Irene Becker, Richard Hauser: Soziale Gerechtigkeit - ein magisches Viereck
Irene Becker, Richard Hauser: Soziale Gerechtigkeit - ein magisches Viereck. Zieldimensionen, Politikanalysen und empirische Befunde. edition sigma (Berlin) 2009. 308 Seiten. ISBN 978-3-8360-8704-9. 19,90 EUR.
Reihe: Hans-Böckler-Stiftung: Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung - 104.
Thema
Den Autoren geht es um die Darstellung der Interdependenzen, die sich ihrer Meinung nach aus der Verwobenheit von sozialer Gerechtigkeit in einem magischen Viereck aus Chancen-, Leistungs-, Bedarfs- und Generationengerechtigkeit ergeben. Darauf aufbauend findet eine Untersuchung statt, wie sich die Rahmenbedingungen zur Realisierung von sozialer Gerechtigkeit unter Einbeziehung einer Interpretation verschiedener empirischer Indikatoren entwickelt haben.
Autoren
Irene Becker ist als Management-Beraterin für Großunternehmen tätig und tritt häufig als Koautorin mit Richard Hauser, der als Professor für Volkswirtschaftslehre (insbesondere Verteilungs- und Sozialpolitik) bis zur Emeritierung 2002 an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt/Main lehrte, auf.
Entstehungshintergrund
Das Buch wurde in der Forschungsreihe als Band 104 der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf herausgegeben. Es versteht sich offensichtlich als Versuch in gewisser Weise auf die Debatten der letzten Dekade bezüglich eines gerechten Handelns nicht nur der dafür verantwortlichen Institutionen (vgl. John Rawls), sondern auch der Einzelnen zu reagieren.
Aufbau
Das Werk ist in vier jeweils unterschiedlich untergliederte Hauptteile aufgeteilt.
- So enthält der erste Teil eine thematische Einführung sowie ein Kapitel zu den unterschiedlichen Bereichen der Begrifflichkeit ‚Soziale Gerechtigkeit‘;
- der zweite Teil beschäftigt sich mit den institutionellen Rahmenbedingungen, indem er die Grundlagen einer formalen Zugangsgerechtigkeit ebenso erfasst, wie die faktischen politisch-rechtlichen Gegebenheiten von sozialen Gerechtigkeitszielen.
- In einem dritten Teil nehmen sich die Autoren empirischer Analysen an, die sich wiederum mit den Einzelkomponenten des ‚magischen Vierecks‘ beschäftigen.
- Schließlich unternehmen es die Autoren im letzten Teil ihrer Schrift mittels Zusammenfassung und Schlussfolgerungen ein Fazit für das von ihnen gesetzte ‚magische Viereck‘ sozialer Gerechtigkeit zu ziehen.
Sowohl ein Literatur- wie auch ein Verzeichnis der verwendeten Abbildungen und Tabellen schließen den Band ab.
Inhalte
Das erste Kapitel des ersten Teils beginnt mit einer erkenntnistheoretischen Erläuterung des Gerechtigkeitsbegriffs, indem sie zwischen einer normativen, empirischen wie auch dezisionistischen bzw. positivistischen Perspektive differenzieren. Hierbei gehen die Autoren sowohl auf die Sichtweise von John Rawls wie auch von Amartya Sen ein. Natürlich geht es im Kapitel über die normative Perspektive bei Rawls, in Abgrenzung von den Vertretern des Utilitarismus, wiederum um dessen fiktive Annahme eines „Schleiers des Nicht-Wissens“ und um die Gestaltung gesellschaftlicher Institutionen (die ja die eigentlichen Instanzen für die Sorge um eine gerechte Grundgüterverteilung sind /d. Rez.), während es bei Sen um die „relevanten persönlichen Charakteristika, die es einem Menschen erlauben, die verfügbaren Grundgüter in Lebensqualität umzuwandeln“ (S.18) geht. Damit verlassen die Autoren die Sollens-Ebene und hinterfragen bei der empirischen Perspektive die tatsächlich beobachtbaren Gerechtigkeitsvorstellungen in der Bevölkerung, der Politik und bei anderen gesellschaftlich relevanten Adressaten. Schließlich gehen sie bei der dezisionistischen Perspektive auf die geltende Verfassung und die bestehenden Gesetze als gerechtigkeitsrelevante Elemente ein. Das zweite Kapitel unternimmt es den hoch komplexen Begriff der Sozialen Gerechtigkeit dadurch darzustellen, dass ausgehend von dem in unserer Verfassung lediglich durch die Artikel 20+28 festgelegten Sozialstaatsprinzip auf die Teilprinzipien Chancengleichheit, Leistungsgerechtigkeit, Bedarfsgerechtigkeit und Generationengerechtigkeit eingegangen wird. Für die Autoren stellen diese Teilziele dar, die sie als „magisches Viereck“ sozialer Gerechtigkeit begreifen. Dabei sehen sie die ersten drei Dimensionen als „gerechten Ausgleich zwischen Männern und Frauen sowie zwischen Jung und Alt“ (S. 27), während die Generationengerechtigkeit als übergreifende zeitraum- und kohortenbezogene Perspektivaufgabe begriffen wird.
