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Klaus Dörre, Stephan Lessenich u.a.: Soziologie - Kapitalismus - Kritik

Cover Klaus Dörre, Stephan Lessenich, Hartmut Rosa: Soziologie - Kapitalismus - Kritik. Eine Debatte. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2009. 327 Seiten. ISBN 978-3-518-29523-6. 12,00 EUR.

Reihe: Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft - 1923.
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Autoren

Klaus Dörre ist Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie. Stephan Lessenich ist Professor für Vergleichende Gesellschafts- und Kulturanalyse, Hartmut Rosa ist Professor für Allgemeine Theoretische Soziologie. Die Autoren forschen und lehren an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.

Thema

Auch im Gefolge der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise hat sich der Kapitalismus – wie der ein oder andere geschichtsdeterministisch geschulte Untergangsprophet vielleicht schon freudig zu hoffen wagte – nicht selbst abgeschafft. Zumindest sein Finanzsystem war nach der glaubhaften Aussage der Verantwortlichen aber ziemlich „nah an der globalen Kernschmelze“ – und zumindest in der Nähe derselben befindet es sich vermutlich nach wie vor. Soweit wie der Kapitalismus es damit „aus sich heraus“ praktisch gebracht hat, ist es seit längerem jedenfalls keinem seiner Kritiker gelungen. Die traditionelle Wirtschaftswissenschaft zeigte sich hinsichtlich der Erläuterung der Gründe für diese Krise für längere Zeit „auf Tauchstation“. Andere versuchen zwischenzeitlich dieses Vakuum zu füllen. Besondere Furore machen im geisteswissenschaftlichen Bereich aktuell die Thesen der „Verhaltensökonomie“[1] als der neuen Sozialwissenschaft, die die bisherigen mathematischen Modellierungsversuche für eine Sackgasse hält.

Die Soziologie scheint aus diesem Prozess aktuell aber (noch?) etwas ausgemischt zu sein. Nach Auffassung der Autoren des vorliegenden Bandes hat sie hier einen Nachhol- bzw. Erneuerungsbedarf: „Einst gehörte es zu den zentralen Aufgaben der Soziologie, die moderne Gesellschaft über die sozialen Voraussetzungen und Konsequenzen ihrer Krisenhaftigkeit aufzuklären. Diesem heute oft vernachlässigten Anliegen fühlen sich die Autoren dieses Bandes verpflichtet und stellen die Frage nach dem zeitdiagnostischen Potential soziologischer Analyse in den Mittelpunkt einer Debatte. Zeitdiagnostisch fundierte Gesellschaftskritik, so eine ihrer Thesen, gehört zum Kerngeschäft der Soziologie. Eine zweite besagt, dass jede Gesellschaftskritik der Gegenwart notwendig auch Kapitalismuskritik sein muss. Anhand von drei unterschiedlichen, aber komplementären Perspektiven auf aktuelle Prozesse der Landnahme, der Aktivierung und der Beschleunigung wird eine soziologische Kritik der Gegenwartsgesellschaft entfaltet, die zugleich Ansatzpunkte für politisches Handeln aufzeigt.“ (Klappentext).

Entstehungshintergrund

Einen weiteren Beitrag zur „konstruktiven Kritik des Kapitalismus“ wollen die Autoren dabei nicht leisten. Von Kritik(ern) dieser Provenienz grenzen sie sich explizit ab. Sie halten stattdessen den „Kapitalismus selbst für das eigentliche Problem„: „Um es radikal zu formulieren: der Kapitalismus hat keine Pathologie, er ist eine.“ (S. 300; Herv. i. O.): „Im Lichte der gegenwärtigen Renaissance der Kapitalismuskritik ist dies – die gute (bzw. böse) alte ‚Systemfrage‘ – wohl auch der Punkt, an dem sich die Geister der Kritiker und Kritikerinnen scheiden. Für uns selbst nehmen wir in Anspruch, die Perspektive einer notwendigen Systemüberwindung in den Mittelpunkt unserer Kritik zu rücken […] Gemeinsam gehen wir damit in unserer Positionierung zu Gunsten einer kritischen Soziologie über eine das Kritikgeschehen reflektierende ‚Soziologie der Kritik‘ hinaus – und grenzen uns insbesondere ab von all jenen Spielarten wohlfeiler Kapitalismuskritik und ihren Vertretern, die sich entweder in der Polemik gegen einzelne Systemakteure (zur Zeit vorzugsweise die ‚Manager‘) erschöpfen oder aber eine weichgespült-kritische Attitüde als vorübergehend karriereförderliche Konzession an den Zeitgeist meinen annehmen zu müssen.“ (S. 14 f.).

Das Programm einer soziologischen Kapitalismuskritik der bzw. mit Zukunft müsse nach Ansicht der Autoren stattdessen vor allem mit Begriffen operieren, die in ihrer analytischen Substanz ebenso wie in ihrem kritischen Gehalt klar sind; diese Begriffe müssen es zugleich ermöglichen, die Welt kapitalistischer Vergesellschaftung in ihrer komplexen Realität zu erschließen (S. 16). Als diese Zentralbegriffe ihrer Kapitalismusanalyse und -kritik werden von den Autoren diesem Anspruch entsprechend die „Landnahme“ (Dörre), die „Beschleunigung“ (Rosa) und die „Aktivierung“ (Lessenich) eingeführt und erläutert.

Aufbau

Der Band umfasst insgesamt 5 Teile und ist, darin besteht die formale Besonderheit seines Aufbaus, in seinen Kernkapiteln dialogisch, das heißt als Debatte bzw. Disput aufgebaut:

  1. Die Einleitung („Soziologie – Kapitalismus – Kritik: zur Wiederbelebung einer Wahlverwandtschaft“) setzt sich mit (der Entwicklung) der Kapitalismuskritik und der aktuellen Rolle der Soziologie auseinander.
  2. Im zweiten Abschnitt entwickeln die Autoren ihre jeweiligen „Positionen„: „Die neue Landnahme. Dynamik und Grenzen des Finanzmarktkapitalismus“ (Dörre); „Kapitalismus als Dynamisierungsspirale – Soziologie als Gesellschaftskritik“ (Rosa) und “ Mobilität und Kontrolle“. Zur Dialektik der Aktivgesellschaft“ (Lessenich).
  3. Diese Positionen werden im folgenden Abschnitt („Kritiken“) inhaltlich wechselseitig kritisiert,
  4. bevor die Autoren im nächsten Abschnitt („Repliken“) wiederum ihren Kritikern antworten, indem sie deren Einwände aufnehmen und sie ihrerseits einer kritischen Würdigung unterziehen.
  5. In der Schlussbetrachtung („Landname – Beschleunigung – Aktivierung: Eine Zwischenbetrachtung im Prozess der gesellschaftlichen Transformation“) werden die jeweiligen Argumentationslinien, Kritiken und Repliken noch einmal zusammengefasst. Der Band endet mit der Bilanz des wissenschaftlichen Ertrags der inhaltlichen Auseinandersetzung.

Klaus Dörre: „Landnahme“

Dörres Konzept der „Landnahme“ geht davon aus, dass sich seit den 1970er Jahren Konturen einer neuen kapitalistischen Formation herausgebildet haben, die er als „Finanzmarktkapitalismus“ kennzeichnet. Ihr Grundmerkmal bestehe darin, „dass sie marktbegrenzende Institutionen zum Objekt einer neuen Landnahme macht.“ (S. 22). Dieser Prozess erzeuge „dramatische Krisen“, die zugleich die „Grenzen der finanzgetriebenen Landnahme“ sichtbar werden lassen, wodurch wiederum „Spielräume für Veränderungen“ entstehen würden. Zur Erläuterung dieses Konzepts werden 1) die sozioökonomische Kernstruktur des Kapitalismus beleuchtet, 2) das Konzept der Landnahme eingeführt, 3) die markanten Züge des Finanzmarktkapitalismus sowie 4) dessen Krisen entwickelt, bevor Dörre fragt, wie man 5) diese Analyse in eine zeitgemäße soziologische Kapitalismuskritik übersetzen könne.

