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Cornelie Dietrich: Zur Sprache kommen. Sprechgestik [...]

Cover Cornelie Dietrich: Zur Sprache kommen. Sprechgestik in jugendlichen Bildungsprozessen in und außerhalb der Schule. Juventa Verlag (Weinheim) 2010. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-0714-5. 26,00 EUR.
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Thema

Der Wandel der Sprache im Jugendalter sei nicht schlicht Ausdruck von Entwicklungen, die sich im Innern der Heranwachsenden vollziehen. Vielmehr modelliert der Sprachwandel diese Entwicklungen selbst mit: Das geschieht durch eine spezifische Weise des Experimentierens mit Sprache – so lautet die Grundthese dieses Buches. Die Autorin geht von einer Doppelstruktur sprachlicher Bildungsprozesse aus: Sprache ist einerseits Medium der Bildung, indem sie zwischen Ich und Welt vermittelt; andererseits ist Sprache Instrument der Bildung, eine Art Werkzeug, mit der man Welt nicht nur benennen oder ordnen, sondern letztlich auch konstruieren kann.

In dieser doppelten Hinsicht untersucht die Autorin die Sprechgestik Heranwachsender zwischen Kindheit und Erwachsenwerden. Das empirische Material dazu entstammt zwei Kontexten: der informellen Kommunikation der Heranwachsenden untereinander und der institutionalisierten Interaktion zwischen LehrerInnen und SchülerInnen. An dieser unterrichtlichen Interaktion soll gezeigt werden, wie sich soziale Ungleichheit durch Sprache verfestigt.

Autorin

Dr. Dietrich ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Sie betreut dort seit 2009 den Schwerpunkt Ästhetische Bildung.

Entstehungshintergrund

Dietrich setzt an einem Phänomen an, das von der sozialwissenschaftlichen Jugendforschung bislang wenig bearbeitet wird: dem Wandel der Sprache in der frühen Adoleszenz. Hier entfalte sich „ein ganzer Kosmos von Sprach- und Sprechphänomenen“ (S. 10). Dietrich will zu einer bildungstheoretisch-pädagogischen Sicht auf diese Phänomene gelangen. Es geht ihr dabei um den „Aufforderungscharakter“ des Sprachwandels an die Heranwachsenden (S. 14). Neue Sprechweisen würden sich ihnen eröffnen – seien ihnen aber zugleich auch nahegelegt, was eine Spannung zwischen Öffnung und Begrenzung mit sich bringe.

Aufbau

Das Buch gliedert sich im Wesentlichen in einen theoretischen und einen empirischen Teil. Der Theorieteil handelt von der Sprechgeste als Begriff und als Phänomen (Kap. 2 und 3; 79 S.), der Empirieteil stellt die qualitative Untersuchung der Sprechhandlungen Jugendlicher (und ihrer LehrerInnen) dar (Kap. 4–6; 108 S.).

Inhalt

Der theoretische Teil geht von der Sprach- und Bildungstheorie Wilhelm von Humboldts aus und zieht dann vor allem neuere anthropologisch-philosophische Theorien heran (George H. Mead, Helmuth Plessner, Maurice Merleau-Ponty, Vilém Flusser). Dabei arbeitet Dietrich die Bezüge zur Materialität der Sprechens heraus: Bezüge, die an den Körper der Sprechenden gebunden sind. Es geht um „das Zusammenspiel von Stimme, Körper, Sprachbildung und Sprachwirkung in einer bestimmten kulturellen Situation“ (S. 16). Der Begriff der Sprechgeste soll das Sprechen sowohl als Teil des Geistigen als auch als Teil des Körpers kennzeichnen. Dazu passt, dass Dietrich, wenn es um die Untersuchung sozialer Differenzen geht, auf die Habitustheorie Pierre Bourdieus Bezug nimmt.

Anders als es der Bedeutung des Wortes Geste in der Alltagssprache entspricht, ist eine Sprechgeste in der hier theoretisch gefassten Bedeutung aber nur hörbar, nicht sichtbar. Dietrich gebraucht für ihre Untersuchung deshalb Audioaufzeichnungen. Sie transkribiert dann – neben dem Wortlaut – die Betonungen, Dehnungen, Pausen, Akzente und Ähnliches, ferner den Tonhöhenverlauf des Gesprochenen. In einer gesonderten Zeile wird der Höreindruck beschrieben. Dietrich versteht ihr Vorgehen als ethnografisch. Sie will alltägliches Sprechen möglichst unverfälscht erheben (für beide Teilprojekte geschieht das im Rahmen der Schule). Bei der Analyse besteht ihr wichtigster methodischer Grundsatz darin, „den Transkripten grundsätzlich zu misstrauen und sich immer wieder hörend dem Material zuzuwenden“ (S. 105; Hervorhebung im Original). Sie ermöglicht deshalb über ihre Homepage auch den LeserInnen den Zugang zu den betreffenden Audiodateien.

