Georg Kortendiek: Strategisches Management im sozialen Bereich
Georg Kortendiek: Strategisches Management im sozialen Bereich. ZIEL Verlag (Augsburg) 2009. 193 Seiten. ISBN 978-3-940562-31-9. D: 25,80 EUR, A: 26,60 EUR, CH: 46,00 sFr.
Blaue Reihe - SozialManagement Praxis.
Thema
Der Bedarf nach einem Management-Modell bzw. -Konzept für den Sozialbereich wurde auf der Internationalen Fachtagung der Bundesarbeitsgemeinschaft Sozialmanagement/Sozialwirtschaft in Luzern im April 2008 verdeutlicht: Zwar existieren Managementmodelle für den Nonprofit Sektor (exemplarisch für die Schweiz: Freiburger-Management-Modell des Forschungsinstituts für Verbands- und Genossenschaftsmanagements (Schwarz et al. 2005), IOP-Führungskonzept für den öffentlichen Sektor der Universität Bern (Thom/Ritz 2005) oder St. Galler Management-Modell (Rüegg-Stürm 2002) (vgl. insb. Bürgisser et al. in Bassarak/Wöhrle 2008), jedoch wird keines den gestellten Anforderungen für eine eigene Theoriebildung gerecht. Diese wird letztlich auch von den Praktikern eingefordert, die sich einem „unübersichtlichen Instrumentenkasten“ gegenüber sehen und ein ganzheitliches Konzept einfordern. Vor diesem Hintergrund ist die Veröffentlichung zum Strategischen Management von Kortendieck sowohl im fachdisziplinarischen Kontext als auch bezüglich der Anforderungen von Praktikern der Sozialwirtschaft hochaktuell.
Autor
Georg Kortendieck lehrt seit 2001 an der Hochschule Ostfalia (em. Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel) an der Fakultät Sozialwesen Betriebswirtschaftslehre im Sozialen Bereich und Sozialmanagement. Seine Forschungstätigkeiten liegen vor allem im Bereich marktwirtschaftlicher Steuerung im Sozialen Sektor. Der studierte Volkswirt weist eine langjährige Geschäftsführungs- und Leitungstätigkeit in der Erwachsenenbildung auf.
Entstehungshintergrund
Der Nonprofit Bereich befindet sich in einem Umwälzungsprozess vom Korporatismus zum Wettbewerb (Stichwort: Ökonomisierung). Auf Makroebene wird dies im Zuge der Revision der Sozialgesetzgebung seit Mitte der 90-ger Jahre des letzten Jahrhunderts in der Abkehr vom Wohlfahrts- zum aktivierenden Staat deutlich. Auf der Ebene sozialer Organisationen treten zunehmend wettbewerbliche Strukturen Einzug, die geprägt sind durch Auftragsverhandlungen mit öffentlichen Kostenträgern sowie Konkurrenz mit anderen Nonprofit- wie auch wirtschaftlichen Organisationen (insbesondere in der Alten- und Krankenhilfe).
Die Finanzkrise hat tiefe Löcher in den Staatshaushalt gerissen. Der dritte Sektor, in weiten Teilen abhängig von der öffentlichen Finanzierung, muss sich daher in den Folgejahren einem stärker wachsenden Preisdruck stellen, sozialen Diensten und Einrichtungen steht damit ein verstärkter Verdrängungswettbewerb bevor.
Aufbau
Die Einführung zeigt die Veränderungen im Sozialen Bereich in verschiedenen Problembereichen auf und eröffnet ein Verständnis des strategischen Managements als Prozess, der die spezifische Komplexität sozialer Dienstleistungen durch die Reduzierung von Unsicherheiten bedeutet.
Im zweiten Kapitel wird die Planung des strategischen Managements anhand der Unterteilung in Unternehmensstrategie (Organisation als Ganzes) und Geschäftsfeldstrategie (regional, zielgruppen- bzw. bedürfnisorientiert), die Ausrichtung des Managements anhand der speziellen normativen Leitbilder sowie Zielsetzung von sozialen Organisationen, der Abgrenzung des Marktes (von innen her: Produkt-/Kompetenzorientierung oder von außen ausgehend: Kunden-Nutzen ?) sowie der Abgrenzung strategischer Geschäftsfelder nach Bedürfnissen, Zielgruppen bzw. Technologien dargelegt.
