Michael Matzner, Irit Wyrobnik (Hrsg.): Handbuch Mädchenpädagogik

Cover Michael Matzner, Irit Wyrobnik (Hrsg.): Handbuch Mädchenpädagogik. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2010. 414 Seiten. ISBN 978-3-407-83166-8. 39,95 EUR.

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Autoren

Michael Matzner ist Erziehungswissenschaftler und Soziologe, zudem Diplom-Betriebswirt (FH). Er ist Lehrbeauftragter an der Universität Heidelberg und an der FH für Sozialwesen in Mannheim. Irit Wybrobnik ist Dozentin an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, Institut für Schulpädagogik und Didaktik der Sozialwissenschaften, Abteilung Pädagogik der Kindheit.

Entstehungshintergrund

Die Forschungslage im Bereich der Mädchenförderung ist vielfältig und interdisziplinär angelegt. Im Fokus der Betrachtungen werden insbesondere Mädchen und junge Frauen als Gewinnerinnen der Bildungspolitik dargestellt. Die Autoren verweisen darauf, dass es aber neben diesen erfolgreichen Mädchen auch jene gibt, die wenig an karriereträchtigen Bildungsverläufen teilnehmen. Zudem werden Forschungsergebnisse aus den Biowissenschaften, insbesondere in der erziehungswissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung, vernachlässigt oder als biologistisch abgelehnt. Interessant sind daher die Beiträge von Trautner, Hagemann-White und Köhler, die mit dem Interview mit der Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard, korrespondieren.

Zielgruppe

Das „Handbuch“ richtet sich auf die Akteure aller pädagogischen Handlungsfelder.

Aufbau …

Das Buch enthält 26 Beiträge mit folgenden Schwerpunkten:

  • Sozialwissenschaftliche und naturwissenschaftliche Voraussetzungen der Mädchenpädagogik
  • Mädchen in Kindergarten, Schule und Ausbildung
  • Mädchen und MINT – der mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Bereich
  • Sozialpädagogische Angebote
  • Körper, Gesundheit und Bewegung
  • Schlussfolgerungen und Ausblick

… und Inhalt

Diese Rezension kann und will nicht auf alle Beiträge eingehen, da viele Forschungsergebnisse in großen Zügen lediglich nochmals aufgearbeitet werden. Aus pädagogischer Sicht befasse ich mich zunächst mit dem zweiten Bereich bzw. mit einzelnen Beiträgen zum Thema: „Mädchen in Kindergarten, Schule und Ausbildung“, um dann auf die Diskussion über Biologie versus Sozialisation einzugehen.

Im zweiten Teil befasst sich Irit Wyrobnik mit Fördermöglichkeiten von Mädchen im Bereich der vorschulischen Erziehung (Kindergarten). Primär spricht sie sich dafür aus, dass „Geschlechterunterschiede“ und „Geschlechterdifferenzen“ erkannt werden müssen, um mit Geschlechterstereotypen gelassen umgehen zu können. Dazu ist eine Professionalisierung der Erzieher/innenausbildung notwendig. Ebenso verweist sie auf die Unterrepräsentanz von Männern in der frühkindlichen Erziehung. Überwiegend präsentiert der Artikel bereits bekannte Forschungsergebnisse.

Susanne Bergann und Petra Stanat beschäftigen sich in ihrem Artikel: „Mädchen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem“ damit, dass es bisher keine wissenschaftliche Grundlagenforschung über den Zusammenhang von „Geschlecht und Migration“ gibt, obgleich diese notwendig in pädagogische Maßnahmen überführt werden müssten. Für die Schnittstellen im Übergang zu weiterführenden Schulen und in den Beruf verweise ich hier auf vielfältige Untersuchungen in Anlehnung an die PISA-Studien von Klaus Klemm, Gabriele Bellenberg und Isabell van Ackeren.

