Christine Jung: Schule und Jugendarbeit in Kooperation
Christine Jung: Schule und Jugendarbeit in Kooperation. Spannungen, Chancen und Grenzen. Hartung-Gorre (Konstanz) 2009. 335 Seiten. ISBN 978-3-86628-270-4. 22,00 EUR, CH: 43,10 sFr.
Reihe: MenschenArbeit - Band 26.
Thema
Zusammenarbeit von Schule und Jugendarbeit
Autorin
Die Autorin ist ehrenamtliche Mitarbeiterin im der KJG der Diözese Rottenburg-Stuttgart und dort u.a. mit der Frage der Zusammenarbeit zwischen diesem katholischen Jugendverband und Schulen befasst. Die Veröffentlichung basiert auf ihrer Diplomarbeit zum Abschluss des Studiums Soziale Arbeit an der Katholischen Fachhochschule Freiburg.
Entstehungshintergrund
Die Kooperation der Systeme von Schule und Jugendhilfe bzw. Jugendarbeit füllt inzwischen lange Regale in Bibliotheken und beschäftigt seit Jahren Gremien in Politik, Verwaltung und Wissenschaft. So liegt es nahe, dass eine Studierende der Sozialen Arbeit aus der Sicht dieser Profession und auf der Folie ihrer ehrenamtlichen Felderfahrung einen Beitrag zu dieser Diskussion liefert.
Fokus ist dabei nicht die Jugendhilfe im Sinne der Förderung von Benachteiligten oder im Sinne der nach KJHG verfassten Jugendhilfe, sondern die Jugendarbeit in freier Trägerschaft, genauer gesagt im Schwerpunkt Jugendfreizeit- und Jugendbildungsarbeit in kirchlicher Trägerschaft.
Nachdem in den 70-er Jahren die Diözese Rottenburg – Stuttgart mit einem bahnbrechenden Synodenbeschluss der deutschen Bischöfe die kirchliche Jugendarbeit zeitgemäß positioniert und mit einem kräftigen Mandat ausgestattet hat, wird zu sehen sein, ob der aktuelle Beitrag den damals formulierten Ansprüchen mindestens gerecht wird. Dies erscheint im Zusammenhang mit dem Ausbau der Ganztagsschulen erforderlich.
Aufbau und Inhalt
Die Autorin schafft zur Erarbeitung ihres Themas zunächst informative Grundlagen: Es wird fachlich und auf der Grundlage der Gesetzeslage die Funktion und Aufgabe von Jugendverbandsarbeit erläutert. Dabei werden besonders die grundlegenden Prinzipien wie Freiwilligkeit, Selbstverantwortung und Ehrenamtlichkeit darstellt, die im Zusammenhang mit der Kooperation eines gänzlich anders verfassten Systems von Bedeutung sind. Im Folgenden wird konkret die KJG als katholischer Jugendverband in der Diözese Rottenburg-Stuttgart vorgestellt; auch hier sind zentral die inhaltlichen Schwerpunkt in den sogenannten „vier Säulen der KJG“: Freizeit, Spiritualität, Bildung und Politik. Erstaunlich ist, dass trotz des bildungsbezogenen Themas dieser Aspekt gegenüber den anderen keine Dominanz hat. Aus der praktischen Arbeit genannt werden an dieser Stelle zunächst nur die Schulungen für Gruppenleiter.
Das zweite große Kapitel stellt das Schulsystem in Baden-Württemberg dar. Systematisch werden die durch das Landesgesetz definierten Strukturen (z.B.Dreigliedrigkeit) und Aufgaben beschrieben. Besondere Aufmerksamkeit erhalten die Entwicklungen der Ganztagsschulen. In diesem – angesichts der Themenstellung eher kurzen Kapitel - findet die geforderte Kooperation mit Trägern der Jugendhilfe ebenso Erwähnung wie das Jugendbegleiterprogramm, das auf ehrenamtliche Unterstützung der Ganztagsangebote abzielt.
Die dritte Basis für die Erarbeitung der Kooperationsthematik wird geschaffen mit Ausführungen zum Bildungsbegriff. Nach der grundlegenden Unterscheidung von formaler, nonformaler und informeller Bildung werden die Bildungsbegriffe von Schule dargestellt. Ansatzpunkt für die Kooperation ist ein in Baden-Württemberg seit dem Bildungsplan 2004/05 erweitertes Verständnis schulischer Bildung. Sehr knapp verweist die Autorin in diesem Zusammenhang auf Fachliteratur, die die Notwendigkeit einer solchen Erweiterung belegt. Ein Ansatzpunkt zur Kooperation aus Sicht der KJG, d.h. durch ein auf schulisches Lernen zugehendes Verständnis wird nicht formuliert. Im Folgenden werden Kooperationsmöglichkeiten auf institutioneller und konzeptioneller Ebene ausgemacht.
