Sven Bölte (Hrsg.): Autismus
Sven Bölte (Hrsg.): Autismus. Spektrum, Ursachen, Diagnostik, Intervention, Perspektiven. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. 582 Seiten. ISBN 978-3-456-84738-2. 59,95 EUR, CH: 99,00 sFr.
Thema
Das Buch „Autismus. Spektrum, Ursachen, Diagnostik, Intervention, Perspektiven“ ist ein umfassendes Herausgeberwerk zum Thema Autismusspektrumstörungen. Es richtet sich an sowohl an Eltern und Professionelle als auch an selbst von Autismus betroffene Personen. Ziel des Herausgeberwerkes ist es den Leser umfassend über den aktuellen Forschungsstand zu Autismus und den entsprechenden Interventionen aufzuklären. Darüber hinaus informiert das Buch über das Leben mit Autismus im deutschsprachigen Raum.
Autor
Prof. Dr. rer. Med. Dipl.-Psych. Sven Bölte war zum Zeitpunkt der Entstehung des Buches leitender Psychologe an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Seit 2010 ist er Leiter der Forschungsgruppe „Autismusspektrumstörungen“ am Karolinska Institutet in Stockholm (Schweden).
Aufbau und Inhalt
Das Fachbuch beginnt nach einem Vorwort mit einem ungewöhnlichen Prolog. Sven Bölte setzt sich darin mit dem Thema „Autismus im Film, in der Literatur und bei historischen Persönlichkeiten“ auseinander. Dieser Einstieg lässt den Leser nachvollziehen, wie das öffentliche Interesse an Autismus in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat. Gleichzeitig bereitet der Prolog einen Leitgedanken des Lehrbuches vor: Von Autismus betroffen zu sein bedeutet gleichsam erhebliche Defizite im gemeinschaftlichen Leben zu haben als auch besondere Fähigkeiten und Begabungen zu besitzen. An diesen Gedanken anschließend werden in den folgenden Kapitel sowohl die mit dem Autismus verbundenen Defizite beschrieben als auch Beispiele für das Nutzen der Sonderinteressen (z. B. in Abschnitt 4.11) und der erfolgreiche Lebensbewältigung mit Autismus (Kapitel 7) gegeben.
Das Buch beginnt jedoch in den Kapiteln 1 bis 3 mit der Darstellung der Grundlagen, der Ursachen und der Diagnostik des Autismus.
In einem „historischen Abriss“ (Abschnitt 1.1) wird die Entwicklung des Autismusbegriffs dargestellt. Wesentliche Teile der Erstbeschreibung des Autismus durch Leo Kanner (1943) und Hans Asperger (1944) sind heute noch gültig und haben ihren Eingang in die Diagnosen „Autismus“ und „Asperger-Syndrom“ gefunden. Mit Blick auf die Zukunft der Autismusforschung wird der Begriff der „Autismusspektrumstörung“ eingeführt, der auf einem dimensionalen anstatt kategorialen Ansatz beruht. Autismus wird heute zunehmend nicht mehr in abgrenzbaren Kategorien wie z. B. dem Asperger-Syndrom vs. dem frühkindlichen Autismus verstanden, sondern als ein kontinuierliches Spektrum von schweren bis zu milden Formen des Autismus. Im Abschnitt 1.2 wird die Symptomatik und Klassifikation des Autismus vorgestellt. Nach der Einführung in die diagnostischen Manuale ICD-10 und DSM-IV-TR wird die „Trias“ eingeführt, die der Definition aller Autismusspektrumstörungen (Frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom, Atypischer Autismus sowie nicht näher bezeichneten und sonstigen tiefgreifenden Entwicklungsstörungen) zu Grund liegt. Unter der „Trias“ versteht man das Zusammentreffen von sozialen und kommunikativen Störungen, verbunden mit einem stereotypen und repetitiven Verhalten. Weiterhin wird in Abschnitt 1.2 auch auf neue Begriffe wie z. B. dem der „Neurodiversität“ (der ausdrückt, dass Autismus keine psychische Störung oder Behinderung sondern lediglich Ausdruck einer neurologischen Vielfalt ist) eingegangen. In dem folgenden Abschnitt 1.3 werden häufige Begleiterkrankungen des Autismus wie z. B. Epilepsien oder Zwänge erläutert und die diagnostische Unterscheidung zwischen Autismusspektrumstörungen und anderen psychischen Erkrankungen wie z. B. Bindungsstörungen oder Psychosen vertieft. Dem folgen in Abschnitt 1.4 Ausführungen zur Epidemiologie des Autismus. Dabei wird deutlich das die Autismusdiagnosen zugenommen haben (Prävalenz von Autismusspektrumstörungen: 0,9%), es aber keine „Epidemie des Autismus“ gibt, weil die Anstieg vor allem auf einer verbesserten Diagnostik, einem höherem Bekanntheitsgrad etc. beruht. Abschnitt 1.5 beschließt mit Ausführungen zu „Entwicklung Verlauf und Prognose“ des Autismus das erste Kapitel.
