattenseiten des Lebens. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2009. 448 Seiten. ISBN 978-3-17-020115-6. 34,80 EUR.
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Thema

In der zu besprechenden Publikation befassen sich die Autorin und der Autor mit den Schattenseiten des Lebens, die jeder Mensch in seinem Leben durchmacht und die mit kritischen Lebensereignissen bzw. Lebenskrisen umschrieben werden.

Autoren

Sigrun-Heide Filipp, Jahrgang 1943, ist Professorin für Psychologie an der Universität Trier. 1975 hat sie mit einer Arbeit zu Korrelaten des internen Selbstmodells: Situation, Persönlichkeit und elterlicher Erziehungsstil in Trier promoviert. Wenn man sich Filipps Publikationsliste anschaut, dann zieht sich ein roter Faden durch die vorliegende Thematik. Mit Thomas Klauer hat sie beispielsweise an der Universität Trier den Fragebogen zur Erfassung von Formen der Krankheitsbewältigung (FEKB) verfasst.

Peter Aymanns arbeitet in der Abteilung Angewandte Entwicklungspsychologie und Gerontopsychologie der Universität Trier. 1992 wurde Aymanns mit einer Dissertation zu Krebserkrankung und Familie: zur Rolle familialer Unterstützung im Prozess der Krankheitsbewältigung promoviert.

Aufbau

Das Buch ist in 12 Kapiteln aufgeteilt:

  1. Kritische Lebensereignisse – eine Annäherung
  2. Der zweifache Blick: Kritische Lebensereignisse als Stressoren und als Typus der Lebenserfahrung
  3. Registrierung kritischer Lebensereignisse und ihrer Schwere
  4. Die stresstheoretische Perspektive: Machen kritische Lebensereignisse krank?
  5. Die entwicklungstheoretische Perspektive: Machen kritische Lebensereignisse stark?
  6. Die differentielle Perspektive: Bewältigung als Schlüsselkonzept
  7. Bewältigung als mentales Geschehen
  8. Bewältigung als sozial-interaktives Geschehen
  9. Personale Ressourcen und Risiken im Bewältigungsgeschehen
  10. Psychologische Hilfen im Umfeld kritischer Lebensereignisse
  11. Der umgekehrte Blick: Was geht dem Eintritt kritischer Lebensereignisse voraus? (vgl. hierzu Rensinghoff 2006)
  12. Kritische Lebensereignisse als Gegenstand autobiographischen Erinnerns

Abgerundet wird die Publikation durch einen lyrischen Epilog, ein umfangreiches Literaturverzeichnis, ein ebenso umfangreiches Personenverzeichnis und ein sechsseitiges Stichwortverzeichnis.

Inhalt

In den Kapiteln 2 und 3 gehen die Autoren der Frage nach, was kritische Lebensereignisse sind und wie sich dieselben messen lassen. Kritische Lebensereignisse liegen weit außerhalb des normalen Erwartungs- bzw. Erfahrungshorizonts. Obwohl sie im menschlichen Alltag auftreten sind kritische Lebensereignisse nichts Alltägliches. Sie sind mit Stressfaktoren verbunden. Kritische Lebensereignisse sind eine Wende zum Schlechten. Die Autoren führen aus, dass das Passungsgefüge zwischen Person und Umwelt, welches auf Dauer die persönliche körperliche und psychische Sicherheit garantieren könnte, nicht wiederhergestellt werden kann. Die Folgen können sein:

  • Chronifizierung der Belastungsreaktionen,
  • Ausbildung dysfunktionaler, verzerrte Einschätzung der Welt und der eigenen Person,
  • Flucht in maladaptive Formen der Lebensbewältigung
  • depressiver Rückzug in Kombination mit Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit und – schlimmstenfalls – erhöhter Suizidneigung

und

  • deutlich verkürzte Lebenserwartung.

Das vierte Kapitel befasst sich dann mit den vorgenannten Konsequenzen der Konfrontation mit kritischen Lebensereignissen. Die Frage ist, ob kritische Lebensereignisse krank machen. „Das Befundmaterial zu den Gesundheitsfolgen kritischer Lebensereignisse – insbesondere mit Blick auf die Entstehung einer Depression (ist – CR) sehr aufschlussreich“ (S. 18).

Dass kritische Lebensereignisse krank machen oder zu einer Verschlimmerung führen können zeigt der Kommentar des Rezensenten (#2) vom 14.08.2008 zu einem Beitrag in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung von Jürgen Augstein (2008)

Ob kritische Lebensereignisse stark machen wird im fünften Kapitel beantwortet. „Wer ein kritisches Lebensreignis erfolgreich hinter sich gelassen hat, geht […] daraus gestärkt hervor, vielleicht hat er sogar an Weisheit gewonnen. Und vielleicht bieten kritische Lebensereignisse ja auch eine zweite Chance im Leben und eröffnen den Weg in positive Transformationen des Verhaltens und Erlebens und des Verständnisses von der eigenen Person und der Welt“ (S. 18).