Dörre referiert das wirtschaftsliberale Marktgeschehen auch für die moderne Marktorthodoxie als Ausdruck des Prinzips des „survival of the fittest“. Es gebe Spielregeln, doch diese Regeln müssten nur aus einem Grund akzeptiert werden: „Nicht, weil sie gottgegeben oder vernünftig begründbar wären, sondern ausschließlich, weil sie sich durchgesetzt haben. Kapitalismus lässt sich demnach in die Formel ‚Markt plus funktionierender Wettbewerb plus Vertragsfreiheit gleich Effizienz (maximaler Warenausstoß zu möglichst niedrigen Preisen) übersetzen.“ (S. 25). Dieses Arrangement benötige aber einen Zusatz in Gestalt eines „handlungsfähigen Staates“, der nur stark sein könne, wenn er sich – wie es der Ordoliberalismus fordert – auf wenige Kernfunktionen beschränke. Die „große Leistung des Marktes“ bestehe diesem Ansatz nach darin, die Anzahl der Probleme zu reduzieren, die „mit Hilfe politischer Maßnahmen entschieden werden müssen“ (Dörre zitiert hier Milton Friedman). Wo der Wirtschaftsliberalismus die Offenheit von Märkten propagiere, benötige der Bürgerrechtsliberalismus ein funktionierendes Staatswesen, das Rechtsgarantien abzugeben im Stande ist. Damit generiere der gar nicht so minimale Wettbewerbsstaat der Gegenwart eine Fülle von Regelungen, die das Marktprinzip einschränken: „Doch just das machte für seine Verfechter den zynischen Charme des marktradikalen Paradigmas aus. Marktfundamentalisten wissen sehr genau, dass sie eine Angriffsideologie proklamieren, die nie vollständig zum Ziel kommt […] Insofern hat der Marktfundamentalismus immer Recht. Einer Theodizee gleich, generiert sich das marktorthodoxe Paradigma als Kompendium ewiger Wahrheiten, die kritisch zu hinterfragen zumindest unter deutschen Ökonomen noch immer einem Sakrileg gleichkommt.“ (S. 30).

Im Anschluss daran fragt Dörre, „wie sich der Kapitalismus entwickelt?“ Die Antwort ergibt sich für ihn aus dem Theorem der „Landnahme“, wie es der Geograph David Harvey[2] in Anlehnung an Rosa Luxemburg und Hannah Arendt formuliert habe: „Danach lässt sich kapitalistische Entwicklung als Abfolge von Landnahmen nicht kapitalistischen Terrains verstehen.“ (S. 36). Die Grundform dieser „Landnahme“ stellt die „ursprüngliche Akkumulation“ (Marx) dar, also die Entstehung des Kapitalismus in einer nicht kapitalistischen Umwelt über die Herausbildung kapitalistischer Eigentums- und Klassenverhältnisse (Enteignung des Landvolks, Herausbildung des doppelt freien Lohnarbeiters). Dabei gestaltet sich dieser Prozess der „inneren Landnahme“ von Beginn an als politisch, insofern er in hohem Maße auf Staatsinterventionen (vor allem: Durchsetzung des allgemeinen Arbeitszwangs und politische Regulation des Lohns) beruhe.

Auf der hier geschilderten Entwicklungsstufe reproduziert sich der Kapitalismus weit gehend auf Basis seiner eigenen (nationalstaatlichen) Grundlagen. Die andere, darüber hinausgehende (vulgo internationale bzw. letztlich globale) Entwicklung betrifft die Austauschbeziehungen zwischen der nationalen Kapitalakkumulation einerseits sowie nichtkapitalistischen Produktionsweisen und Territorien andererseits: „Luxemburgs Argument lautet, dass im ‚inneren Verkehr‘ nur begrenzte Wertteile des gesellschaftlichen Gesamtprodukts realisiert werden können. Eine strukturell beschränkte zahlungsfähige Nachfrage zwinge dazu, Teile des Mehrwerts ‚auswärts‘ zu realisieren. Dieses Problem gewinne mit der absoluten und, im Verhältnis zum erzeugten Mehrwert, der relativen Steigerung der Wertmasse an Schärfe.“ (S. 39). Dabei hält Dörre zwei Implikationen, die mit einer solchen Argumentation verbunden sind, für nicht (mehr) haltbar: 1) Krisen sind danach weniger die Folge von Nachfrageschwäche („Unterkonsumtion“) als von Überproduktion bzw. Überakkumulation. Ebenso problematisch seien 2) die zusammenbruchstheoretischen Implikationen der Landnahmethese. Mit Antonio Gramsci argumentiert Dörre für eine andere Lesart dieses Theorems. Insofern der Kapitalismus sich stets auf ein „Außen“ beziehen könne, dass er teilweise selbst aktiv mit produziere, könne auch „die Kette der Landnahmen prinzipiell unendlich“ (S. 42) sein: „Der Kapitalismus kann entweder ein bereits bestehendes ‚Außen‘ nutzen (nicht kapitalistische Gesellschaften oder ein bestimmtes Gebiet innerhalb des Kapitalismus […], das noch nicht politisiert worden ist) oder ein solches aktiv herstellen.“ (ebd., zitiert nach Harvey, S. 140). (Staatliche) Investitionen in die Infrastruktur (Eisenbahn) sowie in Bildung und Ausbildung z. B. entschärften insofern das Problem der Überakkumulation durch eine langfristige Kapitalbindung und führten damit zu einer „Selbststabilisierung des Kapitalismus„: „Auf diese Weise entsteht […] ein ‚Außen‘, das für die private Akkumulation unzugänglich ist, aber zur Verbesserung wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit genutzt werden kann.“ (S. 43). Eine weitere Strategie bestehe nach Harvey in der „Finanzialisierung“ (Börsengänge, Fusionen etc.), der Umwandlung von Staatsunternehmen bzw. der Privatisierung öffentlicher Einrichtungen, was er als „Akkumulation durch Enteignung“ bezeichnet. Sie stelle damit zugleich ein funktionales Äquivalent für die Gewaltakte der ursprünglichen Akkumulation und die imperialistischen Landnahmen dar. Der Effekt derartigen Strategien bestehe so Dörre darin, dass sich überschüssiges Kapital der freigesetzten Vermögenswerte zu niedrigen Kosten oder gar kostenfrei bemächtigen könne: „Auf die Entwicklungsproblematik übertragen bedeutet dies, dass der Kapitalismus ohne Landnahmen, ohne die Nutzung äußerer Vermögenswerte (einschließlich brachliegende Arbeitskraft) nicht existieren kann. Konkrete Ziele, Formen und Mittel der Landnahme variieren jedoch erheblich.“ (S. 44).

Dörre betrachtet auch den „fordistischen Kapitalismus“ als Produkt einer „spezifischen Landnahme“. Seine Genesis lässt sich für ihn primär auf Strategien zur De-Kommodifizierung von Arbeitskraft zurückführen. Unter den Bedingungen einer stabilen US-Hegemonie und einer bipolaren Weltordnung stützte sich das Akkumulationsregime im Inneren auf eine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik und die Institutionalisierung des Klassenkonfliktes, was Dörre als Prozess der „Inkorporierung organisierter Arbeiterinteressen“ beschreibt: „Das war möglich, weil sich herausgebildet hatte, was Marx noch für undenkbar hielt – ein Kapitalismus ohne sichtbare nationale ‚industrielle Reservearmee‘. Es gelang nicht nur, den prekären Charakter von Lohnarbeit mittels sozialer Rechte und garantierter Partizipationsansprüche zu entschärfen, auch die absolute und relative Armut wurden gezähmt. Sie verschwanden nicht, wurden jedoch marginalisiert und entfalteten sich wesentlich außerhalb der tariflich und gesetzlich geschützten Lohnarbeit.“ (S. 49). Für die Mehrheiten in den Lohnarbeitsgesellschaften entwickelter Kapitalismen hatte sich „[…] der Pauperismus erledigt; er schien allenfalls als Problem von Fürsorge und Wohlfahrtseinrichtungen relevant.“ (S. 50). Vollkommen idyllisch will Dörre das Bild fordistischer Regulierung dann im Rückblick aber auch nicht zeichnen, wenn er etwa die „Funktionalisierung der Reproduktionstätigkeiten von Frauen, die Überausbeutung von Migranten“ (S. 50) anführt.

