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Albert Lenz: Ressourcen fördern

Cover Albert Lenz: Ressourcen fördern. Materialien für die Arbeit mit Kindern und ihren psychisch kranken Eltern. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2010. 221 Seiten. ISBN 978-3-8017-2218-0. 29,95 EUR.

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Psychische Erkrankungen sind Familienerkrankungen

500 000 Kinder in Deutschland haben einen psychisch erkrankten Elternteil; das ist jedes 30. Kind. Von den jährlich 6000 Sorgerechtsentzügen in Deutschland wird etwa ein Drittel wegen einer psychischen Erkrankung der Eltern ausgesprochen. Während das Risiko, an einer Schizophrenie zu erkranken in der Gesamtbevölkerung bei ca. einem Prozent liegt, liegt es bei Kindern mit einem an einer Schizophrenie erkrankten Elternteil bei 10 bis 15% und steigt, wenn beide Elternteile an dieser Krankheit leiden, auf 40% (Mattejat, 2001, 68).

Kinder sind nicht selten die ersten Personen, die mit den Symptomen einer psychischen Erkrankung als erste konfrontiert werden. Und schlimmer noch: zwischen der kindlichen Wahrnehmung der ersten Symptome der Krankheit und der ärztlichen Diagnose liegen oft Jahre (Wagenblass, 2003, 10).

Definition von Ressourcen

Ressourcen werden in der Literatur nicht ganz einheitlich definiert. Hobfoll (2002) versteht unter Ressourcen beispielsweise alles, was wir in unserer Lebensgestaltung wertschätzen und für die Lebensbewältigung benötigen und daher zu erlangen, zu schützen und zu bewahren suchen. Etwas ausführlicher und umfassender definiert Klemenz (2003, S. 19) Ressourcen als Reservoire an Energie und positiven Potenzialen, das Menschen zu einer angemessenen Lebensbewältigung, zur Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse, zur Erreichung persönlich für bedeutsam erachteter Lebensziele, aber auch zur Bewältigung von Krisen und Belastungen aufbauen, entwickeln und abrufen können. Ressourcen dieser Art können persönliche Kompetenzen, Ideen, Eigenschaften, gesellschaftlich-kulturelle Werte, Interaktionsmuster wie auch Geld, Beziehungen oder Wohnraum etc. sein.

Autorin

Prof. Dr. Lenz arbeitet zurzeit an der Katholischen Fachhochschule NRW, Abteilung Klinische Psychologie und Soziologie. Seit 2001 beschäftigt er sich projektbezogen mit dem Thema Kinder psychisch kranker Eltern. Nicht zuletzt ausgelöst durch die Tagung des Dachverbands psychosozialer Hilfsvereinigungen „Auch Kinder sind Angehörige“ im Jahr 1997 hat sich mittlerweile die Situation im deutschsprachigen Raum deutlich verbessert. Neben der deskriptiven, situationsbezogenen Bestandsaufnahme der familiären Verhältnisse der Zielgruppe, werden diagnostische und therapeutische Maßnahmen in diesem Buch von Albert Lenz fokussiert.

Aufbau

Das Buch umfasst 11 Kapitel, die in zwei Teile untergliedert sind:

  1. Grundlagen
  2. Basis- und Interventionsmodule

Tei I: Grundlagen

1 Kinder und ihre psychisch kranken Eltern. Es ist für ein adaptives Coping wichtig, über ein möglichst breites Bewältigungsrepertoire zu verfügen und dieses situationsangemessen einsetzen zu können. Die Kontrollierbarkeit einer Situation erweist sich dabei als besonders relevanter Aspekt. Entscheidend sind die Reaktionen der Familien auf Belastungen.

2 Prävention bei Kindern psychisch kranker Eltern und ihren Familien. Für eine wirksame Prävention für Kinder im Grundschulalter sowie für Jugendliche und ihre Eltern ist neben den strukturellen und institutionellen Rahmenbedingungen die gezielte Förderung familiärer Ressourcen und der familiären Resilienz ein weiterer wichtiger Faktor. Das Kapitel wird von einem Überblick über die deutschsprachigen präventiven Maßnahmen wie z.B. Auryn-Gruppen, PFIFF e.V. und KIRPEL abgerundet.

3 Präventionsprogamm „Ressourcen fördern“. Das Präventions- und Interventionsprogramm besteht aus zwei großen Teilen. Der erste Teil umfasst zwei Basismodule, durch die zunächst die institutionellen und organisatorischen sowie konzeptuellen Rahmenbedingungen als grundlegende Voraussetzung für wirksame Hilfeleistungen ggf. hergestellt oder gefestigt werden sollen. Der zweite Teil setzt sich aus neben einem Diagnostikmodul aus vier Interventionsmodulen zusammen.