Das kritische Lebensereignisse stark machen zeigt beispielsweise die Behindertenselbsthilfe in ihrem Empowerment (vgl. Herriger 2006; Steiner 1996), welches sich z. B. in den Veröffentlichungen der Kooperation Behinderter im Internet e. V. (kobinet; URL: http://www.kobinet-nachrichten.org/ [Download: 10.12.2009]) zeigt.

Bewältigung – und damit befasst sich Kapitel 6 – heißt „den negativen Affekt in den Griff zu bekommen und sich vor der emotionalen Überflutung zu schützen“ (S. 18). Für die Krisenbewältigung eine zentrale Rolle spielen als mentale Aktivitäten u. a. Prozesse der Aufmerksamkeitssteuerung, des Verstehens und Deutens. „Das Gelingen der Bewältigung zeigt sich darin, inwieweit die Betroffenen das fragliche Ereignis in einem positiven Licht sehen können, daraus subjektiv einen Gewinn gezogen oder es als Teil ihres Lebens angenommen haben“ (S. 19). Für die Arbeit in der Integrationspädagogik ist hier die Suche mit dem Schüler nach einem schweren Hirntrauma, neben dem unterrichtlichen Geschehen, nach Glück in glücksfernen Zeiten erforderlich.

In den Kapiteln 7 und 8 werden Varianten des Umgangs mit kritischen Lebensereignissen vorgestellt. Da gibt es einmal – und das wird im siebten Kapitel behandelt – die mentale Variante, die u. a. „Trost im Gebet und Halt im Glauben“ (S. 20) sucht. Zum Anderen werden in Kapitel 8 die sozialen Netze unter dem Stichwort ‚coping by helping‘ betrachtet. Hier wird Krisenbewältigung als sozial-interaktives Geschehen aufgefasst.

Im besten Fall tragen personale Voraussetzungen dazu bei, dass kritische Ereignisse auf Dauer keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen nach sich ziehen. Kapitel 9 befasst sich aus diesem Grund mit den Ressourcen – und in der Integrationspädagogik wird hier von Ressourcen- bzw. Kompetenzorientierung gesprochen -, auf die die krisenbehaftete Person zurückgreifen kann, als da beispielsweise wären Religiosität (und die scheint bei der Verarbeitung einer Behinderung wesentlich), personale Kontrolle und Selbstkomplexität.

Was passiert – und davon handelt Kapitel 10 – wenn die Bewältigung misslingt. „Gerade extreme Ereignisse, wie ein Angriff auf die körperliche Unversehrtheit durch eine Naturkatastrophe , der Verlust, geliebter oder wertvoller Güter, aber auch die Erfahrung, einer Katastrophe knapp entgangen zu sein, hinterlassen gravierende Spuren im Erleben und stellen zentrale Annahmen über die Sicherheit und die Verlässlichkeit der Welt in Frage“ (S. 21). Die Maßnahmen der Ersten Hilfe zu diesen extremen Ereignissen werden in diesem Kapitel aufgezeigt.

Mit Blick auf die Lebensereignisforschung wird im elften Kapitel der Frage nachgegangen, was den kritischen Lebensereignissen vorausgeht (vgl. Rensinghoff ebd.).

Schließlich behandelt das zwölfte Kapitel die Lebenserinnerungen und das autobiographische Gedächtnis, in welches sich kritische Lebensereignisse einbrennen, als Folge der Lebensereignisforschung. „Sie beleuchtet die vielfältigen mentalen Zeitreisen, auf die sich Menschen im Rückblick auf ihr Leben begeben – manchmal freiwillig, nicht selten aber auch unfreiwillig, wenn Erinnerungen sich immer und immer wieder aufzudrängen scheinen. […] In der Gesamtschau ist das autobiographische Gedächtnis eine unerschöpfliche Quelle, aus der Menschen – angesichts der vielfältigen Veränderungen und unterschiedlichen Erfahrungen in ihrem Leben – Kontinuität und Kohärenz ihres Selbst schöpfen und das sie zuweilen auch vor den früheren Schattenseiten ihres Lebens bewahrt“ (S. 22). Der Bezug zur Salutogenese (vgl. Antonovsky 1997) ist unverkennbar.