Die „Krise des Fordismus“ sei dem System selbst zugleich immer schon eingeschrieben gewesen. Im historischen Rückblick hätten sich die „goldenen Jahre des Metropolenkapitalismus“ als kurze Episode erwiesen: „Wirtschaftspolitiken, die sich am Keynes‘schen Paradigma der Nachfragesteuerung orientierten, stießen angesichts wachsender Staatsverschuldung und Inflation innerhalb der Eliten zunehmend auf Ablehnung. Dies förderte einen Politikwechsel hin zu angebotsorientierten Strategien, die strikte Austerität nach innen mit aggressiver Weltmarktorientierung und beschleunigter technologischer Modernisierung verbanden […] eine historische Form des Kapitalismus, basierend auf der Ausdehnung des inneren Marktes und einer schrankenlosen Ausbeutung der Naturressourcen, hatte aufgehört, ‚Quelle stabiler oder gar steigender Profitraten zu sein‘. Je der robusten Regulation in der Ära, die eine weit reichende Institutionalisierung von Arbeitermacht beinhalteten, erschienen nun als ein zentrales Hindernis der Kapitalakkumulation. Sie wurden zum Objekt einer neuen kapitalistischen Landnahme, die, als Produktion eines spezifischen ‚Außen‘, den kapitalistischen Reservearmeemechanismus wiederbelebte.“ (S. 51 f.). Insbesondere die „Implosion des Staatssozialismus“, das Ende des Systemgegensatzes und die damit verbundene „(Re-)Integration“ der politischen, natürlichen und menschlichen Ressourcen des ehemaligen „Ostblocks“ in das kapitalistische Weltsystem stellten demnach besonders begünstigende Faktoren dieser Entwicklung dar.

Das „Neue des Finanzmarktkapitalismus“ besteht für Dörre folglich in der Deregulierung der beschriebenen Verhältnisse: „Prekarisierung ist die Folge einer finanzgetriebenen Landnahme, welche marktbegrenzende Institutionen und Regulationssysteme umformt, aushöhlt und schwächt. Wichtige Akteure sind weltmarktorientierte Unternehmen […] Die internationalen Operationen dieser Unternehmen werden häufig verkürzt als neue Globalisierung der Wirtschaft interpretiert.“ (S. 54). Die Finanzmärkte seien dabei quantitativ das Wirtschaftssegment mit dem stärksten Wachstum gewesen. Qualitativ hätten dies aber zunächst (nur) eine Begleitrolle im Rahmen der fortschreitenden Internationalisierung von Handel, Produktion und Unternehmen gespielt, bevor „[…] sich die Finanzsphäre gegenüber dem realen Wirtschaftsgeschehen relativ verselbstständigt.“ (S. 55). Die „Überliquidität auf den Finanzmärkten sei der Humus, auf dem die Verwandlung von Finanz- in fiktives Kapital gedeihe“, was zugleich den Übergang in einen „finanzdominiertes Akkumulationsregime“ anzeige, in dessen Rahmen drei Transfermechanismen wirkten: 1) Shareholder Value und marktzentrierte (d. h. kapitalmarktorientierte) Kontrolle („Planwirtschaft im Dienste von Rendite und Profit“ (S. 60)); 2) Konkurrenzbasiertes Regulationdispositiv: Im Sinne der beschriebenen Marktorthodoxie setze sich der „Primat der Marktvergesellschaftung“ gegenüber „hierarchischer Steuerung und bürokratischer Verkrustung“ proklamatorisch durch. Hegemoniefähig ist dieser „neue Geist des Kapitalismus“ so Dörre indessen vor allem bzw. nur, „[…] weil er sich als Befreiungsprojekt präsentiert.“ (S. 63). Begriffe wie „Autonomie“, „Selbstbestimmung“ und „Eigenverantwortung“ ließen den „Kapitalismus zum Selbstverwirklichungsprojekt“ mutieren. 3) Prekarisierung: Der Niedergang institutioneller Arbeitermacht, dem eine teils hausgemachte Schwächung gewerkschaftlicher Organisationsmacht vorausgegangen sei, lässt sich für Dörre exemplarisch an der Erosion des Tarifsystems aufzeigen: „Als Folge externer Flexibilisierung und durch die Abkehr vom Status sichernden Sozialstaat, die Aufwertung von Niedriglohnbeschäftigung und Leiharbeit zusätzlich verstärkt, vollzieht sich auch hierzulande eine Prekarisierung der Arbeitsgesellschaft.“ (S. 65 f.). Prekarität zeige sich bei den von regulärer Erwerbsarbeit endgültig ausgeschlossenen „Überzähligen“ bzw. „Überflüssigen“ (Marx), weiterhin den eigentlichen „Prekariern“ (gemeint sind expandierende Gruppen, die über längere Zeiträume hinweg auf die Ausübung unsicherer, niedrig entlohnter und gesellschaftlich gering angesehene Arbeiten angewiesen sind) sowie bei der „Prekarität innerhalb formal geschützter Beschäftigung“ (Beschäftigte, deren Arbeits- und Entlohnungsbedingungen sich verschlechtern und die gegebenenfalls permanent von Arbeitslosigkeit bedroht sind): „Neu an alledem ist, dass die ‚Wiederkehr sozialer Unsicherheit‘ (Dörre zitiert hier Robert Castel) zunehmend Gruppen erfasst, die im alten Regime noch zu den gesicherten zählten. Der Kapitalismus ohne Reservearmee ist auch in Deutschland vorerst Geschichte. Stattdessen vollzieht sich ein Übergang von marginaler zu diskriminierender Prekarität.“ (S. 67). Zugleich komme der neue marktzentrierte Kontrollmodus nicht als ökonomischer Sachzwang, sondern (Stichworte: Etablierung eines Niedriglohnsektors und Umsetzung der Arbeitsmarktreform („Hartz IV“)) als dezidiert politisches Programm daher: „Wo das Freiheitsversprechen des Marktliberalismus verpufft, wird es durch ein neues Disziplinarregime ergänzt. ‚Hartz IV‘ z. B. steigert die Konzessionsbereitschaft vor allem jener, die noch Arbeit haben. […] Sie (die verschärften Zumutbarkeitskriterien, d. A.) aktivieren und disziplinieren Arbeitskräfte für eine neue, flexiblere Produktionsweise.“ (S. 68).

Die „Krise des Finanzmarktkapitalismus“ unter damit seine „Grenzen“ zeigen sich für Dörre in der aktuellen „globalen Finanz- und Überakkumulationskrise“. Vor allem das politische Versprechen, dass sich große Krisen heutzutage vermeiden ließen, könne endgültig nicht mehr aufrechterhalten werden: „Finanzkrisen gehören organisch zum modus operandi der neuen Landnahme.“ (S. 69). Für das „Umschlagen in eine große Transformationskrise“ (S. 70) lassen sich danach vier Ursachenkomplexe anführen: 1) Staatsintervention und „moral hazard„: der Staat stand und steht bereit, um „Schlimmeres zu verhindern“, was die allgemeine Risikobereitschaft gesteigert und die Krise damit beschleunigt habe; 2) Weltwirtschaftliche Ungleichgewichte und Grenzen der Geldpolitik: eine Politik des „billigen Geldes“, wie sie insbesondere von der US-Notenbank seit den 1990er Jahren verfolgt wurde, „[…] förderte offenbar bei maßgeblichen Akteuren die fiktive Abkopplung der Finanzwirtschaft von der Realökonomie. Diese Tendenz ist durch strukturelle Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft entscheidend verstärkt worden.“ (S. 71); 3) Die Intransparenz von Finanzprodukten (die berühmten „Subprime-Kredite“), die 4) zu Intransparenz von Risiken im Allgemeinen führte.

