Sozialkapital und Integration
(Hrsg.): Sozialkapital und Integration. Überforderte Zivilgesellschaft? Lucius & Lucius (Stuttgart) 2009. 166 Seiten. 15,00 EUR.
Neue soziale Bewegungen - Jg. 22, H. 3.
Herausgeber
Herausgeber dieses Sammelbandes ist das Forschungsjournal „Neue Soziale Bewegungen“, das sich seit nunmehr 22 Jahren mit sozialen Bewegungen und Protestzusammenhängen, sowie mit Prozessen und Hintergründen der Demokratisierung, Partizipation und des sozialen Engagements befasst. Die Zeitschrift wurde 1988 von den Herausgebern Ansgar Klein, Jupp Legrand und Thomas Leif begründet und erscheint seitdem vierteljährlich.
Das Journal will Indikator, Seimograph und Antrieb sozialer Prozesse sein und operiert zwischen Bewegungsforschung, sozialer Praxis, Politik und Alltagswelten. Jedes Heft hat einen Themenschwerpunkt, der aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet wird. Unabhängig davon präsentieren die Ausgaben eine aktuelle Analyse zum jeweiligen Zeitgeschehen und verfügen über die Rubriken Pulsschlag und Treibgut. Hier wird über laufende Forschungsvorhaben, konkrete Projekte und Veranstaltungen berichtet.
Thema
Im Zentrum steht eine kritische Auseinandersetzung mit den hoffnungsvollen Verheißungen, die mit der Bildung von Sozialkapital assoziiert werden. Parteiübergreifend scheint für die Politik Sozialkapital und bürgerschaftliches Engagement die Lösung für vielfältige gesellschaftliche Problemlagen zu bieten. Was aber, wenn die Bürgergesellschaft nur die Integration und Aktivität derjenigen fördert, die ohnehin in ökonomischer und kultureller Hinsicht privilegiert sind?Möglichkeiten, aber auch Grenzen der integrativen Leistung des Sozialkapitals werden in diesem Band ausgelotet und wohlbekannte theoretische Konzepte im Kontext aktueller Forschungsergebnisse und gesellschaftlicher Herausforderungen diskutiert.
Aufbau und Inhalte
Im Editorial entrollen Sandra Seubert, Ludger Klein und Ansgar Klein das Thema vor dem Hintergrund, die Gesellschaft müsse zunehmend soziale und politische Integration gewährleisten. Im bürgerschaftlichen Engagement und der Bildung von Sozialkapital – so hofft die Politik – „…lägen die Ressourcen der Zukunft für gesellschaftliche Integration, für ein neues, über die `Bürgergesellschaft`definiertes Staatsverständnis und für eine Reform sozialer Sicherungssysteme.“ (S.3) Unter anderem der Freiwilligensurvey zeigt jedoch, dass sich gerade Menschen in benachteiligten Lebenssituationen wesentlich weniger engagieren als wohlsituiertere Gruppen. Diese Diskrepanz scheint den Autoren verdächtig. Anlass genug, „…erneut eine Bestandsaufnahme mit Blick auf das Verhältnis von Sozialkaptial und Zivilgesellschaft vorzunehmen.“ (S.4)
Der Themenschwerpunkt besteht aus 7 Beiträgen, die sich auf unterschiedlichen Ebenen mit dem Begriff des Sozialkapitals auseinandersetzen.
Zuvor stellen Frank W. Heuberger und Birger Hartnuß in der aktuellen Analyse die Ergebnisse einer qualitativen Studie des CCCD (Centrum für Corporate Citizenship Deutschland) vor. Hier wurden in 16 narrativen Interviews Topmanager transnational agierender deutscher Großunternehmen bezüglich ihres Selbstbildes und der Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung befragt. Dabei wurde auch deren Verhältnis zur Zivilgesellschaft untersucht.
