Petra Dieckhoff (Hrsg.): Kinderflüchtlinge
Petra Dieckhoff (Hrsg.): Kinderflüchtlinge. Theoretische Grundlagen und berufliches Handeln. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 283 Seiten. ISBN 978-3-531-16405-2. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 59,50 sFr.
Thema
Der „Kinderknast“ auf der griechischen Insel Lesbos, dem „Die Zeit“ kürzlich ein lesenswertes Dossier widmete (Nr. 6, 4.2.2010) ist nur die Spitze des Eisbergs einer inhumanen Flüchtlingspolitik von Europas Gnaden. Hier werden Kinder eingepfercht, die es geschafft haben, übers Mittelmeer bis nach Griechenland zu gelangen, ohne die heute auch für Kinder geforderten „Einreisedokumente“ zu besitzen. Obwohl ihnen die UN-Kinderrechtskonvention besonderen Schutz zusichert, müssen sie ständig mit ihrer Deportation rechnen. Dies gilt auch für Kinderflüchtlinge, die es bis nach Deutschland geschafft haben. Hier wurde nicht nur das Asylrecht eingeschränkt, sondern es gilt nach wie vor auch der sog. Ausländervorbehalt, den die Bundesregierung bei der Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention hinterlegt hat. Demnach hat die restriktive Ausländergesetzgebung Vorrang vor den Kinderrechten.
Kinder stellen weltweit die Hälfte aller Flüchtlinge, in einigen Ländern sogar mehr. In Deutschland waren im Jahr 2008 immerhin 33% der neu eingereisten Asylantragsteller/innen unter 18 Jahre alt. Gegenwärtig leben hier etwa 8 000 Kinder, die auf eine Entscheidung im Asylverfahren warten, etwa 30 000 Kinder werden nur "geduldet", d.h. sie können jederzeit "abgeschoben" werden. Schätzungsweise 3 000 bis 6 000 Kinder leben ohne Eltern als sog. "unbegleitete minderjährige Flüchtlinge" in Deutschland. Niemand weiß genau, wie viele es sind, zumal auch viele sich genötigt sehen, einfach unterzutauchen und gänzlich "ohne Papiere" zu leben. „Weiten Teilen der deutschen Bevölkerung ist nicht klar, dass unter ihnen Kinder und Jugendliche leben, die einem dramatischen Schicksal in ihren Heimatländern entflohen sind. (…) Manche waren wochenlang, manche monatelang unterwegs auf verschlungenen Wegen, mussten sich fremden Schleusern anvertrauen, die mit ihrer Zwangslage ein gutes Geschäft machen. Im Gepäck tragen die jungen Flüchtlinge die Angst vor Krieg und Folter, die Erinnerung an Hoffnungslosigkeit und grimmigen Hunger. Die einen wurden als billige Arbeitskräfte missbraucht, andere als Kanonenfutter und wieder andere als Sexdienstleister. Es gibt immer wieder Kinder, die mit einer Kriegsverletzung in Deutschland ankommen, einige mit einer HIV-Infektion, viele traumatisiert. Die einen sind geflohen, weil eine Naturkatastrophe ihnen und der Familie die Existenz genommen hat, die anderen vor drohender Prostitution. Mädchen sind weggelaufen aus Angst vor ihrer genitalen Verstümmelung, oder vor Zwangsverheiratung, wieder andere wurden von feindlichen Stämmen aus ihrem Heimatland vertrieben. Einige der Kinderflüchtlinge, die allein in Deutschland ankommen, sind ursprünglich mit Angehörigen geflohen, die aber auf schwierigen Fluchtwegen verloren gingen.“
Mit diesen Worten leitet die Sozialpädagogin und Journalistin Petra Dieckhoff das von ihr herausgegebene Buch ein, das hier vorgestellt werden soll.
Zielgruppe
Das Buch richtet sich an Fachleute wie Laien und stellt mit seinen Beiträgen Kenntnisse und praktische Hilfen für einen respektvollen und menschenwürdigen Umgang mit Flüchtlingen im Allgemeinen und unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen im Besonderen zur Verfügung.