Der „Übergang von der Finanz- zur Gesellschaftskrise“ und die damit verbundene tendenzielle „Umwertung der Werte“ lässt sich für Dörre daran ablesen, wie schnell „[…] einstmals glühende Verfechter der Marktorthodoxie quasi über Nacht zu bekennenden Keynesianern geworden [sind]. Hat er sich eben noch als entschiedener Gegner jeder Art von Verstaatlichung geoutet, muss ein deutscher Finanzminister wenig später einen Gesetzesentwurf zur Enteignung von Aktionären angeschlagener Kreditinstitute parlamentarisch durchsetzen.“ (S. 77). Darüber hinaus habe sich die „Finanzkrise längst zu einer Gesellschaftskrise gemausert„: „In mehr oder minder allen gesellschaftlichen Sektoren verbreitet sich eine verallgemeinernde Wettbewerbslogik, die den einen nimmt, was sie den anderen gibt, an sperrigen sozialen Realitäten.“ (S. 78). Die zunehmende Prekarisierung der Arbeitsgesellschaft führe zur „Ermattung“, denn „der Finanzmarktkapitalismus sei eine „Beschleunigungs-“ und „Aktivierungsmaschine“, die wesentlich von der Angst vor sozialem Abstieg lebt.“ (ebd.). Mit „Resignation und Erschöpfung“ könne ein System, das Teilhabe durch Marktdisziplin ersetze, politisch noch einigermaßen leben, ökonomisch dagegen führe nachlassende Aktivität jedoch zu „Innovationsblockaden„: „Wenn die finanzkapitalistische Rationalität […] so offensichtlich gegenüber ihrem selbst formulierten Effizienzanspruch versagt, sind Legitimationsprobleme des neuen Marktregimes folgerichtig.“ (S. 80). Damit ist für Dörre ein Kernvorwurf formuliert: Der Kapitalismus habe im Verlauf seiner Entwicklung zumindest in den Zentren bewiesen, dass er mit dem demokratischen Prinzip koexistieren könne, weil dieses Prinzip zwischen dem Zwang zur Konkurrenz und dem latenten Bedarf an sozialer Kohäsion erfolgreich vermitteln könne: „Gegenwärtig ist der Finanzmarktkapitalismus dabei, diese Stärke zu verspielen […] Anders gesagt, die verallgemeinernde Wettbewerbslogik, entzieht auch den Staatsbürgerinnen und -bürgern, an deren Partizipationsbereitschaft permanent appelliert wird, mittels Destruktion von Kollektividentitäten jene Ressourcen, die zu demokratischem Engagement überhaupt erst befähigen. Indem sie die Erschöpfung großer Bevölkerungsgruppen fördert, mündet die finanzkapitalistische Landnahme so in eine veritable Krise des sozialen Zusammenhalts, der gesellschaftlichen Innovationsfähigkeit und des demokratischen Prinzips. Sie wird, so lässt sich schlussfolgern, nicht nur für das ökonomische System, sondern auch für die Demokratie dysfunktional.“ (S. 80 f.).

Zum Abschluss seiner Ausführungen fragt Dörre nach „Alternativen“ und „Perspektiven“. Diese Darstellung steht erst einmal unter der Prämisse einer Reform des Kapitalismus: „Die Suche nach einer Alternative zum Kapitalismus ist […] verlorene Mühe […]. Wer die Welt reformieren will, sollte sich auf das Veränderungspotenzial innerhalb des Kapitalismus konzentrieren.“ (Dörre zitiert hier – offenbar zustimmend – James Fulcher, d. A.). Mit anderen Worten: Der Finanzmarktkapitalismus ist endlich, aber nur, sofern er durch eine andere Form des Kapitalismus ersetzt wird. Tatsächlich ist eine erneute systemimmanente Transformation des Kapitalismus eine reale Option. Dabei könnte sich ein Krisenherd als Rettungsanker erweisen, der bislang kaum noch behandelt worden ist […] die ökologische Frage […]. “ (S. 82; Herv. i. O.). Zugleich solle soziologische Kritik jedoch auch „[…] nüchtern und ohne Illusionen neben Alternativen im auch Alternativen zum Kapitalismus ausloten.“ (S. 84; Herv. i. O.). Damit radikale Gesellschaftskritik nicht folgenlos bleibt, bedarf sie, so Dörre, vor allem sozialer Subjekte, auf die sie sich beziehen kann. In diesem Punkt liege gegenwärtig die größte Herausforderung einer zeitgemäßen Kritischen Theorie: „Für die klassische Sozialkritik, aber auch für die Klassiker der Entfremdungskritik war die Arbeiterbewegung das entscheidende Subjekt. […] Doch die Perspektive einer Rekonstruktion von Arbeitermacht ist heute als exklusive nicht mehr zukunftstauglich.“ (S. 86 f.)[3]. So benötige „das unabgegoltene Projekt einer egalitären Demokratie, die das Wirtschaftssystem einbezieht“, andere und zusätzliche Formen „heterodoxer“ bzw. „assoziierter Macht“ (S. 86). Notwendig für deren Entwicklung sei die praktische Erprobung von Alternativen, die Ausweitung von Sektoren, die, etwa in Gestalt einer solidarischen Ökonomie oder der Wiederherstellung eines öffentlichen Bereichs, dem gewinnorientierten Privatsektor entzogen werden: „Während der zurückliegenden Jahre haben die Soziologen den Kapitalismus in ihren Analysen vor allem variiert; Wirtschaftsdemokratie bedeutet, seine Überwindung zu denken.“ (S. 86).

Hartmut Rosa: „Beschleunigung“

Für Rosa ist „[…] der letzte, meist nicht ausgesprochene, oft auch nicht bewusste Gegenstand der Soziologie die Frage nach dem guten Leben, genauer: die Analyse der sozialen Bedingungen, unter denen ein gelingendes Leben möglich ist.“ (S. 87; Herv. i. O.). Soziologische Aufklärung kann für ihn deshalb nur bedeuten, Einsicht in diejenigen Verhältnisse und Prozesse zu gewinnen, welche dem „Gelingen menschlicher Lebensführung“ entgegenwirken oder umgekehrt, es befördern. Sie entfalte dort ihre argumentative Kraft, wo sie das „Grundversprechen der Moderne“, ihr „kulturelles und politisches Projekt der Autonomie“ gegen die sich verselbstständigen Prozesse der kapitalistischen Modernisierung aufrecht erhält und dabei zugleich deutlich macht, dass und wie die „spätmodernen Bedingungen ein gelingendes Leben zunehmend erschweren bzw. unmöglich machen„: „Wenn wir an den für die moderne Marktwirtschaft und die moderne Demokratie grundlegenden Maßstäben der Autonomie (und der Authentizität) festhalten wollen, dann verursacht das kapitalistische Wirtschafts- und Beschleunigungsregime schwerwiegende Pathologien wachsenden Ausmaßes – so lautet das nun zu entfaltende Kernargument.“ (S. 93). Die menschliche Lebensführung sei immer stärker durch den Konkurrenzkampf in der ökonomischen Sphäre bestimmt. Dies schränke die Spielräume einer selbstbestimmten Lebensführung und politischer Gestaltung ein, worin sich „[…] nicht nur die Pervertierung der kulturellen Leitidee des Kapitalismus sondern darüber hinaus ein konstitutive Betrug am Projekt und am Grundversprechen der Moderne“ (S. 96 f.) zeige.

Für Rosa sind es dabei zwei miteinander verknüpfte, „[…] prozessleitende Dynamisierungsprinzipien, deren kulturelle und strukturelle prägender Einfluss überhaupt nicht überschätzt werden kann: das Wachstumsprinzip einerseits und die Beschleunigungslogik andererseits.“ (S. 98; Herv. i. O.). So gebe es in kapitalistischen Gesellschaften nicht nur von den meisten Dingen „immer mehr“, sondern sehr vieles gehe auch „immer schneller„: „Jenseits eines sehr hohen, wohl kaum eindeutig bestimmbaren Schwellenwertes schließlich wird Veränderung nicht mehr als Wandel fester Strukturen, sondern als fundamentale und potentiell chaotische Unbestimmtheit wahrgenommen“, (S. 104; Herv. i. O.) was Rosa unter anderem an der Veränderung von Familien(beziehungen), der „beschleunigten“ Arbeitswelt („Macht der Deadline“) und einem komplementären Freizeitverhalten („Verschränkung von Arbeits- und Freizeit“) bebildert.

Das für die „Moderne maßgebender Autonomiestreben“, das „Ideal einer von materiellen und ökonomischen Zwängen unabhängigen, selbstbestimmten Lebensführung“, werde darüber „fortwährend und in sich verschärfender Form frustriert“. Dies gelte sowohl für die kollektive Ebene der politischen Gestaltung wie die Ebene des individuellen Lebensvollzugs. Beides führe zu einem „Anstieg von Entfremdungserfahrungen“ („gestörte Welthaltung oder Weltbeziehung“ als „Erfahrung des ‚Fremdwerdens‘ der Welt“ (S. 121)), die wiederum mit „dysfunktionalen Folgewirkungen“ verknüpft seien, welche letztlich gar die „Systemreproduktion“ insgesamt gefährden (sollen) (S. 115). Wenn die für Entscheidungen oder Handlungen relevanten Hintergrundbedingungen sich immer rascher ändern und/ oder immer komplexer werden, dann werde für die Aufrechterhaltung eines bestimmten Qualitätsniveaus immer mehr Zeit benötigt, die gleichzeitig nicht zur Verfügung stehe: „Die Rationalität von Entscheidungen (und die Qualität von Handlungen und Produkten) nimmt rasch ab.“ (S. 124).

