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Petra Jung: Kindertageseinrichtungen zwischen [...]

Cover Petra Jung: Kindertageseinrichtungen zwischen pädagogischer Ordnung und den Ordnungen der Kinder. Eine ethnografische Studie zur pädagogischen Reorganisation der Kindheit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 280 Seiten. ISBN 978-3-531-15813-6. 34,90 EUR.
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Entstehungshintergrund und Autorin

Das Buch entstand als Dissertation im Bereich der Trierer Kindergartenstudie. Sie wurde von Michael Sebastian Honig betreut und im Frühjahr 2007 am Fachbereich I der Universität Trier als erziehungswissenschaftliche Doktorarbeit angenommen. Dr. Petra Jung ist lehrend in der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern an der Akademie in Saarlouis tätig.

Thema

Petra Jung geht, wie sie in der Einleitung schreibt, „…in dieser Arbeit davon aus, dass sie [Kindertageseinrichtungen; UB] nicht lediglich Orte, Szenerien, Schauplätze pädagogischen Handelns sind, sondern die Form der Erziehung bestimmen“. (11) Der „Kindergarten als sozialer Ort“ steht also im Fokus dieser Untersuchung, die fragt: „Wie erziehen die Ordnungen des Geschehens?“ Sie orientiert sich für die Beantwortung an der „Instituetik“ von Siegfried Bernfeld „…einerseits eine Didaktik, der die sozialen Bedingungen von Lehren und Lernen berücksichtigt; zum anderen betrachtet er sie als ein Forschungsprogramm, das die Rationalität der Erziehung als gesellschaftliche Reaktion auf die Entwicklungstatsache darstellt“. (11) Mit aktualisierter sozialwissenschaftlicher Methode wird auf dieser Folie die „Logik der Organisation des Kindergartens“ als Verweis „auf die gesellschaftliche Organisiertheit von Kindheit als einem vergesellschafteten Generationenverhältnis und ihrem aktuellen Wandel unter den Bedingungen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ebenso wie ihrer Flexibilisierung zwischen Familie; Markt und Staat“ rekonstruiert. Damit kann die Verfasserin in die These begründen: „Kindergartenkindheit stellt sich in diesem Zusammenhang als ein zentrales Moment dieses Wandels dar.“ (19)

Als „Schlüsselbegriffe einer Theorie des Kindergartens“ werden abschließend „Perspektivität“ und „Qualität“ identifiziert (247-252): „Sie thematisieren die funktionale Relation zwischen institutioneller Erfahrungswelt als organisatorischer Einheit und gesellschaftlichen Erwartungen und kennzeichnen pädagogische Institutionen als je historisch bedingte bewegliche Effekte, die aus den Transaktionen je spezifischer Akteure hervorgehen.“ (252)

Aufbau und Inhalt

Die Schrift gliedert sich in sechs Abschnitte.

In der Vorstellung von „Fragestellung und Problembezug“ (15-19) wird formuliert: „In welchem Spannungsverhältnis stehen die der Praxis innewohnenden Ordnungen zur Ambition, die Erziehungs- und Bildungsqualität von Kindertageseinrichtungen zu steigern?“ (18) Und es wird festgehalten, dass die vorliegende Studie zum Ziel hat, „… die Systemhaftigkeit (Giddens 1997) des Geschehens als Regelhaftigkeit von Ereignissen und gegenseitigem Sich-Verhalten zur Geltung zu bringen“. (18)

