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Martina Sauer, Dirk Halm (Hrsg.): Erfolge und Defizite der Integration türkeistämmiger Einwanderer

Martina Sauer, Dirk Halm (Hrsg.): Erfolge und Defizite der Integration türkeistämmiger Einwanderer. Entwicklung der Lebenssituation 1999 bis 2008. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 183 Seiten. ISBN 978-3-531-16691-9. 29,90 EUR.

Thema und Entstehungshintergrund

In vielen nordrheinwestfälischen Städten stammen 40 bis 50 Prozent der Kinder aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte. Die Menschen aus der Türkei bilden mit etwa einer Million Personen unter den Menschen mit Migrationshintergrund in Nordrhein-Westfalen die größte Gruppe, damit leben dort deutschlandweit zugleich die meisten der rund 2,9 Millionen Türkeistämmigen.

Um die Situation der Integration dieser Menschen zu ermitteln, begann die Stiftung Zentrum für Türkeistudien bereits im Jahre 1999 jährlich eine repräsentative Mehrthemenbefragung der türkeistämmigen Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen (NRW) im Auftrag des Integrationsministeriums des Landes NRW durchzuführen und legt nun mit dem vorliegenden Buch die Dokumentation der Ergebnisse dieser Befragungen vor, die telefonisch zweisprachig unter jeweils 1.000 volljährigen aus der Türkei stammenden Männern und Frauen in Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurden. Zusätzlich zu den Befragungen in NRW wurde im zehnten Projektjahr 2008 zeitgleich und mit dem gleichen Erhebungsinstrument eine repräsentative Befragung mit 1.000 Personen in den anderen 15 deutschen Bundesländern durchgeführt, um zu untersuchen, ob und inwieweit sich die türkeistämmigen Zugewanderten in NRW von denen im Bundesgebiet unterscheiden. In jeder der bisherigen Befragungen wurde ein bestimmter Themenschwerpunkt gewählt. Das Schwerpunktthema in diesem Jahr war „Medien und Integration“.

Durch diese Untersuchungen erfolgt nun nicht nur eine aktuelle Bestandsaufnahme der vielfältigen Lebenssituation von Personen mit türkischem Migrationshintergrund, sondern darüber hinaus auch das Aufzeigen von Veränderungen im Laufe der Jahre.

Autoren

Dr. Martina Sauer und PD Dr. Dirk Halm sind wissenschaftliche Mitarbeiter der Stiftung Zentrum für Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen.

Aufbau und Inhalt

Neben dem Vorwort und dem Literaturverzeichnis besteht das Buch aus vier Kapiteln, wobei das dritte Kapitel, das die Ergebnisse der Untersuchungen enthält, mit rund 90 Seiten den Hauptteil ausmacht.

In dem Vorwort greift Integrationsminister Armin Raschet insbesondere die Schlüsselergebnisse der Untersuchung für die Integrationspolitik des Landes NRW auf und kommentiert sie.

Das erste Kapitel enthält knappe 1 ½ - seitige Ausführungen der Autoren “zu diesem Band“.

Im zweiten Kapitel geht es um die Theorie und Empirie der Einwandererintegration. Hierbei werden die relevanten Integrationstheorien seit den 1920/1930er Jahren umrissen, der Verlauf der Integrationsdebatte in Deutschland kurz geschildert und am Ende die Mehrthemenbefragung skizziert.

Die Lebenssituation türkeistämmiger Einwanderer in Deutschland heißt der Titel der Ausführungen im drittel Kapitel. In sechs Teilen werden hierbei die Befragungsergebnisse anhand von 51 Abbildungen und 23 Tabellen vorgestellt. Einige davon werden nachfolgend skizziert:

