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Ralf Vollbrecht, Claudia Wegener (Hrsg.): Handbuch Mediensozialisation

Cover Ralf Vollbrecht, Claudia Wegener (Hrsg.): Handbuch Mediensozialisation. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 462 Seiten. ISBN 978-3-531-15912-6. 39,95 EUR.
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Thema

Mit dem vorliegenden Handbuch soll ein Überblick zum Stand der interdisziplinären Mediensozialisationsforschung gegeben werden. Das bezieht sich sowohl auf die Theorie als auch die Empirie. Ziel ist eine systematische Gesamtdarstellung. Auch als grundlegende Einführung soll das Buch gelesen werden können.

Herausgeberin und Herausgeber

Dr. Vollbrecht ist Professor für Medienpädagogik an der Technischen Universität Dresden.

Dr. Wegener ist Professorin für Audiovisuelle Medienwissenschaft an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg.

Entstehungshintergrund

Ein spezifisches Verständnis von Sozialisation ist für dieses Buch grundlegend: Es betont die Entwicklung der Persönlichkeit in der aktiven Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt und mit sich selbst. Sei es, dass Mediensozialisation auf absichtlichem und planmäßigem erzieherischem Handeln beruht; sei es, dass sie durch das Individuum selbst angestoßen wird; oder sei es, dass sie auf Einflüsse der Umwelt zurückgeht – auch wenn diese unbeabsichtigt und nicht gerichtet sind.

Dieses Sozialisationsverständnis erinnert deutlich an Klaus Hurrelmanns Auffassung des produktiv realitätsverarbeitenden Subjekts. Vollbrecht und Wegener führen diese Perspektive weiter, indem sie den gesamten Sozialisationsprozess heute als stark von Medien durchdrungen ansehen. Es sei empirisch nicht mehr möglich, Mediensozialisation von einer gleichsam „allgemeinen“ Sozialisation zu lösen.

Aufbau

Nach einer fünfseitigen Einleitung gliedert sich das Handbuch in sechs Teile:

  1. „Theoretische Grundlagen der Mediensozialisation“,
  2. „Mediensozialisation im Lebensverlauf“,
  3. „Mediensozialisation in sozialen und institutionellen Kontexten“,
  4. „Medienbezüge“ (wie zum Beispiel Sozialisation in Bezug auf Computer, Internet oder Handy),
  5. „Diskurse“ (wie etwa medienbezogen um Körperlichkeit und Sexualität oder Gewalt) sowie
  6. „Ansätze sozialisationsbegleitender Medienarbeit“.

Die Teile des Handbuchs enthalten zwischen sechs und elf Artikeln. Am umfangreichsten sind die theoretischen Grundlagen mit rund 100 Seiten. Am kürzesten werden die Aspekte des Lebensverlaufs dargestellt, auf rund 50 Seiten. Jeder Artikel beginnt mit einer Art Abstract, das die Orientierung erleichtert.

Inhalt

Das zugrunde gelegte Verständnis von Mediensozialisation wird im ersten Teil zuerst gegen den herkömmlichen Medienwirkungsansatz abgegrenzt, der eher mechanistisch konzipiert war. Dies wird als ein Paradigmenwechsel herausgestellt. Die Aufnahme eines Artikels über „Konstruktivismus“ stärkt diesen neuen Ansatz. In vergleichbare Richtung führen Beiträge aus einer entwicklungspsychologischen Sicht, zu biografischen Aspekten und zu Fragen der Identität sowie über sozialökologische Ansätze. Milieutypische Aspekte der Mediensozialisation werden unter den Konzepten Habitus und Lebensstil diskutiert, weitere kulturelle und gesellschaftliche Aspekte erscheinen in Artikeln über Cultural Studies sowie über Globalisierung.

Der folgende Teil zur Mediensozialisation im Lebensverlauf beginnt mit einem Artikel über Medien und Generation. Gefragt wird nach „Kulturen“ einer jeweiligen Medienpraxis, die für bestimmte „Generationen“ kennzeichnend sind. Darauf folgend betrachtet dieser Teil des Handbuchs Medien vorrangig in Bezug auf Altersstufen: frühe Kindheit, mittlere und späte Kindheit, Jugendalter, Erwachsenenalter, zudem spätes Erwachsenenalter. Es zeigt sich hierin ein Grundverständnis von (Medien-) Sozialisation als lebenslangem Prozess. Diskutiert wird: Welche Medien sind in welchen Abschnitten wichtig, und worin könnte das begründet sein?

