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Karl-Heinz Braun, Konstanze Wetzel: Sozialreportage

Cover Karl-Heinz Braun, Konstanze Wetzel: Sozialreportage. Einführung in eine Handlungs- und Forschungsmethode der sozialen Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 288 Seiten. ISBN 978-3-531-16332-1. 22,95 EUR.

Reihe: Lehrbuch.

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Thematischer Rahmen

Die so genannte „neue Bilderflut“ hat auch zu einem neuen Niveau alltäglicher Verbreitung und Nutzung des Mediums der Fotografie geführt – ein Faktum, das von der Sozialen Arbeit – jedenfalls bislang – in seiner grundsätzlichen Bedeutung bisher viel zu wenig verstanden worden zu sein scheint. Das gilt auch und gerade für die Sozialberichterstattung und –reportage, die sich des Mediums bedienen könnte/sollte, um einer in hohem Maße textzentriert-diskursiven Ausrichtung in den Darstellungen in der Sozialen Arbeit zu begegnen. Insbesondere auch dem (gesellschafts- und alltags-) kritischen Optionen der Sozialreportage und ihren Möglichkeiten zur Aktivierung (auch uns gerade ausgegrenzter Menschen) und Partizipationsförderung wird in der Praxis der Sozialen Arbeit nur selten Rechnung getragen. Mit dem vorliegenden Buch formulieren Karl-Heinz Braun und Konstanze Wetzel einen – um es vorweg zu nehmen: stimmigen – Versuch einer Andersorientierung. Als Aspekt einer kritischen (!) Sozialraumorientierung kann auch die Sozialreportage „damit den Blick auf die ‚vergessenen Zusammenhänge’“ (Roland Merten) öffnen.

Autor und Autorin

Dr. Karl-Heinz Braun lehrt als Professor an der Fachhochschule Magdeburg-Stendal Sozialpädagogik und Erziehungswissenschaft, Dr. Konstanze Wetzel ist Professorin für Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Kärnten in Feldkirchen. Beide haben sich gemeinsam thematisch bereits zuvor einschlägig geäußert (vgl. z. B. Fotografie als ikonische Deutung sozialer Praxis; in: Sozial Extra, Nr. 3-4/2007: 9 – 13, oder: Foto und Text; in: Sozial Extra, Nr. 11-12/2007: 6 – 11). Braun ist Leiter des „Magdeburger Archivs für Sozialfotografie“/MASoF (www.masof.de). Beide sind auch durch ihr Buch „Soziale Arbeit in der Schule“ (München und Basel 2006, vgl. die Rezension) in Erscheinung getreten.

Aufbau und Inhalt

Die Sozialreportage – anschließend an die journalistische Reportage – begründen Braun und Wetzel in ihrem Lehrbuch auf der Grundlage der dokumentarischen Methode (vgl. z. B. Bohnsack, R.: Dokumentarische Methode; in: Hitzler, R. und Honer, A. (Hg.), Sozialwissenschaftliche Hermeneutik, Opladen 1997: 191 – 212) als eigenständigen Praxis- und Forschungsansatz. Sie begründen die sozialraum-, lebenswelt- bzw. milieubezogene Themenvielfalt der Sozialreportage und führen sie einem ganzheitlichen Verständnis zu, das Fotografien und Texte eng aufeinander bezieht.

Braun und Wetzel differenzieren Sozialreportage in Bezug auf ihre Funktion als Handlungsmethoden bzw. Foschungsmethode: Als Handlungsmethode dient sie der mehr oder minder öffentlichen Thematisierung und Selbstreflexion sozialer Bezüge, Beziehungen, Lebenseinstellungen und Lebenslagen, während sie als Forschungsmethode der Generierung handlungsorientierenden Wissens über alltägliche Lebensbedingungen, intersubjektive Verständigung, der „Herausbildung unterschiedlicher Formen von psychosozialer Handlungs-, Reflexions- und Genussfähigkeit“ und gesamtgesellschaftliche Interdependenzen (S. 11) dient. Dieser Zugang strukturiert den vorliegenden Band, in dessen erstem Teil die relevanten theoretischen und praktischen Grundlagen diskutiert und verknüpft werden, während im zweiten Teil diese am (historisch konnotierten) Beispiel Österreichs (z. B. dem „Roten Wien“ 1920 bis 1934, S, 192 – 232, oder dem Wien der zweiten Moderne, S. 233 – 270) exemplifiziert, konkretisiert und dokumentiert werden.

Im ersten Teil werden Gegenstand und allgemeine Methode der Sozialreportage ausgebreitet: Zunächst wird (im ersten Kapitel) der Übergang von der journalistischen Reportage zur Sozialreportage dargelegt und die drei Hauptfunktionen der Sozialreportage

  1. als pragmatische, alltägliche,
  2. als journalistische und
  3. als wissenschaftliche Formen formuliert (S. 17 – 37).

