Marcus Sommerey: Die Jugendkultur der Ultras

Cover Marcus Sommerey: Die Jugendkultur der Ultras. Zur Entstehung einer neuen Generation von Fußballfans. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2010. 149 Seiten. ISBN 978-3-8382-0051-4. 24,90 EUR.

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Entstehungshintergrund und Autor

Das Buch basiert auf einer sozialwissenschaftlichen Diplom-Arbeit an der Universität Duisburg-Essen. Der Autor, 1980 in Mülheim an der Ruhr geboren, ist in der Jugendberufshilfe tätig.

Erkenntnisinteresse

Das Buch versucht zweierlei:

  1. die „Genese einer neuen Jugendkultur“, der „Ultras“, nachzuzeichnen;
  2. eine systematische „Szenen-Ethnografie“ der Ultras zu leisten.

Es empfiehlt sich, die Lektüre des Buches mit den letzten Textseiten, S. 146 und 147, zu beginnen. Dort ist das „Ultramanifest“ abgedruckt; es bringt die Ideologie der Ultras klar zum Ausdruck, die Züge eines progressiven Wertkonservativismus trägt.

Kinder der Deregulierung

Ultras sind, soziologisch betrachtet, Kinder der kapitalistischen Individualisierungs- und Risikogesellschaft, zu deren Merkmalen die Durchkapitalisierung aller Lebensbereiche gehört, auch der des Fußballs. Ultras sind mehr eine „Szene“ denn eine „Subkultur“. Der Jugendliche und Postadoleszente unserer Zeit gehört überhaupt weniger einer eindeutig definierten „Kultur“ an, sondern fühlt sich mehreren „Szenen“, d. h. „Welten für sich“ zugehörig, die sich durch je eigene Stile und Codes unterscheiden. „So ist man beispielsweise am Montag als Skater in der Halfpipe unterwegs, spielt am Mittwoch auf der LAN-Party Computerspiele, geht freitags in die Techno-Disco und am Samstag … als Ultra ins Stadion.“ (S. 14)

FANomenolgie

Seit Wilhelm Heitmeyers und Jörg-Ingo Peters Studie „Jugendliche Fußballfans“ von 1988 unterscheidet man drei Kategorien von Fußballfans:

  1. die konsumorientierten Fans, die sportliche Leistungen bestaunen möchten und sagen: „Der Bessere soll gewinnen!“
  2. die fußballzentrierten Fans, die ihrem Verein die ewige Treue geschworen haben und nur eines wollen: dass ihr Verein gewinnt.
  3. die erlebnisorientierten Fans, die „action“ suchen und im Umkreis des Massenversammlungsortes „Stadion“ stets dort zu finden sind, „wo etwas los ist“.

„Hooligans“ sind nach dieser Unterscheidung erlebnisorientierte Extremisten, die den „Kick“ der körperlichen Auseinandersetzung suchen. Die Ultras stehen dazwischen; sie sind fußballzentriert und „gewaltgeneigt“, wie die Polizei sagt, aber nicht die Gewalt suchend. Wenn Ultras zum Mittel der Gewalt greifen, so ihr Selbstverständnis in Deutschland, dann nur in der Form von Gegengewalt als Antwort auf erlittene Repressionen. Dann werden Ultras zu „Hooltras“, wie Fan-Forscher Gunter Pilz vorschlägt, aber nicht zu Hooligans. – Feine Unterschiede!

Herkunft

Der Ursprung des Begriffs Ultra ist nicht eindeutig festzulegen: Wahrscheinlich geht er auf wütende Anhänger des AC Turino in den mittsechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zurück, die nach einer 2:3-Nierderlage ihres Verein die Schuld dem Schiedsrichter gaben und ihn bis zum Flughafen weit außerhalb Turins verfolgten. Die Presse bezeichnet das Verhalten als „ultrà“, also extrem. (vgl. S. 53f)

Die Ultras in Italien entwickelten sich in der Folge zu berserkerhaften Stadion-Vandalen. Nur einige spektakuläre Exzesse: Man schaffte es irgendwie, einen Motorroller in die Arena zu schmuggeln, zündete ihn an und warf ihn aus dem Oberrang in den Unterrang; man setzte Fan-Sonderzüge der Bahn in Brand; man bewarf gegnerische Spieler mit Schweineköpfen und bekämpfte gegnerische Fans im Stadion mit Leuchtspurmunition.

