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Axel Bolder, Andreas Witzel (Hrsg.): Berufsbiographien

Cover Axel Bolder, Andreas Witzel (Hrsg.): Berufsbiographien. Beiträge zu Theorie und Empirie ihrer Bedingungen, Genese und Gestaltung. Leske + Budrich (Leverkusen) 2003. 248 Seiten. ISBN 978-3-8100-3821-0. 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.

Eine etwas andere Festschrift für Walter R. Heinz aus Anlass seines 60. Geburtstags.

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Thema

Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich um einen Sammelband, der Walter R. Heinz, einem führenden Vertreter der Lebensverlaufs- und Sozialisationsforschung, zum 60. Geburtstag gewidmet ist. W.R. Heinz hat sich vor allem im Schwerpunkt beruflicher Sozialisation und Transition hohes wissenschaftliches Ansehen erarbeitet. Die Lebensverlaufs- und Sozialisationsforschung ist inhaltlich wie methodisch ein äußerst heterogenes sozialwissenschaftliches Arbeitsfeld. Sie ist geprägt von einem differenzierten Kanon an Bezugswissenschaften und wirkt in ihren Erkenntnissen zurück auf die unterschiedlichsten Bereiche wissenschaftlicher Theorie und Handlungspraxis. Die Forschungen zur beruflichen Sozialisation und Transition sind als ein Teilbereich der gesamten Lebensverlaufs- und Sozialisationsforschung zu betrachten. Das besondere am bisherigen Lebenswerk des im Zentrum der Publikation stehenden W.R. Heinz liegt vor allem in der Etablierung eines epistemologischen und methodischen Paradigmas in einem Forschungsbereich, der bis dato über keine eigene spezifische Epistemologie und Methodik verfügte und sich aus den Forschungstraditionen der Bezugswissenschaften bedienen musste. Das von ihm maßgeblich mitinitiierte 'interaktive Paradigma', "...das alle Ebenen der Genese individuellen Handelns einbezieht und zugleich den Blick für den Eigenanteil der Individuen an der Ausgestaltung ihres Lebensverlauf schärft..." (S. 9) hatte zum Ziel subjektives, biographisches Handeln und Selektivität des objektiven Kontextes immer als sich wechselseitig beeinflussend zu erfassen. Dieses Paradigma war und ist richtungsweisend für weitere nationale wie internationale Forschungsansätze. Die Bedeutung dieser Erkenntnis und die Konsequenzen für die heutige Lebensverlaufs- und Sozialisationsforschung stehen neben der Würdigung der Person von W.R. Heinz unterschwellig im Mittelpunkt der Publikation.

Insgesamt liegen 13 Aufsätze vor, die von namhaften internationalen Vertretern der Lebensverlaufs- und Sozialisationsforschung verfasst wurden. Die einzelnen Aufsätze sind überwiegend autobiographisch konzipiert und charakterisieren sich jeweils durch einen autorenspezifischen Bezug zur Person von W. R. Heinz oder zur Bedeutung bzw. Wirkung seines o. g. Wissenschaftsverständnisses und seiner Forschungserkenntnisse. Diese konzeptionelle 'Einheit' ist das Resultat eines redaktionellen Ersuchens an die einzelnen Autoren "...ihre ureigene Schwerpunktbildung, ihr arbeitsbiographisch zentrales Thema..." autobiographisch zu formulieren, "... mit dem Angebote also, ein wenig (Zwischen-) Bilanz des eigenen Lebensthemas zu ziehen." (S.10) Das Ergebnis ist eine mitunter histographisch wirkende Darstellung der Genese der Sozialisations- und Lebensverlaufsforschung und ihrer kulturellen und wissenschaftsdisziplinären Heterogenität.