Der zweite Teil entwickelt „Organisationstheoretische Perspektiven auf das Rationalitätsproblem“ (21-62). Jung stellt fest, dass „das Qualitätsdenken als Diskursmuster einer rational-effizienten Bewältigung von Betreuungs-, Erziehungs- und Bildungsaufgaben“ selbstverständlich geworden ist. (25) Damit ist ein pädagogisches Leistungsverständnis impliziert, das die Entwicklung von Kindern „entkoppelt“ von der sozialen Herkunft möglich machen muss: „Es rückt Kindertageseinrichtungen in die Nähe von Dienstleistungsunternehmen, deren Leistungen produktartig aufgefasst werden und deren Wirkungen sich mit Entwicklungsparametern … messen lassen. Mit dieser unter der Hand plausibilisierten Gegenstandstheorie pädagogischer Organisationen als Zweck-Mittel-Einheiten wird unterstellt, dass es sich bei der Qualität von Kindergärten nur um eine Frage der konsequenten Verwirklichung der in Qualitätsentwicklungsprozessen oder evaluativen Verfahren entwickelten Kriterien handelt.“ (25) Dieser naiven Auffassung von Organisation des Kindergartens stellt Jung eine Dualität von Geschlossenheit und Offenheit der Organisation gegenüber, den sie von Luhmann entlehnt. Sie gelangt so zum Begriff der Insitutionalisierung (26f.), den sie mittels einer „Theorie organisationaler Felder näher bestimmt“ (28f.) Interaktionen in diesem Kontext konstitutieren eine eigene Wirklichkeit. Dem kommt bezüglich der inszenierten Aktionsmöglichkeiten der Kinder eine besondere Bedeutung zu: „Kindertageseinrichtungen wären insofern Organisationen, in denen die Sozialität der Kinder als Medium der Erziehung gleichsam in ein (pädagogisches) Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern überführt wurde.“ (33) Die zugrundeliegende verdeckte Rationalität gilt es deshalb aufzudecken. Den theoretischen Rahmen hierfür entwickelt Jung über die Theorie der Strukturation von Giddens (38ff) und den Habitusbegriff von Bourdieu (40ff). Sie kommt so zu einer Differenzierung von Struktur und Handlung, die für die weitere Untersuchung zur Voraussetzung wird: „Obgleich nun die Akteure auf Regeln und Ressourcen zugreifen und sie im Sinne der von ihnen verfolgten Ziele strategisch verwenden, bringen sie soziale Praxis nicht oder nur partiell als das hervor, was sie intendieren. Vielmehr reproduzieren sie mit ihrem Verhalten Momente der institutionellen Ordnungen der Gesellschaft. Andererseits löst sich ihr praktisches Tun aber nicht einfach in der Struktur auf, sondern transformiert sie auch in gewisser, wenn auch nicht unbedingt beabsichtigter Weise. Struktur und Handlung sind daher zwar unzertrennliche, aber nicht aufeinander reduzierbare Seiten sozialer Praxis … . Dieses Verhältnis von Struktur und Handlung erklärt nicht nur Kontinuität und Stabilität sozialer Praxis, sondern auch ihren Wandel.“ (45) Weil die Akteure die Definition des Pädagogischen von ihren vorausgehenden, verborgenen Konzepten abhängig machen gilt es nun zu fragen: „Welches sind die Regeln und Ressourcen, welches die legitimen Ordnungen, auf die Akteure zugreifen, um einen (guten) Kindergarten herzustellen? Es ist offensichtlich, dass die im Feld wirksamen Ordnungen nicht auf der Ebene der Alltagsregeln angesiedelt sind.“ (48) Als theoretischen Rahmen zieht Jung nun die Instituetik von Siegfried Bernfeld heran. (50ff.) Damit wird ein eher historisches Untersuchungsprogramm für die Wirkungsweise pädagogischer Organisationsformen aufgegriffen. Hierauf lässt sich die „Eigenständigkeit als Maßstab pädagogischer Qualität“ (52-58) rekonstruieren und „Perspektivität als Eigenschaft des Geschehens“ (58-62) herausarbeiten: „Individualität und Sozialität sind dann im Begriff einer Kindheit, die sich als Unterscheidung zwischen Erwachsenen und Kindern definiert, aufeinander bezogen.“ (59)

Der dritte Abschnitt „Ethnografie als Forschungsstrategie“ (63-72) beschreibt Untersuchungsmethode, Vorgehen und die Feldbedingungen. „Ethnografie ist eine ‚flexible Forschungsstrategie‘ … die anders als andere Methoden der sozialwissenschaftlichen Methoden der sozialwissenschaftlichen Forschung dem Forschungsgegenstand nicht vorgängig ist, sondern sich im Prozess des Teilnehmens vom Forschungsgegenstand selber leiten lässt…“. (63) Jung wählte unterschiedliche Phasen der Teilnahme im Feld (66f) und bildete zwei Beobachtungsfokusse aus: „Der erste richtet die Aufmerksamkeit auf die Perspektivität zwischen den Akteuren, der zweite auf die Operationen des Verbesserns. Jeder der beiden Stränge vereint eine Vielzahl thematischer Elaborate im Sinne des empirischen Konstruktivismus …“. (68)

Zwei Verdichtungsstränge strukturieren dann die Ergebnisse der Untersuchung im Feld. Sie werden in Abschnitt 4 „Pädagogische und nicht-pädagogische Ordnungen“ (73-196) und in Abschnitt 5 „Qualitätspraktiken als Transformatoren von Akteursverhältnissen“ (197-231) ausführlich dokumentiert. In diesen umfänglichen Analysen werden szenische Protokollierungen referiert und problembezogen geordnet und analysiert.

