Christiane Schönknecht: Sport und Reisen im Alter. Einflüsse und Hemmnisse
Christiane Schönknecht: Sport und Reisen im Alter. Einflüsse und Hemmnisse. Weißensee Verlag (Berlin) 2003. 309 Seiten. ISBN 978-3-934479-97-5. 34,00 EUR.
Einführung in das Thema
Die steigende Lebenserwartung in unserer Gesellschaft führt im Blick auf Menschen im höheren Lebensalter zu neuen gesellschaftlichen Herausforderungen. Über die Finanzierungsmöglichkeiten des Alters durch die Sozialversicherungssysteme hinaus sind es insbesondere Aspekte der Lebensqualität, denen im höheren Lebensalter besondere Bedeutung zukommt. Ganz wesentlich wird Lebensqualität bestimmt durch angemessene Partizipationsmöglichkeiten an den als bedeutsam empfundenen Lebensbereichen. Um diese zu realisieren, bedarf es günstiger Bedingungen, die geeignet sind, auch in höherem Lebensalter psychophysisches Wohlbefinden zu bewirken.
Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang, dass in der gerontologischen Forschung Langlebigkeit nicht als primärer Indikator für ein befriedigendes Altern zählt. Vielmehr geht es im Anschluss an das von Havighurst bereits 1961 entwickelte theoretische Konzept des "Erfolgreichen Alterns", darum, Bedingungen zu identifizieren, die ein "adding life to the years" ermöglichen.
Da Lebenszufriedenheit nicht zuletzt durch gesellschaftlich vermittelte Vorstellungen von einem angemessenen Leben im Alter beeinflusst wird, kann es dazu kommen, dass sich Menschen im höheren Lebensalter auch an defizitäre Strukturen adaptieren und es somit zu Lebenszufriedenheit nicht nur unter optimalen, sondern auch unter schlechten Lebensumständen kommen kann. Dies ereignet sich vornehmlich im Rahmen von Lebenslagen, die nicht nur die Befriedigung von wichtigen Interessen verhindern, sondern bereits ihr Entstehen und ihre Entfaltung einschränken. Deshalb ist es wichtig, neben den subjektiven Indikatoren für eine befriedigende Lebensqualität auch die dafür bedeutsamen objektiven Kriterien zu ermitteln.
Entstehungshintergrund und Absichten
Dieser Aufgabe widmet sich die Diplom-Psychologin Christiane Schönknecht in der vorliegenden Publikation, bei der es sich um ihre Dissertation handelt. Am Beispiel des Sport- und Reiseverhaltens älterer Menschen werden in dieser empirischen Studie Kriterien für Gesundheit und Wohlbefinden identifiziert und als Indikatoren für erfolgreiches Altern analysiert. Den Forschungsfragen liegt die Annahme zugrunde, dass sich Sport und Reisen als potentielle Freizeitaktivitäten im Alter innerhalb bestimmter Grenzen als beeinflussbar erweisen und damit als förderlich für einen aktiven Lebensstil, der dazu beitragen kann, dass der Alterungsprozess "erfolgreich" verläuft.
Aufbau und Inhalte
Die Studie besticht durch die Verknüpfung unterschiedlicher Theorien zur Interpretation von Alternsphänomenen, die in Kapitel 1 entfaltet werden. Indem psychogerontologische und alterssozialwissenschaftliche Erklärungsansätze zu Aktivitäten im Alter in Beziehung gesetzt werden, wird die Fruchtbarkeit des interdisziplinären Ansatz deutlich: "Wenn Gerontologen aus psychologischer Perspektive fragen, was dazu beiträgt, dass Menschen im Alter zufrieden und gesund sind und es sich zeigt, dass das Ausmaß an Aktivität(en) eine große Rolle spielt, dann könnten Gerontologen aus der Sozialpolitikwissenschaft dafür Sorge tragen, dass für alle Älteren wichtige Voraussetzungen, um aktiv zu sein, erfüllt sind" (S. 39). Dem gemäß gilt das wissenschaftliche Interesse dieser Untersuchung vor allem
- den individuellen Persönlichkeitseigenschaften im Blick auf Kontinuitäts- und Adaptionsprozesse unter Berücksichtigung kritischer Lebensereignisse im Alter,
- den sozialstrukturellen Bedingungen, die, durch unterschiedliche Lebenslagedimensionen operationalisiert, ein aktives Altern ermöglichen oder behindern, sowie
- den Bedingungen und Auswirkungen, die in einer ökogerontologischen Perspektive den förderlichen oder hemmenden Umweltgegebenheiten zukommen.
Der mehrperspektivische Ansatz der Studie weist auf, dass nicht alle älteren Personen die Voraussetzung für einen aktivitätsorientierten Lebensstil besitzen. Deshalb werden auf der Grundlage empirischer Erhebungen in Kapitel 2 und 3 Empfehlungen und Gestaltungshinweise sowohl für Sport und Reisen erarbeitet, die unter Berücksichtigung der je differenziellen Lebenslagen bessere Voraussetzungen für ein "erfolgreiches" Altern schaffen könnten. Um die heterogenen Bedingungen der Zielgruppe älterer Menschen zu identifizieren wurden
- zum einen unterschiedliche Altersgruppen in Dortmund und Dresden schriftlich befragt: die 45-50-Jährigen im mittleren, berufstätigen Erwachsenenalter der Geburtsjahrgänge 1950-55, die 60-65-jährigen "jungen Alten" der Jahrgänge 1935-40 sowie die 75-80-jährigen "alten Alten" der Jahrgänge 1920-25;
- zum anderen wurden Experteninterviews mit Sportanbietern aus dem kommerziellen und gemeinnützigen Bereich sowie mit Reisemittlern und Reiseanbietern aus Dortmund durchgeführt.
