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Ulrike Popp, Kornelia Tischler (Hrsg.): Fördern und Fordern an Schulen

Cover Ulrike Popp, Kornelia Tischler (Hrsg.): Fördern und Fordern an Schulen. Profil Verlag (München) 2007. 320 Seiten. ISBN 978-3-89019-628-2. 34,80 EUR.

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Thema

Das schulische Umfeld bestimmt heute mehr denn je die Lebenswelt der 5- bis 20-Jährigen; und zwar in einer Zeit, in welcher der sozialisierende Einfluss der Familie zurücktritt und die materielle Zukunft vom Erwerb eines zureichenden Bildungs-Kapitals abhängt; in einer Zeit, in der Shell-Jugendstudien und PISA-Befunde zeigen, dass bei uns dieses Bildungs-Kapital noch immer "vererbt" wird, was sich besonders deutlich in der Misere vieler Hauptschulen zeigt.

In dieser Situation untersuchen die beiden Herausgeberinnen aus dem Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung der Universität Klagenfurt aus schulpädagogischer Sicht in ihrem Sammelband mit 17 Beiträgen von 21 AutorInnen vorwiegend aus Österreich und Deutschland theoretische, empirische und praktische Ansätze einer "reformpädagogischen" Alternative.

Inhalt

Im ersten theoretisch ausgerichtetem Hauptteil verdeutlichen sie "das balancierende Verhältnis zwischen Fördern und Fordern in Distanz zum Prinzip der Selektion" (S.7). Renate Girmes skizziert hierfür, unter Berufung auf Hannah Arendt’s "Vita activa" den theoretischen Rahmen, in dem vor allem die Lehrer "als Vertreter der bestehenden Gesellschaft" "vier plus zwei grundlegende Kompetenzen benötigen: eine curriculare, eine methodische, eine beziehungs-stiftend institutionelle und eine persönlich-kulturelle Kompetenz, die alle gemeinsam auf einer diagnostischen und einer reflexiv evaluativen Kompetenz basieren" (28;24). Auf dem Weg von einer "Programm-Orientierung" zu einer "Subjektorientierung"’ (32) befürwortet Franz Prüß die "rhythmisierte gebundene Ganztagsschule", in der es möglich werde, zusammen mit der Jugendhilfe (35) die Heterogenität der Schulklassen auch unter dem Aspekt der notwendigen Schülerpartizipation fruchtbar einzusetzen. Ein Ansatzpunkt, dessen Notwendigkeit Josef Thonhauser am Beispiel der "aktuellen Situation in Österreich" unterstreicht, um damit den langen Weg einer Chancen-Gleichheit erfolgreich voran zu bringen (66). Inhaltlich betont schließlich Ulrike Popp die Rolle des "sozialen Lernens", in das "auch personen- und gemeinschaftsschädigende Verhaltensweisen" einbegriffen seien (69). Dafür gelte es - neben fördernden Unterstützungs-Bemühungen und fordernden kognitiven, mentalen und emotionalen Herausforderungen (76) - Teamfähigkeit und Freundschaften unter den Schüler(innen) zu unterstützen.

Der zweite Hauptteil zur "Berücksichtigung unterschiedlicher Lernvoraussetzungen" schildert zunächst in zwei eher "technisch" verfassten Beiträgen das "Audilex"-Lesehilfe-Programm (Popp/Tischler) sowie ein "Verhaltenstherapeutisch basiertes Training für Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwächen" bei Kindern der Klassenstufe 2 bis 4 (Reichert). Kornelia Tischler verweist sodann auf das - näher ausgeführte - Modell der "Multiplen Intelligenzen" von Howard Gardner (bei dem ich die "technische" Intelligenz vermisse), das durch ""Einbeziehung von Kreativität, Empathie, Sensitivität (…) auf ein erweitertes Verständnis von Intelligenz und Begabung zielt" (131). Sie untersucht - belegt durch zwei praktische Beispiele - deren Umsetzung im Unterricht, in dem man die unterschiedlichen Stärken der Kinder nützt, um zugleich damit deren Schwächen abzubauen oder zu kompensieren (127). Deutlicher auf die "Begabtenförderung" ausgerichtet stellen schließlich Rogalla/Renzulli das "Schulische Enrichment Modell (SEM)" vor, in dem vor allem die "kreative" Begabung durch "Schnupperkurse, Erlernen von selbständigen Arbeits- und Denktechniken sowie eigenständige Projekte" gefördert werden soll. Hinweise zur Umsetzung und praktische Beispiele ergänzen auch hier das Bild.