Kapitel 2 widmet sich den Ursachen des Autismus. Es werden in Abschnitt 2.1 die genetischen Befunde zu Autismus vorgestellt. Die Entstehung von Autismus wird wesentlich durch genetische Faktoren verursacht, die Forschungslage ist jedoch weiterhin uneinheitlich. Im folgenden Abschnitt 2.2 zur „Neurobiologie“ des Autismus werden Umweltfaktoren erörtert, die das Risiko zur Entstehung des Autismus vergrößern sowie Befunde zum Aufbau und der Funktion eines „autistischen Gehirns“ referiert. Dem folgt in Abschnitt 2.3 eine Darstellung der neuropsychologischen Ergebnisse zum Autismus. Es werden die wichtigen drei neuropsychologischen Modelle des Autismus, die verminderte Theory of Mind, die schwachen zentralen Kohärenz und die exekutiven Dysfunktionen beschrieben.
Kapitel 3 beschäftigt sich mit dem aktuellen Forschungsstand zur Diagnostik des Autismus. In Abschnitt 3.1 werden die inzwischen unzähligen Fragebögen, Beobachtungsskalen und Interviews zu Autismusspektrumstörungen beschrieben, geordnet und hinsichtlich ihrer Qualität bewertet. Im folgenden Abschnitt 3.2 werden psychologische Testverfahren (Entwicklungstest, Intelligenztests und neuropsychologische Test) vorgestellt und ihre Relevanz und Einsetzbarkeit bei Autismusspektrumstörungen beschrieben. Ergänzend dazu informieren Abschnitt 3.3 über Möglichkeiten der Testung der Persönlichkeit, der Psychopathologie und der Alltagsbewältigung sowie Abschnitt 3.4 über die neurologische genetische und körperliche Untersuchung autistischer Menschen.
In einem umfassenden vierten Kapitel werden Interventionen zur Behandlung von Autismusspektrumstörungen beschrieben. In Abschnitt 4.1 wird das Konzept der „evidenzbasierten Interventionen“ vorgestellt. Evidenzbasierte Interventionen haben ihre Wirksamkeit auch unter kontrollierten Bedingungen hinreichend unter Beweis gestellt und beruhen nicht nur auf anekdotischen Erfolgsmeldungen. Anhand dieses Konzeptes werden die nachfolgenden Interventionen nicht nur beschrieben, sondern ebenfalls hinsichtlich ihrer Evidenz bewertet. Es folgen Ausführungen zur unterschiedlichen verhaltenstherapeutischen Methoden (Abschnitte 4.2-4.4, 4.7), zum TEACCH-Ansatz (Abschnitt 4.5), zur Relationship Developmental Intervention (Abschnitt 4.6), zur Videomodellierung (Abschnitt 4.8), zur beruflichen und sozialen Integration (Abschnitt 4.9), zum Training sozialer Fertigkeiten (Abschnitt 4.10), zur Interaktions- und Spezialinteressen – fokussierten Beratung (Abschnitt 4.11), zur Therapie bei syndromalen Autismus (Abschnitt 4.12), zu non-direktiven Verfahren (Abschnitt 4.13), zum PECS (Abschnitt 4.14), zur Psychopharmakologie (Abschnitt 4.14), zur Computer- und Informationstechnik (Abschnitt 4.15), zum Neurofeedback (Abschnitt 4.16), zu Bewegung, Sport und Spiel (Abschnitt 4.17), zur Behandlung fremd- und selbstaggressiver Verhaltensweisen (Abschnitt 4.19), zu umstrittenen und alternativen Therapien (Abschnitt 4.20) und zum Krisenmanagement (Abschnitt 4.21).
Kapitel 5 stellt die Rahmenbedingungen für autistisch behinderte Menschen im deutschsprachigen Raum vor. Dies beginnt mit der Vorstellung des Elternvereins „Autismus Deutschland“ in Abschnitt 5.1 der seit 1970 Menschen mit Autismus und deren Angehörige unterstützt und die Beschäftigung mit dem Thema Autismus wesentlich vorangebracht hat. In Abschnitt 5.2 werden wichtige rechtliche Aspekte beschrieben, z. B. hinsichtlich der Durchsetzung des Anspruchs auf autismusspezifischer Förderung oder eines schulischen Integrationshelfers. Im nachfolgenden Abschnitt 5.3 werden wichtige professioneller Einrichtungen die Unterstützungen für Menschen mit Autismus bereitstellen beschrieben.