Die sozialen und institutionellen Kontexte der Mediensozialisation, um die es im anschließenden Teil vornehmlich geht, sind die Familie, der Kindergarten, die Schule, die Gruppe der Gleichaltrigen. Auch darüber hinausgehende außerschulische Kontexte werden dargestellt, darunter etwa Angebote der Jugendhilfe – hier wird angeschlossen an den Bildungsauftrag, der sich aus dem Kinder- und Jugendhilfegesetz ergibt. Eröffnet wird dieser Teil des Handbuchs durch einen übergreifenden Artikel: Dieser betrachtet die Medienausstattung und Medienrezeption von Kindern in Verbindung mit deren alltäglicher Lebensführung, in typischen Mustern und Abläufen. In den Beiträgen wird auf die Potenziale und die Herausforderungen des jeweiligen Medienumgangs eingegangen sowie auch auf Möglichkeiten einer Medienbildung.

Je nach Medium sind unterschiedliche Kompetenzen für die Nutzung nötig, lässt sich Unterschiedliches erleben und erfahren. Auch die jeweiligen Sinnesmodalitäten sind spezifisch. So enthält der vierte Teil Beiträge über Lesesozialisation, eine Sozialisation des Sehens bezogen auf Fernsehen und Film, eine Hörsozialisation in Bezug auf auditive Medien, eine multimediale und mobile Sozialisation in Verbindung mit Computer, Internet und Handy, eine Spielsozialisation hinsichtlich der Bildschirmspiele. Weil sich die Inhalte dieser Medien und auch die Medien selbst im Alltag vielfach verschränken, enthält dieser Teil des Handbuchs auch einen Artikel über Medienkonvergenz.

Der folgende fünfte Teil greift weit aus, indem er (Reiz-) Themen zusammenstellt, die in Wissenschaft und Öffentlichkeit immer wieder in Debatten um Medien aufscheinen. Neben Artikeln zu Körperlichkeit, Sexualität oder Gewalt kommen solche zu Werbung und Konsum hinzu, zu Gender, sozialer Ungleichheit, zu mediale Kommunikationsprozessen über verschiedene Kulturen hinweg, zu Werten und Normen, Politik, Geschichte sowie Wissen. Dabei werden auch ungewöhnlichere Themen dargestellt wie etwa Mediensozialisation und Religion.

Aufgabe der pädagogischen Praxis sei es, „Mediensozialisation zu begleiten, konstruktiv zu flankieren und zu unterstützen“ (Vollbrecht/Wegener in ihrer Einführung, S. 13). Im letzten Teil des Handbuchs wird dabei das eingangs vorgetragene Sozialisationsverständnis zugrunde gelegt. Ausgewählt sind die Themen kulturelle Bildung, Medienästhetik, Medien als Systeme von Zeichen und Symbolen, Selbstausdruck, handlungsorientierte Medienarbeit, Medienkompetenz sowie Jugendmedienschutz. Skizziert wird auch ein pädagogisches Konzept der Medienbildung (Benjamin Jörissen/Winfried Marotzki).

Diskussion

Bedenkt man, „dass Medien allgemein lange Zeit kaum als sozialisationsrelevant betrachtet wurden“ (Dagmar Hoffmann, S. 352), dann dokumentiert das Handbuch eindrucksvoll, wie sich das nun von Grund auf gewandelt hat. Sehr wichtig dabei ist das zugrunde gelegte weite Sozialisationsverständnis, das die produktive Verarbeitung durch das Subjekt stärker betont. Eine Schwierigkeit ist aber, die komplexen theoretischen Aspekte auch empirisch greifbar zu machen. Entsprechend werden in den Artikeln immer wieder Forschungsdesiderate benannt.

Die Artikel des Theorieteils sind zum Teil recht anspruchsvoll. Insgesamt sind die Texte aber gut lesbar. Hinsichtlich der ausgewerteten Literatur wird vor allem das deutschsprachige Spektrum berücksichtigt. Vielfach werden aktuelle empirische Ergebnisse in die Artikel mit einbezogen. Hier wird dann aber sehr bald Bedarf nach weiterer Aktualisierung und Fortschreibung bestehen.

Das Buch verfügt über kein Sachregister. Um ein komfortables Nachschlagen zu ermöglichen, wäre ein solches Register aber sehr zu wünschen, ebenso ein Personenregister! Deshalb ist es schwierig, Stichwörter zu verfolgen, denen kein eigener Artikel gewidmet ist. Wenn man die neuere Debatte betrachtet, ist etwa an das Schlagwort der „Selbstsozialisation“ zu denken, das in verschiedenen Beiträgen vorkommt.

Fazit

Wer sich in das Thema Mediensozialisation unter den verschiedensten Aspekten einlesen will, findet mit diesem Handbuch einen sehr geeigneten Zugang. Er entspricht der Breite der aktuellen Diskussion, und das Buch kann auch, wie von Herausgeberin und Herausgeber beabsichtigt, als eine Einführung gelesen werden. Als Nachschlagewerk lässt es sich jedoch nur eingeschränkt nutzen, weil ihm Schlagwort- und Namensverzeichnis fehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 07.04.2010 zu: Ralf Vollbrecht, Claudia Wegener (Hrsg.): Handbuch Mediensozialisation. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-15912-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9029.php, Datum des Zugriffs 25.07.2016.


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