Der dritte Hauptteil behandelt eher die "Problem-Seite": So bietet Uli Boldt unter dem schönen Titel "Lesemuffel und Störenfriede" Hinweise, wie man auf die bislang eher weniger beachteten Probleme der Jungen eingehen kann, während Rita Kaplenik auf die Chancen eines zureichenden "Konfliktmanagements als soziale Schlüsselkompetenz" eingeht. Ausgehend von "einzelnen Kernpunkten der Konflikttheorie" nach Friedrich Glasl (176) findet man hier eine Reihe gut ausgesuchter Übungen zur "Vermittlung einer grundsätzlichen Kommunikations- und Konfliktkompetenz" (190). Beherzigenswerte Übungen, wie sie bei uns auch im Rahmen einer "Sucht"-Prävention in ein allgemeines Lebens-Kompetenz-Training eingebaut werden. Dieser Suchtprävention (in der Sekundarstufe II) wendet sich schließlich Stephan Sting zu, um, nach einer kurzen Einführung zur Funktion des Alkohol/Cannabis-Konsums in der Jugendkultur, die Rolle der Schule "als suchtpräventives Setting" kritisch zu hinterfragen. Angesichts der "vielfältigen Qualifikations-, Legitimations- und Selektionsfunktionen" der Schule "scheint Schule genau das Gegenprogramm einer strukturbezogenen Suchtprävention zu sein", weswegen man sich auf die personenbezogene Verhaltens-Prävention zurückziehe (198f), doch gäbe "ein differenzierter Blick auf die Evaluation von Programmen zur Lebenskompetenzförderung - wie auch auf die übliche peer-education - zu einer gewissen Ernüchterung Anlass" (200f). Vier deutlich herausgearbeitete prinzipielle Grenzen schulischer Suchtprävention (etwa "zwischen Schule und Jugendkultur" 207) erforderten deshalb vor allem die "Etablierung suchtpräventiver Aktivität an jugendlichen Freizeitorten".

Der vierte Hauptteil gilt der allgemeineren "Förderung und Forderung im Blickpunkt von Schulentwicklung und Lehrer(innen)bildung". Angelehnt an die Beispiele der Montessori-Schulen und der Bielefelder Laborschule beschreibt Klaus Kopeinig die Vorteile jahrgangsgemischter Volksschulklassen. Ulrike Hofmeister berichtet ausführlich aus der Praxis der in Österreich verbreiteten "Schulischen Nachmittagsbetreuung", und Eickmann/Scheuerer beschreiben den Aufbau und die Arbeit von zwei vorbildhaften "rhythmisierten" ganztägigen Gesamtschulen aus Kassel. Ein "Cross-Border-Projekt im Geographieunterricht" in Zusammenarbeit zwischen Schule und Universität (Palencsar/Schneeweiss/Errath), sowie ein hochschuldidaktisches Konzept zur Lehrersausbildung, in dem das "forschende Lernen" im Vordergrund steht (Berkemeyer/Schneider/Wildt), runden das Gesamtkonzept dieses Bandes sinnvoll ab.

Fazit

Das Buch bietet dem Laien einen guten Einblick in die Arbeit und Möglichkeit einer reformpädagogischen Alternative zur gegenwärtig noch dominierenden "Programm-Orientierung" unserer Schulen; es vermittelt interessierten Schulen eine Reihe beherzigenswerter Praxis-Beispiele und nimmt manchem Schulpolitiker die Ausrede, dass sich faktisch doch nichts ändern ließe.


Rezensent
Prof. Dr. Stephan Quensel
Ko-Direktor des Bremer Instituts für Drogenforschung (BISDRO), Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 11.02.2010 zu: Ulrike Popp, Kornelia Tischler (Hrsg.): Fördern und Fordern an Schulen. Profil Verlag (München) 2007. 320 Seiten. ISBN 978-3-89019-628-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8969.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.


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