In expliziter Abgrenzung vom „Mainstream“ plädiert Rosa abschließend und in seiner Argumentation folgerichtig auch dafür, „[…] die Kapitalismuskritik nicht auf den Nachweis inhärenter ökonomischer Widersprüche oder Funktionsprobleme und auch nicht auf die kaum zu leugnenden massiven Verteilungs- und damit Gerechtigkeitsprobleme zu konzentrieren, sondern den Kapitalismus an seiner ethischen Wurzel zu packen: Selbst wenn er reibungslos funktioniert, führt er mit logischer Notwendigkeit in ein uferloses Steigerungsspiel, das selbst die Profiteure und Gewinner unglücklich machen kann, weil es all ihre individuellen und kollektiven Energien einem einzigen, blinden, instrumentellen Telos unterwirft: dem Kampf um die Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit.“ (S. 125).

Stephan Lessenich: „Aktivierung“

Lessenichs Intention (s)einer Kapitalismuskritik dagegen versteht sich als Einwand gegen die „[…] Sruktureigenschaften der gesellschaftlichen Verfasstheit der Gegenwart. Gesellschaftskritik in Zeiten der Aktivierung bzw. des Umbaus des Sozialstaats in ‚aktivierender‘ Absicht muss über die klassische Form kritischer Sozialpolitikwissenschaft, die […] die Analyse einer Politik des ‚Sozialabbaus‘ mit der Forderung nach Restitution verbindet, hinausgehen.“ (S. 128 f.). Lessenichs Analyse zielt damit im Kern darauf, zu erläutern, wie sich der Kapitalismus in historisch wechselnder Gestalt „[…] ‚angepasste‘ Subjekte konstituiert (bzw. zu konstituieren versucht) und wie die aktuelle wohlfahrtsstaatliche Programmatik der Aktivierung die Bestandsprobleme und Reproduktionskrisen des flexiblen Kapitalismus – jedenfalls der Intention nach – in die Subjekte selbst hinein verlagert.“ (S. 130). Die Widersprüchlichkeit dieser Programmatik liegt für ihn damit letztlich darin begründet, dass sie sich „[…] tendenziell selbst unterläuft, indem sie ebenjene subjektiven Ressourcen sozialer Produktivität bedroht, die sie politisch zu mobilisieren sucht.“ (S. 131).

Kapitalismus, Demokratie und Wohlfahrtsstaat zeichnen sich für ihn durch das ständige Mit- bzw. Gegeneinander von der „Mobilität“ und „Kontrolle“ aus: „Mobilität auszulösen, zu fördern und zu verwerten – sie jedoch zugleich auch zu kanalisieren, überschießende Mobilität zu bremsen und unerwünschte Mobilität zu behindern: Das ist in der ‚ewige‘ Gang der Dinge in der kapitalistischen, (zunehmend) sozialpolitisch regulierten Lohnarbeitsgesellschaft.“ (S. 137 f.). Diese gegenläufigen Regulationserfordernisse bzw. -aktivitäten (mit A. Giddens: „enabling und „constraining“, S. 136) im Rahmen einer mehr oder weniger weit gehenden sozialstaatlich organisierten De-Kommodifizierung von Arbeitskraft stellten sich aber zugleich „systematisch“ widersprüchlich dar, insofern der Staat zur Systemstabilisierung mit systemwidrigen Mitteln operieren müsse: „Das ‚Dumme‘ an der Sache ist nur, dass der sozialstaatliche Eingriff, strukturfremd, wie er ist, eben auch unverzichtbar, strukturell bestandsnotwendig ist – und umgekehrt.“ (S. 145).

Letztlich gehe es auch im Rahmen der Aktivierungsprogrammatik um die Suche nach einem Maß an Demokratie, das kompatibel ist mit der Funktionsfähigkeit der kapitalistischen Ökonomie und - damit verbunden – der Steuerungsfähigkeit des kapitalistischen Staates: „Die produktiven – sozialen wie ökonomischen - Ressourcen der demokratisch-kapitalistischen Gesellschaftsformationen sind in diesem Sinne zugleich auch immer Quelle destruktiver Risiken: ein strukturelles Dilemma, vor das sich der zwischen den Dynamiken von Akkumulation und Legitimation, ökonomische Produktivität und sozialer Partizipation vermittelnde Wohlfahrtsstaat gestellt sieht.“ (S. 150). Den gegenwärtig sich vollziehenden „aktivierenden“ Umbau des Wohlfahrtsstaates, d. h. seine „adaptive Selbsttransformation“ interpretiert Lessenich denn auch als „[…] zeitgenössische Form einer solchen Politik an den Grenzen der Systemadaption.“ (S. 151).

Der Inhalt der Aktivierungsprogrammatik[4] bestimmt sich dabei doppelt, nämlich als fortschreitende „Ökonomisierung des Sozialen“, die zugleich gekoppelt ist an eine „Subjektivierung des Sozialen„: „Die Sorge um das Soziale, seine Sicherung und Stärkung, wird in die Verantwortung der Subjekte gelegt – nicht mehr vorrangig in die ‚öffentliche Hand‘ staatlicher Instanzen, auch nicht nur in die ‚unsichtbare Hand‘ von Marktmechanismen und Preissignalen, sondern zu allererst in die tätigen Hände jedes und jeder einzelnen von ‚uns‘. […] mit der zunehmend in Anspruch genommenen Eigenverantwortung der Subjekte für ihr Wohlergehen übernehmen sie selbst – persönlich, lokal, im Kleinen – wohlfahrtsstaatliche Funktionen ökonomisch-sozialer Steuerung. Damit wird in der Tat das Private – in einem ganz anderen als dem ehedem mit dieser Parole verbundenen Sinn – politisch.“ (S. 166). Lessenich spricht in diesem Zusammenhang von einer „neosozialen politischen Gouvernementalität“ als einer neuen „Regierung der Gesellschaft, die zugleich eine Regierung des Selbst ist“ (S. 166). Damit biete das neosoziale Aktivierungsprogramm die Chance eines zumindest vorübergehenden Krisenmanagements, denn es schaffe im Erfolgsfalle „[…] ökonomisch und sozial rationale, marktgängige und gesellschaftsfähige Subjekte zugleich.“ (S. 166; Herv. i. O).

Die Grenzen dieser Politik und damit die Widersprüche der Aktivgesellschaft entzünden sich zugleich an dieser „Subjektivierung des Sozialen“. Schon das „aktive Selbst“ sei eine durch und durch widersprüchliche Sozialfigur. Denn einerseits gelte es, diese Figur erst durch politische Intervention herzustellen, weil das durchschnittliche Subjekt als eben nicht hinreichend aktiv, mobil und flexibel unterstellt werden könne. Andererseits stilisiere die Aktivierungsprogrammatik die Menschen immer schon zu jenen beweglichen, ökonomisch und sozial rationalen Subjekten, zu denen Sie ja eigentlich erst (gemacht) werden sollen: „Das konstitutive Paradoxon aktivgesellschaftlichen Regierens besteht somit darin, eine soziale Realität herzustellen, die es zugleich als bereits existierend voraussetzt – aber eben als erst noch zu produzierende darstellen muss.“ (S. 168). Als solche wird die Aktivierungsprogrammatik für ihren Initiator (den Staat) und zugleich die „betroffenen“ Subjekte (die Bürger), die beide niemals aktiv, mobil und flexibel genug sein können, zu einer prinzipiell unabschließbaren Angelegenheit: „Das Subjekt der Aktivgesellschaft bedarf der ewigen, permanenten Umsorgung durch einen sich in der Selbstbeschreibung auf seiner aktivitätsverbürgende Sorgearbeit gründenden Wohlfahrtsstaat. Der aktivierender Staat wird damit – wie das durch ihn zu konstruierende und konstruierte aktive Selbst – zum perpetuum mobile.“ (S. 168 f.). Das zentrale Erfolgs- bzw. auch Misserfolgsgeheimnis dieser Aktivierungspolitik besteht für Lessenich darin, dass „[…] die wohlfahrtsstaatliche Aktivierungsprogrammatik immer (und immer wieder neu) unter gesellschaftlichem Implementationsvorbehalt steht. Der aktivierender Staat ist in den Zwecksetzungen seiner politischen Regulierung des Sozialen grundsätzlich auf gesellschaftliche Mitwirkung angewiesen.“ (S. 169). Dies gelte zwar im Prinzip für jede wohlfahrtsstaatliche Programmatik, insbesondere aber für eine Regierungsweise, die ihre Regulierungslogik in die Subjekte hineinzuverlegen suche und damit auf die Internalisierung wirtschaftlicher Produktivitäts- und sozialer Partizipationserfordernisse setze. Das Programm stehe und falle insofern notwendig mit der Verlässlichkeit seines kollektiv individuellen, alltäglich-praktischen Vollzuges, was auch die Verwendung der erheblichen propagandistischen Energien auf die öffentliche Einladung und Anleitung der Menschen zum „Aktivsein“ erkläre, denn „[…] die Abhängigkeit der politischen Steuerung der Aktivgesellschaft von der strukturellen Passfähigkeit und der fortgesetzten Partizipationsbereitschaft der Subjekte ist zugleich auch die Achillesferse ihrer (einigermaßen) stabilen Reproduktion.“ (S. 173).