Aufbau und Inhalt
Im ersten Teil werden die oft verwirrenden gesetzlichen Grundlagen in Deutschland erläutert. Sie finden sich vor allem im Zuwanderungsgesetz mit seinem Aufenthaltsgesetz, dem Asylverfahrensgesetz und dem Asylbewerberleistungsgesetz sowie im Kinder- und Jugendhilfegesetz und dem Bürgerlichen Gesetzbuch. Außerdem wird auf das Grundgesetz, die UN-Kinderrechtskonvention und die darauf bezogene Vorbehaltserklärung der Bundesregierung Bezug genommen. Einige der Autor/innen sind der Überzeugung, dass die derzeitige Gesetzgebung und die vorhandenen Standards ausreichen, wenn sie denn flächendeckend im Sinne der Urheber umgesetzt würden; andere fordern bessere Bedingungen und rechtliche Regelungen zugunsten der jungen Flüchtlinge. Übereinstimmend fordern allerdings alle die Rücknahme der Vorbehaltserklärung, d.h. die volle Anerkennung und Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention.
Im zweiten Teil wird auf die körperliche und psychische Situation der Kinderflüchtlinge eingegangen, wobei den Traumatisierungen besondere Beachtung gewidmet wird. Die Autor/innen halten es für erforderlich, den Kindern nicht nur mit viel Fingerspitzengefühl und Fachkenntnissen zu begegnen, sondern ihnen auch Raum zu lassen und Vertrauen aufzubauen, damit sie sich entschließen können, professionelle Hilfe anzunehmen. In den Beiträgen wird deutlich, wie diffizil der Umgang und die Therapie mit Kindern und Jugendlichen ist, die körperliche und seelische Gewalt erleiden mussten.
Im dritten Teil werden pädagogische Konzepte und Erfahrungen im Umgang mit Kinderflüchtlingen vorgestellt. Nach eher grundsätzlichen Beiträgen zu interkultureller Pädagogik und Menschenrechtsbildung wird auf die Möglichkeiten von Sport und Spiel, auf Beratungsangebote und das Zusammenleben in der Gruppe eingegangen. Besonders ausführlich wird das bisher einzige Schulprojekt dargestellt, das auf die Situation und die Bedürfnisse von Kinderflüchtlingen zugeschnitten ist, die SchlaU-Schule in München. In diesem Beitrag wird deutlich, welches enorme Potential in den jungen Flüchtlingen steckt, wenn respekt- und verständnisvoll mit ihnen umgegangen wird und sie den Eindruck gewinnen, dass sich für sie eine Perspektive nach dem Schulbesuch ergibt.
Im Anhang werden die Aufgaben der Ausländerbehörde beleuchtet und Auszüge aus relevanten Gesetzen und internationalen Menschenrechtsverträgen dokumentiert.
Diskussion und Fazit
Das Buch vermittelt eine Fülle von praktischen Hinweisen, die für den Umgang mit Kinderflüchtlingen hilfreich sind. Der Dschungel der teils widerstreitenden rechtlichen Bestimmungen wird gelichtet und übersichtlich gemacht. Zwar wiederholen sich manche Informationen, aber das ist nicht nur bei einem Sammelband schwer vermeidbar, sondern auch durchaus nützlich, weil die Informationen immer wieder in anderen Zusammenhängen zur Sprache kommen. Bei den vorgestellten praktischen Beispielen liegt der Schwerpunkt auf therapeutischen Ansätzen sowie Beratungs- und Betreuungsangeboten. Wie die Herausgeberin selbst bedauernd hervorhebt, wird leider auf die in Deutschland durchaus vorhandenen Initiativen nicht eigens eingegangen, die jenseits von Hilfsorganisationen entstanden sind und auf die Selbstorganisation der jungen Flüchtlinge setzen. Diese Initiativen, wie z.B. die inzwischen in ganz Deutschland aktive Selbsthilfeorganisation „Jugendliche ohne Grenzen“, oder Gruppen von Schüler/innen und Internetportale, die aus Solidarität mit jungen Flüchtlingen entstanden sind und sich für sie einsetzen, hätten eine besondere Darstellung verdient.
Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
European Network of Masters in Children´s Rights (ENMCR) c/o Internationale Akademie an der FU Berlin
Homepage www.enmcr.net
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 08.03.2010 zu: Petra Dieckhoff (Hrsg.): Kinderflüchtlinge. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 283 Seiten. ISBN 978-3-531-16405-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9112.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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