Carla Ilten: Strategisches und soziales Nischenmanagement
Carla Ilten: Strategisches und soziales Nischenmanagement. Zur Analyse gesellschaftspolitisch motivierter Innovation. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 123 Seiten. ISBN 978-3-531-16839-5. 29,90 EUR.
Reihe: VS research.
Autorin
Carla Ilten ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Technik und Gesellschaft der Technischen Universität Berlin. Sie hat im Jahr 2008 ein Diplom in Soziologie (technikwissenschaftliche Richtung) erworben. Dem vorliegenden Buch liegt ihre Diplomarbeit mit dem Thema „Sociotechnical Innovation by Civil Society Actors. A Case Study of the Wireless Community Networks Project illustrating the Approach of Social Niche Management” zu Grunde.
Entstehungshintergrund
Innovationen sind im Fokus zahlreicher Disziplinen, wie z. B. der Soziologie oder der Betriebswirtschaftslehre. Häufig geht man hierbei davon aus, dass gewinnorientierte, Sachgüter produzierende Großunternehmen Produkt- und Verfahrensinnovationen generieren, diese marktfähig machen und schließlich die entsprechenden Gewinne abschöpfen. Die Standardinnovationstheorie sieht die Zivilgesellschaft eher als Barriere an, deren Widerstand es zu überwinden gilt. Tatsächlich spiegelt dies jedoch nur einen Aspekt der gesellschaftlichen Innovationstätigkeit wider, denn zivilgesellschaftliche Akteure haben in den letzten Jahren eine erhebliche Innovationstätigkeit entfaltet. Beispielsweise ist das Internetlexikon Wikipedia gerade nicht von Gewinn orientierten Unternehmen generiert worden, sondern von Nonprofitakteuren, die durchaus der Zivilgesellschaft zuzuordnen sind. Hier und in vielen weiteren Bereichen entstehen Technologien, die ihren Weg in die kommerzielle und nicht-kommerzielle Wirtschaft finden und dort als lnnovationskeimlinge zur Verfügung stehen. Deshalb ist die Analyse des Nischenmanagements sowie der Transitionen derartiger Potentiale aus den Nischen in die Gesamtwirtschaft von großer ökonomischer Bedeutung. Der vorliegende Band untersucht genau diese gesellschaftspolitisch motivierte Innovation und füllt damit eine wichtige Forschungslücke. Er basiert auf der Diplomarbeit der Autorin und wurde unter Betreuung von Ingo Schulz-Schaeffer angefertigt, der auch das Geleitwort geschrieben hat.
Aufbau und Inhalt
Das vorliegende Buch gliedert sich in zwei Kapitel. Vorausgestellt ist eine Einleitung. Es folgen eine Schlussbetrachtung sowie ein Anhang.
Im ersten
Hauptkapitel (Nischenmanagement durch
zivilgesellschaftliche Akteure) stellt die
Autorin die theoretischen Grundlagen ihrer Studie dar. Hierzu
definiert sie zuerst grundlegend die Begriffe der soziotechnischen
Innovation, der Nische sowie der Nischenentwicklung. Der
Argumentation liegt ein quasi-evolutionäres Modell der
Entwicklung zugrunde, das letztendlich nur besagt, dass nur diejenige
Innovation in Konkurrenzsituation überleben kann, die den
relevanten Nachfragern bzw. Nutzern einen im Vergleich zur
Standardtechnologie oder zu konkurrierenden Innovationen
größtmöglichen Nutzen bietet. Da Innovationen häufig
nicht von Anfang an die Reife haben, um die Standardlösung zu
verdrängen, reifen sie häufig in Nischen zur Marktreife
bzw. als innovative Systemlösung heran. Deshalb ist gerade die
Entwicklung von Nischenlösungen für das
Innovationsmanagement von Bedeutung, da diese dort gereiften
Innovationskeimlinge als neue, für viele dann überraschende
Neuerungen zur Verfügung stehen können. Tatsächlich
ist jedoch die betriebswirtschaftliche Literatur im Bereich des
Managements derartiger Nischen sehr dürftig. Nur wenige
Unternehmen beschäftigen sich explizit mit der Entwicklung
derartiger Nischen.