An dieser Stelle setzen für Lessenich auch die Aktivitäten der „politischen Soziologie“ als „Rückkehr der Gesellschaftskritik in die Gesellschaft“ ein. Für eine politische Soziologie der Aktivgesellschaft müsse es darum gehen, die „Widersprüche wohlfahrtsstaatlicher Interventionen im (und in den) Kapitalismus aufzuzeigen, die Paradoxien der politischen Produktion aktiver Subjekte zu benennen, die gesellschaftlichen Orte potentieller (einstweilen vielleicht mehr noch als realer) Entzweiung von politischer Programmatik und sozialer Praxis zu kartieren. Soziologische Kritik vollzieht sich hier in der Weise, den politischen Menschenregierungskünsten zu misstrauen - und in den Eigensinn der Menschen und ihrer alltäglichen sozialen Praxis zu vertrauen.“ (S. 176). Die Soziologie könne dabei in und mit diesem Wissen zu den Subjekten der Aktivgesellschaft reden – „nicht aber oder jedenfalls nicht wirklich, wirksam und wirkungsmächtig für sie.“ (ebd.; Herv. i. O). Insofern sei „selbstkritische Bescheidenheit“ angesagt und es gelte die „Fernwirkung eines allmählich wachsenden Zweifels“ zu befördern: „Denn in der noch nicht realisierten Möglichkeit, in der Potentialität des Anders-sein-Könnens und in dem Wissen um diese Potentialität, liegt das inhärent subversive auch (und gerade) der gegenwärtigen, aktivgesellschaftlichen Formationen des Kapitalismus.“ (S. 177).

Kritik und Selbstkritik

Klaus Dörre

Ob die von Dörre im Rahmen der „Landnahme“ im Anlehung an Harvey vorgetragene „Innen-Außen-Dialektik“ sowie deren Funktionalität im Sinne einer „entgegenwirkenden Ursache“ (z. B. in Gestalt einer „Akkumulation durch Enteignung“, S. 44) für einen Imperialismus, der sich auch ohne permanente räumliche Ausdehnung selbst erhält, weil er in der Lage ist, „das notwendige „Außen“ teilweise selbst mitzuproduzieren“ (S. 41 f.), wirklich tragfähig ist, kann hier nicht näher erörtert werden. Ebenso wenig wie die Frage, ob und inwiefern die vorgenommene Trennung in „Realwirtschaft“ (als im Grunde genommen produktive und darin nützliche, weil „ehrliche“ Basis des Kapitalismus) und der „fiktiven Finanzwirtschaft“ (als zumindest in ihren „Übertreibungen“ zerstörerischer Gegenpart dazu) theoretisch haltbar ist.

Wichtig erscheint es uns an dieser Stelle, die aus dieser Analyse folgende, ihrem Anspruch nach „radikale“ Kapitalismuskritik in ihrem Glauben an dessen politische Verbesserbarkeit („Wirtschaftsdemokratie“) zu kennzeichnen. Dieser Idealismus wird besonders in der Anerkennung des „Fordismus“ als „goldenem Zeitalter“ kenntlich: Dort seien die Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital zumindest „institutionell abgesichert“ gewesen, wobei Dörre selbst die kapital- und staatsdienliche Funktionalität dieses Arrangements anzugeben weiß. „Besser“ erscheint dieses „golden age“, in dem die „Armut gezähmt“ und das „Proletariat beteilungsorientiert inkorporiert“ war, damit überhaupt nur vergleichsweise: im Verhältnis zu den „prekären“ Zuständen nämlich, die Dörre andererseits als Aktualität desselben (Finanzmarkt-)Kapitalismus bespricht, der damit zugleich die „Stärken des rheinischen Kapitalismus zu verspielen“ (S. 80) drohe. Lessenich identifiziert diesbezüglich deshalb zu Recht „[…] eine Tendenz […], dem guten alten Kapitalismus der fordistisch-organisierten ‚zweiten Moderne‘ nachzutrauen oder diesen jedenfalls […] nachträglich normativ zu überhöhen – auch dies ein Ausdruck übermäßiger Nähe zum Gegenstand der Kritik. […] Dahinter spürt man aber doch eine ehrliche Wertschätzung für den ‚sozialen Kapitalismus‘ deutscher Schule.“ (S. 231). Dass Dörre eine Reform dann (auch bzw. vorrangig) dem Staat und der Politik zutraut, die diese Verhältnisse erst etabliert haben und sie auch weiterhin – zukünftig natürlich möglichst krisenfrei – wollen (Devise: „Zurück zur Normalität der Vorkrisenzeit“), stellt zwar einen Widerspruch des Konstruktes „Wirtschaftsdemokratie“ dar, folgt aber notwendig aus dem darin zum Ausdruck kommenden alternativen Glauben an den „besseren“ (deutschen) Kapitalismus „rheinischer“ Prägung („Modell Deutschland“ hieß dieses erfolgreiche ideologische Exportgut vor allem in den 1980er und 1990er Jahren).

Der schwerste Vorwurf, die man dem Kapitalismus damit machen kann, besteht folglich in seiner Tendenz zur „Krisenhaftigkeit“ und „Ineffizienz“, die für ihn letztlich ein „gigantisches Systemversagen“ (S. 258) anzeigen: „In seinen Krisen – auch in der gegenwärtigen, finanzmarktgetriebenen Krise, die sich möglicherweise als die schwerste Wirtschaftskrise seit der großen Depression erweisen wird – offenbart der Kapitalismus immer wieder sein ansonsten systemisch unterdrücktes, politisch stillgestelltes oder gesellschaftlich marginalisiertes sozialdestruktives Potenzial. Schon die vermeintlich – glaubt man seinen Apologeten und unüberbietbare ökonomische Effizienz des spätmodernen Überfluss- und Wegwerfkapitalismus lässt sich mit Fug und Recht bezweifeln. Ganz offenkundig aber und nicht zu ignorieren wir sind ihn die sozialen Ineffizienz in jeder Gesellschaftsformationen […] Nur um den Preis der Verleugnung der Wertmaßstäbe, die sich die bürgerliche Gesellschaft in ihren politischen Revolutionen selbst gesetzt hat lassen sich die durch diese Formationen fortwährend produzierten sozialen Verletzungen, Verwerfungen und Verwüstungen verschweigen. Im Sinne jener normativen Kritikmaßstäbe der Aufklärung – Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit – können unsere Analysen als Kritik an der Selbstentwertung, Selbstermächtigung und Selbstzerstörung der Gesellschaft im Kapitalismus gelesen werden.“ (S. 14; Herv. i. O.).

Diese Kritiklinie besitzt eine lange Historie: Schon Lenin hatte seine liebe Mühe, einen erfolgreichen Kapitalismus kritisieren zu können, weil er viel Hochachtung für dessen „Leistungen“ aufbrachte. Seine Kritik der Unzulänglichkeiten der „staatsmonopolistischen“ Verfasstheit bzw. Grenzen setzt folglich dort ein, wo der Kapitalismus seinen eigenen Ansprüchen (angeblich) nicht mehr gerecht werden könne („Krise“!) und deshalb – in epistemologischer Hinsicht mehr oder weniger deterministisch – „notwendig“ vom Sowjetsystem als „Staat des ganzen Volkes“ abgelöst werden müsse, der das „vollendet“, wozu der bürgerliche Staat und die von ihm dirigierte kapitalistische Produktionsweise von sich aus nicht (mehr) in der Lage sein sollten.

„Wirtschaftsdemokratie“ haben die Sowjets dieses System nicht nennen wollen und insofern ist Dörre auch kein „Leninist“. Auch für ihn allerdings, so scheint es, sind Kapitalismus und bürgerlicher Staat nicht so sehr wegen der Härten und Belastungen kritikabel, die sie den Betroffenen praktisch in Bezug auf ihre Arbeits- und Lebenssituation regelmäßig aufbürden, sondern weil sie ihre eigenen Ideale nicht verwirklichen können, an denen sie sich „das System“ folglich blamiert. Zugleich erlaubt es in dieser Verfassung nicht oder nur unzureichend die politische „Identifikation“ der „ermatteten und resignierten“ Bürger mit ihm – und damit die Verfolgung wirklich guter Gründe fürs echte, nämlich „freie, gleiche und geschwisterliche“ Mitmachen in der „Wirtschaftsdemokratie“[5].

