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Ina Praetorius: Weit über Gleichberechtigung hinaus

Cover Ina Praetorius: Weit über Gleichberechtigung hinaus .... Das Wissen der Frauenbewegung fruchtbar machen. Christel Göttert Verlag (Rüsselsheim) 2009. 75 Seiten. ISBN 978-3-939623-18-2. 5,00 EUR.
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Entstehungshintergrund und Anspruch

Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich um einen Essay, in dem versucht wird, über bestimmte von der Autorin als zentral erachtete Ansätze der Frauenbewegung zu reflektieren. Der Autorin geht es um die Kritik an einer Reduktion der Frauenbewegung bzw. der Reduktion feministischer Forderungen auf eine Gleichstellungsperspektive. Mit Gleichstellungsperspektive sind tagespolitisch aktuelle Formen der Gleichstellungspolitik gemeint und zugleich die dieser zumindest nach Meinung der Autorin zugrunde liegende Vorstellung einer Angleichung von prinzipiell unterschiedlichen Geschlechtern. Preaetorius regt ein Umdenken an, das auf einen umfassenden gesellschaftlichen Wandel zielt. Für diesen ist ihrer Meinung nach die Geschlechterperspektive bzw. eigentlich eine eigenständige Frauenperspektive zentral.

Autorin

Die Autorin Ina Praetorius ist Germanistin und evangelische Theologin und lebt als freie Autorin und Referentin in der Schweiz.

Aufbau und Inhalt

Der kurze Essay ist in einzelne Teile unterteilt, die den Fortgang der Gedankengänge anzeigen, aber keine eigenen Kapitel darstellen.

Gleich zu Beginn stellt Praetorius dar, „dass Gleichberechtigung kein Ziel an sich ist, sondern Mittel zum Zweck“ (S. 5). Sie hebt die historische Bedeutung einer Gleichberechtigungsperspektive hervor, geht aber schnell dazu über, Gleichberechtigung als eine vorübergehende Etappe zu bezeichnen, da letztlich Differenz und Vielfalt relevant sind. Eigentlich, so Praetorius, bestehe das Ziel der Frauenbewegung darin, bestehe also die „eigentliche“ Perspektive darin, das persönliche Wohlergehen von Frauen zu sichern, das zugleich auch ein gesellschaftliches Wohlergehen darstelle. In einem kursorischen Durchgang geht Praetorius danach verschiedenen Etappen des Denkens der Frauenbewegung durch, um diese festzuhalten oder sich kritisch von bestimmten Phasen abzugrenzen. Praetorius geht auf Hedwig Dohm ein, auf Hannah Arendt, Luce Irigaray, Carol Gilligan und Evelyn Fox-Keller. Damit rezipiert sie Traditionen in der feministischen Theorieentwicklung, in der die Frage einer Differenz der Geschlechter stets neu gestellt und für die Theorieentwicklung fruchtbar gemacht haben. Dabei handelt es sich um sehr unterschiedliche Zugänge zu der Frage der Geschlechterdifferenz, was diese Theoretikerinnen in der Darstellung Praetorius allerdings eint, ist eine Kritik an Angleichungsperspektiven bzw. am Messen der Erfahrungen und Praktiken von Frauen an einer als männlich konnotiert kritisierbaren Allgemeinheit. Im Rekurs auf diese Denkerinnen möchte Praetorius vergangenes Wissen wiederbeleben,

Diskussion

Der vorliegende Essay ist trotz seiner Prägnanz theoretisch und praktisch zweifelhaft. Zwar ist der Gedankengang, eine Kritik an einer beschränkten formalen Gleichberechtigungsperspektive zu leisten und den Schatz feministischer Theoriebildung zu heben, ausgesprochen legitim. Auch ist der Autorin voll zuzustimmen, wenn sie sagt, dass Feminismus mehr sei als Gleichberechtigung und dass es um eine umfassende Umgestaltung von Gesellschaft und Kultur gehe. Praetorius Anliegen, eine Kritik an einer verkürzten Gleichstellungsperspektive zu leisten, ist auch grundsätzlich möglich, aber die Argumentationsweisen in dem Essay sind weder wissenschaftlich noch logisch. Praetorius entfaltet ihre Gedanken undifferenziert: Sie verbindet zum Einen völlig verschiedene Differenzdenkerinnens. Sie stellt also solche Autorinnen, die quasi nach einer metaphysischen Analyse die Dominanz EINES Geschlechts als dem einzigen kritisieren wie Luce Irigaray in eine Linie mit ausgesprochen differenziert und empirisch arbeitenden Wissenschaftlerinnen wie Gilligan oder Fox-Keller. Ansätze der sozialen Konstruktion von Geschlecht oder des Zweifels an der Existenz einer kulturübergreifenden Zweigeschlechtlichkeit werden bei Praetorius gar nicht dargestellt. Die Autorin unterstellt auch mit vielen Formulierungen eine einheitliche Linie „frauenbewegt“ „feminstisch“ oder „weiblich“.

Fazit

Trotz der benannten Schwächen gibt das Büchlein einen gut lesbaren Einblick in eine Position der Theoriebildung in der Frauenbewegung.


Rezensentin
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla


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Zitiervorschlag
Nausikaa Schirilla. Rezension vom 20.12.2010 zu: Ina Praetorius: Weit über Gleichberechtigung hinaus .... Das Wissen der Frauenbewegung fruchtbar machen. Christel Göttert Verlag (Rüsselsheim) 2009. ISBN 978-3-939623-18-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8934.php, Datum des Zugriffs 29.06.2016.


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