  • Soziodemographische Merkmale und Religiosität: Die demographischen Merkmale der erwachsenen Türkeistämmigen in NRW und in Deutschland weichen von denen der einheimischen Bevölkerung aufgrund der Migrationsgeschichte deutlich ab. Die Türkeistämmigen haben geringeres Durchschnittsalter, der Anteil der Jüngeren ist höher, der Anteil älterer geringer, wobei er stetig wächst. Auch wegen der Alterszusammensetzung ist deren Einbindung in familiäre Bezüge höher: Der Anteil der Verheirateten liegt bei knapp 80%, die Haushalte sind größer und die Kinderzahl höher. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liegt bei 25 Jahren. Rund ein Viertel der Erwachsenen ist in Deutschland geboren. Knapp 20% der Erwachsenen sind der ersten Generation und rund die Hälfte der Nachfolgegeneration (also in Deutschland geboren oder aufgewachsen) zuzurechnen. Gut ein Viertel sind Heiratsmigranten der Nachfolgegeneration. Zwischen den Befragten in NRW und in Deutschland bestehen bei den demographischen Merkmalen keine wesentlichen Unterschiede. Seit 2003 hat sich der Anteil derer, die sich als eher oder sehr religiös definieren, bei rund drei Vierteln eingependelt, nachdem die Religiosität im Jahr 2003 deutlich zugenommen hatte. Es gibt dabei in NRW keine signifikanten Altersgruppenunterschiede, während deutschlandweit junge Migranten noch häufiger religiös sind als in NRW.
  • Kognitive Integration – Sprache, Schule, Beruf: Knapp die Hälfte der erwachsenen türkeistämmigen Migranten hat die Schule in Deutschland beendet und gilt somit als Bildungsinländer. Insgesamt ist das Bildungsniveau relativ niedrig. Gut ein Viertel verfügt über keinen qualifizierenden Schulabschluss. Unter denjenigen, die die Schule in der Türkei absolvierten, liegt dieser Anteil bei fast der Hälfte, bei Bildungsinländern ist es fast jeder Zehnte. Die jüngeren Migranten verfügen zwar über ein deutlich höheres Niveau als die älteren, das Bildungsniveau nimmt jedoch auch unter den Bildungsinländern nur sehr langsam zu. In der ältesten Gruppe weisen zwei Drittel der Migranten keinen Schulabschluss auf. Bei den unter-30-Jährigen sind es 6%. Von dieser Altersgruppe haben 17% das deutsche Abitur. Unter den Bildungsinländern verfügt rund 20% der unter 30-Jährigen über einen Hauptschulabschluss, ein Drittel über einen Realschulabschluss und knapp 25% über das Abitur. In NRW ist das Bildungsniveau der Jüngeren bzw. der Bildungsinländer etwas höher als bundesweit.
    Mehr als die Hälfte der Türkeistämmigen verfügt nicht über eine berufliche Ausbildung, auch bei der Altersgruppe unter 30 Jahren liegt dieser Anteil bei gut einem Viertel in NRW und bei einem Drittel deutschlandweit. Indes steigt der Anteil derjenigen mit Ausbildung über die Zeit leicht an. Deutschlandweit ist der Anteil ohne Berufsausbildung noch etwas höher als in NRW, dies gilt auch für die jüngste Gruppe.
    Rund die Hälfte der Befragten verfügt nach eigenen Angaben über sehr gute und gute Deutschkenntnisse. Im Zeitvergleich zeigt sich eine Zunahme sowohl bei den guten als auch bei den schlechten Deutschkenntnissen. Bei jüngeren und höher gebildeten Türkeistämmigen ist der Anteil mit guten Deutschkenntnissen deutlich höher.
  • Strukturelle Integration – Beruf, Einkommen, Wohnen, Einschätzung der wirtschaftlichen Lage: Im Zeitvergleich ist der Anteil der erwerbstätigen Türkeistämmigen zwar gesunken, dennoch hat der Anteil der Arbeitslosen leicht ab- und der der Rentner zugenommen. Knapp die Hälfte der Befragten ging zum Befragungszeitpunkt einer Erwerbstätigkeit nach, deutschlandweit liegt dieser Anteil etwas höher als in NRW. Der Erwerbstätigenanteil unter Frauen ist mit rund einem Drittel gering. Unter den Türkeistämmigen sind sehr viel mehr an- und ungelernte Arbeiter/innen (rund die Hälfte der Erwerbstätigen) und mit rund einem Fünftel sehr viel weniger Angestellte als in der deutschen Bevölkerung. Dabei fällt auf, dass sich hier nur leichte Verschiebungen in den jüngeren Altersgruppen zeigen; diese sind etwas seltener als Arbeiter und etwas häufiger als Angestellte tätig.