Vor dem Hintergrund der Finanzkrise und der Tatsache, dass die handlungsleitenden Einstellungen und Werte der Unternehmen einen wachsenden Einfluss auf Politik und Gesellschaft ausüben, kommen die Autoren zu folgenden Schlussfolgerungen:
- die gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen gilt es neu zu überdenken, insbesondere im Zusammenhang mehrsektoraler Partnerschaften
- für gelingende Kooperationen fehlt den Untenehmen eine differenzierte Vorstellung von der zivilgesellschaftlichen Sphäre, die eine eigene Produktivität und Handlungslogik aufweist
- doch auch die zivilgesellschaftlichen Akteure müssen ihre Vorurteile weiter abbauen. Eine neue gesellschaftliche Verantwortungsbalance wird es laut Hartnuß und Heuberger nur geben, wenn alle drei Sektoren „…bereit und in der Lage sind, die Perspektive der jeweils anderen Sphären einzunehmen, ihre Eigenlogik zu verstehen und diese anzuerkennen.“ (S. 20)
Im ersten Beitrag nimmt Sandra Seubert eine kritische Bestandsaufnahme des Diskurses um das Sozialkaptialkonzept vor. So stellt sie grundlegend die Frage, ob es überhaupt einen gemeinsamen sachlichen Gehalt des Begriffs gibt, da er im Rahmen ganz unterschiedlicher Themen diskutiert wird. Dies bearbeitet sie vor dem Hintergrund, dass der Sozialkapitalbegriff und seine unterstellten demokratiefördernden Effekte in theoretischen Überlegungen sowohl positiv (Putnam) als auch negativ (Bourdieu) konnotiert sind. Abschließend kommt sie zu der Einschätzung, dass das Sozialkapital – verstanden als Vermögen zu kollektivem Handeln – für sich genommen ambivalent sei. Es kann als Ressource der Integration wirken, durch die Bürger – vorausgesetzt es besteht eine generelle strukturelle Gleichheit – für die Anliegen der politischen Gemeinschaft Verantwortung übernehmen. Andererseits könne es jedoch auch – wenn ungleich verteilt und verstanden als „Clubgut“ (S. 26) – als Medium der Exklusion wirken und bestehende Ungleichheiten verschärfen.
Der zweite Beitrag von Bruno Frére untersucht den Sozialkapitalbegriff kritisch auf die Möglichkeit hin, durch seine Stärkung Menschen in prekären Lebenslagen wieder mit der Arbeitswelt in Verbindung zu bringen. Diese These wird auch durch die Empfehlungen der OECD-Experten zur Steigerung des Sozialkapitals getragen. Im Anschluss an den „Neuen Geist des Kapitalismus“ von Luc Boltanski und Eve Chiapello zeigt er auf, „…inwieweit sich diese Darstellung des Sozialkapitals als hochgradig davon beeinflusst erweist, was man heute als neue Wirtschaftssoziologie (oder Netzwerksoziologie) bezeichnet.“ (S. 30) Daraufhin entfaltet er eine veränderte Verwendung des Konzepts Sozialkapital, indem er die Bedeutung eines stärker politischen Ansatzes deutlich macht. Es solle dem ausschließlich wirtschaftsorientierten Denken entzogen werden, wohlwissend, dass diese Aspekte nicht zwangsläufig und gänzlich ausgeschlossen werden können. Aber die sog. „Ent-Bundenen“ (Castells 1998) sollten wieder eine aktive Rolle spielen können. Nicht die eines Vernetzers, sondern schlicht die eines Staatsbürgers, der bei der Organisation seines Viertels, seiner Stadt und in der öffentlichen Politik ein Wort mitzureden hat.
Der Zusammenhang zwischen Netzwerken und Sozialkapital steht im dritten Beitrag von Martin Hartmann im Zentrum. Dabei nimmt er – auf der Grundlage von Putnam – eine Definition von Netzwerken und Reziprozität vor, da diese in Putnams Konzept eine elementare Rolle spielen. Am Beispiel ökonomischer Netzwerke versucht er zu zeigen, dass auch in diesen, von Putnam sog. vertikalen Netzwerken, Sozialkapital entstehen kann, da hier ebenfalls Interaktionen stattfinden, denen Vertrauen zugrunde liegen muss.
Anhand zahlreicher Befunde zum Zusammenhang von sozio-ökonomischen Benachteiligungen und Teilhabeverlusten und empirischen Ergebnissen aus eigenen Forschungsarbeiten geht Petra Böhnke im vierten Beitrag der Frage nach, wie soziales Kapital in prekären Lebenslagen verteilt ist und was mit ihm geschieht, wenn Menschen in Armut absteigen.