Die Erträge von Beobachtung und Analyse auf der Folie der theoretischen Rahmung werden im sechsten Abschnitt „Der Kindergarten zwischen pädagogischer Ordnung und den Ordnungen der Kinder“ (233-252) als Grundlegung einer Theorie des Kindergartens angeboten. Jung identifiziert die Kinder als Ko-Konstrukteure des Kindergartens als Lern- und Lebensumfeld: „ In diesem Sinn lassen sich die Ordnungen der Kinder als eine Organisationsmacht beschreiben, die sich, wenn auch nicht autonom im Hinblick auf ihre Beziehungen zu den Erwachsenen, im Spannungsfeld von Integration und Marginalisierung als existentiellen Schemata der Erfahrung entfaltet. … Ihre gleichsam nicht-pädagogischen, partikularen und kontingenten Spielarten kennzeichnen die Begegnungsorte der Kinder als soziale Räume, die zwar für Kinder geschaffen sind, aber als Ordnungen der Kinder operieren.“(237f) Der pädagogische Sinn wird diesen Handlungen durch die Erwachsenen zugeschrieben und sie identifizieren darin die ‚gute Praxis‘. Es handelt sich Praxen der pädagogischen „Signifikation des Geschehens“. (240) Mit Blick auf die Qualitätsdebatte als leitendem Paradigma erkennt Jung, unter der Vorgabe einer nachweisbaren, ersichtlichen Entwicklung von Selbständigkeit bei den Kindern, dass „die neu entstehenden Arrangements überwiegend eine raumzeitliche Trennung von Kindern und Erzieherinnen sowie eine komplementäre Bezogenheit zwischen ihnen, die sich auf das ‚Funktionieren‘ der Arrangements bezieht“ erzeugen. Sie leitet daraus ab, dass der Gestaltung von Kindergarten durch die Kinder selbst mehr Raum gegeben wird, der zwar als Ausdruck pädagogischer Professionalität gesehen werden mag, tatsächlich aber „…die Kinder in ihrer Sozialität zum Medium der Erziehung macht“. (247) „Der Kindergarten“, resümiert Jung, „so könnte man sagen, erzieht nicht-pädagogisch“. (251f.) Als Ergebnis der empirischen Analyse bestätigen sich daher für Jung „Perspektivität und Qualität als Schlüsselbegriffe einer Theorie des Kindergartens“. (247-252)

Diskussion

Petra Jung legt eine differenzierte und empirisch gesättigte Analyse des Kindergartens vor. Ohne Zweifel eröffnen die leitenden analytischen Kategorien „Perspektivität“ und „Qualität“ insbesondere auf die Qualitätsdebatte selbst interessante Perspektiven. Es seien zwei Fragestellungen erlaubt: Warum unterbleibt eine Diskussion der pädagogischen theoretischen wie praktischen Ansätze, die den Qualitätsbegriff pädagogischen Handelns über die Selbstentwicklung des Kindes entfalten, ohne dies als ‚List der Vernunft‘ über eine ökonomische Vorstellung von (industrieller) Dienstleistungsprozesse realisieren zu müssen? Da wäre Montessori mehr als eine Erwähnung wert gewesen und Janusz Korczak – als Zeitgenosse von Bernfeld – wenigstens eine solche. Die intentionale Seite der Erziehung erscheint bei Jung am Ende eigentlich kontingent und nahezu unerheblich. Auch eine instrumentalisierte Erziehung im Kontext einer politischen Diktatur müsste schließlich die „sich ausdehnende Macht kollektiver Praxen der Kinder“ (247) ermöglichen, wenn sie der Idee einer technologischen Begabungsförderung folgen wollte. Man erinnere sich, dass interessanterweise die ‚Hohe Priesterin der kindlichen Selbstentwicklung‘, Maria Montessori, eine fatale Karrierephase als Pädagogin des italienischen Faschismus vollzogen hat. Und obwohl Petra Jung mit Siegfried Bernfeld, dankenswerter Weise, einen ausgesprochen politischen Erziehungstheoretiker anspricht, gerinnt dieser Bernfeld zum technologischen Stichwortgeber. Eine Aufnahme des kritischen Potentials der Instituetik unterbleibt völlig. (Obwohl selbst die knappe Darstellung dafür gute Ansatzpunkte bietet).

Warum, dies die zweite Anfrage, unterbleibt jegliche kritische Diskussion der ökonomischen Durchdringung des Kindergartens. Zwar erwähnt Jung, dass „Kindergärten in die Nähe von Dienstleistungsunternehmen“ gerückt werden, „deren Leistungen produktartig aufgefasst werden“ (25), aber eine kritische Auseinandersetzung mit den Folgen für die intentionale Seite des Erziehungsgeschehens bleibt aus. Dagegen wird die anthropologische Vorstellung der Selbstentwicklung als kompatibel mit den ökonomischen Anforderungen identifiziert und nicht weiter hinterfragt. Im Ergebnis wird dann der Kindergarten als Dienstleistungsunternehmen durchaus bestätigt.

Fazit

Die Arbeit von Petra Jung erstellt einen aufschlussreichen und klugen analytischen Blick auf den Kindergarten, als einem Ort der kokonstruktiven Erziehung von Kindern, deren eigene Beteiligung jenseits der professionellen Intention sich entwickelt. Sie bietet eine Vielfalt von präzisen Beobachtungen des professionellen Geschehens, die in jedem Fall hilfreich und weiterführend sind. Eine Theorie des Kindergartens allerdings ist - für den Rezensenten jedenfalls – damit noch nicht geschrieben.


Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Bartosch
Professur für Pädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler e.V. (VDW) seit 2009; Mitglied im Team deutscher Bologna-Experten des DAAD (2007-2013); ehem. Vorsitzender des deutschen Fachbereichstages Soziale Arbeit (2006-2012)
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Zitiervorschlag
Ulrich Bartosch. Rezension vom 20.12.2010 zu: Petra Jung: Kindertageseinrichtungen zwischen pädagogischer Ordnung und den Ordnungen der Kinder. Eine ethnografische Studie zur pädagogischen Reorganisation der Kindheit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-15813-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9066.php, Datum des Zugriffs 29.06.2016.


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