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Manfred Spitzer: Aufklärung 2.0. Gehirnforschung als Selbsterkenntnis

Cover Manfred Spitzer: Aufklärung 2.0. Gehirnforschung als Selbsterkenntnis. Schattauer (Stuttgart) 2009. 200 Seiten. ISBN 978-3-7945-2742-7. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.

Reihe: Wissen & Leben.

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Thema und Zielsetzung

Manfred Spitzer liefert mit seinem aktuellen Buch einen weiteren Beitrag zur Distribuierung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse und zielt darauf ab, einzelne, auf den ersten Blick unscheinbare Phänomene, die uns im Alltag begegnen, in Kontext zu wissenschaftlicher Forschung zu setzen, sie vor diesem Hintergrund zu erklären.

Entstehungshintergrund

Als Ordinarius für Psychiatrie schreibt Manfred Spitzer regelmäßig Artikel für die Fachzeitschrift „Nervenheilkunde“. Der Schwerpunkt „Aufklärung 2.0“ der Januarausgabe des Jahres 2009 der Zeitschrift veranlasste Spitzer, sich tief gehender mit den im Buch präsentierten Aspekten des alltäglichen Lebens zu beschäftigen und seine Gedanken nach mehreren Aufsätzen in Form seines elften Buches niederzuschreiben.

Autoren

Prof. Dr. med. Dr. phil. Manfred Spitzer wurde 1958 geboren und ist seit 1998 Ordinarius für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsspital in Ulm. Darüber hinaus ist er Leiter des 2004 gegründeten Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL). Er studierte Philosophie, Psychologie und Medizin in Freiburg und habilitierte sich nach Promotionen in Psychologie und Medizin 1989 für das Fach Psychiatrie. Als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie war er von 1990 – 1997 zunächst Oberarzt für Psychiatrie an der Universität Heidelberg.

Forschungsaufenthalte, Gastprofessuren in den USA und Forschungspreise kennzeichnen seinen wissenschaftlichen Werdegang. Er ist Herausgeber wissenschaftlicher Zeitschriften, veröffentlichte zahlreiche (populär-) wissenschaftliche Artikel und Bücher.

Aufbau und Inhalt

Spitzers „Aufklärung 2.0“ gliedert sich auf 240 Seiten nach einem Vorwort in 22 wohl strukturierte und thematisch voneinander unabhängige Aufsätze.

Der Autor beginnt jedes Kapitel mit einigen einleitenden Worten, die dem Leser zur Identifizierung mit dem Thema des jeweiligen Kapitels dienen. Anschließend stellt er wissenschaftliche Experimente zum jeweiligen Thema dar und unterstreicht mit deren Ergebnissen interessante Phänomene, denen wir im Alltag begegnen.

Im ersten Kapitel führt Spitzer in die Thematik ein und beginnt mit Gedanken über „Gott, den Markt, die Gehirnforschung und Denken in der Krise“. Hier begibt er sich zunächst auf die Suche nach der führenden Autorität der jeweiligen Epoche und beschreibt, wie der abendländische Gott zunächst durch die Aufklärung im 19. Jahrhundert abgelöst wurde. Heutzutage sei der Markt/ die Marktwirtschaft diejenige Instanz, an der sich die Gesellschaft orientiere und von der sie sich leiten lasse. Was früher gottgegeben war, hat heute seinen Preis. Doch die Limitationen dieser Autorität seien durch die Wirtschaftskrise seit Herbst 2008 deutlich geworden, was die Suche nach einer neuen herrschenden Instanz evoziere. Im Anschluss widmet sich Spitzer dem „Vertrauen“ und bemerkt, dass die Krise dies nachhaltig erschüttert habe und führt Oxytocin als biologisches Korrelat für Vertrauen an. Im weiteren Verlauf des Kapitels beschäftigt sich der Autor kurz mit Gleichheit und Gerechtigkeit, den Begabungen von Menschen und schließt mit einem Unterkapitel über die Frage nach dem Weg zum Glück und das Belohnungssystem ab.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit „Neugier und Lernen“ und stellt die Neugier als dem Menschen inhärente Grundqualität dar, die den Menschen zu Erkenntnisgewinn führt. Dazu informiert er über das „neurobiologische Bild der Neugierde“ und stellt vor allem neuroanatomische Studien vor.

