Ihr Vorteil: Wir filtern, prüfen und ordnen die Angebote für die Sozialwirtschaft.

Wolfgang Strengmann-Kuhn: Armut trotz Erwerbstätigkeit

Cover Wolfgang Strengmann-Kuhn: Armut trotz Erwerbstätigkeit. Analysen und sozialpolitische Konsequenzen. Campus Verlag (Frankfurt) 2003. 278 Seiten. ISBN 978-3-593-37087-3. 34,90 EUR.

Frankfurter Beiträge zu Wirtschafts-und Sozialwissenschaften, Band 8.

Besprochenes Werk kaufen


Vorbemerkung

Vor dem Hintergrund der pünktlich zu Weihnachten 2003 beschlossenen "Reformen" im Bereich der sozialen Sicherungssysteme im Gefolge der "Agenda 2010", mit denen z.B. die Zusammenlegung der Arbeitslosen- und Sozialhilfe oder die Zumutbarkeit jeder nicht "sittenwidrigen" Arbeit für Langzeitarbeitslose in Gesetzesform gegossen wurden sowie generell der in vielen Bereichen erkennbaren Adaption angelsächsischer Wohlfahrtsstaatsstrategien, taucht immer wieder seitens der Kritiker die Prognose einer zunehmenden Zahl an "working poor" auf. Befürchtet wird eine steigende Zahl an arbeitenden Armen durch die Ausweitung der Niedriglohnsegmente auf den Arbeitsmärkten. Auch eine Vollzeiterwerbstätigkeit könne immer öfter keinen existenzsichernden Lebensunterhalt mehr garantieren und neue Formen der Arbeitsmarkt"teilhabe" wie z.B. die "Ich-AG" im Zuge der Umsetzung der Hartz-Vorschläge beinhalten per se die Akzeptanz einer eben nur partiellen Lebensunterhaltssicherung, die dann mit Transferleistungen zumindest temporär aufgestockt wird. Insofern lohnt ein Blick auf den neueren Forschungsstand speziell zum Thema "arbeitende Arme", auch und gerade angesichts der noch oft anzutreffenden Auffassung, dass Armut in Deutschland primär ein Problem von typisch arbeitsmarktfernen Gruppen sei.

Der Autor

Dr. rer. pol. Wolfgang Strengmann-Kuhn ist Volkswirt und war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wachstum, Konjunktur und Verteilung der Universität Frankfurt. 2003 arbeitete er als Fellow am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst.

Aufbau und Inhalt

Das Buch von Wolfgang Strengmann-Kuhn gliedert sich in acht Teile.

