Michael Brehmer: Kostbare Zeiten. Arbeitszeit im Krankenhaus
Michael Brehmer: Kostbare Zeiten. Arbeitszeit im Krankenhaus. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2003. 128 Seiten. ISBN 978-3-931297-93-0. 12,00 EUR.
Einführung in das Thema
Brehmer greift in dem vorliegenden Buch ein hoch aktuelles Thema auf. Zwar wurde der Band bereits vor den jüngsten Urteilen über die Arbeitszeitregelungen im Krankenhaus verfasst, die daraus resultierenden Konsequenzen sind aber bereits in Brehmers Vorschläge für die Veränderung der krankenhausinternen Organisation eingeflossen.
Aufbau und Inhalte des Buches
Inhaltlich zerfällt das Buch in sechs Teile, wobei der erste Teil eine kurze thematische Einführung ist, während der sechste als Zusammenfassung und Schlussbetrachtung dient.
Der zweite Teil stellt das geltende Arbeitszeitrecht in deutschen Krankenhäusern dar, wobei Brehmer lobenswerterweise den Schwerpunkt nicht auf die Klagen über die schlechten Zustände legt. Zwar gelangt er durchaus auf nachvollziehbare Weise zu der Aussage, dass der herkömmliche Bereitschaftsdienst eine Subventionierung des Arbeitgebers durch die Beschäftigten sei (S. 21), dessen Gestaltung er - in Vorwegnahme der jüngsten Gerichtsurteile - für rechtswidrig hält. Sein besonderes Augenmerk gilt aber in diesem Zusammenhang der Frage, was passiert, wenn aufgrund der physischen und psychischen Belastung durch die Dienstplangestaltung Behandlungsfehler passieren. Hier rät er den Betroffenen, insbesondere den Ärzten, aber auch dem Pflegepersonal, aus Haftungsgründen unbedingt aktiv zu werden und Überlastungsanzeigen gegenüber den Vorgesetzten abzugeben. Dadurch kommt es haftungsrechtlich zu einer Entlastung der Beschäftigten. Konsequenz ist dabei die schrittweise Verantwortungsverlagerung: Im ersten Schritt an die leitende Ärzteschaft, im zweiten an die Krankenhausleitung.
Teil drei des Buches wendet sich dem Thema Arbeitszeit aus der Perspektive des betrieblichen Gesundheitsschutzes zu, wobei Brehmer zunächst unterschiedliche Menschentypen (Morgen- und Abendtyp) unterscheidet, bevor er zum eigentlichen Kern dieses Abschnitts kommt: Die möglichen Folgen von Nacht- und Schichtarbeit. Diese Folgen können entweder im gesundheitlichen Bereich liegen (z. B. Schlafstörungen, Störungen des Magen-Darm-Traktes, Herz-Kreislauferkrankungen, psychische Probleme sowie einige frauenspezifische Gesundheitsrisiken), aber durchaus auch auf arbeitswissenschaftlicher Ebene (z. B. durch geringe Bereitschaft zur Übernahme entsprechender Tätigkeiten im Sinne einer "Flucht aus dem weißen Kittel"). Brehmer gelangt an dieser Stelle zu dem Zwischenfazit, dass die tägliche Praxis in den meisten Krankenhäusern erhebliche Defizite hinsichtlich einer menschengerechten Gestaltung der Arbeitszeit aufweist - obwohl aus arbeitswissenschaftlicher Sicht bereits seit geraumer Zeit Lösungsansätze bereit stehen.