Deutsche Ableger

Die ersten Ultras in Deutschland waren 1986 die „Fortuna Eagles“ rund um den Zweitligaverein Fortuna Köln. Ultras in Deutschland sind vornehmlich männliche Jugendliche zwischen 15 und 25; 80% von ihnen haben einen höheren Schulabschluss. Anders als bei anderen Fangruppierungen, haben auch Frauen eine Chance. Die „Girls United“ melden sich aus Düsseldorf und die „Suppenhühner“ aus Oberhausen. Die deutschen Ultras geben sich „unpolitisch“, jedoch sind linke wie rechte Tendenzen bei ihnen zu finden. Die deutschen Ultras geben sich „gewaltlos“, jedoch lassen sie sich „nicht alles gefallen“.

Ultras bereichern die Anfeuerungskultur

Ultras kultivieren in den Fußballstadien neue Formen der Unterstützung ihrer Mannschaft. Das ist ihre eigentliche innovative Leistung. Über Jahrzehnte war es üblich, dass das Publikum sich spontan und sporadisch, angeregt durch Szenen auf dem Spielfeld, lautstark äußerte. Der Support der Ultras ist anders. Die Anfeuerung hält das ganze Spiel über an und ist unabhängig vom Spielverlauf. Einstudierte Arm-, Klatsch- und Schal-Choreografien, einstudiertes Singen, Hüpfen und Fahnenschwenken, alles dirigiert von einem megaphonbewehrten „Capo“ (Vorsänger), gehören zur „Supportershow“ der Ultras, die in ihrer Lebhaftigkeit nicht selten das Geschehen auf dem Spielfeld weit übertrifft.

„Bengalos“ und „Pyros“, pyrotechnische Tricks, obwohl untersagt, sorgen obendrein für eine „knisternde Stimmung“. – Die Ultras haben es geschafft, ihre Kurve zu einem Theater mit eigenem Repertoire zu machen.

Ultras sind narzisstische Fans

Ultras haben einen starken Hang zur Selbstprofilierung. Sie stellen nicht den Verein und die Spieler, von denen sie sich oft im Stich gelassen fühlen, in den Mittelpunkt, sondern sich selbst: „Wir sind die Hauptsache! Wir sind das Spiel und der Verein!“ (S. 63) Sie erklären: „Ultra ist für uns eine Geisteshaltung… Wir verstehen uns nicht als bloße in sich hinein konsumierende Masse… Ganz im Gegenteil! Wir sind kritische und vor allem mündige Menschen, denen niemand das Anprangern herrschender Missstände verbieten kann… Wir sind eine Gruppe, die noch Werte hat und auf diese achtet, während in der heutigen Gesellschaft Schlagwörter wie Freundschaft, Treue und Ehrlichkeit von Wörtern wie Gewinnoptimierung und Effizienz verdrängt werden.“ (S. 64f) Wie viele jugendliche Protestkulturen, so definieren auch die Ultras ihre Ziele über die Negation: „Wir folgen nicht blind. Nicht den Medien, die in uns als Feindbild Nummer eins und diejenigen sehen, die die grenzenlose Fußballparty stören. Nicht den Verbänden, die uns mit willkürlichen Anstoßzeiten außen vor lassen wollen. Nicht den Ordnungskräften, die uns durch Verbote und Repressionen mundtot machen wollen. Und nicht mal unserem eigenen Verein, der durch hohe Eintrittspreise Sozialschwächere ausgrenzt…“ (S. 67)

Ultras sind die erste Fan-Generation des Internet-Zeitalters

Das World Wide Web ist das Leitmedium der Ultras. Auf zumeist sehr professionellen Homepages findet eine Art Selbstmediatisierung statt. (vgl. S. 87f) „Im andauernden Wettkampf um den Status der besten Fans sind die Webseiten längst zur virtuellen Arena geworden, in der sich jede Gruppe…als besonders authentisch, engagiert, humorvoll, kreativ…präsentiert. Downloads, Fotos, Video- und Audiosequenzen eigener Aktionen zählen ebenso zu den Site-Spezifika wie das Angebot eigener Fanartikel.“ (S.88)

Schluss

Zum Ende hin stellt das Buch in Stichworten die Ultraszene in 10 Ländern vor und spricht die Ultras vom Verdacht frei, wegen ihrer angeblichen Gewaltbereitschaft ein erhebliches Sicherheitsproblem zu sein. – Nun ja, das sind auch die Hooligans nicht, allein schon zahlenmäßig: zwischen 800 und 1800 registrierte Personen unter 82 Millionen!

Lassen wir den Autor sein doch recht naives Fazit selbst formulieren: „Das Schönste und Wichtigste, finde ich, dass wir es hier mit Jugendlichen zu tun haben, die fest an etwas glauben, was ihnen richtig und wichtig erscheint, dafür einstehen und kämpfen. Und dies zum größten Teil friedlich.“ (S. 130)


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 10.02.2010 zu: Marcus Sommerey: Die Jugendkultur der Ultras. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2010. 149 Seiten. ISBN 978-3-8382-0051-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8923.php, Datum des Zugriffs 24.04.2014.


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