Die vielfältigen, empirisch begründeten Schlussfolgerungen, die von der Autorin aus ihrer Studie in Kapitel 4 gezogen werden, beziehen sich sowohl auf differenzierte Hinweise zur Steigerung bzw. zum Erhalt von Partizipationsmöglichkeiten an den Aktivitätsbereichen Sport und Reisen im Alter wie auch auf eine optimalere zielgruppenorientierte Gestaltung entsprechender Angebote. Einige dieser Schlussfolgerung seien genannt:
- Soziale Ungleichheit beeinflusst die Aktivitätsbeteiligung. Damit sich positive Auswirkungen aus sportlicher Aktivität und aus Reiseaktivitäten für Gesundheit und Wohlbefinden ergeben können, bedarf es gesellschaftspolitischer Initiativen insbesondere im Blick auf die Behebung von "Präventionsdefiziten". Dazu ist eine Sportförderung nötig, die bereits im mittleren Lebensalter ansetzt und "Problemgruppen" fokussieren muss. Zu ihnen gehören insbesondere Frauen und sozial schlechter gestellte Personen sowie Menschen, die bereits körperliche Beeinträchtigungen haben.
- Zu fordern ist eine verbesserte Kommunikation von Erkenntnissen zum erfolgreichen Altern aus dem Forschungsfeld 'Krankheit, Inaktivität, Bewegung und Gesundheit'. Ärzte müssten dabei stärker als Multiplikatoren für Informationen über altersgerechte Sportangebote wirken und verdeutlichen, dass Schonhaltung und Vermeidung von Aktivität zur Verschlechterung und Chronifizierung von Schmerzen beitragen.
- Auch im Reisebereich ist die Information über und die Werbung für altersgerechte Angebote defizitär, und es besteht ein Mangel an entsprechenden Angeboten. (Ein Ergebnis, das mit neueren Erhebungen zur Thematik "Tourismus und Behinderung", wie sie vom Rezensenten durchgeführt wurden, übereinstimmt.)
- Bei der präventiven Gestaltung von freizeitspezifischen Angeboten wäre zu berücksichtigen, dass es bislang kaum Sportangebote für Paare gibt. Dies hat zur Folge, dass Frauen, die im Gegensatz zu Männern häufiger von dem kritischen Lebensereignis der Verwitwung betroffen sind und sich seltener wiederverheiraten, geringeres Interesse daran zeigen, im Alter sportlich aktiv zu sein, da sie während der Ehe keine Beziehung zu dieser Aktivität aufgebaut haben. Dem gemäß sind die Gewohnheiten der mittleren Lebensjahre als Richtschnur für das Alter verstärkt in den Blick zu nehmen.
- Bei der Entwicklung von Reiseangeboten für Ältere sollten unterschiedliche Persönlichkeitseigenschaften berücksichtigt werden. Personen, die gern Gesellschaft haben, sollten auf Gleichgesinnte treffen können und bei Gruppenreisen wären Rückzugsräume für nicht so gesellige Personen einzuplanen. Es gilt also die bestehenden persönlichkeitsbestimmten Grenzen der Aktivitätsförderung zu beachten.
- Zu bedenken ist auch, dass künftige Altengenerationen besser ausgebildet sein werden und eine höhere Reiseerfahrung besitzen, allerdings in den neuen Bundesländern ökonomisch schlechter gestellt sein werden, als die heutigen "jungen Alten".
- Da von einer deutlichen Disparität im Alter auszugehen ist, die den größten Einfluß auf die Aktivitätsgestaltung hat, verbietet es sich, undifferenzierte Analysen Älterer als eine homogene Gruppe vorzunehmen.
- Diese Schlussfolgerung der Autorin ist deswegen so wichtig, da ihre Erhebungen auf Seiten der Anbieter deutliche Unterschiede im Altersbild und Wissen über ältere Personen aufgedeckt haben.
Fazit
Der für eine Dissertation überaus informativen Studie zu "Sport und Reisen im Alter", mit ihrem interdisziplinären Ansatz und der empirisch begründeten Fundierung ihrer Folgerungen, ist eine interessierte Leserschaft zu wünschen, die sich von den Forschungsergebnissen der Autorin motivieren lässt, die aufgewiesen Chancen eines aktiven Lebensstils für "erfolgreiches Altern" und für eine altersgerechte Gestaltung von Freizeitangeboten aufzugreifen.
Rezensent
Prof. Dr. Udo Wilken
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Zitiervorschlag
Udo Wilken. Rezension vom 01.07.2003 zu: Christiane Schönknecht: Sport und Reisen im Alter. Einflüsse und Hemmnisse. Weißensee Verlag (Berlin) 2003. 309 Seiten. ISBN 978-3-934479-97-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/913.php, Datum des Zugriffs 04.02.2012.
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