In Kapitel 6 wird die Perspektive auf Österreich (Abschnitt 6.1) und die Schweiz (Abschnitt 6.2) ausgedehnt. Es werden länderspezifische Versorgungsbedingungen sowie die Entstehung und Arbeit von Elternverbänden und Fachinstitutionen dargestellt.
Einen besonderen Stellenwert nimmt das 6. Kapitel zu den persönlichen Erfahrungen ein. Hier beschreiben Menschen mit Autismus und Angehörige autistischer Menschen wie sie ihr eigenes Leben bewältigen bzw. das Zusammenleben mit einem autistischen Menschen erleben. In Abschnitt 7.1 wird der eigene Autismus wie das Leben eines „Chinesen im Abendland“ erlebt und beschrieben, wie sich der Autor schrittweise die Sprache und die Lebensweise der „neurotypischen Menschen“ (der Nicht-Autisten) erschloss. In Abschnitt 7.2 wird die Entwicklung eines autistischen Kindes aus Elternperspektive beschrieben wobei besonders die Spezialinteressen spannend dargestellt werden. In Abschnitt 7.3 erfolgt dann der Blick auf Autismus aus Sichtweise einer großen Schwester. Dem folgt eine Beschreibung einer erfolgreichen Therapie mit zwei autistischen Kindern (Abschnitt 7.4) und als für mich beeindruckendster Artikel des Buches der Erlebnisbericht einer mit einem autistischen Mann verheirateten Frau: „Mein Mann ist was Besonderes“ (Abschnitt 7.5).
Diskussion
Um sich umfassend, wissenschaftlich fundiert und aktuell mit den Theorien und Behandlungsmöglichkeiten des Autismus auseinanderzusetzen war bisher immer der Rückgriff auf englischsprachige Bücher notwendig, z. B. dem „Handbook of Autism and Pervasive Developmental Disorders – Third Edition“. Mit dem Buch „Autismusspektrumstörungen“ von Sven Bölte liegt nun ein gleichwertiger Herausgeberband in deutscher Sprache vor. Die einzelnen Aufsätze haben durchgehend eine hohe Qualität und zeichnen sich zusätzlich durch einen didaktischen Anspruch aus. Dass heißt, das vor allem in den Artikeln zur Grundlagenforschung schrittweise das Theoriesystem aufgebaut und die meisten Fachwörter erklärt werden. Somit können auch Fachleute die nicht aus den entsprechenden Bereichen kommen, den Stand der Forschung nachvollziehen. Ebenso lobenswert ist die Empfehlung weiterführender Literatur am Ende jeden Kapitels. Hervorhebenswert ist weiterhin der Bezug zum deutschsprachigen Raum („Länderperspektiven“) und die beeindruckenden Erlebnisberichte des 7. Kapitels. Aus meiner Sicht etwas weniger gelungen ist das Kapitel zu den „Interventionen“. Es werden dort zu viele, teils auch neue und wenig bekannte Interventionen dargestellt. Weiterhin gibt es einige Überschneidungen, z. B. zwischen den verschiedenen Artikeln zu verhaltenstherapeutischen Interventionen. Der Herausgeber versucht zwar mit der Orientierung an der evidenzbasierten Praxis einen wissenschaftlichen Rahmen zur Einordnung der Therapien zu geben. Da aber bisher nur die Verhaltenstherapie hinreichende Evidenz aufweist, gestaltet sich die Einordnung der anderen Therapien schwierig. Aus meiner Sicht wäre es deshalb günstiger gewesen weniger auf Vielfalt, stattdessen aber auf einen „roten Faden“ zu setzen und Therapien zu gruppieren und eher aus der Außensicht zu beschrieben.
Fazit
Das Buch „Autismusspektrumstörungen“ ist das Standartwerk für Autismus und mit kleinen Einschränkungen für alle Betroffenen, deren Angehörige und Professionelle empfehlenswert.
Rezensent
Dr. phil. Martin Degner
Sonderschullehrer, Leitung Kleine Wege/Außenstelle Erfurt
Homepage www.martindegner.de
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Zitiervorschlag
Martin Degner. Rezension vom 04.08.2010 zu: Sven Bölte (Hrsg.): Autismus. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. 582 Seiten. ISBN 978-3-456-84738-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8885.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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