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Reiner Hanewinkel, Bernd Röhrle (Hrsg.): Prävention von Sucht und Substanzmissbrauch

Cover Reiner Hanewinkel, Bernd Röhrle (Hrsg.): Prävention von Sucht und Substanzmissbrauch. dgvt-Verlag (Tübingen) 2009. 334 Seiten. ISBN 978-3-87159-620-9. 28,00 EUR.

Fortschritte der Gemeindepsychologie und Gesundheitsförderung ; Bd. 20.

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Thema

Versucht man, einen Überblick über den gegenwärtigen Stand der Sucht-Prävention zu gewinnen, wird man zunächst auf die Drogen- und Suchtberichte der Drogenbeauftragten zurückgreifen, dann den gemeinsam von der BZgA, dem DHS und dem Münchener IFT-Institut verfassten Reitox-Bericht an die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogenabhängigkeit (EBDD) in Lissabon konsultieren und schließlich Zuflucht bei der ‚Expertise zur Prävention des Substanzmissbrauchs“ von Annegret Bühler und Christoph Kröger (BZgA 2006) suchen. Stets wird man auf denselben hoffnungsvollen Befund stoßen, den die ehemalige Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing auch im Vorwort zu dem hier besprochenen Sammelband formuliert: "Es gilt bestehende Programme weiterzuentwickeln, damit Prävention die Kinder und Jugendlichen früher erreicht und Effekte nachhaltiger sind" (S. 7). Ein "More of the same", das, theoretisch unterbeleuchtet, sich nunmehr seit einem Viertel Jahrhundert noch immer auf die breite US-amerikanische Evaluations-Forschung beruft und Rückendeckung bei einigen gut propagierten, doch kaum zureichend evaluierten deutschen schulischen Sucht-Präventions-Programmen sucht.

Der von den beiden Psychotherapeuten Reiner Hanewinkel, Leiter des IFT Nord, und Bernd Röhrle, Professor im Fachbereich Psychologie der Universität Marburg, herausgegebene Sammelband, an dem weitere 11 Psychologen, eine Pädagogin und ein Politologe beteiligt sind, sprengt diesen Rahmen nicht.

Aufbau und Inhalt

Einleitend geben Gabriele Dlugosch und Uwe Fischer einen informativen Überblick über drei grundlegende theoretische Ausgangsperspektiven für eine Suchtprävention:

  1. "Gesundheitspsychologische Modelle", die dem Modell der Salutogenese von Antonovsky folgend nach "Schutz und Risiko-Faktoren" fahnden oder die als "Gesundheitsverhaltensmodelle", den Einfluss von kognitiven Variablen, Einstellungen und Motiven auf das Verhalten betonen.
  2. "Sozialpsychologische Modelle", die überwiegend der kriminologischen Diskussion entnommen werden, und in denen der Einfluss wichtiger Bezugspersonen im Vordergrund stehe, und
  3. "Stresstheoretische Modelle", in denen die "Rolle der affektiven Copingfunktion des Suchtverhaltens" betont werde (S.43).

Der zweite Hauptteil untersucht die zentrale Frage der Wirksamkeit (Effektivität) gegenwärtiger Präventionsprogramme. Dazu greift man zunächst auf sogenannte "Meta-Analysen" aus der USA zurück (Ronshausen/Hanewinkel/Röhrle), in denen mit methodisch hohem Aufwand die "Kumulation quantitativer Forschungsergebnisse aus verschiedenen Einzelarbeiten" ausgewertet werden (53). Aus einer systematischen, alphabetisch angeordneten Darstellung von 21 Meta-Analysen aus den Jahren 1988 bis 2006 ergibt sich: "Die stärksten Effekte ließen sich bei Wissens- und Einstellungsveränderungen nachweisen, selten bei Verhaltensindikatoren" (109). Auch Jens Kalke moniert in seinem Überblick "verhaltenspräventiver Maßnahmen an bundesdeutschen Schulen" am Beispiel von 6 bei uns gängigen Interventions-Programmen, die "von den für die Durchführung/Koordination bzw. teilweise auch für die Evaluation der Maßnahme verantwortlichen Personen" (also nicht ganz Interesse-frei) dargestellt werden (121), deren insgesamt unzureichenden Evaluations-Stand: "Die Gegenüberstellung mit der Forschungspraxis im angelsächsischen Raum zeigt (…) dass es hierzulande an randomisierten Studien und Langzeituntersuchungen im suchtpräventiven Bereich fehlt" (132).

Spannend ist auch der Vorschlag von Christiansen/ Frötscher/ Plack/Röhrle einer gründlichen "Komponenten-Analyse" der zentralen Wirkkomponenten der diversen Präventions-Programme, die u.a. von "normativer Erziehung (Einstellung), Wissen und Motivation" bis hin zu "Orientierungshilfen, Selbstwert sowie flankierenden Maßnahmen" reichten (139). Dies wäre umso wichtiger, da die bisherigen Ergebnisse - etwa zum Wert von Peer-Leadern, interaktiven Programmen und Lebensfertigkeiten - reichlich dünn ausfielen. Dies gilt auch für das näher behandelte ALF-Programm, für das sich "keine Wirkung (…) auf das Konsumverhalten nachweisen ließ" (154).

