Shira Richman: Wie erziehe ich ein autistisches Kind?
Shira Richman: Wie erziehe ich ein autistisches Kind? Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. 1. Nachdruck der 1. Auflage. 175 Seiten. ISBN 978-3-456-84090-1. 22,95 EUR, CH: 39,90 sFr.
Thema
Shira Richmans Buch richtet sich an Eltern autistischer Kinder. Es erklärt Grundlagen der Behinderung Autismus und verhaltenstherapeutische Strategien zur Bewältigung des Alltages.
Autorin
Shira Richman arbeitet als Verhaltenstherapeutin in den Vereinigten Staaten. Sie hat Erfahrungen in der Arbeit mit autistischen Kindern, für die sie verhaltenstherapeutische Förderprogramme entwickelt und überwacht.
Aufbau und Inhalt
In Kapital 1 erklärt die Autorin zentrale Merkmale des Autismus, nennt Ursachentheorien und führt in Behandlungsansätze ein. Sie vermeidet Fachwörter und versucht stattdessen anhand von alltagsnahen Beispielen Autismus zu erklären. Die Auswahl der Themen ist selektiv, z. B. fehlen Informationen zur Kognition autistischer Menschen, stattdessen werden verschiedene Therapien beschrieben. Im zweiten Kapitel wird dann ein spezieller Behandlungsansatz, die „Lerntheorie und angewandte Verhaltensanalyse (ABA)“ ausführlicher dargestellt. Shira Richman erklärt in einfacher Sprache und mithilfe von Beispielen die Sicht behavioristischen Lernpsychologie auf den Fertigkeitserwerb („Lernen ist Veränderung von Verhalten, …ist beobachtbar, …ist messbar“) sowie den in diesem System wichtigsten Lernprozess: das operante Konditionieren. Anschließend folgen Erläuterungen zu den wichtigsten Strategien der ABA: Diskriminative Reize, Verstärkung, Prompts, Generalisierung, Shaping („Verhaltensformung“) und Chaining („Verkettung“).
Aufbauend auf dem im zweiten Kapitel erworbenen Wissen über ABA werden in den Kapiteln 3 bis 8 Umsetzungsbeispiele aus verschiedenen Lebensbereichen gegeben. Kapitel 3 widmet sich der Strukturierung der Freizeit. Die Autorin beschreibt die Notwendigkeit, autistischen Kindern gezielt das Spielen beizubringen. Anschließend werden verschiedene Spielniveaus erläutert („1. Hantieren mit Gegenständen, 2. Parallelspiel, 3. Kooperatives Spielen…“), gefolgt von Möglichkeiten zur Einschätzung der Fähigkeiten des Kindes und Hinweisen zum Spielmaterial. Dem schließen sich Beispiele zur Entwicklung der Spielfähigkeiten mithilfe der ABA an.
In Kapitel 4 wird der Zusammenhang von Bestrafung und Verstärkung diskutiert, um unerwünschtes Verhalten abzubauen. Shira Richman beschreibt die Vorteile die ein Abbau unerwünschten Verhaltens durch Verstärkung erwünschten Verhaltens gegenüber der Bestrafung hat. Ausgehend von dieser Grundhaltung nennt sie Möglichkeiten zur Analyse der Faktoren die das Auftreten eines Verhaltens beeinflussen („Umweltbedingungen, medizinische Ursachen…“), stellt die funktionale Verhaltensanalyse vor und beschreibt anschließend in Beispielen die Umsetzung dieser Strategie im Alltag.
Der Aufbau lebenspraktischer Fähigkeiten steht im Mittelpunkt des 5. Kapitels. Es wird die Notwendigkeit des Trainings von „Schlafmustern“, dem Toilettentraining, eines Ernährungsplans sowie dem An- und Auskleiden erläutert. Mit der „Aufgabenanalyse“ (eine Aufgabe wird in die Teilschritte zerlegt, diese werden beobachtet und ggf. geübt) stellt die Autorin ein Instrument zur Entwicklung lebenspraktischer Fähigkeiten vor.
In Kapitel 6 wird ein wichtiger Symptombereich des Autismus erläutert: die Beeinträchtigungen der Kommunikation. Shira Richman erklärt welche Schwierigkeiten es in der Kommunikation mit autistischen Kindern gibt. Ausgehend davon nennt sie verhaltenstherapeutische Techniken zur Erweiterung des Sprachverständnisses und der Sprachproduktion. Hinsichtlich des Sprachverständnisses beschreibt sie z. B. die Notwendigkeit von Blickkontakt durch das Kind und den Aufbau durch den Hinweis: „Schau mich an!“ Des Weiteren folgen Ausführungen zum Reagieren auf den eigenen Namen, zu Substantiven, ein- und zweiteiligen Anweisungen und dem spielerischen Lernen von Sprache. Hinsichtlich der Sprachproduktion zeigt die Autorin verhaltenstherapeutische Strategien auf, um Fähigkeiten wie Nachsprechen, um etwas Bitten, Grüßen, Fragen beantworten etc. zu entwickeln. Abschließend werden kurz Methoden der unterstützten Kommunikation genannt: Zeichensprache- und Kommunikationstafeln.
Den Bereich der sozialen Beziehungen zu den Geschwistern nimmt das 7. Kapitel in den Fokus. Shira Richman beschreibt einführend Probleme der Geschwisterbeziehungen und grundlegende Entwicklungsziele („Was man Geschwistern über Autismus beibringen sollte; Die Geschwister als Kinder mit eigener Persönlichkeit und Bedürfnissen.“). Davon ausgehend stellt die Autorin dar, wie eine positive Geschwisterbeziehung aufgebaut werden kann, bspw. durch den Einbezug nicht-behinderte Geschwister in die ABA-Therapie.
