Christine Speth: Akademisierung der Erzieherinnenausbildung?
Christine Speth: Akademisierung der Erzieherinnenausbildung? Beziehung zur Wissenschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 335 Seiten. ISBN 978-3-531-17073-2. 39,90 EUR.
Thema
Christine Speth geht in ihrer Arbeit der Frage nach, ob eine wissenschaftliche Grundlegung der Erzieherinnenausbildung – wie sie in jüngster Zeit vielfach gefordert wird – notwendig ist. Dabei untersucht sie einerseits die veränderten Anforderungen, die das Arbeitsfeld des Erziehers kennzeichnen (werden), und ausgewählte Instrumente der Bologna-Reform andererseits, um Elemente eines künftigen – auch hochschulischen – Qualifikationsprofils zu bestimmen.
Autorin
Als staatlich anerkannte Erzieherin war Christine Speth – auch leitend – im Kindergarten tätig. Nach ihrem Abschluss als Diplom-Sozialpädagogin (FH) an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt absolvierte sie an der Universität Passau ein Magister-Studium in Pädagogik. Als Mitarbeiterin der HRK und später auch als Organisatorin für den Vorstand des deutschen Fachbereichstages Soziale Arbeit hat sie an der Entwicklung und Implementierung des Qualifikationsrahmens Soziale Arbeit mitgewirkt. Derzeit arbeitet Christine Speth als Referentin für Bildungspolitik bei der AUDI AG. Mit der vorliegenden Arbeit promovierte sie 2009 an der Philosophischen Fakultät der Universität Passau.
Aufbau und Inhalt
Der Arbeit ist ein Vorwort von Prof. Dr. Ulrich Bartosch vorangestellt. Einleitend skizziert Christine Speth das Thema und die einzelnen Teile ihrer Arbeit (Kapitel 1).
Den Hauptteil eröffnet die Autorin mit einer „Darstellung der empirischen Elemente“ ihrer Arbeit (S. 20). Hierbei handelt es sich um eine Befragung von Gutachterinnen und Gutachtern von Akkreditierungsverfahren frühpädagogischer Studiengänge in Form standardisierter Fragebögen. Aus den Erfahrungen dieser Personen einen „Kriterienkatalog für die Akkreditierung von Studiengängen im Bereich Frühpädagogik“ zu erstellen, der als „Orientierungsrahmen für die Entwicklung eines neuen Studiengangs und für zukünftige Akkreditierungen als Handreichung dient“, wird als ein Ziel des empirischen Vorhabens ausgewiesen (S. 22).
In Kapitel 3 widmet sich Christine Speth dem „Status quo der Ausbildung von Erzieherinnen“. Die eingehende Betrachtung der „historischen und bisherigen Entwicklungen“ (S. 17) wird dabei als notwendige Grundlage erachtet: die gegenwärtig verschiedenen Berufe im frühpädagogischen Bereich, die derzeitige Ausbildung auf Fachschulebene sowie bestehende Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten werden in den Blick genommen.
In Kapitel 4 liefert die Autorin eine „Defizitanalyse“, in der sie insbesondere auf das „gewandelte Bild von Kindheit, Erziehung und Bildung“ (S. 18), die Auswirkungen der gesellschaftlichen Veränderungen auf das Leben von Kindern und Familien, Rahmenbedingungen von Kindertageseinrichtungen und kurz auch auf Entwicklungen auf internationaler Ebene eingeht. Die veränderten Bedingungen erfordern, so das Fazit der Analyse, „eine Anpassung der Ausbildung“ (S. 18), die in einer Ergänzung der Landschaft durch hochschulische Bildungsgänge – und nicht in der Verdrängung bisheriger Ausbildungsprofile – bestehen sollte (vgl. S. 243).
In Kapitel 5 „Hochschulische Ausbildung im elemantar-/frühpädagogischen Feld“ greift die Autorin berufsfeldtheoretische, kompetenztheoretische und professionstheoretische Ansätze auf, um die Notwendigkeit eines wissenschaftlichen Profils im Arbeitsfeld weiter zu begründen. Im Folgenden illustriert Christine Speth die sich rasch und vielfältig entwickelnde hochschulische Ausbildungslandschaft, indem sie eine Momentaufnahme bestehender Studiengänge liefert, die Zugangsmöglichkeiten, unterschiedliche Konzepte und Modelle sowie angestrebte Kompetenzen thematisiert.
In Kapitel 6 zeigt die Autorin „Chancen für die Frühpädagogik durch den Bologna Prozess“ auf. In einer kurzen Darstellung der „prägnantesten Neuerungen“ des Prozesses (S. 18) werden insbesondere die Modularisierung und das Leistungspunktesystem herausgegriffen, außerdem Verfahren und Kriterien der Akkreditierung sowie das Thema „Employability“. Auf das Instrument der Qualifikationsrahmen, das „die verschiedenen Berufe und Qualifikationen im Bereich der Erziehung und Bildung zusammenführen“ (S. 19) könnte, geht Christine Speth ausführlicher ein: bestehende und in Entwicklung befindliche europäische, nationale und fachliche Qualifikationsrahmen werden behandelt.