Der dritte Hauptteil untersucht die Wirkung "kompetenzfördernder" Programme, die heute durch umfangreichere "Setting"-Programme, die auch das soziale Umfeld mit berücksichtigen, ergänzt würden (162f). Volkhard Fischer unterstreicht dabei die Kurzsichtigkeit einer "reinen Orientierung an der erreichbaren Reduktion des Substanzgebrauchs" (171). Dies läge vor allem dann nahe, wenn solche Programme weniger ein ‚Just-say-no“-Ziel anstrebten, denn eine davon eigentlich ganz unabhängige Steigerung allgemeiner Lebenskompetenzen, wenn sie also "die entwicklungspsychologische Relevanz des Substanzgebrauchs" im Auge behielten (179). In diesem Sinne halten auch Piontek/Bühler in ihrer Analyse bisheriger Evaluations-Studien solcher Lebenskompetenz-Programme "vorläufig" fest, dass das ihnen zugrunde liegende Interventionsmodell "bisher nur teilweise und inkonsistent bestätigt worden" sei (194). Auch "Furchtappelle" besitzen - zumindest in der "Primär-Prävention" - nur eine eingeschränkte Bedeutung, zumal sie nur sinnvoll seien "wenn die Empfänger über genügend Ressourcen zur Veränderung des Verhaltens verfügen" (Barth S.201).

Es liegt angesichts solcher insgesamt wenig erfreulicher Befunde nahe, auf sogenannte "Verhältnispräventive Interventionen" zurückzugreifen, denen der 4. Hauptteil gewidmet ist. Hier untersuchen Isensee/Hanewinkel am Beispiel der Prävention des Tabakkonsums die Rolle der Preisgestaltung, die wohl zu einer "Reduktion der Nachfrage" führen könne (228). Auch die Zigaretten-Reklame sei, entgegen den Behauptungen der Tabak-Industrie, wie theoretische Überlegungen und empirische Befunde zeigten, als ein "Risikofaktor für den Beginn des Rauchens im Kindes- und Jugendalters anzusehen" (Hanewinkel S.262).

Umgekehrt belegt die gründliche und lesenswerte Analyse der "Effektivität medienbasierter Programme zur Prävention von Drogenmissbrauch" von Weiss/Ronshausen/Röhrle deren teure, jedoch Theorie-arme, schlecht evaluierte und geringe Wirksamkeit:: "Nach einer langen Tradition von Hoffnungen und Enttäuschungen in Hinsicht auf die Wirksamkeit medialer Präventionsprogramme bleiben wenige Erkenntnisse. (…) Man möchte aufgrund der bestehenden Ergebnislage fast infrage stellen, ob sich die Aufwendungen für Medienkampagnen überhaupt lohnen“ (292).

Schließlich kann auch der immer wieder geforderte und auf den ersten Blick plausible, doch sehr selten realisierte Rückgriff auf "Familien- und gemeindeorientierte Programme" (Uwe Fischer) nicht überzeugen: "Die auf Freiwilligkeit der Eltern basierenden Programme sind häufig mit dem Problem der Teilnahme und Erreichbarkeit von Familien konfrontiert" (308), während in den Gemeinden die "gemeindeorientierte" Vernetzung der Fachkräfte gelänge, doch die von Freiwilligen getragene "gemeindegetragenen" Bemühungenkaum ohne zusätzliche Maßnahmen funktionierten (323), wofür die bereits besprochene Evaluation von Greca/Schäfferling/Siebenhüter (2009) ein gutes Beispiel liefert (vgl. die Rezension).

Diskussion

Verfolgt man die Entwicklung der Sucht-Prävention in den letzten 5 bis 10 Jahren, wie sie sich in den anfangs angeführten "offiziellen" Berichten wie aber auch in diesem Sammelband darstellt, dann stößt man zwar auf eine zunehmende Professionalisierung dieses Bereichs, die jedoch nach wie vor suchttherapeutisch-psychologisch ausgerichtet bleibt und in der die - zumindest im schulischen Präventionsbereich - naheliegende pädagogisch-jugendsoziologische Perspektive ausgeblendet bleibt.

Eine "autopoietische", d.h. sich selbst vorantreibende Professionalisierung, die sich in gleicher Weise theoretisch wie methodisch äußert, und die sich dann auch in den jeweils überbordenden Literaturhinweisen niederschlägt. Doch können sich die immer wieder angesprochenen vielfältigen Einzel-Theorien - selbst wenn sie in schön gezeichneten Modellen miteinander "integriert" werden - im Rahmen des noch immer führenden Sucht-Paradigmas kaum wirksam entfalten, was auch den Autoren immer wieder auffiel. Diese Professionalisierung schlägt sich vor allem aber auch auf methodischem Gebiet in der Art der jeweils untersuchten Ausgangs- und Wirkungs-Variablen nieder. Was umso weniger auffällt, je mehr die zugrundeliegenden Einzeluntersuchungen sorgfältig tabelliert bzw. in den Meta-Analysen formal nach "Evidenztyp" zusammengestellt werden. Dabei unterbleibt - angesichts der Fülle des Materials verständlich - nahezu jeder kritische Blick auf Inhalte und praktisch relevante Statistiken ebenso wie der so notwendige "qualitativ" gewonnene Einblick in die Realität der von solchen Präventionen Betroffenen.

Fazit

Das Buch bietet eine systematisch gut aufgearbeitete und zusammengestellte Übersicht über den nicht so sehr erfreulichen aktuellen internationalen und deutschen Stand der Sucht-Prävention, doch verfehlt es in seiner suchttherapeutisch ausgerichteten Grundtendenz - zum eigenen Schaden einer an sich notwendigen Prävention bzw. Drogenerziehung - noch immer die Belange der lebensweltlichen Realität der von dieser Art der Prävention betroffenen Jugendlichen.


Rezensent
Prof. Dr. Stephan Quensel
Ko-Direktor des Bremer Instituts für Drogenforschung (BISDRO), Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 10.03.2010 zu: Reiner Hanewinkel, Bernd Röhrle (Hrsg.): Prävention von Sucht und Substanzmissbrauch. dgvt-Verlag (Tübingen) 2009. 334 Seiten. ISBN 978-3-87159-620-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/8971.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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