Monika Reichert, Nicole Maly-Lukas u.a. (Hrsg.): Älter werdende und ältere Frauen heute
Monika Reichert, Nicole Maly-Lukas, Christiane Schönknecht (Hrsg.): Älter werdende und ältere Frauen heute. Zur Vielfalt ihrer Lebenssituationen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2003. 244 Seiten. ISBN 978-3-531-13787-2. 24,90 EUR.
Einführung
Der vorliegende Sammelband beschäftigt sich in insgesamt neun Beiträgen von gerontologischen Fachfrauen mit ausgewählten Gruppen älter werdender Frauen (west- vs. ostdeutsche Rentnerinnen, behinderte Frauen, Migrantinnen, pflegende Frauen) und mit einer Reihe zentraler Aspekte ihrer Lebenssituationen (Einkommenssituation, Konsumverhalten, Produktivität, Gewalterfahrungen). Dabei soll mit dem hier aufbereiteten thematischen Spektrum zugleich auch die "Vielfalt weiblichen Alterns" dokumentiert werden.
Hintergrund für die Entstehung des Buchs
Ausgangspunkt dieser Veröffentlichung ist die immer noch weitgehend zutreffende These einer unzureichenden Berücksichtigung sowohl spezifischer als auch durchgängig heterogener Lebenszusammenhänge älter werdender Frauen in der gerontologischen Fachliteratur und Forschung. Unter Verweis auf diesen Sachverhalt werden Ergebnisse und Erkenntnisse präsentiert, die von den Autorinnen zumeist in eigenen Forschungskontexten bzw. in Projekten im Umfeld des Instituts für Gerontologie an der Universität Dortmund erarbeitet wurden. Die gemeinsame Position der auf unterschiedlichem Datenniveau basierenden Beiträge ist sicherlich eine explizit "parteiliche", die vorrangig an der Identifizierung geschlechtsspezifischer sozialer Ungleichheiten und deren sozialpolitischem Bedingungsumfeld interessiert ist.
Aufbau des Buchs
Das Buch gliedert sich in zwei Einheiten, die allerdings in der Benennung wenig trennscharf erscheinen ("Besondere Lebenssituationen" und "Spezifische Aspekte"). So werden im ersten Teil Lebenssituationen angesprochen, welche die davon betroffenen Frauen in gewisser Weise 'gruppieren'. Wie schwierig es dabei ist, entweder gemeinsame oder unterscheidbare Betroffenheiten und damit einhergehende Lebenslagen zu identifizieren, wird gleich im ersten Beitrag von Gertrud M. Backes deutlich, der sich mit den 'Verwerfungen' und unterschiedlichen Auswirkungen der deutschen Vereinigungspolitik und den daraus resultierenden Ungleichheiten der Geschlechterlebenslagen in den alten und neuen Bundesländern befasst. Backes konstatiert überzeugend, dass sich die Transformationsprozesse in beiden deutschen Teilen als widersprüchlich, komplex und uneindeutig erweisen, so dass zuverlässige Prognosen hinsichtlich zukünftiger Lebenslagen von Frauen und Männern im Alter kaum möglich sind. Diese Aussage kann insofern gleichsam als programmatischer Ausgangspunkt des gesamten Sammelbandes gelten, als auch die in den nachfolgenden Beiträgen dokumentierte Vielfalt von Lebenssituationen und Lebensbedingungen älterer Frauen es verbietet, Frauenleben im Alter "über einen Kamm zu scheren". In den beiden folgenden Beiträgen geht es um zwei überwiegend benachteiligte gesellschaftliche Gruppierungen: Behinderte und Migranten. Für beide Gruppen gilt, dass die möglicherweise verschärfende Bedingung von Alters- und Geschlechterkonstellation bislang kaum differenziert analysiert wurde. Elisabeth Wacker dokumentiert anhand von drei Fallbeispielen, dass in räumlicher (Heimerfahrungen) und zeithistorischer Hinsicht (Drittes Reich) die Lebenszusammenhänge heutiger älterer behinderter Frauen/Menschen als in einer ganz spezifischen Weise "verortet" angesehen werden müssen. Aber auch zukünftige Generationen gerade von älteren Frauen mit geistiger Behinderung (Stichwort: Zwangssterilisation) verweisen auf die Bedeutung der Notwendigkeit einer lebenslangen besonderen Gesundheitsfürsorge. Elke Obermann analysiert die Situation älterer Migrantinnen und arbeitet in überzeugender Weise heraus, dass deren Situationen - bei aller auch hier zu beachtender Heterogenität - sich hinsichtlich der familialen sozialen Netzwerke und Unterstützungssysteme sowohl von den älteren männlichen Migranten als auch von einheimischen Frauen im Alter in erheblichem Maße unterscheiden. Dabei gilt dies für die entlastenden, aber auch für belastende Aspekte der vorhandenen Netzwerkkonstellationen. Nicole Maly-Lukas und Monika Reichert befassen sich mit Pflegetätigkeiten und -bereitschaften insbesondere in der Generation der selber älter werdenden Töchter noch älterer Elterngenerationen. Während Maly-Lukas eine Reihe von Forschungsergebnissen, welche sich auf das subjektive Erleben der pflegenden Töchter und die Auswirkungen der Pflegesituation auf deren Lebenszusammenhang beziehen, zusammenstellt, greift Reichert den besonderen Aspekt der Vereinbarkeit von Pflege und Erwerbstätigkeit auf. Sie liefert einen Überblick zum diesbezüglichen neueren Forschungsstand und dokumentiert dabei die Notwendigkeit weiterer entsprechender Forschungen, die insbesondere auch die Rolle und den Verantwortungspart der Arbeitgeber der Pflegenden ins Blickfeld nehmen sollten.