Im darauf folgenden Kapitel berichtet Spitzer über die Relevanz von Kreativität bei Kindern, die nachweislich durch Theaterspiel entwickelt werde. Er stellt Projekte und Studien vor, die mit aufwändigem Studiendesign Auswirkungen des Theaterspielens auf die kindliche Gehirnentwicklung untersuchen. Dabei weist er darauf hin, dass in der Kindheit Erlebtes dauerhaft Spuren in neuronalen Schaltkreisen hinterlässt. Auf spielerisch Erlerntes könne wiederum im „Ernstfalle“ zurückgegriffen werden.

„Warum sind wir stolz“, fragt Spitzer im vierten Kapitel, definiert und differenziert zunächst Stolz näher und stellt daraufhin mehrere wissenschaftliche Studien vor, die ihn zu der Erkenntnis führen, dass Stolz zur Überwindung von Hindernissen führen und zu erfolgreichem Lernen motivieren kann.

Das fünfte Kapitel beginnt mit einer Modifikation des wohl bekanntesten Ausspruches des US amerikanischen Präsidenten Barack Obama: „Yes, we can“. Nach ausführlicher Schilderung der Methodik der im Folgenden angeführten Studien zeigt Spitzer auf, dass die Entwicklung eines positiven Selbstbildes und eine Selbstbejahung keineswegs nur subjektive, selbstgefällige Aspekte sind, sondern zu Leistungssteigerungen führen können: „Wer schlecht über sich denkt, der antizipiert eigenes Versagen, gerät dadurch in Stress und versagt tatsächlich.“

Es folgt ein Kapitel über „Selbstkontrolle“, in dem der Autor über „Die Rolle der Werte bei Entscheidungen“ Auskunft gibt und den „Sitz“ bestimmter Werte im Gehirn topographisch einordnet. Darüber hinaus macht er sich Gedanken über die Veränderbarkeit bestimmter neuronaler Muster durch Erziehung und Bildung.

Im siebten und achten Kapitel stellt der Autor Zusammenhänge zwischen Lebenserwartung und bestimmten psychologischen Persönlichkeitsmerkmalen/ Charaktereigenschaften her und postuliert, dass gerade diese Eigenschaften gefördert werden müssten. Darüber hinaus zeigt er anhand wissenschaftlicher Studien, dass ein positives Bild des Alterns und von älteren Menschen tatsächlich mit einem eigenen längeren Leben korreliert, um im neunten Kapitel zu zeigen, wie bestimmte Reize der Umwelt von uns unmerklich wahrgenommen und in unsere Handlungen eingebaut werden.

Das zehnte Kapitel zeigt, wie sich eine unordentliche Umgebung unmerklich auf das eigene Verhalten auswirkt und dazu führt, dass wir selbst weniger ordnungsliebendes Verhalten zeigen. Ebenso führen Normverletzungen anderer eher zu eigenem devianten Verhalten.

Über „Fettnäpfchen“ berichtet Spitzer im elften Kapitel und schildert, wie wir in sie eher hineintreten gerade dadurch, dass wir an die Möglichkeit selbst denken, in sie zu treten.

Im 12. Kapitel wird dem Leser vor Augen geführt, dass bei Kindern das tatsächliche Erkunden der realen Welt weitaus sinnvoller ist als das Erkunden in der virtuellen Welt; diese Erkenntnis unterstreichen bildgebende Studien.