Auf ökonomischer Seite wird diese Sicht ergänzt um die Forderung nach einem (bedingungslosen) Mindest- bzw. Grundeinkommen (S. 259 und S. 301). Nicht, dass wir dafür plädieren würden, die „Überflüssigen“ ihrem Schicksal und d. h. dem „Pauperismus“ zu überlassen. Unter einer „Fundamentalkritik“ am kapitalistischen Lohnarbeitsverhältnis und seinen Wirkungen stellen wir uns aber etwas anderes vor als die Forderung nach einem Grundeinkommen. Dörre selbst hält dies für „noch viel weniger als ein sozialdemokratisches Projekt“ (S. 259), will die Forderung dann aber zumindest darüber inhaltlich legitimieren, dass die Durchsetzung ein solchen Grundeinkommens vergleichsweise weit geht: „Stellt man sich dieses hypothetisch machbare Projekt im globalen Maßstab vor, erscheint es jedoch geradezu utopisch.“ (ebd.). Abgesehen davon klingt auch in dieser Forderung vor allem die Sorge an, dass diese Leute politisch – „als Bürger“ – für Staat und Gesellschaft „verloren“ sein könnten, weshalb man sie „nicht aufgeben“, sondern in sehr engen, sozialstaatlich definierten Grenzen wirtschaftlich alimentieren müsse: „Es als alleinige Reformmaßnahmen einzuführen, schien er uns indessen eine fragwürdige Strategie zu sein, etwa weil eine solche Grundsicherung im Kontext der Lohnarbeitsgesellschaft allzu rasch in die soziale Marginalisierung breiter Bevölkerungsschichten münden könnte. Politisch flankiert werden müsste es daher unserer Überzeugung nach von innovativen Formen einer Wirtschaftsdemokratie, welche nicht nur den Besitz von Produktionsmitteln, sondern - zumindest phasenweise – auch die Bestimmung von Produktions- und Entwicklungszielen zum Gegenstand demokratisch-deliberativer Verfahren machte.“ (S. 301; Herv. i. O.).

Alles in allem eine konstruktive Kritik, die die offiziell politisch Verantwortlichen im Übrigen ausgiebig selber vortragen, wenn sie – die (parlamentarische) Linke an der Spitze – mögliche Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise für Staat und Gesellschaft öffentlich problematisieren (Stichwort: „Soziale Unruhen“ bzw. „Bedrohung des sozialer Friedens“, wie es auch die „Entscheider“ auf dem aktuellen Weltwirtschaftsforum in Davos als Ausdruck der Verlängerung des gegenwärtigen Krisenszenarios gerade wieder auf die Agenda gesetzt haben) bzw. gleich sorgenvoll und staatstragend vor „anomischen Tendenzen“ warnen. Lessenich ist deshalb zuzustimmen, wenn er dazu die Ansicht äußert, dass „das dann doch wieder […] nach einer Wiedereingemeindung der Gesellschaftskritik in einer reformistische politische Praxis im Geiste des klassisch-modernen, demokratischen Kapitalismus [klingt]. Langer Anlauf, kurzer Sprung: Ist ‚affirmativer Protest‘ das Schicksal kritischer Soziologie?“ (S. 240).

Hartmut Rosa

Mit einer Kapitalismuskritik wie der von Klaus Dörre hat Hartmut Rosa dagegen definitiv nichts im Sinn, dafür fehlt seinen Ausführungen schlicht der polit-ökonomische „Unterbau“, wie Dörre zu Recht kritisiert: „Auf die genauere Analyse von Struktur und Kapitalakkumulation glaubt Hartmut Rosa verzichten zu können, weil er zwei universale Dynamisierungsprinzipien entdeckt haben will, die ‚hinter‘ den internen kapitalistischen Spannungen stehen und überhaupt erst jene ‚Schicksalsmacht‘ konstituieren, welche den sozialen Verhältnissen wie auch den Subjekten, gleich ob eine Ein-Euro-Jobber oder Deutsche-Bank-Chef, ‚eine gemeinsame Entwicklungsrichtung aufzwingt‘ […] wir alle, Banker und Ein-Euro-Jobber, sind ‚irgendwie‘ Opfer des Wachstums- und Beschleunigungsdiktates.“ (S. 186/190). Für Lessenich „[…] abstrahiert die Beschleunigungsthese [damit, d. A.], Zeichen ihre Distanznahme von der zu kritisierenden gesellschaftlichen ‚Wirklichkeit‘, konsequent und offensiv von praktisch allen sozialstrukturellen Differenzierungen der kapitalistischen Gesellschaft. Sozialstrukturanalytisch, so könnte man sagen, gibt sich Rosa als überzeugter Antisoziologe.“ (S. 237). Praktisch bedeutet die Folgerung, dass „[…] die Beschleunigung aller ihre Kinder frisst – die großen wie die kleinen – eine zeitgemäße Reproduktion, so muss es scheinen, der (nun wirklich) kapitalistischen Verheißung, wonach wir alle im selben Boot sitzen.“ (S. 238) So entlässt uns die mit Schicksalhaftigkeit gepaarte Gleichmacherei, der „[…] Rosa‘schen Kapitalismuskritik letztendlich in Rat- und vor allem in Konsequenzlosigkeit.“ (Dörre, S. 190).

Man könnte auch weitergehen und sagen: Diese Kapitalismuskritik ist deshalb eben gar keine – und will auch gar keine sein. In Rosas Einlassungen äußert sich dagegen eher ein in manchen Intellektuellenkreisen verbreitetes, dabei der Sache nach ebenso luxuriöses wie unspezifisches „Unbehagen an der Moderne“, so dass man sich unweigerlich an frühere Vertreter der bürgerlich-konservativen „Lebensphilosophie“ (Spenglers „Untergang des Abendlandes“ scheint in der Ferne auf) erinnert fühlt[6]. Mit Rosas Vorwurf, dass „[…] die Spielräume einer selbstbestimmten Lebensführung und politischer Gestaltung gleichermaßen den uferlosen Zwängen zur Erhaltung und Steigerung individueller und kollektiver Wettbewerbsfähigkeit zum Opfer fallen“ (S. 97), worin sich die Pervertierung der kulturellen Leitidee des Kapitalismus“ sowie darüber hinaus ein „konstitutiver Betrug am Projekt und am Grundversprechen der Moderne“ (ebd.) ausdrücken soll, drohe, so Dörre, jedoch die „[…] vermeintlich fundamentale Kapitalismuskritik in ein Unbehagen an der Beschleunigungskultur umzuschlagen, wie es in ähnlicher Form aus zahlreichen konservativen Gesellschaftsanalysen bekannt ist“ (S. 190)[7].

Insofern versteht sich Rosas Beitrag eher als kulturkritischer Einwand gegen einen Kapitalismus, der in seinen Schilderungen als disparates Anschauungsmaterial zum Beweis der These genommen wird, dass er „wächst“ und sich „beschleunigt“ und somit „alles“ (wer bzw. was und warum?) immer „größer“ wird und immer „schneller“ vor sich geht, was ihn selbst „unbeherrschbar“ und „die Menschen“ zu bloßen Objekten der beschriebenen Dynamiken degradiere. Der affirmative Grundzug dieser Argumentation liegt für Dörre darin, dass „[…] gegen diesen Beschleunigungstotalitarismus, so könnte man aus Hartmut Rosas Text herauslesen, nur ein verbindlicher normativer Rahmen für ein ‚gutes Leben‘ [hilft]“ (S. 190), bei dem allerdings zu fragen sei, wer ihn denn inhaltlich vorgeben und praktisch durchsetzen soll?: „Etwa der soziologische Aufklärer als Helfer und Hohepriester einer autoritären Werteelite?“ (S. 190).

