Stefanie Hellmann, Petra Kundmüller: Pflegevisite in Theorie und Praxis [...]
Stefanie Hellmann, Petra Kundmüller: Pflegevisite in Theorie und Praxis für die ambulante und stationäre Pflege. Checklisten für die praktische Anwendung und Schulungsunterlagen für die innerbetriebliche Fortbildung. Brigitte Kunz Verlag (Hagen) 2006. 76 Seiten. ISBN 978-3-89993-438-0. 12,90 EUR, CH: 21,90 sFr.
Thema
Pflegevisite ist ein relativ neues Instrument in der Pflege. Die Medizin kennt Visiten als Besuch des Arztes am Krankenbett. Nach der von den Autorinnen verwendeten Definition ist Pflegevisite "Éein regelmäßiger Besuch bei und ein Gespräch mit dem Klienten über seinen Pflegeprozess. Bei der Pflegevisite handelt es sich um regelmäßig stattfindende Gespräche zwischen den betreuenden Pflegepersonen und den Patienten. In dem Gespräch geht es um den Pflegeverlauf und die weitere Planung."
Inhalt
Die Autorinnen sehen die Pflegevisite als zentrales Qualitätswerkzeug in Hinsicht auf Überprüfung der Wirksamkeit und Ergebnisqualität in den ambulanten Diensten und stationären Einrichtungen. Ziel ist die routinemäßige und anlassbezogene Überprüfung der Dienstleistung. Bei den anlassbezogenen Evaluationen geht es um multimorbide Patienten/Bewohner mit sehr umfassendem Hilfebedarf, deren komplexe Anforderungen ein hoch entwickeltes Erhebungsinstrument erfordern.
Daher wurden Checklisten entwickelt und von den Autorinnen in "Mikrovisite" und "Makrovisite" unterschieden. Die "Mikrovisite" befasst sich ausschließlich mit der Überprüfung der Pflegeprozessdokumentation. Die "Makrovisite" soll als umfassendes Qualitätswerkzeug zur Überprüfung der Bereiche "Pflegeprozessdokumentation", "Bewohnerbefragung", "Umgebung des Patienten/Bewohners" und "Personal" dienen. Anlass für die Konzeption des Buches sind die neuen Richtlinien des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherungen (MDK), welche die Anleitungen für die Qualitätsprüfungen regeln und einheitliche Prüfkriterien bei der Prüfumsetzung festlegen.
- Der theoretische Teil des Buches wird in den Kapiteln 1 bis 6 abgehandelt und umfasst 10 Seiten. Auf diesen werden zuerst die verwendeten Begriffe definiert und kurz auf die Maßnahmen, Zielen, Aufbau, Inhalt und praktische Anwendung des Standards Pflegevisite eingegangen und der Aufbau der Checklisten vorgestellt. Dabei bleiben die Autorinnen sehr knapp mit ihren Ausführungen. Es werden weder verschiedene theoretische Ansätze vorgestellt noch die verwendeten Theorien kritisch hinterfragt oder überprüft.
- Der größere Teil des Buches (40 Seiten) wird auf die Checklisten verwendet. Diese sind für die Pflegevisite im ambulanten Bereich und für Pflegeheime entwickelt worden. Der Bereich Krankenhaus wird hier nicht bearbeitet. Es handelt sich dabei um fünf verschiedene Checklisten mit den Kriterien für die Überprüfung bei der Pflegevisite, eine Vorlage Ergebnisprotokoll und die Checkliste "Pflegevisite" der Fa. Dan Produkt. Die Kriterien sind anhand der Prüfkriterien des MDK zur Überprüfung der Qualität der Pflege ausgewählt worden und stellen somit ein Controlling-Werkzeug dar, das aber dem Anspruch der Definition von Pflegevisite nicht gerecht wird. Die Checklisten sind so konzipiert, dass sie als Kopiervorlagen dienen können, weisen jedoch diverse Mängel auf. So gibt es auf einigen Bögen keine Legende, welche die Bewertungsskala 1-4 klassifiziert. Im Seitenumbruch wird die Kopfzeile der Tabellen oftmals nicht mit übertragen.