Der zweite Teil des Bandes zeigt sich mehr praxisorientiert; er nimmt sich der institutionellen Rahmenbedingungen von sozialer Gerechtigkeit an und geht zunächst auf die Grundlagen formaler Zugangsgerechtigkeit ein (Kap. 3), um sich dann in Kapitel 4 mit den steuer- und transferpolitischen Gegebenheiten zu beschäftigen. Hier erfolgt die Darstellung der in der Praxis vollzogenen Suche nach Herstellung sozialer Gerechtigkeit durch das deutsche Besteuerungs- und Transfersystem bis hin zur Sozialversicherung und Grundsicherung. Dabei gelangen die Autoren zu der Erkenntnis, dass die in diesem Teil durch die skizzierten Maßnahmen bzw. Teilziele angestrebte formale Zugangsgerechtigkeit jedoch faktisch Ungleichheiten bei der Verteilung von Chancen und materiellem Wohlstand hervorruft.
Somit geht es im dritten Teil des Werkes um die Darlegung empirischer Befunde - vordringlich aus methodischen und empirischen Gründen über die gegenwartsbezogenen Teilziele Chancen- , Leistungs- und Bedarfsgerechtigkeit - hinsichtlich eines (behaupteten) Status quo sozialer Gerechtigkeit. Dabei soll über Erreichtes wie auch auf bestehende Defizite hingewiesen werden. Bezüglich einer Chancengleichheit bzw. -ungleichheit werden empirische Befunde zu schichtspezifischen Unterschieden in der Bildungsbeteiligung, zu den Bildungs- und Berufschancen von Männern und Frauen sowie zur Ungleichheit der Verteilung materiellen Vermögens ausgewertet. Als Quintessenz aus diesen Analysen ergibt sich für die Autoren die Erkenntnis, dass die getroffenen politischen Maßnahmen teilweise gegenläufige Effekte und verbleibende Defizite bei der Zielannäherung - mit der Folge eines nicht erreichten (theoretischen) Teilziels der Chancengleichheit - zeigen (S. 190). Im anschließenden Kapitel geht es um die Frage nach der Realisierung von Leistungsgerechtigkeit, die als komplementär zur Chancengerechtigkeit angesehen wird und sich damit von der in Zielkonkurrenz dazu stehenden Bedarfsgerechtigkeit unterscheidet. Natürlich weisen die Autoren zunächst gleich darauf hin, dass eine begrenzte Messbarkeit von Leistung als grundsätzlich vorhanden gilt –„angesichts der vielschichtigen Markt- und Machtstrukturen, die einer leistungsorientierten Verteilung der Erwerbungseinkommen entgegenstehen“ (S. 193). Die Autoren haben bei dieser Feststellung vor allem gruppenspezifische Einkommensrelationen als Indikatoren der Ungleichheit zwischen den Gruppen im Kalkül, was sie mit den durchschnittlichen Bruttostundenlöhnen entsprechend dem beruflichen Bildungsabschluss und den Altersgruppen nachzuweisen suchen. In diesem Zusammenhang ist natürlich auch auf die Entwicklung des Niedriglohnbereichs einzugehen, wie dies die Autoren auch in Kap. 7.2 tun. Sie gehen davon aus, dass die Verteilung der Bruttostundenlöhne dadurch eine höhere Ungleichheit bzw. Streuung aufweist, wenn man Geschlecht, beruflichen Abschluss und Alter berücksichtigt. Die Feststellung, dass aufgrund der empirischen Ergebnisse zum einen das Lohnniveau in Relation zur wirtschaftlichen Entwicklung, zum anderen geschlechtsspezifisch unterschiedlich gesehen werden muss, überrascht sicher nicht. Daraus den Schluss zu ziehen, dass ein Bezug zur Leistungsgerechtigkeit damit immer weniger zu erkennen ist überrascht sicher ebenfalls nicht. Grundsätzlich bleibt wohl unstrittig, dass die vielfältigen die individuelle Leistungsfähigkeit beeinflussenden Komponenten für eine gerechte Markteinkommensverteilung keine entscheidende Relevanz besitzen. Dies lässt sich auch dadurch nicht wesentlich korrigieren, dass man - wie die Autoren konstatieren – durch eine Verbesserung der Startchancen wie auch der individuellen, Lebensverlauf bedingten Entwicklungsmöglichkeiten „unter gesellschaftlichen Gesichtspunkten eine Korrektur der Markteinkommensverteilung (für) notwendig“ (S. 205) erachtet.