Im zweiten Teil des Buches werden - in etwas unspezifischer Weise - spezifische Aspekte von Frauen im Alter angesprochen. Corinna Barkholdt geht auf das Lebenslagemerkmal "Alterseinkommen" von Frauen ein und stellt die Ergebnisse einer diesbezüglichen Sonderauswertung aus dem Bundesland NRW vor, bei der u.a. Daten von 1986 mit 1995 verglichen werden. Trotz gewisser Einkommensverbesserungen für Frauen in diesem Zeitraum wird deutlich, dass angesichts prognostischer Berechnungen auch für zukünftige Generationen älterer Frauen die Frage von geschlechtsspezifischen Alterssicherungsrisiken noch lange nicht befriedigend beantwortet sein wird. Christiane Schönknecht legt mit ihrer Analyse des Konsumverhaltens und des Interesses an bestimmten Angeboten Ergebnisse zu einem bislang wenig erforschtem Bereich vor. Auch hier werden alters- ("junge" vs. "alte" Alte) und geschlechtsspezifische Differenzen deutlich, wobei insbesondere der Bereich gesundheitsorientierter Angebote auf ein ausgeprägtes Interesse von älterwerdenden Frauen trifft. In der kritischen Auseinandersetzung mit dem Begriff der "Produktivität im Alter" stellt Christiane Rohleder die Befundlage bezüglich produktiver Aspekte von Frauen im Alter dar. Sie macht dabei deutlich, dass ein breites Produktivitätsverständnis die lebensgeschichtlich erworbenen Produktivitätspotenziale von Frauen im Alter prägnant und eindrücklich erfassen kann. Der Band schließt mit einem stärker theoretisch akzentuiertem Beitrag von Petra Bröscher zum Thema Gewalt im Alter, der u.a. dazu auffordert, die Risiken weiblicher Lebenslagen im Alter aus dem Bedingungszusammenhang geschlechtshierarchischer, struktureller Gewalt abzuleiten.
Zielgruppen
Die sehr heterogene Sammlung dieser Beiträge richtet sich an in Geschlechterfragen sensibilisierte Forschung und Praxis im Bereich der sozialen Gerontologie und Altenplanung.
Tauglichkeit
Der Sammelband ermöglicht einen Einstieg in eine Reihe bislang wenig oder einseitig erforschter Themen und unterstreicht die Notwendigkeit und gender-orientiert Forschung. In diesem Sinne kommt allen Beiträgen eine stimulierende Funktion zu. Andererseits wird aber auch deutlich, dass fast alle Beiträge Auszüge aus ausführlicheren Arbeiten/Projektberichten darstellen, die letztlich natürlich die umfassenderen Quellen darstellen. Mit jedem Beitrag muss man sich auf Argumentationsweise und Sprachstil der einzelnen Autorinnen einlassen und manche Themen tauchen leicht redundant in mehreren Beiträgen immer wieder auf (Pfegebelastung). Angesichts einer gewissen Zeitverzögerung zwischen Fertigstellung der Beiträge (2001) und Veröffentlichung (2003) ist außerdem die Aktualität der berichteten Zahlen und Forschungsbefunde nicht immer gewährleistet.
Fazit
Das Buch stellt meines Erachtens einen guten Überblick über das gender-sensible Selbstverständnis und die Produktivität des Dortmunder gerontologischen Instituts dar und ist Ausdruck seiner Einbindung in größere, v.a. sozialpolitisch ausgerichtete gerontologische Diskurszusammenhänge. Vernachlässigte, aber geschlechtsspezifisch relevante Themen werden ausgewiesen, zu Forschungsthemen gemacht und/oder als Forschungsdesiderate deklariert. Dennoch kommt das Buch nach meinem Geschmack etwas "zu vollmundig" daher. Es wäre kaum ein Werk mit dem Titel "Älter werdende und ältere Männer heute. Zur Vielfalt ihrer Lebenssituationen" denkbar, welches ein analoges Themenspektrum "für Männer" in dieser Weise aufbereitet. In diesem Sinne hätte man es nennen sollen: "Beiträge aus dem Dortmunder gerontologischen Institut zur Situation älterer Frauen". Die damit geweckte Neugier wäre dann in recht befriedigender Weise gestillt worden.
Rezensentin
Prof. Dr. Insa Fooken
Professur für Psychologie mit dem Schwerpunkt Entwicklungspsychologie an der Universität Siegen; Forschungsschwerpunkte u.a.: Männer und Frauen im Alter, Scheidung nach langjährigen Ehen
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Insa Fooken. Rezension vom 16.09.2003 zu: Monika Reichert, Nicole Maly-Lukas, Christiane Schönknecht (Hrsg.): Älter werdende und ältere Frauen heute. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2003. 244 Seiten. ISBN 978-3-531-13787-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/902.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Helena Kanyar Becker (Hrsg.): Vergessene Frauen
Nicholas D. Kristof, Sheryl WuDunn: Die Hälfte des Himmels
Stellenangebote
Ergotherapeut/in für Tagespflegehaus, Wilnsdorf
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