- Die sich daran anschließenden Kapitel über die Operationalisierung der Checklisten, dem Erfahrungsbericht aus der Praxis, über die Vor- und Nachteile der Pflegevisite aus Sicht der Beteiligten sowie die Schlussbetrachtung werden über 5 Seiten abgehandelt. Dies geschieht auf der Grundlage von Erfahrungswerten der Autorinnen und ist nicht theoretisch begründet.
- Beim abschließenden Kapitel "Schulungsunterlagen" handelt es sich um Kopiervorlagen für die interne Fortbildung eines Betriebes, auf denen die verwendeten Thesen kurz zusammengefasst sind.
Autorinnen und Zielgruppe
Die Autorinnen sind Altenpflegerinnen, Heimleitungen und im Qualitätsmanagement in der Altenpflege tätig. Die Zielgruppe, für die dieses Buch verfasst wurde, sind Qualitätsbeauftragte und leitende Mitarbeiter in der ambulanten Pflege und im Altenpflegebereich. Ihnen soll damit ein Instrument in die Hand gegeben werden, mit dem sie die Qualität ihrer Leistungen anhand der Prüfkriterien des MDK evaluieren können.
Diskussion
Die Autorinnen stellen mit der Veröffentlichung die in ihrem Betrieb verwendeten Checklisten anderen Einrichtungen zur Verfügung. Im Rahmen von Qualitätskontrollen sind sie ausführlich und fragen die entsprechenden Bereiche katalogmäßig ab. Für eine qualifizierte Einführung einer Pflegevisite im Sinne der im Buch verwendeten Definition sind weder der theoretische Teil noch die Checklisten geeignet. In dem Buch werden weder Kommunikationstheorien, noch die Bereiche Gesprächsführung, Selbstwahrnehmung oder Fremdwahrnehmung thematisiert. Auch das Selbstverständnis der Pflege, rechtliche Fragen, der Autonomiebegriff, das Menschenbild und ethische Fragen die Pflegen beeinflussen, werden nicht erwähnt. Die Abgrenzung von einem Controlling-Instrument zu einem eigenständigen Instrument im Rahmen des Pflegeprozesses zur Evaluierung des Befindens und der Entwicklung des Bewohners/Patienten fehlt. Pflegevisite kann immer nur Teilaspekte im Pflegeprozess evaluieren, was bedeutet, dass die umfassenden Qualitätskontrollen in einem anderen Rahmen stattfinden müssen.
Fazit
Der Titel des Buches lässt mehr erwarten als der Inhalt wieder gibt. Beim "theoretischen Teil" handelt es sich um eine kurze Skizze der verwendeten Theorien bzw. Gedanken der Autorinnen. Pflegevisite wird in der von den Autorinnen verwendeten Definition vor allem als Gespräch zwischen Pflegeperson und der zu pflegenden Person bezeichnet, beschränkt sich in diesem Buch jedoch allein auf die Überprüfung der äußerlich sichtbaren Kriterien. Es fehlt vor allem eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Pflegevisite, was diese leisten kann und soll, und vor allem wie sie als Instrument des Pflegeprozesses verstanden und etabliert werden kann.
Rezensentin
Dipl.-Pflegewirtin Beate Fecke
Diplom-Pflegewirtin (FH). Beraterin für chronisch Kranke.
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Zitiervorschlag
Beate Fecke. Rezension vom 18.05.2007 zu: Stefanie Hellmann, Petra Kundmüller: Pflegevisite in Theorie und Praxis [...]. Brigitte Kunz Verlag (Hagen) 2006. 76 Seiten. ISBN 978-3-89993-438-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/911.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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