Noch sehr viel weniger findet bislang
in die betriebswirtschaftliche Betrachtung der Gedanke des sozialen
Nischenmanagements Eingang. Darunter versteht die Autorin einen
theoretischen Rahmen zur Beschreibung von Innovationen durch
gesellschaftliche Akteure, d.h. gerade eben nicht von oben durch eine
strategische Unternehmenssteuerung, sondern von unten durch
zivilgesellschaftliche Akteure. Die Autorin fokussiert genau diese,
stellt sie in einen theoretischen Zusammenhang und führt
insbesondere Motivationen, Ziele, Erfolg, soziotechnischen
Innovationen und Lernprozesse dieser Nischeninnovationen aus.
Schließlich geht sie auch noch auf die Diffusion
soziotechnischer Innovationen durch gesellschaftliche Akteure ein,
wobei für den Betriebswirt insbesondere interessant ist, dass
dieser Form von Innovationen eine Reihe von schwerwiegenden Barrieren
entgegenstehen – nicht zuletzt dürfte auch der Stolz
klassischer Unternehmer eine nicht geringe Rolle spielen.
Das zweite Hauptkapitel ist eine Fallschilderung zum sozialen Nischenmanagement. Die Autorin stellt das Wireless-Community-Networks Project vor, das sie als zivilgesellschaftliches Innovationsprojekt fallstudienartig untersucht, um die im ersten Kapitel diskutierten Konzepte zu illustrieren. Hier ist es besonders eindrücklich, dass gerade eine Hochtechnologieinnovation nicht das Ergebnis forschungsstarker industrieller Entwickler ist, sondern sich aus dem zivilgesellschaftlichen Engagement ergibt. Das Wireless-Community-Networks Project wurde vom Center for Neighborhood Technology ins Leben gerufen - einer Organisation, die seit 1978 in Chicago arbeitet und das Ziel hat, die Nachbarschaften in den Städten lebenswerter und nachhaltiger zu gestalten. Hierzu gehören u. a. Projekte in den Bereichen Energieinfrastrukturmanagement, Verkehrswesen, nachhaltiges Bauen und Kommunikationsinfrastruktur. Ziel ist die Nutzung von Technologien dergestalt, dass eine politische Partizipation möglich und die Technologie zur Ressource für soziale Gemeinschaften wird. Ausgangspunkt des Wireless-Community-Networks war die Tatsache, dass sozial Benachteiligte häufig keinen Anschluss an das Internet haben. Diese digitale Spaltung ist nicht nur international, sondern auch und gerade im Gesellschaftssystem der USA ein großes Problem. Das Wireless-Community-Network stellt mit Hilfe von Funkverbindungen für Menschen mit Benachteiligung einen entsprechenden Internetzugang bereit und stellt von daher ein besonders interessantes Beispiel für eine Innovation dar, die nicht von großen Unternehmen top down umgesetzt, sondern von einer Zivilgesellschaft implementiert wurden.
Fazit
Das vorliegende Buch ist nicht nur für Soziologen, sondern auch für Betriebswirte zu empfehlen, die sich einen interessanten Einblick in die Generierung und Nutzung von Innovationen außerhalb der klassischen Unternehmenshierarchie wünschen. Das Theoriekapitel ist kurz gehalten und mit wenigen Ausnahmen auch für nicht Soziologen durchaus verständlich. Das Praxisbeispiel ist höchst relevant und illustrativ. Besonders positiv fällt auf, dass im Gegensatz zu dem heute üblichen Verfahren die Autorin sich die Mühe gemacht hat, das Buch vollständig selbst zu schreiben, so dass der rote Faden der Arbeit erkenntlich ist und die teilweise erheblichen Redundanzen anderer Bücher vermieden werden können. An einigen Stellen hätte man sich einen entsprechenden Verweis auf die betriebswirtschaftliche Standardliteratur des Innovationsmanagements gewünscht.
Rezensent
Prof. Dr. Steffen Fleßa
Universität Greifswald, Department of Health Care Management
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Zitiervorschlag
Steffen Fleßa. Rezension vom 13.04.2010 zu: Carla Ilten: Strategisches und soziales Nischenmanagement. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 123 Seiten. ISBN 978-3-531-16839-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9079.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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