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Barbara Friebertshäuser, Antje Langer u.a. (Hrsg.): Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft

Cover Barbara Friebertshäuser, Antje Langer, Annedore Prengel (Hrsg.): Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Juventa Verlag (Weinheim) 2010. 3., überarbeitete Auflage. 1000 Seiten. ISBN 978-3-7799-0793-0. 84,00 EUR, CH: 135,00 sFr.

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Thema

Die erste Ausgabe des vorliegenden Handbuchs erschien 1997 (ohne Antje Langer als Mitherausgeberin). Mit der nun dritten Auflage wird aufgrund von Überarbeitungen eine Neuausgabe vorgelegt, die rund 100 Seiten mehr beinhaltet. Das Handbuch soll umfassend in den aktuellen Stand qualitativer Forschungszugänge in der Erziehungswissenschaft einführen, die darzustellenden Methoden in Theorie und Methodologie verorten und begründen sowie ihre Anwendung in unterschiedlichen Gebieten zeigen.

Herausgeberinnen

Dr. Friebertshäuser ist Professorin am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Universität Frankfurt, Dr. Langer arbeitet dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Dr. Prengel ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Potsdam.

Entstehungshintergrund

Nach Ansicht der Herausgeberinnen besteht ein Bedarf an einer umfassenden wie detaillierten Einführung sowohl für die erziehungswissenschaftliche Forschung, die Lehre und das Studium als auch in Bezug auf pädagogische Praxis. So gilt ein besonderes Interesse der Stärkung von Praxisforschung. Allgemein sollen Standards der Forschungsmethoden weiterentwickelt werden, soll das Buch zu Forschungen anregen und nicht zuletzt qualitative Zugänge in der Erziehungswissenschaft festigen.

Aufbau

Das Handbuch beginnt mit einer Einleitung der Herausgeberinnen, welche qualitative Forschung in der Erziehungswissenschaft kennzeichnet (23 S.). Sodann gliedert sich das Handbuch in sieben Teile:

  1. „Historische und methodologische Grundlagen“,
  2. „Forschungstraditionen und Forschungsverfahren“,
  3. „Strategien für Erhebung und Auswertung“,
  4. „Visuelles als Gegenstand und Instrument der Forschung“,
  5. „Gegenstände und Felder erziehungswissenschaftlicher Forschung“,
  6. „Forschendes Handeln in Praxisfeldern“ sowie
  7. „Hinweise zur Forschungstätigkeit“ (Forschungsethik, Literaturrecherche via Internet, Beantragung von Forschungsmitteln).

Dieser letzte Teil ist der kürzeste (34 S.); ansonsten umfassen die Teile meist etwa 150 S. Das Handbuch schließt mit einem 9-seitigen Sach- und einem 24-seitigen Personenregister sowie mit Angaben zu den über 80 AutorInnen.

Inhalt

Der grundlegende erste Teil stellt in einer Reihe von Beiträgen dar, was es heißt, qualitativ zu forschen. Dabei wird, wie es dem Buchtitel entspricht, auf den erziehungswissenschaftlichen Rahmen fokussiert. Unter anderem wird die Forschungsperspektive von qualitativen und quantitativen Methoden verglichen.

Der zweite Teil beinhaltet die wichtigsten Forschungsverfahren und Forschungskonzepte. Dargestellt sind unter anderem ethnographische Forschung, narratives Interview, dokumentarische Methode, objektive Hermeneutik, Grounded Theory und qualitative Inhaltsanalyse.

Nicht scharf davon zu trennen sind die Erhebungs- und Auswertungsstrategien im dritten Teil. Unter anderem werden verschiedene Formen des Interviews behandelt, darunter auch Leitfadeninterviews. Die vorgestellten Auswertungstechniken beinhalten auch deskriptive Statistik sowie computergestützte Auswertungen qualitativen Materials.

Einem jüngeren Trend der qualitativen Sozialforschung gilt Teil vier: dem Visuellen als Forschungsmaterial(mit rund 110 S. ist dieser Teil deutlich kürzer). Dargestellt werden zum Beispiel die Spielfilmanalyse und die erziehungswissenschaftliche Videographie. Gerade hier stellt das Handbuch Verfahren vor, die sich teils noch in stärkerer Entwicklung befinden.

Der fünfte Teil präsentiert qualitative Forschungsansätze in ausgewählten erziehungswissenschaftlichen Feldern: etwa historische Sozialisationsforschung und historische Kindheitsforschung, Schul- und Unterrichtsforschung oder qualitative Forschung in der Erwachsenenbildung. Hintan stehen dagegen Jugendforschung, Sozialpädagogik oder Sonderpädagogik; das heißt nicht, dass sie gänzlich fehlen – aber hier werden selbst die Grenzen eines solch umfangreichen Handbuchs deutlich.