Aufbau und Gliederung

Die einzelnen Aufsätze sind thematisch und fachgebietsspezifisch nicht systematisiert und bilden somit eine lose Zusammenreihung unterschiedlicher interdisziplinärer Schwerpunktsetzungen im Bereich der Forschungen zu beruflicher Sozialisation und Transition. Nach der Lektüre der einzelnen Aufsätze lassen sich dennoch insgesamt vier Schwerpunkte hinsichtlich ihrer voneinander abweichenden wissenschaftlichen Relevanz erkennen, die für unterschiedliche Leserkreise interessant sein dürften.

  • Relevanz für den Bereich der Bildungspolitik und -theorie. In diesen Schwerpunkt ist u. a. der Artikel des Soziologen A. Weymann einzuordnen, der sich im Rahmen der berufsbiographischer Forschungen in das Spannungsfeld des Diskurses um interventionistische und liberale Weiterbildungspolitik begibt. Weymann verweist hierbei u. a. auf zwei exemplarische Fallstudien, die typische (berufs-)biographische Effekte staatlich-interventionistischer Weiterbildung dokumentieren. Ein bildungspolitisch umstrittenes Thema ist Gegenstand von H. Heid, der sich in seinem Aufsatz "Eliteförderung oder Chancengleichheit" kritisch mit dem unilateral geführten Diskurs um Elite oder Bildungsgerechtigkeit und den damit verbundenen selektivierenden Folgen auseinandersetzt. Einen international vergleichenden Beitrag über die Konsequenzen (berufs-) bildungspolitischer Maßnahmen, die sich für die individuellen Bildungs- und Berufsbiographien der davon Betroffen ergeben, leistet die kanadische Erziehungswissenschaftlerin J. Gaskell.
  • Relevanz für den Bereich der Transitions- bzw. Übergangsforschung. Im Aufsatz des britischen Sozialwissenschaftlers J. Bynner stehen empirische Erkenntnisse über das Übergangsverhalten vom Schulabschluss in die Erwerbstätigkeit in Großbritannien und Deutschland im Zentrum. Die britische Erziehungswissenschaftlerin K. Evans bezieht sich in ihren Ausführungen auf einem thematisch und methodisch verwandten Ansatz, der den Einfluss individueller Karrierevorstellungen bei der Wahl des jeweiligen Übergangverhalten dokumentiert. Aktuelle Ansätze staatlicher Arbeitsförderungspolitik sind Gegenstand des Aufsatzes des Psychologen T. Kieselbach, der speziell die Auswirkungen mangelhafter Diagnostik und Intervention auf die Prozesse der subjektiven Verarbeitung von Arbeitslosigkeit analysiert. Vorgestellt werden darüber hinaus neuere präventive Konzepte der Transitionsbetreuung und -beratung. Auch der Aufsatz des Sozialwissenschaftler B. Lutz lässt sich dem o. g. Schwerpunkt zuordnen, setzt er sich in seinem Artikel doch mit der Entwicklung individueller beruflicher Transitionsprozesse in Ostdeutschland auseinander, die er u.a. mit einer sehr deutlichen Kritik an einer 'eindimensionalen' Transformations- und Transitionsforschung verknüpft.
  • Relevanz für den Bereich der Ungleichheitsforschung. Die Soziologin H. Krüger thematisiert ihrem Aufsatz das Problem kontextdeterminierter Selbstsozialisation im Bereich der Genderforschung und die damit verbunden Reproduktion geschlechtsspezifischer Ungleichheit. Verwiesen wird auf Forschungsdesiderate und immanente Dogmen im Bereich der genderspezifischen Sozialisationsforschung. Notwendigkeit und Möglichkeiten einer nachhaltigen Nutzung der Ansätze von W.R. Heinz im Bereich der Ungleichheitsforschung sind Gegenstand der Ausführungen von R. Levy. Ausgehend von Desideraten in der Ungleichheitsforschung fordert Levy den stärkeren Einbezug real existierender gesellschaftlicher Heterogenitäten in die bis heute von theoretischen Schichtungsmodellen (Marx u. a.) dominierte Ungleichheitsforschung.
  • Berufspädagogische Relevanz. Der Sozialisationsforscher W. Lempert thematisiert in seinem Aufsatz das Problem des im Laufe der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Entwicklung entstandenen Dilemmas der örtlichen, zeitlichen und alterspezifischen Trennung von Lernen und Arbeiten. Er skizziert diese Entwicklung autobiographisch, an seiner eigenen (vor)beruflichen Entwicklung. Die Bedeutung der Relation von Berufs- und Privatleben für die Herausbildung reflexiver Identität steht im Zentrum des Beitrages von E.-H. Hoff. Dabei gilt es für Hoff (ähnlich wie bei Lempert) zu zeigen, dass in neuen Forschungsansätzen der Rahmen einer interagierenden Selbstsozialisation und damit eine Abkehr von reiner subjekt- bzw. objektorientierter Forschungstradition betont werden muss.

