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Sylvie Kobi: Unterstützungsbedarf älterer Migrantinnen und Migranten

Cover Sylvie Kobi: Unterstützungsbedarf älterer Migrantinnen und Migranten. Eine theoretische und empirische Untersuchung. Peter Lang Verlag (Frankfurt am Main/Berlin/Bern/Bruxelles/New York/Oxford/Wien) 2008. 315 Seiten. ISBN 978-3-03-911697-3. CH: 82,00 sFr.

Reihe: Social strategies - Vol. 43.

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Thema

Zwischen 1950 und 1970 reisten die Angehörigen der ersten „Gastarbeiter-Generation“ in die Schweiz ein, die inzwischen pensioniert wurden bzw. werden, aber nach ihrer Pensionierung nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Heute gehören ältere Migranten immer mehr zur schweizerischen Gesellschaftsrealität. Diese Entwicklung bringt für die (sozial-)pädagogische und therapeutische Versorgung dieser Menschen, aber auch für die Sozialpolitik insgesamt große Herausforderungen mit sich.

In den letzten Jahren werden nun in diesem Themenkreis allmählich auch immer mehr wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt wie die vorliegende von Sylvie Kobi, die sich mit der Lebenssituation von Migrantinnen und Migranten befasst, die im Rentenalter sind und in Zürich leben. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen der individuelle Unterstützungsbedarf sowie die intergenerativen Beziehungen von den Migrantinnen und Migranten aus Italien und jenen aus Serbien/Montenegro. Die Autorin richtet ihr Augenmerk besonders auf die aktuelle Situation und die künftige Entwicklung der Unterstützungsbedarfe aus der Sicht der älteren Migrantinnen und Migranten sowie deren Angehörigen. Sie verfolgt insbesondere das Ziel, unter Rückgriff auf Ergebnisse und Interpretation der eigenen empirischen Erhebung die Sichtweise der untersuchten Gruppe bekannt zu machen und zu zeigen, welches Unterstützungspotential von Migrantenfamilien vorhanden ist und was ‚migrantengerechte‘ Angebote beinhalten können. (S. 52-53)

Entstehungshintergrund

Bei dem vorliegenden Buch handelt es um eine überarbeitete Version der Dissertation der Autorin in Soziologie, die im Jahr 2008 von der Universität Basel angenommen wurde.

Autorin

Dr. Sylvie Kobi hat an der Universität Fribourg Soziale Arbeit, Heilpädagogik und Ethnologie studiert und arbeitet an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften im Bereich Forschung und Entwicklung des Departements Soziale Arbeit. Ihre Forschungsschwerpunkte betreffen migrationssoziologische und gerontologische Themen (vgl. rückwärtiges Deckblatt).

Aufbau und Inhalt

Abgesehen von Vorwort der Reihenherausgeber, Ueli Mäder und Hector Schmassmann, mit dem Titel Alt, migriert und fremd? sowie von Literaturverzeichnis und Anhang besteht das Buch aus sechs Kapiteln.

In der Einleitung ihrer Arbeit als erstes Kapitel gibt Sylvie Kobi einen Überblick über den derzeitigen Literatur- und Forschungsstand über Alter und Migration, aus dem sie dann Fragestellungen und Definition zentraler Begriffe sowie Zielsetzung ihrer Arbeit entwickelt. Ihre Hauptfragen sind: Welches sind für ältere Migrantinnen und Migranten zentrale Anliegen und Themen? Wie erleben Sie die Altersphase und welche Unterstützungspotenziale weisen die Familien von älteren Migrantinnen und Migranten auf?

Im zweiten Kapitel stellt Sylvie Kobi die theoretischen Bezüge dar, in dem sie zunächst die Eingliederung und Ausgrenzung der Migrantinnen und Migranten thematisiert, dann in zwei neuere viel diskutierte theoretische Ansätze, den Solidaritäts- und den Ambivalenzansatz, einführt, die versuchen, intergenerationelle Beziehungen zu erklären.

Das dritte Kapitel ist der Methode bzw. dem methodischen Vorgehen gewidmet. Zunächst stellt die Autorin kurz den wissenschaftstheoretischen Rahmen ihrer Untersuchung vor, wobei deutlich wird, dass sie zur Integration verschiedener Zugänge eine Kombination von qualitativen und quantitativen Ansätzen im Sinne einer Methodentriangulation wählt, die es ihr ermöglicht, die Fragestellung ihrer Untersuchung aus unterschiedlichen Perspektiven und Winkeln zu betrachten, die dann als einzelne Teile der empirischen Untersuchung einzeln vorgestellt werden: Sylvie Kobi beschreibt ihr Vorgehen bei der sekundärstatistischen Auswertung der Volkszählungsdaten von 1990 und 2000 hinsichtlich wichtiger demografischer Merkmale der untersuchten Migrantengruppen. Sie stellt sodann das Ziel der Interviews mit Fachpersonen vor, die im Migrations- und Altersbereich tätig sind, bevor sie die Auswahl der Befragten und die Durchführung der Befragungen erläutert. Im nächsten Teil dieses Kapitels wird das methodische Vorgehen bei der Durchführung der qualitativen Interviews mit älteren Migrantinnen und Migranten sowie mit den Angehörigen der zweiten Generation dargestellt.