Der sechste Teil des Handbuchs stellt Ansätze der Praxis-, Aktions- und Handlungsforschung dar. Dabei geht es vor allem um übergreifende Forschungsstrategien, weniger um einzelne Methoden. Ein wichtiges Thema ist auch, wie die in der pädagogischen Praxis Tätigen selbst zu Forschenden werden können.

Ein für die Sozialpädagogik/Soziale Arbeit interessanter Beitrag ist der von Andreas Hanses über „Biographie als Gegenstand von Forschung und Diagnose in der Sozialen Arbeit“ (S. 857–870):

  • Der Autor macht unter Rückgriff auf qualitative Studien deutlich, „wie der Zugang der NutzerInnen zu unterschiedlichen sozialen und gesundheitlichen Dienstleistungen entscheidend durch die biographischen Erfahrungen und Sinnhorizonte bestimmt ist“ (S. 859).
  • Eine ähnliche Bedeutung der Biographie zeigt sich aufseiten der SozialarbeiterInnen: Studien veranschaulichten, „wie stark berufliche Praxis als biographisches Wissen die konkrete Alltagspraxis und Gestaltung der Berufssituation konturiert“ (ebd.).
  • Ferner legt Hanses dar, dass auch Einrichtungen und organisatorische Strukturen durch Einflüsse verändert werden, die an die Biographien der Beteiligten gekoppelt sind oder davon ausgehen.

Biographische Forschung ist über diesen Beitrag hinaus ein im Handbuch sehr präsentes Thema. Entsprechende Beiträge finden sich in fast allen Teilen: ob grundlegend über „Erziehungswissenschaftliche Biograhieforschung“ (Heinz-Hermann Krüger/Ulrike Deppe), ob methodenbezogen (etwa in Verbindung mit dem narrativen Interview), ob auf eine Gattung wie autobiographische Texte bezogen oder auf bestimmte Felder wie das Lernen Erwachsener bis zu innovativen Methoden wie „Narrative Landkarten. Ein Verfahren zur Rekonstruktion aktueller und biographisch erinnerter Lebensräume“ (Imbke Behnken/Jürgen Zinnecker).

Diskussion

Das vorliegende Handbuch hat seinen Anspruch einer umfassenden und detaillierten Einführung weitgehend erfüllt. Es deckt die geläufigen Forschungsverfahren in ihrer Breite ab, auch wenn nicht alle Verzweigungen der aktuellen Forschungspraxis enthalten sind. Wichtig ist auch, dass das Handbuch an vielen Forschungsgegenständen zeigt, wie eine Auswahl qualitativer Methoden erfolgen kann, wie sie, falls nötig, modifiziert oder auch mit anderen Methoden kombiniert werden können.

Sicher stößt man im Handbuch auch auf das eine oder andere randständige Verfahren oder auf Methoden, die mit ganz bestimmten Projekten verknüpft sind, ebenso auf Zugänge, die sich beim aktuellen Stand nur skizzieren lassen. Aber gerade daraus können Anregungen für die Weiterentwicklung von Methoden und produktive Fragestellungen gewonnen werden.

Insgesamt zeigt das Handbuch eine Vielfalt, die auch durch die Überschriften der sieben Teile kaum in eine trennscharfe Ordnung zu bringen ist. Das aber liegt in der Natur der Sache. Hilfreich sind deshalb die Querverweise zwischen den Artikeln, die immer wieder in den Text eingestreut sind.

Man sollte nicht übersehen, dass es auch Differenzen zwischen den AutorInnen gibt, was ihr Grundverständnis qualitativer Forschung betrifft. So kann es schon einmal vorkommen, dass ein dargestelltes Forschungsverfahren von anderen AutorInnen des Handbuchs eher dem deduktiv-nomologischen Paradigma zugeordnet wird – jenem Paradigma also, das weitgehend die quantitative Forschung bestimmt. Indessen ist dies kein Manko des Buches, sondern es spiegelt sich hierin die Forschungsrealität. Es ist vielmehr ein Plus, dass die HerausgeberInnen ihre Auffassung qualitativer Forschung nicht zu eng und nicht zu dogmatisch eingegrenzt haben.

Fazit

Das vorliegende Handbuch ist ein Werk, das die Vielfalt qualitativer Forschung in der Erziehungswissenschaft gut abdeckt, auch wenn er trotz seines beachtlichen Umfangs von 1.000 Seiten nicht alle Verzweigungen der aktuellen Forschungspraxis und allen Gegenstandsfeldern folgen kann. Wer sich über Methodologien und Methoden informieren will, findet hier gute Einstiege. Da viele Beiträge sich auch auf konkrete Projekte beziehen, bietet das Buch überdies vielfältige Anregung für weitere Forschung.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de
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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 14.05.2010 zu: Barbara Friebertshäuser, Antje Langer, Annedore Prengel (Hrsg.): Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Juventa Verlag (Weinheim) 2010. 3., überarbeitete Auflage. 1000 Seiten. ISBN 978-3-7799-0793-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8899.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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