Michael Matzner zeigt vielfältige Phänomene sozialer Segregation in der Arbeitswelt und betont den Zusammenhang von Familie und Beruf. Noch immer ist die Suche nach der Möglichkeit der Verbindung beider Lebensbereiche eine Fragestellung – insbesondere von Frauen. Interessant ist hier - im letzten Abschnitt seines Artikels – die Kontraproduktivität von Fördermaßnahmen für Frauen in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen. Mit Verweis auf Kantsteiner-Schänzlin und Höppel (2008) ist „der Ansatz des Girls-Day zu undifferenziert“ (S.212). Vielmehr spiegelt er eine stereotypische Sichtweise wider, weil dieser Ansatz erneut vermittelt, dass diese Studiengänge bzw. Berufe für Frauen eigentlich nicht geeignet seien. Dies gilt für vielfältige Projekte und Fördermaßnahmen im MINT-Bereich, manifestieren sie doch damit, dass Frauen eine „Problemgruppe“ darstellen.

Barbara Schwarze präsentiert eine Bestandsaufnahme über Fördermaßnahmen von Mädchen im naturwissenschaftlichen und technischen Bereich von der vorschulischen Erziehung an, über die unterschiedlichen Schulstufen bis zum Hochschulstudium. Vielfältige aktuelle Projekte werden zitiert. Das geringere Interesse von Mädchen und Frauen begründet sie durchgehend mit zu geringen „technikbezogenen Vorerfahrungen“, die gleichsam Resultat einer geschlechterspezifischen Sozialisation sind. Die Bedeutung von struktureller Diskriminierung mit Ziel, die Vereinbarung von Familie und Beruf für Frauen und Männer zu verhindern, wird nicht thematisiert, obwohl die geringen Steigerungsraten von Frauen im MINT-Bereich, der letzten 20 Jahre, (S. 259) Anlass dazu geben.

Hans Martin Trautner Artikel konzentriert sich auf „Erklärungsansätze“ aus biologischer, sozialisationstheoretischer und kognitiver Perspektive (S. 29). In aller Kürze wird aus biologischer Sicht dargestellt, „ das pränatale steroide Sexualhormone zu unterschiedlichen Mustern des späteren Sozialverhaltens von Jungen und Mädchen beitragen, ohne dieses allerdings zu determinieren“ (S. 29). Dabei werden Aggressionen eher den Jungen zugeschrieben, Kommunikationskompetenz und räumliche Dimensionierung eher den Mädchen. Obgleich hier vorsichtig darauf verwiesen wird, dass es „so scheint“, als seien die Hormone dafür verantwortlich, mündet diese Vermutung in ein rollenstereotypisches Verhaltensmuster von Mädchen und Jungen. Dagegen setzen sozialisationstheoretische Ansätze auf erlernte Verhaltensmuster, die durch die Familie und durch gesellschaftliche Erfahrungen geprägt werden. Unterstützt wird dieses Erklärungsmuster durch kognitive Ansätze, die voraussetzen, dass im Laufe der Entwicklungsprozesse von Mädchen und Jungen, die „vorherrschenden Rollenmerkmale“ übernommen werden. Folglich führt diese Geschlechtertypisierung zu einem circulus virtuosus, aus dem auszubrechen nur möglich ist, wenn sich die Vorbilder – also die Erwachsenen - ändern. Eine Herausforderung an eine geschlechtergerechte Pädagogik.

Carol Hagemann-White beginnt mit einer historischen und empirischen Übersicht über sozialisationstheoretische „Perspektiven auf die Geschlechter“ (45) und fordert die Konkretisierung beider Ansätze. Dabei betont sie den Aufschwung biologistischer Forschung im Felde der Gehirnforschung, die sich mit unterschiedlichen Verhaltensmerkmalen der Geschlechter beschäftigt. Interessant wird ihre Argumentationsweise dadurch, dass sie durchgängig die Verflechtung zwischen biologistischen Ansätzen und gesellschaftlichen Bedingungen aufweist, die ein erneutes Überlegen über die Bedeutung des „Subjektbegriffs“ provozieren. In diesem Kontext fordert sie einen Paradigmenwechsel von Merkmalkonzepten hin zu einem Kontextverständnis, da letzteres insbesondere für die Migrationsforschung – hier „Mädchen mit Migrationshintergrund“ (52) kulturtheoretische Fragestellungen in einen übergreifenden gesellschaftlichen Zusammenhang stellt. Damit eröffnet sie eine ideologiekritische Diskussion, die die Möglichkeit der Entfaltung von Identität und Integration im Spiegel der vorherrschenden Machtverhältnisse reflektiert.