In Kapitel 8 geht es den Autoren um die Erläuterung ausgewählter Aspekte der Bedarfsgerechtigkeit der Einkommensverteilung. Kernelement der Ausführungen ist hierbei das Phänomen der Armut, das mit seinen unterschiedlichen Ausformungen wie etwa der relativen Einkommensarmut oder der verdeckten Armut nähere Betrachtung findet. Dabei kommt wieder der Sozialstaat mit seinen Hilfeleistungen z. B. durch die sozialrechtlichen Grundsicherungsleistungen ins Spiel. Der (relative) Armutsbegriff wird insoweit nur indirekt thematisiert, als man sich von vorneherein auf die Verwendung der modifizierten OECD-Skala auf dem EU-Gipfel von Laeken 2001 entsprechend festlegt. Die dort beschlossene Setzung der Armutsgrenze bei 60% des nationalen Median der Nettoäquivalenz-Einkommen wird alternativlos übernommen, was sich natürlich dann auch auf die mittels empirischer Befunde gewonnenen Erkenntnisse niederschlägt. Sicher sähen die Ergebnisse dann anders aus, wenn man die OECD-Festlegung auf 60% als Armutsrisikogrenze versteht, den eigentlichen Prozentsatz für eine relative Armut – wie in Deutschland gemeinhin üblich – bei 50% ansetzt und schließlich bei 40% von einer ‚strengen‘ Armut spricht. Sozialrechtlich verstanden liegt die Armutsgrenze im Bereich einer normativen Fixierung am soziokulturellen Existenzminimum, das aus der subjektiven Sicht des Gesetzgebers oberhalb der Armutsgrenze angesiedelt wird. Abschließend werden die vielschichtigen Gründe für das Entstehen wie auch für die Zunahme von relativer Armut in Deutschland in relativer Kürze genannt.
Das Kapitel 9 befasst sich mit dem vierten Punkt des „magischen Vierecks“, der Generationengerechtigkeit. Hier stellen für die Autoren Einkommenspositionen und Armutsquoten ebenfalls relevante Faktoren dar, wie die wichtigsten Komponenten der Generationenerbschaft, als da sind Nettovolksvermögen, Staatsschuld, Humankapital, Renten- und Pensionsansprüche etc. Aufgrund empirischer Befunde kommen Becker/Hauser zu der Erkenntnis, dass sich im Laufe von drei Jahrzehnten eine zunehmende Abweichung von der Generationengerechtigkeit zu Lasten der jungen Generation, die aus Haushalten mit Kindern besteht, ergeben hat. Andrerseits halten die Autoren aber auch fest, dass eine derartige Verschiebung nicht nur diese Generation, sondern auch die ihrer Eltern erfasst. Deutlich weisen sie in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sich aus der Sicht einer Längsschnittperspektive keine eindeutige Verletzung des Ziels der Generationengerechtigkeit ergibt, wenn man berücksichtigt, dass die jetzt alte Generation weit mehr vererben wird, als die verstorbene Vorgängergeneration erhalten hat „und dass der Zuwachs des Generationenerbes voraussichtlich über dem des Bruttoinlandsprodukts liegen wird“ (S. 268).
