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Peter Rheinberger: Hyperaktivität und Impulsivität im Spiegel [...] Maria Montessoris

Cover Peter Rheinberger: Hyperaktivität und Impulsivität im Spiegel der pädagogischen Arbeiten Maria Montessoris. Eine qualitative Analyse. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2009. 322 Seiten. ISBN 978-3-8300-4628-8. 88,00 EUR.

Schriftenreihe Schriften zur Reformpädagogik - Band 4.

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Autor

Peter Rheinberger ist Diplompädagoge und Lehrer an der Praxishauptschule und an der PH Vorarlberg. Die vorliegende Arbeit wurde als Dissertation an der Humboldt-Universität Berlin angenommen

Thema

Der Autor greift ein modernes Thema auf: Hyperaktivität und Impulsivität – ADHS. Das Ziel seiner Arbeit ist jedoch nicht, das Thema nur in der Gegenwart zu betrachten, sondern vielmehr eine Verknüpfung von Erkenntnissen aus der Geschichte der Reformpädagogik mit gegenwärtigen Fragen und Herausforderungen bezüglich ADHS. So untersucht er die Werke der Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori (1870 – 1952) und versucht, folgende Fragen zu beantworten:

  • Wie beschreibt Maria Montessori Menschen mit ADHS,
  • wie interpretiert sie dieses auffällige Verhalten und
  • welche Konsequenzen für das pädagogische Handeln zieht sie daraus.

Aufbau und Inhalt

Zu Beginn seiner Arbeit thematisiert Rheinberger geschichts-, erziehungs- und rehabilitationswissenschaftliche Aspekte und widmet der Reformpädagogik besondere Aufmerksamkeit. Anschließend geht er auf Hyperaktivität, Impulsivität und Unaufmerksamkeit ein und stellt bezüglich “ADHS“ die Klassifikationsschemata ICD und DSM, Definitionen, Erklärungsansätze, Diagnostik und Intervention dar, und weitet dann seine Darstellung auf Verhaltensauffälligkeiten, auf das Bild des „schwierigen Kindes“ in den letzten 200 Jahren aus, in dem er auch dafür Kennzeichen, alte und neue Termini, Erklärungsmodelle, Diagnostik und Interventionsmöglichkeiten erläutert.

Die Datenbasis der nun folgenden qualitativen, historisch-hermeneutischen Analyse bilden die Veröffentlichungen Maria Montessoris. Der Autor begründet ausführlich seine Methode und erarbeitet als bedeutsame Fragenkomplexe:

  • die historischen Bedingungen und biografischen Aspekte,
  • die Darstellung des pädagogischen Konzepts,
  • die Beschreibung von Hyperaktivität und Impulsivität,
  • die Deutung von Hyperaktivität und Impulsivität und
  • die pädagogischen Konsequenzen bzw. Interventionen.

Im Hauptteil präsentiert Rheinberger Antworten zu diesen fünf Fragen. Nach der kritischen Darstellung des Werdegangs Maria Montessoris und des Konzepts geht er auf Beschreibungen von Impulsivität und Hyperaktivität ein. Er findet in Maria Montessoris Werken viele Beschreibungen von unaufmerksamen, hyperaktiven und impulsiven Kindern, natürlich ohne dass sie diese Formulierungen gebraucht. Sie beschreibt sie als „ungeordnete Kinder“, als „Zerstörer“ und „Plagegeister“, sie beschreibt am häufigsten einen Mischtyp mit mehreren Komponenten, aber auch Nebentypen als vorwiegend hyperaktiv oder vorwiegend impulsiv oder einen Typ mit unaufmerksamen und impulsiven Komponenten, und macht auch Aussagen bezüglich Alter, gesellschaftlichen Status und Geschlecht. Sie spricht von „Deviationen“ oder „(Charakter)-Fehlern“. Phänomene wie Hyperaktivität und Impulsivität finden sich zwischen den beiden Polen „Deviation„ und „Normalisation“, sind „Abwehrmechanismen“ als Ergebnis von Fehlbehandlungen, „Masken über der Seele des Kindes“.

Sie fordert eine Reihe von Konsequenzen, um von „Deviationen“ zu gesunden oder diesen vorzubeugen, die Förderung der Multiperspektivität und Ganzheitlichkeit der Betrachtung des Kindes, die Bewegungs- und Sinneserziehung , die Stille-Übung, die „Polarisation der Aufmerksamkeit“, die zu Veränderungen im Bereich der Selbstkontrolle, im motorischen Bereich, im Lern- und Leistungsbereich, im motivationalen und emotionalen Bereich und im psychosozialen Bereich führen.

Diskussion

Es gibt viele Kindergärten und Schulen, die nach dem Montessori-Konzept arbeiten; es gibt viele Erzieherinnen und Erzieher mit eine Zusatzausbildung in der Montessoripädagogik. Und es gibt auch in diesen Einrichtungen Kinder, die als impulsiv und hyperaktiv, als Kinder mit ADHS beschrieben werden. Es ist verdienstvoll, auch im Hinblick auf die Inklusion dieser Kinder, spezifisch den Montessori-Ansatz herauszuarbeiten.

In der Analyse wird deutlich, dass ADHS keine Modekrankheit oder moderne Zivilisationserkrankung darstellt, sondern dass diese Verhaltensweisen eine lange Tradition haben und auch bei Maria Montessori Erwähnung finden. Rheinberger findet viele Zitate, in denen sich Maria Montessori mit dieser Problematik beschäftigt, sie interpretiert und Konsequenzen zieht. Die abschließenden Folgerungen des Autors fallen dann leider etwas kurz aus und beinhalten eher allgemeine Konzepte, die für Menschen mit und ohne ADHS förderlich sind.

Der Autor dieser Dissertation ist sehr belesen und zitiert viele Primär- und Sekundärliteraturstellen. Seine Darstellung wirkt jedoch langatmig und ausschweifend, mit vielen Begründungen und Querverweisen. Die Arbeit enthält sehr viele lange und ausführliche Zitate, auf die der Autor auch großen Wert legt; die Heraushebung durch Kleindruck mit geringem Zeilenabstand ermüdet jedoch und ich musste mich sehr motivieren, sie auch zu lesen. Umständlich und antiquiert wirkt auch die Vermeidung der „Ich“-Form; er schreibt immer vom „Verfasser der vorliegenden Arbeit“.

Die Arbeit schließt zwar eine Informationslücke, bei dem Preis wird es aber nur von (Uni-)-Bibliotheken oder von besonders interessierten Spezialisten abgenommen werden.

Fazit

Impulsive und hyperaktive Kinder gab es auch schon zu Montessoris Zeiten. Im Rahmen einer historisch-hermeneutischen Analyse werden die Aussagen zusammengetragen und kritisch beleuchtet. Die Arbeit ist eine Dissertation, kein Handbuch für die Praxis.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Betreuungszentrum Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 25.08.2010 zu: Peter Rheinberger: Hyperaktivität und Impulsivität im Spiegel [...] Maria Montessoris. Verlag Dr. Kovač (Hamburg) 2009. 322 Seiten. ISBN 978-3-8300-4628-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9116.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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