Diskussion

Aktuell stellt sich dem Rezensenten die Frage: Wie gehen die integrationspädagogisch und im allgemeinen Schulsystem arbeitenden Lehrerinnen und Lehrer, die an der Hochschule Zittau/Görlitz den Zertifikatskurs integrativer Unterricht (ZINT) absolvieren – und hierbei geht es um die Integration von behinderten Schülern in die allgemeinen, fatalerweise oft als Regelschule bezeichnete, Schulen (sind die Förder- oder Sonderschulen keine Regelschulen?) im Freistaat Sachsen -, eigentlich mit dem ganzen Leid um. Es ist ja das Leid, für welches diese Lehrerinnen und Lehrer gar nicht ausgebildet wurden und für welches sie über den ZINT und einer Handreichung für Lehrerinnen und Lehrer aller Schularten (Sächsisches Staatsministerium für Kultus 2008) stark gemacht werden sollen. Wie verarbeiten die Integrationslehrerinnen und -lehrer diese täglich auf sie einströmenden Krisen, die das Leben nicht einfach nur leben lassen. Dieses Leben – und das dürfte im Zusammenhang mit dem sächsischen Integrationsprojekt für die recht unbedarften Lehrerinnen und Lehrer der allgemeinen Schulen relevant sein – „konfrontiert uns ohne Vorwarnung mit Schicksalsschlägen, denen wir oft fassungslos gegenüberstehen (etwa: Wie begegnen wir dem Kind mit progredienter Muskelatrophie? Übrigens ist das auch ein Thema für die christliche Soziale Arbeit, wie sie an der 2009 neu gegründeten CVJM-Hochschule in Kassel-Wilhelmshöhe gelehrt wird. Behinderungserfahrungen – und der Rezensent spricht hier aus eigenen Erfahrungen – führen zu einer kirchenaffinen Persönlichkeitsstruktur (vgl. Schuchardt 2002: ein Kapitel befasst sich mit Begleitung und Glaube in Lebensgeschichten)). Das Leben ist reich an kleineren und größeren Katastrophen, denen wir uns schutzlos ausgeliefert fühlen; es konfrontiert uns mit dem Verlust geliebter Menschen und lässt uns ratlos in der Kälte zurück“ (S. 11).

Es sind also die alltäglichen Krisen, die immer wieder auf uns einströmen, die uns zu schaffen machen, die uns zermürben, vor die Wand laufen lassen und uns gewissermaßen die Lebensgrenzen aufzeigen. Passend hierzu – und zum ZINT – fand am 30. September 2000 im Neurologischen Krankenhaus und Rehabilitationszentrum für Kinder und junge Erwachsene – Hegau Jugendwerk GmbH – in Gailingen ein Workshop mit dem Titel – „Täglich begegnen uns kranke Kinder …“ – statt.

Fazit

Die bis hierhin besprochene Publikation ist sehr zu empfehlen. Für den Themenschwerpunkt kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen, wie wir ihnen u. a. in der Notfallseelsorge, der Arbeit mit Behinderten u. ä. immer wieder begegnen, ist dieses Lehrbuch als Pflichtlektüre unabdingbar.

Literatur

Antonovsky, Aaron: Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen 1997.

Augstein, Jürgen: Bürgermeisterkandidatin der SPD heißt Sonja Leidemann. (vgl. Buergermeisterkandidatin-der-SPD-heisst-Sonja-Leidemann [Download: 10.12.2009] .

Herriger, Norbert: Empowerment in der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. Stuttgart ³2006.

Rensinghoff, Carsten: Zu den psychotraumatischen Ursachen schwerer hirntraumatischer Ereignisse – eine autobiographische Studie. In: Sonderpädagogik 36(2006)16-25.

Sächsisches Staatsministerium für Kultus (Hg.): Sonderpädagogische Förderung. Handlungsleitfaden schulische Integration. Empfehlungen zur Förderung von Schülern mit Behinderungen. Eine Handreichung für Lehrerinnen und Lehrer aller Schularten. Dresden 2008.

Schuchardt, Erika: Warum gerade ich? Leben lernen in Krisen. Fazit aus Lebensgeschichten eines Jahrhunderts. Göttingen 11. Auflage 2002.

Steiner, Gusti: Behinderte als Bürger. Strategien der Rückeroberung von Alltag. In: Hellmann, Marianne/Rohrmann, Eckhard (Hg.): Alltägliche Heilpädagogik und ästhetische Praxis. Heidelberg 1996, 195-213.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 14.12.2009 zu: Sigrun-Heide Filipp, Peter Aymanns: Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen. Vom Umgang mit den Schattenseiten des Lebens. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-17-020115-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8856.php, Datum des Zugriffs 25.09.2016.


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