    Trotz langsam steigender Tendenz ist das Haushaltseinkommen mit rund 2.000 € monatlich weiterhin deutlich geringer als das der deutschen Haushalte, und dies bei einer fast doppelt so hohen Anzahl der Personen in den Haushalten. Deutschlandweit liegt es geringfügig höher als in NRW, was wohl auf die höhere Erwerbstätigenquote zurückzuführen ist. Was das Armutsrisiko betrifft, so sind 40% der türkischen Haushalte in NRW und 34% der türkischen Haushalte bundesweit von Armutsrisiko bedroht. Damit ist es fast doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Ihre wirtschaftliche Lage ist trotz leichter Verbesserung seit 2006 schlecht: Nur jeder Zehnte sieht die allgemeine und jeder Fünfte die eigene wirtschaftliche Situation positiv.
  • Identifikative Integration: 60% der Türkeistämmigen in Deutschland wie in NRW lassen hinsichtlich der Rückkehrabsicht, Heimatverbundenheit, Staatsbürgerschaft und Einbürgerungsabsicht eine Mischidentität erkennen. Eindeutig auf die Türkei orientiert sind in NRW nur 12%, deutschlandweit 17%, eine eindeutige Orientierung auf Deutschland findet sich bei rund 25%. Dabei ist die Orientierung Richtung Deutschland in NRW noch etwas stärker ausgeprägt als deutschlandweit. 58% in NRW und 54% deutschlandweit fühlen sich mindestens auch mit Deutschland heimatlich verbunden. Allerdings hat die Rückkehrabsicht im Zeitvergleich eher zugenommen, die Verbundenheit mit Deutschland hat zunächst abgenommen, steigt aber seit 2005 wieder etwas an.
    Was die Mediennutzung betrifft (wird als Exkurs in diesem Teil behandelt), so sind die Türkeistämmigen medial bikulturell. Denn deren weit überwiegende Mehrheit nutzt sowohl deutsche als auch türkische Medien (90% in NRW und 88% deutschlandweit). Allerdings hat die Nutzung nur türkischer Medien in den letzten Jahren in NRW leicht zugenommen, dennoch liegt der Anteil derjenigen, die nur türkische Medien nutzen, in NRW geringfügig unter dem Anteil in Deutschland.
  • Gesellschaftliche Integration: Mehr als 90% der Migranten haben Kontakte zu Deutschen. Zudem verfügen 40% der Migranten in NRW und 43% in Deutschland über relativ enge freundschaftliche Beziehungen zu Deutschen - mit gleich bleibender oder leicht zunehmender Tendenz. Auf eigenen Wunsch ohne Kontakte sind 2% in NRW und 3% der Befragten in Deutschland. Eine Zunahme ist hierbei nicht feststellbar. In NRW lebt knapp ein Fünftel der Befragten in verdichteten Stadtteilen, deutschlandweit sind es 16%. Was die wohnräumliche Segregation betrifft, so zeigt sie in dem Untersuchungszeitraum keine eindeutige Tendenz und nur geringe Veränderungen.
    In NRW die Hälfte, in Deutschland etwas weniger als die Hälfte der Befragten ist in Vereinen oder Verbänden organisiert; die Tendenz hierbei ist abnehmend. Dabei macht die Gruppe derjenigen, die nur in türkischen Organisationen engagiert sind, in NRW 18% und deutschlandweit 12% aus. Dies sind 33% der Organisierten in NRW bzw. 44% in Deutschland. Der größte Anteil der Organisierten ist sowohl in deutschen als auch in türkischen Vereinen Mitglied, dieser Anteil steigt leicht an. Frauen sind deutlich seltener als Männer in Vereinen organisiert.
    Aus den ermittelten Zahlen postulieren die Autoren, dass in NRW und in Deutschland jeweils nur 3% als eher nicht oder gar nicht gesellschaftlich an die Mehrheitsgesellschaft rückgebunden gelten und insgesamt keine Zunahme des Anteils der Personen feststellbar ist, die in parallelgesellschaftlichen Strukturen lebt.
    Diskriminierungserfahrungen sind unter den Türkeistämmigen weit verbreitet: 71% in NRW und 72% deutschlandweit berichten davon, insbesondere im Zusammenhang der Arbeits- und Wohnungssuche sowie am Arbeitsplatz. Für NRW stellen die Autoren dabei eine leichte Abnahme fest.
  • Zusammenhang der Integrationsbereiche: Die Ergebnisse zeigen, dass Zusammenhänge zwischen den Integrationsbereichen empirisch weniger stark ausgeprägt sind als theoretisch zu erwarten gewesen wäre: \„Die höhere schulische und berufliche Ausbildung der Nachfolgegeneration schlägt sich nur bedingt in der beruflichen Position nieder, die wirtschaftliche Situation hängt mit der identifikativen und gesellschaftlichen Orientierung ebenfalls nur relativ schwach zusammen. Im Ergebnis führt dies zu einer Integrationssituation, die sich erheblich von der öffentlichen Wahrnehmung unterscheidet: Als eigentliches Integrationsproblem erscheint der Umstand, dass sich die Erfolge der kognitiven und gesellschaftlichen Integration für die Migranten nicht in adäquaten Platzierungen niederschlagen. Hierhinter verbirgt sich eine strukturelle Exklusion, die der Blick auf den Verlauf der (individuellen) Sozialintegration nicht erfasst...“ (S. 121)