Der erste Teil der empirischen Auswertung gilt der Frage, ob sich Kindheit und Jugend durch sprachliche Markierungen unterscheiden lassen. Dietrich interessieren vor allem Übergangsphänomene in der Sprechgestik, durch die sich Kinder, wie sie es ausdrückt, „selbst in die Jugendphase hinein[bringen]“ (S. 17). Dabei spielen auch die spezifischen Themen der Heranwachsenden eine Rolle sowie die Frage, wie sich in diesem Übergang Bildungsaufgaben „als Entwicklungen des sprachlich artikulierten Welt- und Selbstverhältnisses“ kennzeichnen lassen (S. 98). Ein zentrales Ergebnis ist, dass mit dem Übergang von der Kindheit „ein Sprechen zweiter Ordnung“ entsteht: Während „Kinder sprechen, um sich über die Dinge zu verständigen“, Sprache also eine gewisse Fraglosigkeit hat, verständigten sich Jugendliche zudem darüber, „wie man sich über die Dinge verständigt oder verständigen könnte“, das fiktive Spiel mit Sprache – „so erlernen Jugendliche die sprachgestische Antizipation von Erlebnisweisen, etwa im Hinblick auf Sexualität“ (S. 155). Dietrich bezieht in ihre Interpretation, gemäß der These der Leiblichkeit, auch den Stimmwechsel ein, sowohl bei Jungen (der geläufige Stimmbruch) als auch ein vergleichsweise geringeres Tieferwerden der Stimme bei Mädchen.

Das zweite empirische Teilprojekt vergleicht die Sprechgesten von HauptschülerInnen und GymnasiastInnen in der Kommunikation mit ihren LehrerInnen. Dietrich zielt besonders auf Mechanismen, die eine Teilhabe ermöglichen oder verhindern. Dabei komme es vor allem auf die sprachliche Ordnung an, welche die Lehrkräfte präsentieren. Dietrichs Analyse der Sprechgestik erbringt: In Verbindung mit der Sachebene wird in der Hauptschule stärker die Person angesprochen und einbezogen als dies am Gymnasium geschieht. An der Hauptschule entstehe eher „ein geschützter Raum des Lernens, der Frustrations- und Scheiternserfahrungen zu minimieren sucht“, und zwar, indem auch „Aufgaben verkleinert, Fehler zugelassen werden“ (S. 200). Unterrichtsgespräche verliefen „weniger individualisiert“ zwischen Lehrkraft und SchülerIn, wie das am Gymnasium der Fall sei: Dietrichs Eindruck ist, „es spreche nicht einer, sondern es brächte die Gruppe in gemeinsamer Anstrengung die Sprache hervor“; so erfahren sich HauptschülerInnen, mutmaßt Dietrich, „als das ‚kleine Rad‘“ im Ganzen (S. 201). Durch all das zusammen genommen erführen HauptschülerInnen „nebenbei und unausgesprochen“, dass man ihnen „nicht viel zutraut“ (S. 203). Zwar würden die SchülerInnen anerkannt, aber subtil würde die Zuweisung sozial minderer Positionen verstetigt.

Diskussion

Die Autorin hat einen theoretischen und empirischen Zugang zur hörbaren Sprechgestik Heranwachsender entwickelt, der außergewöhnlich wie anregend ist. Dies gilt für beide Teilprojekte: die informelle Interaktion der Heranwachsenden und die schulische Unterrichtskommunikation. Theorie und Methodik sind solide dargelegt, und die Darstellung der ausgewählten Analysen kann überzeugen.

Eine methodologisch reizvolle Frage ist, ob das wiederholte Hören der Audiomitschnitte gegenüber einer transkriptbasierten Analyse so stark gemacht werden kann, wie das die Autorin tut. Ein Problem ist hier die Flüchtigkeit auch des wiederholten Höreindrucks.

Auch wenn die Ergebnisse bildungstheoretisch aufschlussreich sind, so ist für den Vergleich zwischen den Schularten die empirische Basis und Variation doch noch schmal. Das wäre durch eine weitere Stichprobenbildung zu beheben, welche die jetzt vorliegenden Ergebnisse als theoretische Leitlinie nutzen kann.

Fazit

Für LeserInnen aus der Sozialwirtschaft dürfte besonders der Teil der Untersuchung von Interesse sein, in dem die Autorin zeigt, wie sich soziale Ungleichheit durch spezifische Sprechgestik im Schulunterricht verstetigt. Man mag dann auch die Mühe auf sich nehmen, die doch ungewohnten Ausführungen zur Sprachtheorie und Theorie der Gestik aufmerksam zu lesen, die dem empirischen Teil vorausgehen.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 24.03.2010 zu: Cornelie Dietrich: Zur Sprache kommen. Sprechgestik in jugendlichen Bildungsprozessen in und außerhalb der Schule. Juventa Verlag (Weinheim) 2010. ISBN 978-3-7799-0714-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9006.php, Datum des Zugriffs 25.05.2016.


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