In Kapitel 8 werden „außerhäusliche Unternehmungen“, deren Vorbereitung und Durchführung beschreiben. Die Autorin erläutert, wie sich verschiedene Ziele zur Übung des ABA-Programms eignen, z. B.: „Im Supermarkt: Üben sie mit dem Kind, Wünsche zu äußern und Entscheidungen zu treffen.“ Weiterhin gibt sie Hinweise zur Vorbereitung von Ausflügen (z. B. einen Plan schreiben, Ziele fotografieren etc.), zu notwendigerweise mitzuführenden Dingen („essbare Verstärker“, Lieblingsgegenstände etc.) und zum Umgang mit schwierigen Situationen.
In einem Epilog beschreibt eine Mutter die Lebensgeschichte der eigenen Familie, mit einem Schwerpunkt auf die Darstellung des Erfolges der angewandten Verhaltenstherapie. Dem folgt ein Literaturverzeichnis mit empfehlenswerten Artikeln und Büchern (ohne das im Text darauf verwiesen wird), Anschriften von Autismus-Verbänden und ein Register
Diskussion
Das Buch „Wie erziehe ich ein autistisches Kind“ hat einige Stärken, ich sehe jedoch weitaus mehr Kritikpunkte. Zu den Stärken: Shira Richman scheibt geradlinig, verständlich und direkt. Dem Leser/ der Leserin wird vermittelt, mithilfe einfacher Techniken das Verhalten autistischer Kinder beeinflussen zu können. Die Kritikpunkte: Die Auswahl der Themen und Schwerpunkte des Buches ist selektiv, ohne dass die Auswahl begründet wird oder Alternativen genannt werden. Beispielsweise fehlt die Darstellung der kognitiven Besonderheiten des Autismus, die ganz wesentlich für das Verständnis des Autismus sind (Bölte 2009) aber weniger in das Black-Box-Modell des klassischen Behaviorismus passen. Stattdessen verreißt die Autorin einige Therapien, um dann zu dem wenig überraschenden Schluss zu kommen dass die ABA ihre Wirkung als einzigste Therapie belegt hat. Auch hier wären eine differenziertere Bewertung und eine Einordnung der Therapien nach dem Modell der evidenzbasierten Praxis hilfreicher. Der Leser/ die Leserin wüsste dann, dass die ABA sehr effektiv zur Förderung von Vorschulkindern ist, andere Förderprogramme wie z. B. die Musiktherapie oder TEACCH in anderen Bereichen effektiv(er) sind (s. z. B. Research autism 2010). Diese Vereinfachung komplexer Fragestellungen ist symptomatisch für das Buch. Alle auftretenden Probleme werden durch Verstärkung und Löschung behandelt. Dies ist zwar grundlegend möglich und richtig, dennoch sind die Probleme und notwendigen Hilfen meistens komplexer. Zwei Beispiele: Shira Richman beschreibt richtigerweise die verschiedenen Faktoren die ein unerwünschtes Verhalten auslösen können und nennt für jeden Faktor eine Interventionsstrategie. Es ist aber seit langem bekannt das oft ein oder mehrere Faktor(en) ein unerwünschtes Verhalten auslösen, ein oder mehrere andere Faktoren(en) dieses Verhalten jedoch aufrechterhalten (s. z. B Turner 1999). Zweites Beispiel: Im Bereich der Kommunikation werden nur Strategien zum Aufbau der Verbalsprache/ des Verständnisses von Verbalsprache beschrieben. Das die unterstützte Kommunikation (UK), bspw. durch das PECS (Bildkartenaustauschsystem; Frost & Bondy 2002), essenziell in der autismusspezifischen Förderung ist, wird nicht erwähnt.
Fazit
Das Buch verfehlt sein Ziel, die Frage zu beantworten: „Wie erziehe ich ein autistisches Kind“. Es beschreibt vielmehr die angewandten Verhaltenstherapie (ABA), so wie es auch im englischen Originaltitel steckt: „Raising a Child With Autism: A Guide to Applied Behavior Analysis for Parents.“ Dies geschieht jedoch lückenhaft, oberflächlich und wissenschaftlich veraltet. Das Buch stellt damit auch für ABA-affine Eltern keine notwendige Anschaffung dar.
Literatur
- Bölte, S. (Hrsg.) (2009). Autismus. Spektrum, Ursachen, Diagnostik, Intervention, Perspektiven. Bern: Huber.
- Frost, A. & Bondy, L. (2002). The Picture Exchange Communication System. (2. Aufl.). Cherry Hill: PECS Inc.
- Research autism (2010). http://www.researchautism.net (Abruf: 17.08.2010).
- Turner, M. (1999). Annotation: Repetitive behavior in autism: A review of psychological research. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 40, 839-849.
Rezensent
Dr. phil. Martin Degner
Sonderschullehrer, Leitung Kleine Wege/Außenstelle Erfurt
Homepage www.martindegner.de
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Zitiervorschlag
Martin Degner. Rezension vom 19.08.2010 zu: Shira Richman: Wie erziehe ich ein autistisches Kind? Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. 1. Nachdruck der 1. Auflage. 175 Seiten. ISBN 978-3-456-84090-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8888.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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