Ronald Lutz, Carsten Nöthing u.a.: Integrierte Sozialraumplanung
Ronald Lutz, Carsten Nöthing, Mario Rund: Integrierte Sozialraumplanung. Vorstellung eines Modells veränderter kommunaler Praxis. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2009. 111 Seiten. ISBN 978-3-86585-651-7. 22,90 EUR.
Reihe: Erfurter Hefte - Band 1.
Entstehungshintergrund und Autoren
Das Modell einer Integrierten Sozialraumplanung wurde im Auftrag der Stadt Erfurt von Ronald Lutz, Carsten Nöthing und Mario Rund in enger Kooperation mit den an der späteren Umsetzung Beteiligten entwickelt. Lutz ist Professor für Soziologie an der Fachhochschule Erfurt mit dem Schwerpunkt „Menschen in besonderen Lebenslagen“. Seine beiden Mitautoren sind als Diplom Sozialpädagogen in verschiedenen Praxis- und Forschungsbereichen tätig.
Aufbau und Inhalt
Nach einigen Vorbemerkungen, Begriffsklärungen, einer Zieldefinition und einer Darstellung der Vorteile des Modells erfolgt die Problemdefinition, die hier „Argumentationsressourcen“ genannt wird. So ging der Konzeptentwicklung eine insbesondere qualitative Analyse der Planungs- und Kommunikationsstrukturen anhand von problemzentrierten Interviews, Diskussionen in Fachausschüssen, Datenanalysen und Workshops voraus. Diese führte zu einer Diagnose, die sicherlich nicht spezifisch für die Stadt Erfurt ist, sondern vielen Städten bekannt vorkommen mag: Es existiert zwar eine qualitativ hochwertige Berichtslandschaft mit einer großen Datenfülle, diese ist aber stark ressortspezifisch organisiert und auch aufgrund bestehender Planungstraditionen oder Softwarelösungen zum Teil mit erheblichem Übersetzungsaufwand verbunden. Trotz vereinzelter Vernetzungsversuche existiert keine verstetigte Kommunikationsstruktur, die in einem ersten Schritt dazu beitragen könnte, einen differenzierten Blick auf den planungs- und sozialräumlichen Gesamtprozess zu richten. Die Beteiligung der Erbringungsinstanzen vor Ort ist ebenso ausbaufähig wie die Formulierung von Entwicklungszielen und Verantwortlichkeiten.
Im Anschluss daran erfolgt die Modell(-skizze). Die Autoren sehen ihr Konzept bei Weitem nicht als abgeschlossenes sondern in der Praxis zu erprobendes und gegebenenfalls zu modifizierendes Modell an. Worin besteht nun die Integrierte Sozialraumplanung? Zunächst einmal verdeutlicht das Buch einen wichtigen, empirisch aber oft vernachlässigten Grundsatz: Sozialräume im Sinne eher kleinräumiger und dynamischer Lebenswelten sind nicht identisch mit den oftmals administrativ festgelegten Planungsräumen und sie sind mehr als die Summe ihrer Teile. Ihre Bedarfslage ist also in der Regel anders gelagert, als die „Addition“ fachspezifischer Ressortplanungen leisten könnte. In der Folge ist eine Gesamtsicht auf Sozial- und Planungsräume erforderlich, die sich in zwei Austauschforen ausdrückt und gleichzeitig die zwei Perspektiven auf den Planungsraum und den Sozialraum miteinander verbindet: die Fachplanerkonferenz und die Planungsraumkonferenz.
In der Fachplanerkonferenz werden alle relevanten Fachplanungen miteinander vernetzt. Dabei wird hier von einem breiten Begriff des Sozialen ausgegangen, was den Focus nicht nur auf die Fachplanungen des Sozialdezernates legt, sondern vor dem Hintergrund des Lebenslagekonzepts und dem Ziel einer nicht reaktiven, sondern aktiven Gestaltung von Lebensräumen zum Beispiel auch die Stadtentwicklungsplanung, die Freizeit- und Kulturplanung sowie insbesondere die baulichen Planungsressorts ebenso wie die ARGE umfasst.
An den Planungsraumkonferenzen „… sollen alle gesellschaftlichen und professionellen Akteure, die in den Sozialräumen des jeweiligen Planungsraums tätig sind, teilnehmen“ (S. 56). Dies impliziert selbstverständlich auch die Bürgerinnen und Bürger und die Erbringungsebene vor Ort. Die grundlegende Vorstellung ist, dass Bedarfe auf dieser Ebene erheblich besser eingeschätzt und finanzielle Mittel entsprechend effektiver eingesetzt werden können. Die Erbringungsebene wird auch als „Seismograf“ lokaler Entwicklungen angesehen und ist deshalb ein unverzichtbarer Koproduzent planerischen Wissens hinsichtlich gegebenenfalls drohender Fehlentwicklungen. Diskutiert wird auch, ob es sich bei den Planungsraummanagern und -managerinnen um Vertreter der Verwaltung oder externer Institutionen handeln sollte. Besonders interessant sind außerdem die Kontrastierungen zu Quartiersmanagement und Gemeinwesenarbeit.