Manfred Spitzer zeigt neben weiteren Phänomenen im darauf folgenden Kapitel, dass Moral bzw. moralische Entscheidungen bereits vor bewussten Denkakten feststehen, ohne den Plot in Gänze mit dem Bewusstsein erfasst zu haben.

Dass es nicht allein entscheidend ist, was man lernt, sondern „auf welchen Boden“ das zu Erlernende fällt mit entscheidend ist, erfährt der Leser im 14. Kapitel, während der Autor im darauf folgenden Kapitel aufzeigt, dass sich das reale Erleben von „Natur“ verstärkend auf soziales Verhalten auswirkt. Im gleichen Atemzug wird deutlich, dass Menschen mit progredientem Verlust zur Natur gleichermaßen die Verbindung zu ihren Mitmenschen verlieren.

Kapitel 16 und 17 stellen sich den zeitgenössischen Problemen von zunehmender „Verrohung“ der Gesellschaft und der zunehmend geforderten „Multitaskingfähigkeit“ des Einzelnen. Durch die Darstellung von Gewalt und dem multimedialen Konsum werde eine Desensibilisierung erzeugt, die zu einer „Verminderung der Neigung zu realer Hilfsbereitschaft“ führe. Multitasking führe keineswegs zu einer Erhöhung der Effektivität des Lernens, sondern evoziere zunehmend oberflächliches Lernen.

„Die Farben des Denkens“, das 18. Kapitel, belegt anhand wissenschaftlicher Studien, dass bestimmte Farben bestimmte Assoziationen hervorrufen würden, wie es schon in Goethes Farbenlehre zu lesen ist.

Der Zusammenhang zwischen Geld, Einsamkeit und Schmerz ist Thema im 19. Kapitel, in dem Spitzer zeigt, wie Wahrnehmungen, die auch bei niederen Tieren beobachtbar sind, wie zum Beispiel Schmerz kulturell überformt sind.

Im darauf folgenden Kapitel widmet sich der Autor der translationalen Forschung und weist darauf hin, wie wichtig die Überprüfung und Anwendung von „althergebrachtem“ (vermeintlichem) Wissen ist. Er zeigt die Notwendigkeit auf, zu überprüfen und herauszufinden, was davon wissenschaftlichen Tests stand hält, um Anwendung (vor allem in der Medizin) zu finden.

Das letzte Kapitel fragt nach der Verantwortung des Einzelnen gegenüber sich selbst und der Gesellschaft. Dabei wird deutlich, dass nicht etwa der Beruf (z.B. Ärzte, Krankenpfleger) entscheidend für ego- bzw. altruistisches Verhalten ist, sondern vielmehr andere Variablen dies determinieren wie zum Beispiel Wissen, Vertrauen, Offenheit und Ehrlichkeit gegenüber anderen.

Zielgruppe

Als Zielgruppe für Spitzers „Aufklärung 2.0“ dürfte eine recht breite Öffentlichkeit in Frage kommen, da der Autor treffsicher bemerkt, dass wir im Zeitalter der neurowissenschaftlichen Aufklärung und des neurowissenschaftlichen Erkenntnisgewinns leben.

Fazit

Manfred Spitzer klärt den Leser seines Buches scharfsinnig und allseits informiert über den Hintergrund unscheinbarer Phänomene auf, denen wir im Alltag ständig begegnen und setzt sie in den Kontext zu aktuellen und verblüffenden Ergebnissen der neurowissenschaftlichen Forschung und angrenzender wissenschaftlicher Disziplinen.


Rezensent
Dr. med. et Dr. disc. pol. Andreas G. Franke
M.A. Arzt und Sozialwissenschaftler. Beschäftigt an den Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel (Switzerland)
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Zitiervorschlag
Andreas G. Franke. Rezension vom 05.03.2010 zu: Manfred Spitzer: Aufklärung 2.0. Gehirnforschung als Selbsterkenntnis. Schattauer (Stuttgart) 2009. 200 Seiten. ISBN 978-3-7945-2742-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8862.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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