Kapitel drei behandelt verschiedene Planungs- und Analysekonzepte. Ausgehend von der Umweltperspektive (Früherkennung/Szenarioentwicklung, Kunden- und Stakeholderanalyse, Marktanalyse) wird der Blick mit der Organisationsanalyse in die Institutionen hinein gelenkt (Stärken-Schwächen-Analyse, Kernkompetenzen, Wertkettenanalyse, Benchmarking). Anschließend gelingt eine Verknüpfung der vorherigen Techniken und Blickwinkel in der SWOT sowie der Portfolio-Analyse.
Kapitel vier greift die im zweiten Kapitel getroffene Unterteilung in Unternehmens- und Geschäftsfeldstrategien auf und stellt verschiedene Realisierungsoptionen dar: Marktsegmentierung (Priorisierung der Zielmärkte) und Portfolio (Beschaffenheit des Leistungsspektrums) als Strategien für die Gesamtorganisation. Wachstums-, Marktabdeckungs-, Wettbewerbsvorteils-, Marktbearbeitungs- und Verhaltensstrategien für die einzelnen Geschäftsfelder.
Im fünften Kapitel wird die Realisierung der Strategien im Sinne eines optimalen Kosten- Nutzenverhältnisses verdeutlicht. Ausgehend von den Voraussetzungen und Grundsätzen für die Strategieplanung stellt Kortendieck verschiedene Personalmanagement-Strategien gegenüber und setzt sie in Bezug auf unterschiedliche Marktsituationen. Anschließend werden die Steuerung anhand von Kennzahlen für soziale Unternehmen sowie die Umsetzung der Management-Strategie mittels der Balanced Scorecard als Verknüpfung zur operativen Umsetzung dargelegt.
Die abschließende Schlussbetrachtung gibt noch einmal einen Überblick in Form einer Vorgehensweise zur Implementierung des strategischen Managements in drei Schritten als Projekt unter Einbindung der verschiedenen Techniken und Konzepte.
Inhalt
Kortendieck begründet die Notwendigkeit für strategisches Management für den sozialen Sektor mit wachsenden externen Unsicherheiten wie sich ändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (vor allem: Ausgabenkürzungen öffentlicher Haushalte) bzw. Gesetzesänderungen (z.B. persönliches Budget) sowie einem daraus folgenden Innovationswettbewerb um angepasste, differenzierte Lösungen, was wiederum zu verstärkter Unübersichtlichkeit des sozialen Marktes führt. Folglich gewinnt strategisches Management an Bedeutung, um die Komplexität zu reduzieren, den Anpassungsbedarf einzuschätzen sowie mit entsprechenden Maßnahmen (gegen-) zu steuern (Kapitel 1.2). Ausgehend von einer geschichtlichen Entwicklung des strategischen Managements (S.18) stellt Kortendieck eingangs die in den einzelnen Kapiteln beschriebenen Techniken in einer zusammenhängenden Abfolge dar (S. 30).
Einfache, kochrezeptartige Lösungen nach dem Motto „one size fits all“ sind wenig hilfreich. Kortendieck gelingt vielmehr eine differenzierte Darstellung, die sich in vielerlei Hinsicht sowohl für den praktischen Gebrauch als auch den wissenschaftlichen Diskurs auszeichnet:
- Durchgängige Darstellung der Praktiken anhand von Beispielen aus dem sozialen Bereich
- Einbeziehung der Organisationskultur (z.B. Killerphrasen und Gruppendenken bezüglich strategischen Denkens [Kapitel 3.1.1], Widerstände und Ängste der Mitarbeiter beim Benchmarking [Kapitel 3.2.4], Austauschprozesse mit den Stakeholdern bezüglich Vorbehalten gegenüber strategischem Management [Schlussbetrachtung])
- Hinweise zum Vorgehen anhand von Checklisten (z.B. Abgrenzung strategischer Geschäftsfelder [S. 39], Stärken-Schwächen-Analyse [S. 94f.]) , zeitlichen Abfolgen von Vorgehensweisen incl. Beispielen (z.B. Szenariotechnik [S. 54f.], Strategien bezüglich der Phasen des Produktlebenszyklus [S. 119f.]) bzw. Aufzeigen von Kriterien (z.B. Umweltanalyse [Kapitel 3], Analyse der Wettbewerbskräfte aus unterschiedlichen Perspektiven [Stn. 84-90])
- Kritische Reflexion der vorgestellten Instrumente für den Nonprofit Sektor (z.B. Marktverständnis [Kapitel 3.1.3] oder Kundenbindung [Kapitel 4.2.5])