Die Autorin schlägt in Kapitel 7 einen Qualifikationsrahmen „Bildung und Erziehung im Lebenslauf“ vor, der an den bereits bestehenden fachlichen Qualifikationsrahmen Soziale Arbeit anschließt und der sich dadurch auszeichnet, dass er die Ebenen der Berufsfach-, Fach- und Hochschulausbildung zueinander in Beziehung setzt. Christine Speth verweist in diesem Zusammenhang auf eine von ihr eingerichtete Diskussionsplattform – den Blog „Qualifikationsrahmen Bildung und Erziehung“ –, auf der die hier vorgestellte „Version 1.0“ weiterentwickelt werden soll.
Mit einem kurzen Ausblick „Akademisierung der Erzieherinnenausbildung?“ (Kapitel 8) beschließt die Autorin ihre Arbeit, die außerdem einen recht umfangreichen Anlagenkatalog umfasst.
Diskussion
Die Autorin spannt in ihrer Arbeit einen weiten Bogen, indem sie zahlreiche Facetten der Frage nach angemessenen (Aus-)Bildungsgängen frühpädagogischer Fachkräfte behandelt. Damit ermöglicht sie es Leserinnen und Lesern, sich einen Überblick über verschiedenartige Bereiche des Themas zu verschaffen und liefert eine Fülle an Datenmaterial und relevanten Hinweisen zu fachwissenschaftlichen und politischen Positionen.
Gerade angesichts einer solch breit angelegten Studie wünschte man sich allerdings, dass die Autorin den Leser besser durch den Text führt. Der Gesamtzusammenhang der Arbeit bleibt streckenweise unklar, da die einzelnen Unterkapitel nur knapp aufeinander bezogen bzw. auf die Hauptfragestellung zurückgeführt werden. Auch innerhalb kleinerer Textabschnitte ist die Argumentation nicht immer überzeugend, was unter anderem daran liegt, dass zumindest passagenweise viel mit direkten Literaturzitaten und kurzen Verweisen gearbeitet wird, die teilweise nur lose in eigene Begründungszusammenhänge eingebettet werden. Dieses Vorgehen hinterlässt zuweilen den Eindruck, dass zwar sehr viele wichtige Themenbereiche und Fragestellungen angesprochen werden, so manches aber an der Oberfläche bleibt (vgl. etwa Kapitel 4.1 ff., 4.5 f. und 5.1.3). Lesefluss und -freude werden durch etliche sprachliche Fehler leider immer wieder beeinträchtigt.
Positiv hervorzuheben ist, dass sich Christine Speth nicht auf die Darstellung, Analyse und Einordnung von Literatur und Materialien beschränkt, sondern auch eine eigene empirische Untersuchung im noch jungen Feld der Akkreditierung vorstellt. Weshalb die Ausführungen zu Konzeption und Durchführung dieser Befragung recht unvermittelt an den Beginn des Hauptteils gestellt werden, bleibt allerdings unklar. Ergebnisse der Untersuchung werden in den Kapiteln 5 und 6 eingearbeitet; auf die in Kapitel 1 formulierten Ziele geht die Autorin nicht mehr ausführlicher ein.
Als innovativer fachlicher Beitrag ist Christine Speths Vorschlag eines Qualifikationsrahmens „Bildung und Erziehung im Lebenslauf“ zu werten, der an bestehende Rahmen anknüpft und unterschiedliche Ausbildungsniveaus miteinander in Beziehung setzt. Hilfreich könnte der fachliche Rahmen etwa sein, um sich – bei allen föderalen Besonderheiten und Spezifika der Ausbildungsgänge – über die Schnittmengen gleichwertiger Teile zu verständigen. Auch im Zusammenhang der Anerkennung von Fort- und Weiterbildungsinhalten und informell erworbener Kompetenzen, die bislang in der deutschen (Aus-)Bildungslandschaft ein Schattendasein führen, könnte (auch) dieser Qualifikationsrahmen seine Leistungsfähigkeit erweisen und zu einer weiteren Verzahnung der Angebote, und damit zu mehr Durchlässigkeit und Anschlussfähigkeit beitragen.
Fazit
Auch wenn die Arbeit hinsichtlich Aufbau und Argumentation nicht durchweg überzeugt: Sie bietet einen guten Einblick in das breite Themenspektrum angemessener (Aus-)Bildungsgänge frühpädagogischer Fachkräfte. Insbesondere dem Vorschlag des fachlichen Qualifikationsrahmens „Bildung und Erziehung im Lebenslauf“ ist zu wünschen, dass er in der Fachdiskussion wahrgenommen wird.
Rezensentin
Dr. Andrea Thimm
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Zitiervorschlag
Andrea Thimm. Rezension vom 05.05.2010 zu: Christine Speth: Akademisierung der Erzieherinnenausbildung? VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 335 Seiten. ISBN 978-3-531-17073-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8900.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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