Auf dieser theoretischen Fundierung wird nun ein empirisches Forschungsprojekt (dies ist der eigentliche Schwerpunkt der Veröffentlichung) aufgebaut, in der die Autorin eine Bestandsaufnahme der Positionen zur Kooperation mit Schule aus Sicht der ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen der KJG erstellt. Desweiteren sollen Rahmenbedingungen seitens des Systems Schule für gelingende Kooperation ausfindig gemacht werden. Als Methode wird die Gruppendiskussion gewählt, die sehr exakt begründet und vorgestellt wird. Die Autorin gewährt ausführliche Einblicke in die gewählten Methoden der empirischen Sozialforschung: Gruppendiskussionen, begleitende quantitativ ausgerichtete schriftliche Befragung und Experteninterview.
Die sehr umfangreichen Ergebnisse werden getrennt nach Untersuchungsmethoden übersichtlich gegliedert und systematisiert wiedergegeben. Von besonderer Relevanz für die Praxis erscheinen die Ergebnisse zu
- Möglichkeiten der Kooperation
- Grenzen der Kooperation
- Nutzen für die Beteiligten
- Notwendigen Rahmenbedingungen, Voraussetzungen und den sich ergebenden Unterstützungsbedarfen.
Die Ergebnisse werden über nahezu 160 Seiten wiedergegeben und daher hier nicht im Detail dargestellt; die Lektüre liefert eine Fülle von Detailerkenntnissen.
Abschließend diskutiert die Autorin die gewonnenen Erkenntnisse. Dabei kommen eben die Aspekte an die Oberfläche, die auch aus anderen Untersuchungen bereits als „wunde Punkte“ der Kooperation bekannt sind wie z.B. die Frage der Bewertung und die Bedingung der Freiwilligkeit. Hier weist die Autorin auf die Analyse basierend fundiert nach, dass die beteiligten Kooperationspartner in ihren je eigenen Professionen und Zusammenhängen deutlich unterschiedlich sind. Das gilt auch für die Unterschiedlichkeit von Ehrenamt und Hauptamt. Schließlich ist auch zu Festlegung der KJG auf eine weltanschauliche Auffassung gegenüber der geforderten Neutralität im staatlich verantworteten Schulwesen ein solcher zu verhandelnder Aspekt der Unterschiedlichkeit.
Die empirische Untersuchung belegt also erneut und auf sehr umfassende Weise Schwierigkeiten der Kooperation, die die Autorin aber klug als Herausforderungen umdeutet und daraus konkrete Handlungsempfehlungen für die KJG auf der Ebene der Kirchengemeinde wie auf Diözesanebene formuliert. Es ist sehr gut vorstellbar, dass dieses pointiert formulierte Schlusskapitel der Arbeit in der realen Konzeptentwicklung des Verbandes aufgegriffen wird.
Die Autorin motiviert die Praxis zu einem solchen Ausbau der Kooperation, bei der die „Chancen auf verschiedenen Ebenen sowohl für die KJG als auch für die Schule“ einladen, das „Wagnis“ einzugehen (320).
Diskussion
Die Veröffentlichung liefert eine Fülle von belastbarem Material zur Beschreibung der schwierigen Kooperation von Jugendarbeit und Schule. Sie bestätigt damit erneut die Notwendigkeit, die Unterschiedlichkeiten offensiv zu thematisieren und Bündnisse zu verhandeln. Die Arbeit besticht durch das umfangreiche Forschungsmaterial und die zwar akribische, am Ende aber doch deutlich zugespitzte Auswertung. Die Handlungsempfehlungen sind tatsächlich alltagstauglich
Fazit
Ein Buch für wissenschaftlich Interessierte, die die Fülle vorhandenen Materials vervollständigen und zugleich die Auswertung auf den Punkt bringen wollen, aber auch und noch mehr ein Beitrag für die Praxis, in der Konzepte der Zusammenarbeit konkret verhandelt und entwickelt werden.
Rezensentin
Prof. Dr. Ursula Tölle
Katholische Hochschule NRW
Abteilung Münster, Fachbereich Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Ursula Tölle. Rezension vom 25.03.2010 zu: Christine Jung: Schule und Jugendarbeit in Kooperation. Hartung-Gorre (Konstanz) 2009. 335 Seiten. ISBN 978-3-86628-270-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9063.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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