- Abwägende Gegenüberstellung unterschiedlichen Herangehens (z.B. Stakeholderanalyse [Kapitel 3.1.2.1], Organisationsanalyse: verschiedene Benchmarking Formen [Kapitel 3.2.4], Marktbearbeitungsstrategien: Individualisierung vs. Standardisierung [Kapitel 4.2.4])
- Argumentation anhand aktueller Debatten (z.B. Preis-/ Qualitätswettbewerb [Kapitel 3.2.3], Diskussion verschiedener Strategien des Personalmanagements [Kapitel 5.2])
Herauszustellen ist darüber hinaus, dass Kortendieck Literaturempfehlungen zur Durchführung für Praktiker der Sozialwirtschaft bietet (S. 184) und Anschlussfähigkeiten des Strategischen Management zu anderen Bezugssystemen betrieblicher Prozesse von sozialer Organisationen aufzeigt, wie:
- Controlling (Benchmarking [Kapitel 3.2.4], Balanced Scorecard [Kapitel 4.5)
- Diverse Marketing-Instrumente (Kapitel 3)
- Qualitätsmanagement (Kapitel 3.2.3 und 4.2.4)
- Personalmanagement (Kapitel 5)
Diskussion
Wesentlich für das sozialwirtschaftliche Verständnis sind die ebenso kurzen wie klaren Darstellungen der Techniken und Methoden strategischen Managements, die anhand von Beispielen aus dem sozialen Bereich verdeutlicht werden, das Für und Wider in unterschiedlichen Kontexten abbilden und kritische Diskussionen führen, was eine eigene, differenzierte Sicht- sowie Vorgehensweise für Praktiker und Theoretiker eröffnet. Zu kritisieren ist allenfalls, dass sich der Autor bei den Beispielen häufiger des Bildungssektors bedient. Andererseits gibt dies vertiefende Einblicke in diesen Bereich.
Fazit
Ein sowohl für den fachwissenschaftlichen Leser als auch für Praktiker des Sozialmanagements sehr empfehlenswertes Buch, dass hilft soziale Einrichtungen und Dienste aus einem strategischen Blickwinkel neu zu bewerten und – unter Verzicht auf vorgefertigte, rezeptartige Lösungen - wichtige Hilfen für die Umsetzung bietet. Insbesondere wird hier nicht einfach das betriebswirtschaftliche Instrumentarium dem Sozialbereich übergestülpt sondern auf die Besonderheiten und Spezifika des Nonprofit-Sektors eingegangen, das Vorgehen anhand von Beispielen demonstriert und anhand aktueller Debatten vertieft.
Bemerkenswert ist, dass die Analyse sowohl auf die Gesamtorganisation bezogen werden kann (Unternehmensstrategie) als auch auf einzelne Organisationsbereiche bzw. Dienste (Geschäftsfeldstrategie: regional, zielgruppen- bzw. bedürfnisorientiert) und beide Sichtweisen ebenso integriert (Gesamtstrategie). Hierbei werden soziale Organisationen nicht isoliert betrachtet, sondern in einem sie umgebenden Kontext gestellt, was nicht nur die theoretische Sichtweise erweitert, vielmehr werden auch hier konkrete Umsetzungshinweise gegeben. Wesentlich ist auch die Berücksichtigung der Organisationskultur, sowohl intern bezogen auf die eigenen Mitarbeiter als auch mehr oder weniger extern bezüglich der verschiedenen Stakeholder.
Literatur:
- Bassarak, H., Wöhrle, A.: Sozialwirtschaft und Sozialmanagement im deutschsprachigen Raum, Ziel-Verlag, Augsburg 2008
- Schwarz, P., Purtschert, R., Giroud, C., Schauer, Reinbert: Das Freiburger Management-Modell für Nonprofit-Organisationen (5. Auflage.). Haupt-Verlag, Bern 2005
- Thom, N., Ritz, A.: Public Management − Innovative Konzepte zur Führung im öffentlichen Sektor (4. Auflage). Gabler-Verlag Wiesbaden 2005
- Rüegg-Stürm, J.: Das neue St. Galler Management-Modell: Grundkategorien einer integrierten Managementlehre: der HSG-Ansatz. Haupt-Verlag, Bern 2002
Rezensentin
Prof. Dr. Andrea Tabatt-Hirschfeldt
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Zitiervorschlag
Andrea Tabatt-Hirschfeldt. Rezension vom 10.03.2010 zu: Georg Kortendiek: Strategisches Management im sozialen Bereich. ZIEL Verlag (Augsburg) 2009. 193 Seiten. ISBN 978-3-940562-31-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8961.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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