Die im vierten Teil des Buches aufgelisteten Schlussfolgerungen gehen von der allgemeinen Akzeptanz des von den Autoren genannten „magischen Vierecks“ aus, halten nochmals fest, dass dieses sich mittels der grundgesetzlichen Festlegung der Unantastbarkeit der Menschenwürde, des Gleichheitsgrundsatzes (vor dem Gesetz, d. Rez.), der Arbeitsmarkt- und Sozialordnung, von Tarifverträgen, dem Sozialversicherungsgesetz etc. zum Ausdruck bringt. Becker/Hauser ziehen aus ihren Analysen den Schluss, dass sich die einzelnen Komponenten des Vierecks teilweise gegenseitig bedingen, somit komplementär sind – Einzelmaßnahmen durchaus mehrere Ziele gleichzeitig bedienen, oder sich auch gegenseitig begrenzen. Des weiteren ziehen die Autoren den Schluss, dass sich bei der Entwicklung der institutionellen Rahmenbedingungen, die zur Erzielung von mehr sozialer Gerechtigkeit notwendig sind, nach wie vor Defizite zeigen, so zum Beispiel bei der Steuer- und Transferpolitik. Genannt werden in diesem Zusammenhang u. a. der Familienleistungsausgleich, die Erbschaftssteuer, das Elterngeld oder die BAföG-Leistungen. Schließlich werden als Defizite hinsichtlich einer Realisierung von sozialer Gerechtigkeit insbesondere Defizite bei der Chancengleichheit, aber auch bei der Umsetzung von Bedarfsgerechtigkeit erkannt und gewisse Forderungen besonderer Dringlichkeit erhoben: ein hochwertiges Angebot von außerhäuslichen Betreuungs- und Förderangeboten für Kinder, die Rücknahme von Restriktionen im Bildungsbereich, der Ausbau der Bildungsinfrastruktur, eine Leistungsanpassung beim BAföG wie auch des soziokulturellen Existenzminimums, aber auch die Abschaffung bzw. Begrenzung von Mini- und Midi-Jobs sowie die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns.
Diskussion
Hier zeigt sich im Grunde eine formalistische Vorgehensweise aufgrund empirischer Datenerhebung, die sicher erhebliches Erklärungspotential besitzt, wohl aber den tatsächlichen Individualbefindlichkeiten nur bedingt Rechnung tragen kann. Die aufgezeigten Befunde resultieren aus einem Datenmaterial das verständlicherweise nicht über das Jahr 2006 hinausgeht. Betrachtet man nun eher aus politologischer oder soziologischer Sicht die gesellschaftspolitischen Entwicklungen mit ihren vielfältigen und sich oftmals rasch verändernden Strukturwandlungsprozessen, so ließen sich die aufgezeigten Ergebnisse zunächst durchaus lediglich als historisch relevant einstufen. Die zunehmende Veränderungsgeschwindigkeit, verursacht durch globale wie auch regionale Krisensituationen, bei einer gleichzeitig rasant zunehmenden Vernetzung von Ursache und Wirkung, macht es sicherlich schwer Befunde, festhalten zu wollen, die für einen in der Gegenwart notwendigen Erkenntnisgewinn von besonderer Relevanz sind. Den beiden Autoren bleibt somit nicht viel mehr übrig, als einen Ist-Zustand zu konstatieren, der mittels empirischer Analysen zurückliegender Jahre manifestiert wird. Dies führt unter anderem auch dazu, dass die Schlussfolgerungen und Forderungen von Becker/Hauser in keinster Weise Neuland betreten, aus welchem man geeignete Lösungsmöglichkeiten für ein höheres Maß an sozialer Gerechtigkeit entwickeln könnte.
Fazit
Becker/Hauser haben den Versuch unternommen, den im alltäglichen Wettkampf der politischen Parteien und Anschauungen in unserer heutigen Zeit durchaus als zentral anzusehenden Begriff von der sozialen Gerechtigkeit zielorientiert und empirisch untermauert zu analysieren. Dabei gelingt es ihnen mit dem sogenannten „magischen Viereck“ vor allem die Interdependenz zwischen den einzelnen Gerechtigkeitskomponenten deutlich herauszustellen und klar zu machen, dass es keine Einzellösungen zur Erzielung von mehr sozialer Gerechtigkeit geben kann. Die Autoren rekurrieren auf vorhandene Befunde, die empirisch mit gutem und aussagekräftigem Zahlenmaterial belegt werden. Sie versäumen es allerdings, konkretere Lösungen zu suchen und auch – außer jenen, die in der alltäglichen politischen Diskussion landläufig bekannt sind – anzubieten. Dennoch kann das Buch als wichtiger Beitrag für die wissenschaftliche aber auch politische Gerechtigkeitsdebatte gesehen werden und erlangt seinen eigentlichen Wert erst dann, wenn man es als Informationsquelle für das Grundverständnis dafür sieht, warum soziale Gerechtigkeit im Grunde genommen eine diffuse gesellschaftsrelevante Kategorie bleibt, die man natürlich zu verbessern bemüht sein muss, dabei aber nie den Idealfall erreichen wird.
Rezensent
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät
Angewandte Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 19.06.2010 zu: Irene Becker, Richard Hauser: Soziale Gerechtigkeit - ein magisches Viereck. edition sigma (Berlin) 2009. 308 Seiten. ISBN 978-3-8360-8704-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9176.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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