  • Einleitend befasst sich der Verfasser mit der Definition und Messung von Armut - ein Thema, dass bereits im ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung trotz des proklamatorischen Bezugs auf den Lebenslagenansatz in der Tradition der Weisserschen Sozialpolitiklehre nur ansatzweise entfaltet werden konnte. Wie die meisten anderen Autoren im Feld der Armutsberichterstattung entscheidet sich auch Strengmann-Kuhn für den Rückzug auf eine Operationalisierung der Armutsschwelle in Form von 50% des Äquivalenzeinkommens (1998: 665 EUR in Westdeutschland und 634 EUR in Ostdeutschland). Er verschweigt nicht die Kritik am Ressourcenansatz, vor allem an der Annahme eines rationalen Umgangs mit den Ressourcen. Wenn diese nicht zutrifft, dann wären direkte Armutsmaße, die sich auf den tatsächlichen Lebensstandard beziehen, besser geeignet. Trotz der berechtigten Kritik spricht nach Meinung von Strengmann-Kuhn für die 50%-Schwelle ihr Charakter als quasi-offizielle Armutsgrenze sowie die auf ihrer Grundlage ableitbaren klareren politischen Forderungen als wenn man den Lebenslagenansatz oder einen Deprivationsindex verwenden würde.
  • Im zweiten Teil der Arbeit geht es um das empirische Ausmaß von Armut trotz Erwerbstätigkeit. Im Jahr 1998 waren in Ostdeutschland 3,9% und im Westen 2,7% der Bevölkerung sowohl arm als auch erwerbstätig. Der Verfasser kommt zusammenfassend zu dem Befund: "(...) mehr Arme (sind) erwerbstätig als arbeitslos und die Mehrheit der Armen lebt in einem Erwerbstätigenhaushalt. Selbst die Anzahl der in Vollzeit erwerbstätigen Armen beträgt noch über eine Million (S. 55). Allerdings - auch dies ist ein wichtiger Hinweis für die aktuelle sozialpolitische Debatte: Die Anteile der working poor an den Armen blieben in den 90er Jahre relativ konstant. Von einem deutlichen Anstieg kann auf alle Fälle nicht berichtet werden.
  • Im dritten Teil geht es um die Zusammensetzung der Gruppe der erwerbstätigen Armen. Hier können nur einige Befunde zitiert werden: Mehr als 70% der erwerbstätigen Armen sind Vollzeiterwerbstätige und nur weniger als 12% arbeiten weniger als 15 Stunden in der Woche. Ebenfalls überraschend: 43,1% arbeiten in einem Normalarbeitsverhältnis. 15,6% der erwerbstätigen Armen sind Selbständige, hierbei vor allem Selbständige ohne Mitarbeiter. Zusammenfassend: Die Mehrheit der erwerbstätigen Armen ist männlich. Sie sind üblicherweise unter 45 Jahre alt und haben die deutsche Nationalität. Eine knappe Mehrheit verfügt über eine Berufsausbildung, relativ häufig ist aber maximal ein Hauptschulabschluss vorhanden. Erwerbstätige Frauen haben kein höheres Armutsrisiko als Männer (S. 84).
  • Mit den Ursachen von Armut trotz Erwerbstätigkeit befasst sich der vierte Teil der Arbeit. Hierbei bezieht sich der Verfasser auf die Systematik von Hauser (1994), der von vier Stufen des Einkommensverteilungsprozesses ausgeht: 1.) Das individuelle Bruttoarbeitseinkommen, 2.) das individuelle Nettoarbeitseinkommen, 3.) das Haushaltsnettoarbeitseinkommen und 4.) das gesamte Haushaltseinkommen. Ein geringer Lohn oder der Haushaltskontext sind die beiden gleichgewichtig wirkenden Faktoren für Armut trotz Erwerbstätigkeit. Etwa die Hälfte der erwerbstätigen Armen hat einen Armutslohn. Es sind im wesentlichen geringfügig Beschäftigte, Teilzeiterwerbstätige und Frauen, wobei allerdings bei Frauen relativ häufig das geringe Arbeitseinkommen durch andere Einkommen ds Haushaltes ausgeglichen werden. Die andere Hälfte der erwerbstätigen Armen in Deutschland hat einen Monatslohn oberhalb der Armutsgrenze und bei diesen handelt es sich überwiegend um Männer in Normalarbeitsverhältnissen. Sie werden deswegen arm, weil es weitere, nicht erwerbstätige Haushaltsmitglieder oder solche mit nur geringem Arbeitseinkommen gibt. Hauptursache dafür sind Kinder. Insgesamt ist eine wichtige Ursache für Armut von Erwerbstätigen ein geringes Arbeitsangebot von anderen Haushaltsmitgliedern, und zwar nicht nur, wenn Kinder vorhanden sind.
  • Im fünften Teil geht es um den überaus relevanten Zusammenhang zwischen Niedriglohn und Einkommensarmut. Während 10% aller Erwerbstätigen einen Niedriglohn beziehen, sind es bei den erwerbstätigen Armen 50%. Im internationalen Vergleich ist auffällig, dass es in Deutschland einen besonders hohen Anteil von erwerbstätigen Armen mit einem Niedriglohn gibt. Man muss allerdings auch hinzufügen, dass das Ausmaß der working poor (gemessen an der Gesamtbevölkerung) mit Ausnahme von Dänemark in Deutschland im EU-Vergleich am niedrigsten ist
  • Im sechsten und siebten Teil der Arbeit wird zum einen die Bedeutung des Haushaltskontextes wie auch die Bedeutung staatlicher Transfers und Sozialversicherungsleistungen untersucht.
  • Im achten Teil geht es um die sozialpolitischen Schlussfolgerungen, die sich aus den Forschungsergebnissen ziehen lassen. Ausgehend von der bereits erwähnten Systematik des gestuften Einkommensverteilungsprozesses nach Hauser diskutiert Strengmann-Kuhn auf der ersten Ebene des individuellen Bruttoarbeitseinkommens Maßnahmen zur Erhöhung des individuellen Lohnsatzes in Form von Mindestlöhnen und Lohnsubventionen. Hinsichtlich der dritten Stufe des Haushaltsbruttoreinkommens werden Vorschläge zur Erhöhung der Erwerbsbeteiligung dargestellt und bewertet und auf der vierten Ebene des Haushaltseinkommens insgesamt geht es um staatliche Transfers und Reformen im Rahmen der Sozialversicherungen. Das Ziel der Armutsbekämpfung setzt an der letzten, der vierten Stufe des Einkommensverteilungsprozesses an, während das Ziel der Armutsvermeidung auch Maßnahmen bedingt, die auf einer der ersten drei Stufen zur Wirkung kommen (sollen). Hinsichtlich des Ziels der Armutsbekämpfung weist der Verfasser darauf hin, dass erwerbstätige Arme überwiegend "verdeckte Arme" sind in dem Sinne, dass sie dem Grunde nach Anspruch hätten auf Sozialhilfeleistungen, diese aber aus unterschiedlichen Gründen nicht in Anspruch nehmen. Insofern wäre die Verringerung der verdeckten Armut ein sozialpolitischer Ansatzpunkt. So könnte die Sozialhilfe für Erwerbstätige durch das Finanzamt ausgezahlt werden (also letztendlich eine Variation des Modells der "negativen Einkommenssteuer"). Hinsichtlich des Ziels der Armutsvermeidung wird besonders die Rolle der Kinder als eine der wesentlichen Ursachen von Armut hervorgehoben. Kinder im Haushalt gehen häufig einher mit einer Einschränkung des Arbeitsangebots vor allem der Mütter. Wichtige Ansatzpunkte sind daher Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie ein verbesserter Familienlastenausgleich. Ein effektives Mittel, um zu verhindern, dass Armut nur deshalb entsteht, weil Kinder vorhanden sind, wäre nach Auffassung des Verfassers ein Kindergeldzuschlag oder eine Kindergrundsicherung, bei der das Kindergeld für einkommensschwache Haushalte auf das Existenzminimum des Kindes aufgestockt wird. Wenn diese Mittel mit einer Armutslohn verhindernden Lohnsubvention, die das Existenzminimum von Erwerbstätigen sichert, kombiniert werden, dann könnte Armut trotz Erwerbstätigkeit und damit auch ein großer Teil der Kinderarmut wirksam und zielgenau bekämpft werden.