Stephan Lessenich

In ähnlicher Weise gilt diese Kritik an einer fehlenden sozialökonomischen Begründung der Wachstums- und Beschleunigungsdynamik auch für das Aktivierungparadigma. Sowohl an Rosa als auch an Lessenich gerichtet merkt Dörre an, „[…] dass ihre Beiträge eine kapitalistische Kernstruktur voraussetzen, die im Fortgang der Argumentation weitgehend aus der Analyse ausgeblendet wird.“ (S. 183). Für Lessenich werde damit „[…] der Verzicht auf eine genauere Betrachtung sozioökonomische Strukturen allerdings zum theoretischen Problem,“ weil der „‘vorausgesetzte‘ Kapitalismus als ‚Aktivierungs- und Beschleunigungsmaschine‘ [erscheint], ohne dass genau klar würde, warum, wie, wozu, von wem und wer eigentlich beschleunigt und aktiviert wird.“ (ebd.). Ohne es auszusprechen, werde die „Bewegung“ hier „als quasi überhistorisches Grundprinzip der kapitalistischen Ordnung vorgestellt. Was in der Ausgangsprozess wird noch eingeräumt wird – die Ausrichtung der Bewegung auf das Ziel G‘ zu machen“ – geht in der nachfolgenden Argumentation dann sukzessive verloren. Die konstitutiven Herrschafts- und Klassenverhältnisse, die nach Marx die Formbestimmtheit kapitalistischer Bewegung prägen, spielen dann schon in der Lessenich‘schen Basisdefinition des Kapitalismus keine Rolle.“ (S. 193).

Die Gleichsetzung des Kapitalismus mit dem sehr unspezifischen Prinzip ‚permanenter Bewegung‘ bewirke zugleich, dass „[…] die Widersprüchlichkeit der kapitalistischen Formation mehr oder minder ausschließlich in den Funktionsbereich von Staat und Politik verschoben wird […] Widersprüche des kapitalistischen Akkumulationsregimes werden nur noch als Widersprüche der Staatstätigkeit wahrgenommen.“ (S. 193). Damit bleibe nicht nur der Gegenstand der Lessenich‘schen Kapitalismuskritik „nebulös“, da eine endogene Begründung für Widerstand nicht geleistet werden könne: „Die Perspektive eines ‚Jenseits des Kapitalismus‘ muss gewissermaßen von außen hinzugefügt werden. Sie resultiert aus dem Postulat, das ‚ganz Andere‘ denken zu dürfen[8]. Das ist sicherlich eine hehrer Anspruch. Für eine soziologische Kritik, die vorgibt, die Grenzen der Systemimmanenz überschreiten zu wollen, handelt es sich jedoch nach meinem Geschmack um ein allzu vages Projekt.“ (S. 202)[9].

Eine Kritik, die Lessenich nicht auf sich beruhen lassen kann. Sein Konter auf Dörre bezieht sich folgerichtig auf die „stark ökonomistische Färbung“ (S. 227) seiner Untersuchung. Dörre erkläre das Ökonomische damit nämlich „aus sich selbst heraus“, ohne systematischen Rückgriff auf das Politische und insbesondere auf das Kulturelle – auf den Staat und auf die Subjekte. Damit scheine sich die ökonomische Formation auf jeweils höherer bzw. erweiterter Stufe selbst zu reproduzieren, womit wiederum die Frage offenbleibe, „[…] wer denn realiter handelt, wenn ‚der Kapitalismus‘ ‚sich transformiert‘: wie kommt es zur gesellschaftlichen Hegemonie der Finanzmärkte und ihrer Funktionslogik, auf welche Weise setzt sie sich durch? Ist die Rolle der Politik – so wie es gegenwärtig, im Zeichen der viel beschworenen ‚ultima ratio‘ multimilliardärer staatlicher Rettungsaktionen für den Finanzsektor, erscheinen mag – auch mit Blick auf die Genese der finanzmarktkapitalistischen Formation nur eine reaktive (und keine konstitutive) gewesen?“ (ebd.).

Fazit

„Landnahme“, „Beschleunigung“ und „Aktivierung“ stellen, das dürfte schon im Rahmen der geschilderten Fremd- und Selbstkritik deutlich geworden sein – weder für sich, noch komplementär – Begrifflichkeiten dar, mit denen die Verfasstheit des gegenwärtigen Kapitalismus begrifflich hinreichend geklärt wäre. Aber das sollte letztlich auch wohl nicht der Hauptzweck der gemeinsamen Veröffentlichung sein. Das Ansinnen, ein Stück aktueller Kapitalismuskritik (dauerhaft?) in die Soziologie (und nicht nur in diese) zu reimplantieren haben die Autoren jedenfalls erfolgreich umgesetzt. Erstaunlich und anerkennenswert vor allem, mit welcher Verve die Professoren dabei inhaltlich aufeinander zu- bzw. losgehen – womit sie sich gerade nicht in der sonst in Fachkreisen üblichen höflichen Distinktion üben.

Inhaltlich und vom Umfang her verlangt die Lektüre des Bandes dem Leser die Bereitschaft zur intensiven Auseinandersetzung mit den entfalteten Argumentationsgängen ab. Die Fülle der Verweise auf die verarbeitete aktuelle deutschsprachige wie internationale Literatur bietet dabei ausreichend Möglichkeiten eines vertiefenden Studiums. Zu diesem raten wir allen, die sich ebenso fundiert wie ausführlich und bisweilen kurzweilig mit dem Status Quo des Kapitalismus und seiner Kritik auseinander setzen wollen. In diesem Sinne wünschen wir uns eine Fortsetzung und dem vorliegenden Band viele kritische Leser.


[1] Vgl. unter anderem Kahneman, D./Tversky, A. (2000): Choices, Values and Frames. Cambridge; Thaler, R. H./Sunstein, C. R. (2009): Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt. Berlin. Sowie Akerlof, G. A./Shiller, R. J. (2009): Animal Spirits. Wie Wirtschaft wirklich funktioniert. Frankfurt am Main. Akerlof ist Mitbegründer des Ende Oktober 2009 gegründeten Institute for New Economic Thinking (INET), das es sich zur Aufgabe gemacht hat, „neue Denkansätze für die Volkswirtschaftslehre zu entwickeln“.

[2] Harvey, D. (2005): Der neue Imperialismus, Hamburg und ders. (2006): Limits to Capital, London.

[3] Andererseits wurzele, so Dörre, „der normative Gehalt jeglicher Gesellschaftskritik letztlich in einer besonderen moral community. Für mich, soviel biografischer Kontext soll sein, ist das die Welt von Arbeitern, Angestellten und einfachen Beamten.“ (S. 254; Herv. i. O.). Die angekündigte „radikale Gesellschaftskritik“ inklusive einer ihr adäquaten Praxis traut er dieser Klientel aber offenbar nicht (mehr) zu. Wer soll es dann machen? (Soziologie-)Professoren – alleine oder zumindest vorangehend?

[4] Vgl. dazu und zur Kritik ausführlich unter Rezension.

[5] inem während der Weimarer Republik besonders von Rudolf Hilferding und Fritz Naphtali entwickelten Konzept, das nach dem 2. Weltkrieg u. a. von Viktor Agartz weiterentwickelt wurde.

[6] Lessenich verortet dabei zumindest den Topos des „guten Lebens“ eher in der kommunitaristischen Gesellschaftskritik (S. 233).

[7] Wir denken hier an einen weiteren bekannten deutschen Soziologen, der sich selbst – natürlich aus anderer Warte – auch als „Kapitalismuskritiker“ versteht. Vgl. Nolte, P. (2000): Die Ordnung der deutschen Gesellschaft, München; ders. (2004): Generation Reform. Jenseits der blockierten Republik, München und ders. (2006): Riskante Moderne. Die Deutschen und der neue Kapitalismus, München.

[8] Vgl. dazu ebenfalls unsere Kritik unter Rezension.

[9] Rosas Hinweis, „dass man etwas – und sich selbst – auch anders denken kann, [was] per se noch keine Kritik des Bestehenden [ist]“ kann man zustimmen. Der daraus abgeleiteten (moralisch-methodischen) Forderung, dass es deshalb „normativer Kriterien oder wenigstens motivierender politischer Leitbilder“ (S. 222; Herv. O.) bedarf, eher nicht.


Rezensent
Prof. Dr. Michael Buestrich
Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
Homepage www.buestrich.net

Rezensent
Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt
Jg. 1952, Professor für Sozialmanagement, Verwaltung und Organisation am Fachbereich Sozialarbeit der Evangelischen Fachhochschule Bochum
Forschungsschwerpunkte: Entwicklung sozialer Dienste, Wohlfahrtsverbände, Sozialpolitik und Sozialstaat
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Zitiervorschlag
Michael Buestrich/Norbert Wohlfahrt. Rezension vom 12.02.2010 zu: Klaus Dörre, Stephan Lessenich, Hartmut Rosa: Soziologie - Kapitalismus - Kritik. Eine Debatte. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2009. ISBN 978-3-518-29523-6. Reihe: Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft - 1923. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8869.php, Datum des Zugriffs 26.05.2016.


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