4 Stand der empirischen Prüfung. Die empirische Prüfung umfasst den Nachweis, dass das Programm im Stande ist, das Zielverhalten bei Eltern und/oder Kindern zielorientiert zu implementieren und, dass das Verhalten der Eltern und/oder der Kinder die Störungsrate bei den Kindern vermindert.

Teil II Basis- und Interventionsmodule

5 Basismodul 1: Kooperation zwischen den Systemen der Kinder- und Jugendhilfe und der Psychiatrie. Eine zentrale Aufgabe des Kooperationsbundes ist die Schaffung der institutionell-organisatorischen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für eine funktionale fallbezogene Kooperation. Letzteres bedeutet, dass bei einem Hilfebedarf für Kinder psychisch kranker Eltern, auf der Grundlage klarer und festgelegter Absprachen wirksame Abstimmungen der beteiligten Einrichtungen und Institutionen angestrebt werden, die eine Optimierung der Hilfeleistungen ermöglichen.

6 Basismodul 2: Wahrnehmung der Kinder als Angehörige in der Behandlung des erkrankten Elternteils. Ziel dieses Moduls ist ggf. die Kontraktbildung mit der Familie und den zuständigen Institutionen wie z.B. Jugendhilfe oder Beratungsstelle. Ein wesentlicher Aspekt dabei ist, den psychiatrisch kranken Menschen als Eltern zu erkennen sowie die Kinder als Angehörige und direkt Betroffene der Situation.

7 Interventionsmodul 1: Diagnostische Einschätzung der Belastungen und Ressourcen. Dieses Kapitel bietet eine Anleitung zur differenzierten diagnostischen Vorgehensweise mit der Familie. Die Diagnostik der Probleme und Belastungen liefern Informationen darüber, was verändert werden soll. Die Diagnostik der Ressourcen liefert Informationen darüber, wie die Probleme und Belastungen verändert werden können.

8 Interventionsmodul 2: Förderung der familiären Kommunikation. An dieser Stelle werden in dem Präventionsprogramm Kommunikationsregeln eingeführt und eingeübt, sowie Familienkonferenzen und Hausaufgaben in den Familien fachgerecht implementiert.

9 Interventionsmodul 3: Förderung der Problemlösekompetenz. Zur Förderung der Problemlösekompetenz werden den Kindern die Technik des „Lauten Denkens“ und die Bearbeitung und Realisierung von Alternativlösungen näher gebracht. Zur Vermittlung wird die Metapher des Problemtopfes verwandt.

10 Interventionsmodul 4: Förderung sozialer Ressourcen der Kinder und Jugendlichen. Das Modul zur Förderung sozialer Ressourcen umfasst emotionale, informatorische und instrumentelle Unterstützung für die betroffenen Kinder und Jugendlichen. Hierfür wird die Technik der Netzwerkkonferenz implementiert mit der Erstellung einer Netzwerkkarte, eines Krisenplan sowie eines Hilfe- und Kooperationsplans.

11 Interventionsmodul 5: Psychoedukation für Kinder und Jugendliche psychisch erkrankter Eltern. Zum Abschluss werden in diesem Buch altersadäquate Krankheitsinformationen über die erkrankten Eltern an die Kinder oder Jugendlichen weiter gegeben, um unnötige Sorgen der Betroffenen zu vermeiden.

Zielgruppe

Das Buch „Ressourcen fördern“ richtet sich an alle therapeutisch arbeitenden Fachkräfte und deren Ausbildende, die mit der Zielgruppe Kinder und Jugendliche psychisch kranker Eltern arbeiten.

Fazit

Das Buch „Ressourcen fördern“ bietet keine neuen Interventionen für die Zielgruppe, die berufstätigen Psychotherapeuten/-innen nicht schon bekannt sind. Es kann jedoch eine gute und kompakte Hilfestellung darstellen, wenn auch in Helfersystemen Verunsicherungen im Umgang mit Kinder und Jugendlichen psychiatrisch kranker Eltern auftreten. Ganz besonders positiv hervorzuheben ist in diesem Rahmen die Intervention „Psychoedukation“, die altersgestaffelte Beschreibungen gängiger psychischer Erkrankungen vermittelt.

Alles in allem in das Buch ein guter Leitfaden im Umgang mit der Zielgruppe und würde als standardisierte Vorgehensweise eine Evaluationsmöglichkeit bieten.


Rezensentin
Dr. Kirsten Oleimeulen
Psychologin – Familienberaterin, akkreditierte Psychologin für Gesundheitspsychologie und Prävention (BDP), systemische Familientherapeutin und Supervisorin, online-Beraterin für www.kinderwelten.de
Homepage www.oleimeulen.info
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Zitiervorschlag
Kirsten Oleimeulen. Rezension vom 19.06.2010 zu: Albert Lenz: Ressourcen fördern. Materialien für die Arbeit mit Kindern und ihren psychisch kranken Eltern. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2010. ISBN 978-3-8017-2218-0. Mit CD-ROM. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8871.php, Datum des Zugriffs 02.07.2016.


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