Veränderungsprozesse sind bereits seit längerem im Gange, wobei der Wandel nur bedingt seitens der Beschäftigten vorangetrieben wird. Stattdessen wirken sich die angespannte Finanzsituation im Gesundheitswesen sowie - vermutlich etwas nachrangig - die Klientenorientierung und der Qualitätsgedanke aus. Beispielhaft hierfür steht die Einführung des DRG-Systems als einer auf Fallpauschalen basierenden Abrechnungsmethode. An dieser Stelle taucht häufig die Vermutung auf, dass das System in eine Sackgasse gelangt sei, aus der es keinen Ausweg gibt. Am Beispiel des Landesbetriebs Krankenhäuser Hamburg zeigt Brehmer, dass Lösungen auf der Grundlage einer organisationsinternen Veränderung durchaus möglich sind. Durch Umstrukturierungen innerhalb des Systems Krankenhaus wurden Effektivität und Effizienz gesteigert bei gleichzeitiger Reduzierung der Bereitschaftsdienstzeiten. Was zunächst wie eine Quadratur des Kreises aussieht entpuppt sich bei näherem Hinsehen als eine Verknüpfung unterschiedlicher Arbeitszeitmodelle mit einer geschickten Mischung aus Zentralisierungs- und Dezentralisierungsmaßnahmen. Lösungsansätze sieht Brehmer insbesondere in einer konsequenten Erfassung der Arbeitszeit sowie der Faktorisierung von Arbeitszeit in "normale" und "unnormale" Arbeitszeiten, wobei letztere vorzugsweise durch Freizeit ausgeglichen werden soll.
Teil fünf knüpft an diesen Gedanken an und verbindet die erkannte Notwendigkeit zur Veränderung mit Methoden, wie man diese Veränderungen auch möglichst reibungsarm umsetzen kann. Aus diesem Grund geht Brehmer auf die Aspekte Unternehmens- bzw. Organisationskultur sowie auf Macht ein, um den organisationsinternen Innovatoren mit grundlegenden Determinanten einer erfolgversprechenden Organisationsentwicklung vertraut zu machen. Aus dem gleichen Grund widmet er sich den Beschäftigten, denn diese gilt es zu überzeugen, dass die Veränderungen sich für sie auch tatsächlich positiv auswirken und es sich nicht nur um "verkappte Sparmaßnahmen" handelt. Brehmer liefert hier also keinen Musterplan, den es nur umzusetzen gilt, sondern macht die für Veränderungsprozesse Zuständigen und Verantwortlichen mit den gesundheitlichen und arbeitswissenschaftlichen Rahmenbedingungen sowie hilfreichen Instrumenten vertraut, um organisationsindividuelle Lösungen entwickeln und umsetzen zu können.
Fazit und Anmerkungen
Insgesamt liegt mit dem von Michael Brehmer verfassten Band zur Arbeitszeit im Krankenhaus ein Buch vor, dass nicht nur einen wertvollen Beitrag zur aktuellen Diskussion liefert, sondern bereits einige Ansätze aufzeigt, wie man im Interesse aller Beteiligten - und insbesondere der Beschäftigten und der Patienten - zu besseren als den derzeit vorhandenen Lösungen gelangen kann. Hilfreich wäre es allerdings gewesen, wenn der Verfasser sich nicht nur auf das Hamburger Positiv-Beispiel beschränkt, sondern auch noch weitere erfolgreiche Lösungen vorgestellt hätte. Dadurch würde es den Verantwortlichen in Krankenhausleitung und Ärzteschaft leichter fallen, organisationsindividuelle Lösungen für ihren eigenen Betrieb zu entwickeln. Dessen ungeachtet handelt es sich um ein ebenso lesbares wie lesenswertes Buch, dem - im Interesse von Beschäftigten und (potenziellen) Patienten - eine weite Verbreitung zu wünschen ist, gerade weil es die Verantwortlichen nicht von der Verpflichtung zum eigenständigen Lösen der Probleme entbindet!
Rezensent
Prof. Dr. Jost W. Kramer
Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre
Hochschule Wismar, Forschungsgruppe für Kooperation, Netzwerke und Unternehmenstheorie
Adjunct Professor für Sozialwirtschaft, insbesondere Genossenschaftswesen, Universität Kuopio (Finnland)
Homepage www.wi.hs-wismar.de/fbw/personen/J.Kramer/
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Zitiervorschlag
Jost W. Kramer. Rezension vom 18.11.2003 zu: Michael Brehmer: Kostbare Zeiten. Arbeitszeit im Krankenhaus. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2003. 128 Seiten. ISBN 978-3-931297-93-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/916.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.
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