Im vierten Kapitel ziehen die Autoren ein vierseitiges Fazit, in dem die Befragungsergebnisse zusammengefasst werden.

Dem Literaturverzeichnis folgt ein umfangreicher Anhang, der folgendes enthält: Eine Liste der „Veröffentlichungen unter Rückgriff auf die Mehrthemenbefragung 2000-2008“, fünfseitige Ausführungen zur „Methodik und Durchführung der Befragung“, 21 „Tabellen, auf die im Text verwiesen wird„; 32 Tabellen zum Zeitvergleich NRW 1999-2008“, den Fragebogen Standarderhebungsteil sowie zwei Fehlertoleranztabellen.

Diskussion

Ein großer Verdienst dieser Mehrthemenbefragung ist es, aufzuzeigen, dass mitnichten das zutreffend ist, was vor allem in der politischen Diskussion der letzten Jahre behauptet wird: Die türkeistämmigen Bürger/innen in Deutschland würden sich in die eigene Community zurückziehen und „parallelgesellschaftliche“ Strukturen bilden. Der Zehn-Jahres-Vergleich zeigt vielmehr relativ geringe Veränderungen und eine hohe Stabilität bei den Lebensverhältnissen sowie in den Einstellungen und Meinungen der türkeistämmigen Menschen. Wachsende interethnische Kontakte verdeutlichen gar, dass das Zusammenleben demnach seit 1999 nicht nur nicht schlechter geworden ist, sondern sich sogar zögernd, aber stetig intensiviert hat.

Betrachtet man hierbei auch die theoretischen Diskussionen über Desintegration in den 1990er Jahren (angeführt von Wilhelm Heitmeyer, siehe hierzu sein Buch „Verlockender Fundamentalismus“ von 1997), in denen eine ziemlich konflikthafte Zukunft türkeistämmiger Jugendlicher in Deutschland gezeichnet wurde, muss anbetracht der Befragungsergebnisse festgestellt werden, dass keine dieser Mutmaßungen in den letzten zehn Jahren eingetreten ist. Die Nachfolgegeneration ist in beträchtlichem Maße besser integriert als die erste Generation.

Dennoch: Die Ergebnisse der Studie unterstreichen auch die Ergebnisse zahlreicher anderer Untersuchungen, dass die Teilhabe türkeistämmiger Bevölkerung an der Gesellschaft in vielen Bereichen wie im Bildungs- und Arbeitsmarkt immer noch defizitär ist. Vergleiche mit der deutschen Durchschnittsbevölkerung zeigen weiterhin Ungleichheiten, insbesondere im Bezug auf Status, Einkommen und Bildung. Die Angehörigen der zweiten und dritten Generation konnten speziell mit der Bildungsexpansion der letzten Jahrzehnte nicht Schritt halten.

Mit den Autoren kann also konstatiert werden, dass das eigentliche Integrationsproblem darin besteht, dass sich das Bemühen um Annäherung an die deutsche Gesellschaft nicht in entsprechenden Platzierungen niederschlägt und dass die Annäherung an die deutsche Gesellschaft sich für viele türkeistämmige Bürger in Deutschland kaum lohnt.

Fazit

Die Mehrthemenbefragung, die relevante Indikatoren der zentralen gesellschaftlichen Integrationsfelder erfasst, liefert zahlreiche sehr interessante Ergebnisse. Mit vielen Zahlen, Abbildungen, Tabellen und gut lesbarem Text gibt das Buch einen differenzierten Einblick in die Entwicklung der Lebenssituation türkeistämmiger Migranten in den letzten zehn Jahren und kann deshalb auch für Nicht-Sozialwissenschaftler/innen uneingeschränkt empfohlen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/goegercin.html
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 02.02.2010 zu: Martina Sauer, Dirk Halm (Hrsg.): Erfolge und Defizite der Integration türkeistämmiger Einwanderer. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 183 Seiten. ISBN 978-3-531-16691-9. In: socialnet Rezensionen unter http://www.socialnet.de/rezensionen/8958.php, Datum des Zugriffs 11.03.2010.


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