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Bertelsmann-Stiftung (Hrsg.): Demokratie und Integration in Deutschland

Cover Bertelsmann-Stiftung (Hrsg.): Demokratie und Integration in Deutschland. Politische Führung und Partizipation aus Sicht von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Verlag Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) 2009. 184 Seiten. ISBN 978-3-86793-041-3. 23,00 EUR, CH: 40,60 sFr.

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Thema und Entstehungshintergrund

Die Gesellschaft der Bundesrepublik ist seit einem halben Jahrhundert wesentlich durch Einwanderung geprägt. Doch erst mit dem Inkrafttreten des neuen Zuwanderungsgesetzes Anfang 2005 gilt Deutschland nun auch rechtlich als ein Einwanderungsland. Ungeachtet der späten Einsicht der Politik stellten sich immer wieder viele Fragen um die „Demokratie und Integration in Deutschland“, sei es um die politische Beteiligung der Menschen mit Migrationshintergrund (z.B. kommunales Ausländerwahlrecht für Nicht-EU-Bürger und/oder Doppel-Staatsbürgerschaft) oder um die Teilhabe und Bildung als Schlüssel für die Akzeptanz der Demokratie.

Das von der Bertelsmann-Stiftung im Superwahljahr 2009 herausgegebene Buch „Demokratie und Integration in Deutschland“ untersucht die politische Partizipation von Bürgerinnen und Bürgern mit und ohne Migrationshintergrund. Die Bertelsmann-Stiftung hat 2008 die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen beauftragt, eine repräsentative Bevölkerungsumfrage durchzuführen und aktuelle Antworten zu suchen auf Fragen wie:

  • Wie steht es jenseits von Wahlen und Parteipolitik um die politische Beteiligung in Deutschland?
  • Vertraut die Bevölkerung dem demokratischen System und seinen Repräsentanten?
  • Wie ausgeprägt sind die demokratischen Haltungen bei Menschen mit und ohne Migrationshintergrund?
  • Wie bewerten sie den Stand der Integration und damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt?
  • Wie stark interessieren und engagieren sie sich für Politik? (S. 7-8)

Insgesamt wurden in der Zeit vom 17.11. bis zum 02.12.2008 2.002 zufällig ausgewählte deutschsprachige Bürger/innen im Alter ab 18 Jahren von 167 Interviewern telefonisch befragt.

Da die Forschungsgruppe Wahlen bereits 2004 für die Bertelsmann-Stiftung eine ähnliche Studie zur politischen Partizipation durchgeführt hatte, sollen „Politbarometer-Zeitreihen \. Veränderungen in den politischen Einstellungen und Beteiligungsmentalitäten der Bevölkerung“ zeigen (rückwärtiges Deckblatt).

Aufbau und Inhalt

Neben dem Vorwort der Programmleitung bei der Bertelsmann-Stiftung (Ulrich Kober und Dr. Kirsten Witte) enthält das Buch fünf Beiträge, wobei der erste davon einzig nicht von den Mitarbeitern/innen der Bertelsmann-Stiftung verfasst ist und sich mit rund 120 Seiten von den anderen rund 10-seitigen Beiträgen besonders abhebt.

Der erste Beitrag ist von Bernhard Kornelius von der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen verfasst und trägt den langen Titel des Buches mit folgender Ergänzung: Ergebnisse einer repräsentativen Befragung in Deutschland. Diese werden mit 130 Abbildungen (vorwiegend Balkendiagrammen) vorgestellt und kommentiert. Der Artikel gliedert sich in sechs Kapitel. In der Einleitung wird zunächst das Konzept skizziert und dann werden die Befragungsergebnisse zusammengefasst. Während das letzte Kapitel „methodisch-statistische Anmerkungen“ enthält, handeln die anderen Kapitel von „Demokratie und politische(m) System“, „Politische Führung“, „Politische Partizipation“ sowie „Migration und Integration“.

Im zweiten Beitrag von Ulrich Kober geht es um Demokratieorientierung und Partizipationspotenziale von Zuwanderern. Hierbei werden die Einstellungen der Migranten/innen zu den im Titel genannten Themen aufgegriffen und näher betrachtet.

Mehr als nur Geschichte - Demokratieverständnis in den neuen und alten Ländern lautet der Titel des dritten Betrags von Carina Schnirch. Die auch noch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung laut Umfrageergebnisse vorhandenen deutlichen Unterschiede zwischen „Ossis und Wessis“ ii Bezug auf das Demokratieverständnis stehen hierbei im Mittelpunkt der Betrachtungen der Autorin.

Anke Knopp befasst sich in ihrem Beitrag „Demokratie ist nichts ohne Demokraten“ mit den Aspekten der Demokratiekompetenz und Bildungsabschlüssen der befragten jungen Menschen.