Im vierten Kapitel stellt Sylvie Kobi die Hauptergebnisse aus den drei oben genannten, methodisch verschiedenen Erhebungsteilen vor, während sie im fünften Kapitel die Ergebnisse ihrer Untersuchung im Hinblick auf die Ausgangsfragen interpretiert und diskutiert.

Das sechste Kapitel schließt mit einer Zusammenfassung der Hauptergebnisse und gibt eine Aufstellung von Fragen und Forschungsperspektiven, die für die zukünftige Auseinandersetzung mit dem Thema Alter und Migration bedeutend sind.

Dem Literaturverzeichnis folgt der Anhang, der folgendes enthält: Tabellen zur sekundärstatistischen Auswertung, Informationsflyer für ältere Migrantinnen und Migranten, Leitfaden für die Interviews mit älteren Migrantinnen und Migranten, Informationsflyer für die zweite Generation, Leitfaden für die Interviews mit der zweiten Generation.

Diskussion

Der Verdienst des Buches liegt im Thema selbst begründet: „Unterstützungsbedarf älterer Migrantinnen und Migranten“. Diese Thematik aufgegriffen und mit empirischen Untersuchungsergebnissen zur Diskussion gestellt zu haben, ist angesichts des sozio-demographischen Wandels unserer Gesellschaft und den damit gegebenen neuen Herausforderungen für das Pflegesystem besonders beachtlich.

Sylvie Kobi unternimmt in ihrer Studie den Versuch, theoretische Reflexion mit empirischen Analysen zu verbinden. Ihre Interviews mit 21 Fachpersonen, die im Migrations- und Altersbereich tätig sind, eröffnen den Zugang zum Feld. Leitfaden gestützte Gespräche mit 20 älteren Migrantinnen und Migranten und 19 Angehörigen der zweiten Generation ermöglichen es, die Lebenssituationen und jeweilige Handlungen dieser Personenkreise verstehend zu deuten.

Eines der Ergebnisse der vorliegenden Arbeit ist, dass in Zukunft mit einer größeren Anzahl von älteren Migrantinnen und Migranten zu rechnen ist, die ihr Alter in der Schweiz verbringen werden, und „diese Klientengruppe aufgrund der zu erwartenden höheren Pflegebedürftigkeit für die Altershilfe bedeutsamer werden wird“ (S. 229). Angesichts der historischen und demografischen Entwicklung überrascht dieses Ergebnis zwar nicht, es ist aber für die Altenhilfe, vor allem für die ambulante Altenhilfe bedeutsam, da der Bedarf danach aufgrund des von Sylvie Kobi festgestellten Ideals der älteren Migrantinnen und Migranten, zu Hause gepflegt zu werden, steigen wird. (vgl. S. 257). Dies stellt eine wichtige Zukunftsaufgabe dar, die zugleich hohe Anforderungen sowohl an die Gesellschaft, an Ressourcen und Infrastrukturen, als auch an die Handlungskompetenz der Mitarbeiter/innen der Altenhilfe stellt.

Die vorliegende Arbeit von Sylvie Kobi ist solide durchgeführt und insgesamt aufschlussreich. Sie zeichnet sich durch eine durchdachte Argumentationslinie aus und überzeugt durch die Sorgfalt der Umsetzung ihrer eigentümlichen Ideen.

Fazit

Zusammenfassend kann man die bereits oben genannte Absicht der Autorin, die Sichtweise der untersuchten Gruppe bekannt zu machen und zu zeigen, welches Unterstützungspotential von Migrantenfamilien vorhanden ist und was ‚migrantengerechte‘ Angebote beinhalten können, insgesamt als gelungen betrachten. Insofern kann das Buch allen empfohlen werden, die an diesem Themenkomplex interessiert sind.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/goegercin.html
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 05.07.2010 zu: Sylvie Kobi: Unterstützungsbedarf älterer Migrantinnen und Migranten. Peter Lang Verlag (Frankfurt am Main/Berlin/Bern/Bruxelles/New York/Oxford/Wien) 2008. 315 Seiten. ISBN 978-3-03-911697-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9181.php, Datum des Zugriffs 04.02.2012.


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