Im zweiten Kapitel wird dann die funktionale Rekonstruktion sozialer Probleme als deren übergreifende Aufgabenstellung bestimmt (S. 38 – 49). Im Rückgriff auf Karl Mannheim wird anschließend (3. Kapitel) die kultursoziologisch-dokumentarische Methode als ein (wenn nicht: der) Ausgangspunkt der Sozialreportage bestimmt (S. 50 – 73). Im Sinne Mannheims und des gesellschaftskritischen Potenzials der Kultur- und Wissenssoziologie begreifen Braun und Wetzel denn auch die Sozialreportage als Instrument eines aktivierenden politischen Aufklärungsprozesses und damit als „umfassendes politisches Aufklärungsprojekt“ (S. 72).

Die weiteren drei Kapitel (S. 77 – 152) sind dann eher praktischen Fragestellungen gewidmet (z. B. der Entwicklung eines Leitfadens für die sozialdokumentarische Interpretation von Fotografien, was durch die Leserinnen und Leser durchaus auch schon im zweiten Teil des Bandes an besagten österreichischen Beispielen auf Anwendbarkeit und Brauchbarkeit überprüft werden kann).

Die (wie gesagt: historisch-orientierte) Darstellung im zweiten Teil des Bandes (S. 154 – 232) wird durch zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotografien abgestützt; ein umfangreiches Literaturverzeichnis (das den Diskussionstand zur Sozialreportage und –fotografie abbildet) vervollständigt den Band.

Diskussion

Als Lehrbuch etikettiert verdienen zunächst die theoriegeladenen Ausführungen des ersten Teils besondere Aufmerksamkeit. Braun und Wetzel sind hier zunächst der Überzeugung, dass sich ihr Werk unterschiedlich nutzen lässt: sowohl systematisch als vollständiger Text (und insoweit als Lehrbuch) als auch als Arbeitsbuch, das durch die Aufbereitung zur praktischen Anwendung hinführt, die Ordnung eigener Materialien stützt und bei der Planung eigener sozialreportativer Projekte behilflich ist. Diesen Anspruch löst der Band ein: die Texte sind anspruchvoll formuliert, aber eben auch zugänglich, was durch Lese- und Bearbeitungsvorschläge insbesondere in den ersten Kapitels unterstrichen wird. Insoweit stellt es eine wichtige Hilfe im Kontext aller Überlegungen zur Entwicklung einer sozialräumlich-orientierten Sozialen Arbeit (vgl. Deinet, U. (Hg.), Methodenbuch Sozialraum, Wiesbaden 2009, vgl. die Rezension, oder: Frank Früchtel, Wolfgang Budde und Gudrun Cyprian: Sozialer Raum und Soziale Arbeit. Textbook: Theoretische Grundlagen, vgl. die Rezension, und Fieldbook: Methoden und Techniken, vgl. die Rezension, beide Wiesbaden 2007) dar, das sozialen Raum als Handlungs- und Erklärungsraum und „Sozialraumorientierung als ein Arbeitsprinzip der kleinräumigen Neujustierung fachlichen Handelns zur Verbesserung der Angebote der Sozialen Arbeit“ (Christian Spatscheck) begreift. In diesem begrifflich-konzeptuellen Rahmen ist das Lehrbuch von Braun und Wetzel sehr gut geeignet, zusätzliche Instrumente des Verstehens zur Verfügung zu stellen.

Zielgruppen

Als Lehrbuch konzipiert ist die vorliegende Veröffentlichung zunächst an Studierende der Sozialen Arbeit und sozialwissenschaftlicher Disziplinen adressiert. Hier gilt es aber freilich die Einschränkung zu machen, dass die Verwendung des Lehrbuches eingebettet sein muss in sozialräumlich-verstehende Zugänge. Dann erschließen sich hier für Studierende des dritten oder vierten (Bachelor-) Semesters wertvolle Hinweise. Aber auch die Soziale Arbeit selbst kann von den methodisch-praktischen Aspekten profitieren, wenn sie das Spektrum ihrer verstehenden Zugänge verbreitern und erneuern will (dann sind der interessierten Fachpraxis vor allem auch die Ausführungen der Kapitel 4. 5 und 6 sehr zu empfehlen).

Fazit

Braun und Wetzel haben mit „Sozialreportage“ eine Veröffentlichung vorgelegt, die die Selbstverständigung der Sozialen Arbeit insbesondere im Blick auf (besser) verstehende Zugänge bereichern kann. Der Band ist illustrativ gestaltet, verständlich aufbereitet und regt zum auch zum „Ausprobieren“ an.

Der/Die Autor/in kündigen einen zweiten Band an, der („bei einer Weiterentwicklung der Sozialreportage zu einem integralen Bestandteil der Sozialberichterstattung“) die Triangulation der Methoden mit quantitativen Verfahren erörtern soll (S.11); auch auf diesen Band darf gespannt gewartet werden.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 18.08.2010 zu: Karl-Heinz Braun, Konstanze Wetzel: Sozialreportage. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 288 Seiten. ISBN 978-3-531-16332-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9011.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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