Doris Bischof-Köhler erörtert zunächst entwicklungspsychologische Ansätze über geschlechtsstereotypische Verhaltensmuster von Mädchen und Jungen im Kleinkindalter. Eine besondere Bedeutung sieht sie im Verhalten der Eltern, die sich an geschlechtsstereotypischen Erziehungsmodellen orientieren, und so unterschiedliche Verhaltenstendenzen manifestieren. In diesem Kontext bietet die evolutionstheoretische Forschung andere Erklärungsmuster. Bischof-Köhler spricht hier von „anlagebedingten Dispositionen“(84), die sie in der Folge auch „angeborene Dispositionen“(84) nennt, um sie dann sogleich in geschlechtstypische Deutungsmuster zu verwandeln. Unterstützt wird diese Erkenntnis durch statistische Auswertungsverfahren, die belegen, dass Mädchen über ein hohes Maß an Empathie und sozialen Verhalten verfügen, hingegen Jungen nach Dominanz und Macht streben. Mit diesem Ansatz werden dann einige Klischees bedient (Konkurrenz unter Frauen – Imponiergehabe unter Männern), weil gesellschaftlich tradierte Normen und Werte in einem kapitalistischen Gesellschaftssystem nicht ideologiekritisch aufgearbeitet werden.

Diskussion

Das Handbuch Mädchen-Pädagogik bietet zunächst einen guten Überblick über interdisziplinäre Forschungsansätze im Bereich der Geschlechterforschung mit dem Fokus auf Mädchenbildung und Sozialisation. Das Buch präsentiert Forschungsansätze und Fragestellungen der letzten zwanzig Jahre, die solide referiert werden. Bemerkenswert sind allerdings die Beiträge aus biologischer, genetischer und evolutionstheoretischer Sicht, die, im Ergebnis, trotz durchgängiger Leugnung, eine materialistische und damit verobjektivierende Erkenntnistheorie hervorbringen, die zwangsläufig in determinierende Interpretationen über Identität und Subjekt münden.

Vielleicht hat sich deshalb Frau Nüsslein-Volhard mit diesem „Gender-Krempel“ (18) nicht weiter beschäftigt. Einige Antworten darauf lassen sich allerdings in dem Beitrag von Hagemann-White finden.

Fazit

Dieses Handbuch präsentiert eine geordnete Zusammenstellung unterschiedlicher Forschungsansätze. Es kann sehr gut als Nachschlagewerk über die vorherrschende Forschungslage im Bereich der Geschlechterforschung genutzt werden. Damit erfüllt es den Zweck, dass es sich für Akteure in pädagogischen Handlungsfeldern besonders gut eignet. Aus der Sicht der Kritischen Erziehungswissenschaft – mit Ausnahme des Beitrages von Hagemann-White – finden sich keine weiteren Ansätze zur „Kritischen Theorie“ im übergreifenden Sinne.


Rezensentin
Dr. Clarissa Kucklich
Universität Duisburg-Essen, Standort Essen
Fakultät Bildungswissenschaften, Allgemeine Pädagogik
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Zitiervorschlag
Clarissa Kucklich. Rezension vom 20.04.2010 zu: Michael Matzner, Irit Wyrobnik (Hrsg.): Handbuch Mädchenpädagogik. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2010. 414 Seiten. ISBN 978-3-407-83166-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9039.php, Datum des Zugriffs 22.10.2014.


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