Die Vernetzung von Fachplanungskonferenz und Planungsraumkonferenzen erfolgt durch die wechselseitige Konferenzteilnahme der Sozialraumplaner beziehungsweise Planungsmanager. Das Modell wird in zwei übersichtlichen, der notwendigen Komplexität aber gleichzeitig gerecht werdenden Grafiken veranschaulicht, von denen die eine auf kommunikativ-strukturelle Aspekte und die andere auf die Aufgabenverteilung ausgerichtet ist.
Im Anschluss daran machen Lutz, Nöthing und Rund konkrete Vorschläge für die Implementierung. Wichtig ist hierbei, dass sie schon vorhandene Kommunikationsstrukturen nutzen und ein Jahr als Erprobungszeitraum vorsehen. Deutlich wird auch, dass eine Umsetzung des Konzepts die Schaffung der genannten Stellen mit entsprechendem finanziellen Mehraufwand erforderlich macht, was sich aber nachhaltig auszahlen dürfte.
Das Buch endet mit zwei sehr interessanten Anlagen. Zum einen geht es dabei um die Anforderungen an die Planungsraummanager und -managerinnen sowie an die Sozialplanerinnen und Sozialplaner, zum anderen um einen aus stadtsoziologischer Sicht höchst interessanten Exkurs zum Sozialraumbegriff bzw. zur Theorie- / Praxisrelevanz des Modells. Dabei werden wichtige Diskussionslinien aus den Sozialwissenschaften aufgenommen und die Autoren stellen hier, wie auch in anderen Zusammenhängen einen Bezug zum Programm Soziale Stadt her. Ein Nachwort rundet den Text ab.
Diskussion
Das Modell einer Integrierten Sozialraumplanung weist den Weg in innovative kommunale Planungsstrukturen, die es ermöglichen, auf die gestiegene Komplexität städtischer Lebensräume angemessen zu reagieren. Dabei werden vorhandene Kompetenzen und Kommunikationsstrukturen geschickt genutzt. Die Autoren haben einen realistischen Blick dafür, dass eine komplette Umwälzung vor allem der Verwaltungsstrukturen sicherlich zum Scheitern verurteilt wäre. Dennoch geht das Modell auch nicht zu viele Kompromisse ein, denn die bestehenden Unzulänglichkeiten einer fachspezifischen Sozialplanung sind sicherlich nicht nur in Erfurt zu weitreichend für halbherzige Lösungen. Für ihren Mut, in diese Richtung zu gehen, ist den drei Autoren zu danken. Besonders sympathisch ist auch der zum Teil skizzenhafte Charakter des Modells. Nichts ist hier komplett „fertig“, gleichzeitig aber auch nicht beliebig. Der Leser hat so genügend Möglichkeiten, eigene Gedanken und Zukunftsfantasien zu entwickeln. Diese richten sich bestimmt meist auf die Umsetzung.
- Werden die unterschiedlichen Perspektiven und Interessen der beteiligten Akteure vereinbar und wird eine Mediation bei möglichen Konflikten erfolgreich sein?
- Werden sich die zur Mitarbeit aufgeforderten Bürgerinnen und Bürger tatsächlich auch beteiligen?
- Werden die Problemlagen in manchen Sozialräumen und den in ihnen lebenden Familien vielleicht noch komplexer sein, als dass man sie mit den verfügbaren Instrumenten der Integrierten Sozialraumplanung erkennen oder gar lösen könnte?
- Wird die Verwaltung – und dabei nicht nur die Sozialverwaltung – den anvisierten Umstrukturierungsprozess aktiv vollziehen?
Dies alles sind Fragen, die sich jetzt noch nicht beantworten lassen, in Zukunft aber zu beantworten sein werden.
Fazit
Auch den drei Autoren wird klar sein, dass die Implementierung ihres Modells nicht leicht und reibungslos vonstatten gehen wird. Momentan ist es erst einmal ihr Verdienst, dass sie ein sehr differenziertes, integrierendes und vernetzendes Modell vorgelegt haben, das den Weg in eine neue kommunale Planungszukunft weist und hoffentlich auch für viele andere Kommunen zahlreiche Anregungen liefern wird.
Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Lakemann
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Zitiervorschlag
Ulrich Lakemann. Rezension vom 30.06.2010 zu: Ronald Lutz, Carsten Nöthing, Mario Rund: Integrierte Sozialraumplanung. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2009. 111 Seiten. ISBN 978-3-86585-651-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9060.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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