Es stehen zwei Formen von Sozialkapital im Mittelpunkt:
- Einbindung in soziale Netzwerke, wie Familie, Freunde, Nachbarn
- bürgerschaftliches Engagement als formelles und an Institutionen gebundenes Sozialkapital
Aufgrund bestehender Forschungsdefizite auf diesem Gebiet nennt sie drei grobe Richtungen des Zusammenwirkens, für die es jeweils plausible theoretische Erklärungen gibt:
- Bürgerschaftliches Engagement wird vermehrt aufgegeben, wenn jemand verarmt, da die finanziellen Restriktionen den Spielraum für Aktivitäten verkleinern
- Es besteht kein Zusammenhang zwischen Verarmung und bürgerschaftlichem Engagement
- Bürgerschaftliches Engagement wird verstärkt aufgenommen
Anhand ihrer eigenen Forschungsergebnisse bestätigt Böhnke abschließend, dass Menschen, die unter Armut leiden, ihre Netzwerke in der Regel nicht erweitern, sondern sich auf bereits bestehende beschränken. So konstatiert sie: „Materielle Ungleichheit wird durch die Abkehr von Vereinsaktivitäten und sozialen Netzwerken verstärkt.“ (S. 62)
Der fünfte Beitrag von Ludgera Vogt untersucht am Beispiel einer deutschen Bürgerstiftung die exklusive Wirkung des Sozialkapitals. Anhand dieser Bürgerstiftung ließe sich – laut Vogt – eine Problemlage feststellen, die sich auch bei vielen anderen Organisationen wiederfindet, die sich assoziativ selbst gegründet haben. Es zeigt sich eine große sozialstrukturelle und kulturelle Homogenität, die einerseits große Effizienzvorteile bietet, andererseits die Reichweiten solcher Gruppen begrenzt, was den Handlungsspielraum erheblich eingrenzen kann.
Freiwillige Vereinigungen – als Dreh- und Angelpunkt im Sozialkapitalkonzept von Putnam – werden im sechsten Beitrag von Sebastian Braun betrachtet. Diese sollen angeblich besonders gut geeignet zur (Re-)Produktion von Sozialkapital sein. Braun geht dieser Behauptung nach und diskutiert sie mit Bezug auf einen theoretischen Ansatz von freiwilligen Vereinigungen als „Wahlgemeinschaften“. (S. 77)
Diverse Untersuchungen versuchen das Sozialkapital zu messen und unterscheiden dabei auch nach einzelnen Regionen. Es kann quantitativ durch bestimmte festgelegte Indikatoren ermittelt, oder individuell in den Sinnkonstruktionen der Akteure analysiert werden. Im siebten und letzten Beitrag des Themenschwerpunkts stellt Michael Corsten ein Forschungsprojekt vor, das mit qualitativen Methoden versucht hat, die Vorstellungen der Akteure darüber, was soziales Kapital sei, herauszuarbeiten. Zum einen wurden sozial-moralische Landkarten (Taylor 1988) 100 engagierter und nicht-engagierter ost- und westdeutscher Bürger erhoben, außerdem die Vorstellungen über das soziale Kapital anhand von Kartierungen der eigenen Stadt erarbeitet. Hierfür wurde ein spezielles Strukturlegespiel, „Meine Stadt und ich“, entwickelt.
Traditionell handelt es sich bei dieser Reihe um eine vielfältige und bunte Sammlung aktueller Beiträge, Rezensionen, Tagungsberichte usw., die über das angekündigte zentrale Thema hinausgehen können, jedoch größtenteils in Bezug dazu bleiben. So findet man im Anschluss an die Diskussion des Themenschwerpunkts u.a.:
- eine Dokumentation der Fachtagung „Wer finanziert die Bürgergesellschaft?“ vom 24. und 25. April 2009 mit einer Kurzzusammenfassung von Bernhard Schulz und Loring Sittler und einigen dort eingebrachten Stellungnahmen.
- eine Auseinandersetzung mit der Tafel-Bewegungen von Stephan Lorenz
- eine Analyse zur Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements für die Zukunftsfähigkeit der Kommunen von Roland Roth
Fazit
Das Buch setzt ein wichtiges und aktuelles Thema auf die Agenda. Wer sich – sowohl theoretisch als auch praktisch – mit dem vielschichtigen Formenkreis der Bürgergesellschaft beschäftigt, wird hier intelligente und inspirierende, aber auch teilsweise desillusionierende Beiträge finden. Doch nur in der kritischen Auseinandersetzung mit vermeintlich zweifelsfrei positiven Prozessen, können die tatsächlichen Chancen und Potentiale des Sozialkapitals dieser Gesellschaft genutzt und im Sinne des Gemeinwohls gefördert werden. Bei diesem Aufforderungscharakter belässt es der Band auch, was aber wahrscheinlich Intention der Reihe ist. Zusätzlich überzeugt das Format, da durch die zusätzlichen Beiträge, Informationen und Hinweise auch neue thematische Anknüpfungsmöglichkeiten aufgezeigt werden.
Rezensentin
M.A. Christine Englert
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Hochschule Darmstadt - University of Applied Sciences
FB Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Christine Englert. Rezension vom 25.06.2010 zu: (Hrsg.): Sozialkapital und Integration. Lucius & Lucius (Stuttgart) 2009. 166 Seiten. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9125.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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