Zwei Beiträge, die den Schwerpunktbereichen nicht zuzuordnen waren und einen starken wissenschaftsmethodischen Bezug zum Modell des 'interaktiven Paradigma' von W.R. Heinz aufweisen sind die Aufsätze von G.H. Elder Jr. und P. Moen. Der amerikanische Sozialwissenschaftler G.H. Elder Jr. bezieht sich in seinen Ausführungen auf eigene langjährige Studien zur 'great depression' in den Vereinigten Staaten. Elder schildert an der methodischen Weiterentwicklung dieser Studien die 'paradigmatische Neuorientierung' amerikanischer subjektorientierter Lebensverlaufsforschung. Exemplarisch dokumentiert die amerikanische Soziologin P. Moen den Prozess dieser 'paradigmatischen Neuorientierung' für die amerikanische Karriereforschung.

Zielgruppe

Die differenzierte Auswahl an Autoren, die einen Beitrag aus unterschiedlichen fachwissenschaftlichen Bereichen geleistet haben, macht diese Publikation für eine Vielzahl wissenschaftlich arbeitender Lesern interessant. Praktisch relevante und nutzbare Bezüge für die Arbeit in Institutionen und Organisationen staatlicher Bildung und Arbeitsförderung sind jedoch nur in Ansätzen (z.B. in den Artikeln von Kieselbach oder Weymann) vorzufinden.

Die verschiedenen Aufsätze beinhalten nicht nur wesentliche Erkenntnisse für Experten auf dem Gebiet beruflicher Sozialisation und Transition. Für interessierte Vertreter verschiedenster Teilbereiche der Sozial- und Wirtschaftswissenschaft kann ein intensiverer Blick in die Publikation durchaus ein erster Einstieg in den interdisziplinären Forschungsbereich der Lebensverlaufs- und Sozialisationsforschung sein. Eine Voraussetzung hierfür ist allerdings, die Beiträge der Autoren aus Kanada, Großbritannien und den USA in englischer Sprache zu lesen.

Fazit

Die Publikation von Bolder/Witzel bietet ein reiches Spektrum an historischen, gegenwärtigen und zukünftigen Arbeitsfeldern und -anforderungen der Lebensverlaufs- und Sozialisationsforschung. Sie ist in Form einzelner Artikel und als Gesamtwerk für einen Einstieg in die Lebensverlaufsforschung gut geeignet.

Vom Leser abhängig kann die Art der thematisch zwanglosen Aneinanderbindung der Aufsätze als positiv oder negativ empfunden werden. In jedem Falle bietet die Publikation einen reichen Fundus an Impulsen und Bezugswissen für die wissenschaftliche Forschung und Lehre.


Rezensent
Dr. Andreas Neubert
Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur Allgemeine Erziehungswissenschaft am Institut für Pädagogik und Philosophie (IPP) Philosophische Fakultät der TU Chemnitz


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Zitiervorschlag
Andreas Neubert. Rezension vom 08.06.2004 zu: Axel Bolder, Andreas Witzel (Hrsg.): Berufsbiographien. Leske + Budrich (Leverkusen) 2003. 248 Seiten. ISBN 978-3-8100-3821-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/903.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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