Wilfried Hellmann: Junge Menschen in stationärer Jugendhilfe
Wilfried Hellmann: Junge Menschen in stationärer Jugendhilfe. Eine Evaluations- und Nutzerstudie. Verlag Dr. Köster (Berlin) 2009. 63 Seiten. ISBN 978-3-89574-723-6. 12,80 EUR.
Entstehungshintergrund
Die Publikation reiht sich ein in die Sammlung empirischer Befunde zur stationären Erziehungshilfe. Das 63 Seiten umfassende Bändchen entstand im Rahmen eines Lehrforschungsprojekts, welches der Autor an der Fachhochschule Osnabrück durchgeführt hat. Prof. Dr. Wilfried Hellmann ist dort als Studiengangsbeauftragter Soziale Arbeit in Lehr- und Forschung tätig.
Thema
Die studentische Forschergruppe interviewte 40 Jugendliche im Durchschnittsalter von 18 Jahren, die in vier unterschiedlichen Einrichtungen der stationären Jugendhilfe im Osnabrücker Stadtgebiet untergebracht waren, zu ihren Erfahrungen und Einschätzungen.
Aufbau und Inhalt
Zunächst wird - unterstützt durch etliche Grafiken - das untersuchte Sample nach Herkunftsfamilie, Schulbildung und Vorerfahrungen in der Jugendhilfe ausführlich beschrieben, bevor auf einzelne Erfahrungsaspekte in acht weiteren kompakten Unterkapiteln eingegangen wird.
Die Jugendlichen berichten über ihre Heimaufnahme, die Art und Häufigkeit ihrer Kontakte zu ihren Eltern und zu Konzept und Struktur der Einrichtung. Sie zeichnen immer wieder ein recht differenziertes Bild von überwiegend positiven, aber auch negativen Erlebnissen. Besonders interessant sind die Parallelen zu anderen Untersuchungen zum gleichen Thema, insbesondere was die Bedeutung der erwachsenen Bezugspersonen und den Stellenwert alltäglicher Regeln anbetrifft.
Das Angebot und die Atmosphäre in den Einrichtungen wird von den Jugendlichen überwiegend positiv beurteilt, auch wenn der grundsätzliche Zwangscharakter der jeweiligen Lebensgemeinschaft und damit verbundene individuelle Konflikte immer wieder dargelegt werden. Die Jugendlichen nehmen das Engagement, die Fachlichkeit und die Zuverlässigkeit der MitarbeiterInnen sehr genau wahr. Auf abgehobenes pädagogisches Denken und Reden reagieren sie ebenso aufmerksam (ablehnend) wie auf Fähigkeiten zur Konfliktschlichtung und persönlicher kontinuierlicher Zuwendung (begrüßend bis bewundernd). Die Bedeutung einer sozialpädagogischen Ausbildung wird in diesem Zusammenhang hervorgehoben.
Abschließend werden Informationen zur weiteren Lebensplanung der Jugendlichen (Beruf, Familie) sowie zu ihren Wünschen und Träumen gegeben. Über die gesamte Themendarstellung hinweg findet der Leser zahlreiche kurze Auszüge aus den Interviews.
Im Schlussteil endet die Studie mit einem Versuch der Beantwortung der Frage: „Rechtfertigt der Ertrag die für die stationäre Jugendhilfe aufgewendeten Mittel?“ (S. 57) und beantwortet sie „uneingeschränkt mit ‚Ja’“ (S. 57). Die befragten Jugendlichen erfahren nach ihren eigenen Angaben durch eine gut ausgestattete und qualifizierte stationäre Jugendhilfe ganz wesentliche Unterstützungen vor dem Hintergrund ihrer belastenden Lebensgeschichte.
Fazit
Der Beitrag ist ein gutes Beispiel für ein überschaubares studentisches Projekt, dem der unmittelbare Zugang zu Jugendlichen in der Heimerziehung gut gelungen ist. In kurzen Zusammenfassungen zum Schluss einzelner Kapitel werden immer wieder Querverbindungen zu anderen einschlägigen Studien eingestreut. Die Ergebnisse sind authentisch und anschaulich, auch wenn man sich an mancher Stelle eine Anmerkung zu Beschränktheit von Methode und Samplegröße gewünscht hätte.
Rezensent
Prof. Dr. Matthias Moch
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart. Studiengangsleiter Erziehungshilfen / Kinder- und Jugendhilfe.
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Zitiervorschlag
Matthias Moch. Rezension vom 01.07.2010 zu: Wilfried Hellmann: Junge Menschen in stationärer Jugendhilfe. Verlag Dr. Köster (Berlin) 2009. 63 Seiten. ISBN 978-3-89574-723-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9099.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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