Demokratie braucht Führung! Politische Führungskompetenzen und -stile im Spiegel der Umfrageergebnisse lautet der Titel des letzten Beitrages. Andreas Osner beschäftigt sich dabei ausgehend von der These „Lebendige Demokratie braucht gute Führung“ (S. 167) mit der Frage, welche Führungsnotwendigkeiten gewählte Mandatsträger/innen benötigen, um die vielfältigen Formen der Demokratie lebendig zu gestalten.

Diskussion

Da insbesondere die befragte Gruppe der deutschsprachigen Ausländer als Grundgesamtheit aufgrund der nicht angegebenen Sollwerte in der amtlichen Statistik nicht klar abgrenzbar ist, gilt die Repräsentativität einer solchen Studie zumindest für diese Gruppe als eingeschränkt zu betrachten. Die Mannheimer Forschungsgruppe ist sich dessen bewusst und thematisiert entsprechend die Vertrauensbereiche (S. 129-130). Trotz dieser Einschränkung liefert die Befragung meiner Meinung nach einige besonders interessante Ergebnisse: 89 % der Menschen in Deutschland fühlen sich (sehr) wohl (S. 17). Die Einheimischen, Menschen mit Migrationshintergrund und deutschsprachige Ausländer in Deutschland halten gleichermaßen die Demokratie für die beste Staatsform. Skeptischer sind die Befragten allerdings über das Funktionieren der Demokratie in Deutschland. 45 % – in Ostdeutschland sogar 58 % – sehen dies eher kritisch. Dass bei Menschen mit Migrationsgeschichte die Unzufriedenheit zunimmt, je länger sie in Deutschland leben, muss der Politik besonders zu Bedenken geben. Zuwanderer/innen, die ein Drittel ihres Lebens in Deutschland verbracht haben, sind noch zu 76 % mit dem Funktionieren der deutschen Demokratie zufrieden, während es nur noch 48 % bei denen sind, die mehr als zwei Drittel ihrer Lebensjahre in Deutschland verbracht haben (vgl. S. 37 und 133). Der Aussagewert dieser Daten ist diskussionswürdig: Ist das ein Hinweis auf einen Prozess der Angleichung der Migranten an die einheimische Bevölkerung? Integrationstheoretisch spricht einiges dafür. Doch eine adäquate Antwort darauf erfordert Daten von Längsschnittstudien, die aber nicht vorhanden sind. Das Letztere gilt ebenso für die Frage, ob dies ein Hinweis auf einen Prozess der Enttäuschung ist, ob eine anfängliche Zufriedenheit der Zuwanderer/innen für die deutsche Demokratie mit zunehmender Aufenthaltsdauer nachgelassen hat. Da die Aufenthaltsdauer auch die unterschiedlichen Migranten-Generationen betrifft, könnte dieses Ergebnis auch darauf hinweisen, dass die erste Migrantengeneration das Funktionieren der deutschen Demokratie schlechter bewertet als die zweite und/oder dritte Generation.

Ein weiteres Ergebnis, das ich herausgreifen möchte, betrifft die Gruppe der Befragten unter 34 Jahren unter dem Aspekt ihrer Bildungsabschlüsse: 46 % derjenigen unter ihnen mit Hauptschulabschluss sind unzufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie in Deutschland, bei Menschen dieser Altersgruppe mit Hochschulreife sind es hingegen 29 %. Auch die Akzeptanz der Demokratie als Staatsform ist bei jungen Hauptschulabsolventen mit 70 % deutlich geringer als bei denen mit Hochschulreife (90 %) (S. 156 und 158).

Diese letzten Zahlen verdeutlichen, wie wichtig Teilhabe und Bildung für die Akzeptanz der Demokratie sind und demzufolge es die Aufgabe der Politik sein muss, allen in Deutschland lebenden Menschen unabhängig von ihrer Herkunft gleiche Chancen auf gute Bildung zu bieten und ihnen demokratische Beteiligung zu ermöglichen.

Fazit

Mit vielen Zahlen und Abbildungen, gut lesbarem und treffend kommentierendem Text gibt das Buch einen Einblick in die Vorstellungen der Menschen zur Demokratie und Integration in Deutschland. So kann man wünschen, dass die vorgestellten Ergebnisse nicht nur von interessierten Politik- bzw. Sozialwissenschaftler/innen gelesen werden, sondern auch von Politiker/innen, um daraus adäquate Konsequenzen für ihren politischen Führungsstil sowie für ihre v.a. die Partizipation betreffenden Entscheidungen zu ziehen.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/goegercin.html
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 03.03.2010 zu: Bertelsmann-Stiftung (Hrsg.): Demokratie und Integration in Deutschland. Verlag Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) 2009. 184 Seiten. ISBN 978-3-86793-041-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8942.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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