Zielgruppe

Das Buch eignet sich vor allem für diejenigen, die sich mit der Armutsforschung und Armutsberichterstattung auseinandersetzen sowie für diejenigen, die sich mit sozialpolitischen Grundsatzfragen befassen.

Diskussion und Fazit

Die sozialpolitischen Schlussfolgerungen, die von Strengmann-Kuhn präsentiert werden, sind nicht wirklich neu, sondern bewegen sich größtenteils in der von Hauser (aber auch anderen) bereits seit Jahren entwickelten Systematik. Für Erkenntnisgewinn sorgt die zusammenfassende Datenschau hinsichtlich der "Armen trotz Erwerbstätigkeit" - die immerhin mit einer Million betroffener Personen einen wichtigen Kontrapunkt zur gängigen Armutsdebatte setzt. In der lobenswerten Arbeit kommt allerdings der dynamische Aspekt, also die Aufwärts- und Abwärtsdynamik zu kurz. Außerdem verbleibt am Ende - wie bei den meisten Beiträgen zur Armutsforschung und -berichterstattung - ein fahler Nachgeschmack, ob wir wirklich auch nur eine Annäherung an die Problematik der "arbeitenden Armen" bekommen, wenn wir uns - aus nachvollziehbaren forschungsökonomischen Gründen - auf eine eindimensionale Modellierung von Armut in der Form der Einkommensarmut beschränken. Insofern verspricht der Titel - und das sei hier nur als Ergänzung verstanden - mehr, als das Buch einlösen kann. Spannend wäre eine Verknüpfung der "nackten" Zahlen mit den neueren Erkenntnissen der Lebensstilforschung oder der Coping-Ansätze nicht nur der psychologischen, sondern auch der neueren sozialökonomischen Forschung. Auch der zentrale Bildungsaspekt sollte nicht mehr fehlen. Eine Armutsbekämpfung, geschweige denn eine Armutsverhinderung mit den "klassischen" Ansätzen der monetären Kompensationspolitik scheint nicht mehr unbedingt Stand der Dinge zu sein. Das Buch gibt hierzu einige Hinweise, die weiter ausgebaut werden sollten.

Rezensent

Prof. Dr. Stefan Sell

Fachhochschule Koblenz, Standort Remagen

E-Mail: sell@rheinahrcampus.de


Rezensent
Prof. Dr. Stefan Sell
E-Mail Mailformular


Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Stefan Sell. Rezension vom 06.01.2004 zu: Wolfgang Strengmann-Kuhn: Armut trotz Erwerbstätigkeit. Campus Verlag (Frankfurt) 2003. 278 Seiten. ISBN 978-3-593-37087-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/912.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang

Hilfe & Kontakt

Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.

Mehr zum Thema

Alban Knecht (Hrsg.): Gesichter der Armut

Gerhard Bosch, Claudia Weinkopf (Hrsg.): Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland

Literaturliste anzeigen

Stellenangebote

Fachreferent/in, Essen

Bereichsleiter/in, Essen

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.