Sybille Stöbe-Blossey (Hrsg.): Kindertagesbetreuung im Wandel
Sybille Stöbe-Blossey (Hrsg.): Kindertagesbetreuung im Wandel. Perspektiven für die Organisationsentwicklung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 222 Seiten. ISBN 978-3-531-17086-2. 24,90 EUR.
Thema
Die insgesamt acht vorgelegten Texte verschiedener Autorinnen sind im Rahmen von Forschungsprojekten der Abteilung „Bildung und Erziehung im Strukturwandel“ (BEST) des Instituts für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen entstanden, insbesondere
- dem Projekt „Beschäftigungsverhältnisse, Organisationsentwicklung und Personalwirtschaft in der institutionellen Kindertagesbetreuung“ (BOP), das sich von 2006 – 2008 mit der Frage befasste, welche personellen Anforderungen und organisationalen Gestaltungsbedarfe sich aus den sich verändernden Anforderungen an den frühkindlichen Bildungsbereich ergeben,
- dem Projekt „Bedarfsorientierte Kinderbetreuung – Gestaltungsaufgaben für die Kinder- und Jugendpolitik (BeKi, 2003-2005), das zukünftige Betreuungsbedarfe und Arbeitszeitstrukturen erforschte, und
- einer Transparenz-Studie über Qualitätskonzepte in der Kindertagesbetreuung (2004-2005) sowie damit verbundene weitere Studien über neuere Entwicklungen zum Leistungsangebot von Kindertageseinrichtungen.
Im Rahmen dieser Studien sind Daten und Beobachtungsergebnisse entstanden, die im Rahmen der einzelnen Kapitel vorgelegt werden, jeweils mit dem Ziel, auf strukturelle Veränderungsbedarfe aufmerksam zu machen.
Herausgeberin und Co-Autorinnen
Dr. Sybille Stöbe-Blossey ist Leiterin der Forschungsabteilung „Bildung und Erziehung im Strukturwandel“ (BEST) am Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Die anderen Autorinnen bzw. Co-Autorinnen sind Sirikit Krone, Anika Torlümke, Elke Katharina Klaudy und Karin Altgeld.
Aufbau und Inhalt
Das Buch umfasst insgesamt neun Kapitel:
- In einem ersten Kapitel werden in sehr knapper Form die verschiedenen Forschungsprojekte vorgestellt, im Rahmen derer die Daten und Beobachtungsergebnisse für die folgenden Texte generiert worden sind.
- Kapitel 2 befasst sich mit dem Thema „Entwicklung der Frauenerwerbsarbeit und die Anforderungen an eine nachhaltige Familienpolitik“. Plädiert wird darin für extensive Wahlmöglichkeiten der Familien im Hinblick auf die Betreuungszeiten. Gleichzeitig wird eine Abkehr von „festen Gruppen“ und „festen Zeitstrukturen“ in Kindertageseinrichtungen gefordert.
- In Kapitel 3 werden überregionale Daten zur Beschäftigungsentwicklung in der institutionellen Kindertagesbetreuung vorgelegt. Eine Tendenz zum Abschluss befristeter Arbeitsverträge und zu unfreiwilliger Teilzeitarbeit wird aufgezeigt. Die Träger werden aufgefordert, Maßnahmen gegen einer drohende „Prekarisierung“ der Lebenslagen der Beschäftigten zu entwickeln.
- Kapitel 4 basiert auf Recherchen und Befragungen und gibt einen Überblick über die Rahmenbedingungen und Auswirkungen flexibler Betreuungsformen in verschiedenen Bundesländern. Unterschiedliche Finanzierungs- und Steuerungsformen werden beschrieben und vor dem Hintergrund der Frage der Flexibilisierung des Betreuungsangebots diskutiert.
- Kapitel 5 setzt sich mit der Frage auseinander, welche Auswirkungen die Einführung neuer Betreuungsformen, wie z.B. die des „Familienzentrums“ in Nordrhein-Westfalen, auf die Situation der Beschäftigten haben. Dabei werden zunächst Idee und Leistungen beschrieben und dann die Ergebnisse einer Mitarbeiter/innenbefragung vorgestellt. Demnach zeigte sich, dass die Beschäftigen die Entwicklung dieser neuen Betreuungsform positiv einschätzen und als Möglichkeit zur beruflichen Weiterentwicklung betrachten. Allerdings werden die damit verbundenen, oftmals ungeklärten Rahmenbedingungen und der organisatorische Mehraufwand (insofern er nicht zusätzlich finanziert wird) als belastend eingeschätzt.
- In Kapitel 6 werden die verschiedenen länderspezifischen Vorgaben und gesetzlichen Regelungen zum Thema: „Übergang in die Schule“ synoptisch zusammengetragen und vor dem Hintergrund einer Studie in drei Bundesländern eingehender diskutiert. Aus Sicht der Mitarbeiter/innen fehlt es an ausreichenden zeitlichen und materiellen Ressourcen, um den Aufgabenstellungen befriedigend gerecht werden zu können. Außerdem wünschen sie sich konkrete Vorgaben und damit verbundene Arbeitsinstrumente für ihre Praxis.
- Kapitel 7 setzt sich mit der offenen Ganztagsschule in Nordrhein-Westfalen auseinander. Die von den Eltern geforderte Flexibilisierung der Betreuungszeiten wird hier zum strukturellen Problem, da Mitarbeiter/innen oft nur stundenweise eingesetzt und meist im Rahmen von Mini-Jobs eingestellt werden (können).
- Kapitel 8 setzt sich mit Fragen der zukünftigen Dienstplangestaltung im Rahmen flexibler Arbeitszeitsysteme auseinander und schlägt Vorgehensweisen und methodische Konzepte vor (Arbeitszeitkonten, Jahresarbeitszeitmodelle, etc.).
- In Kapitel 9 werden noch einmal verschiedene Entwicklungen im Bereich der Trägerschaften dargestellt, wie z.B. der Trend zur GmbHisierung, der Trend zur Zusammenführung von Trägerschaften und zur Diversifizierung des Angebotes etc. Abschließend wird noch einmal auf die Bedeutung der Trägerqualität hingewiesen und zur Entwicklung von „best practice“ Modellen aufgerufen.
Zielgruppe
Der Sammelband eignet sich vor allem für Verantwortliche und Entscheidungsträger sowie für Studierende und Dozierende im Bereich der Kindertageseinrichtungen.
Diskussion
Die Verfasserin hat (zusammen mit ihren Co-Autorinnen) im Rahmen der verschiedenen Kapitel wichtige Daten und Beobachtungen zu den vielen ungelösten strukturellen und organisationalen Fragen des Bereichs der Kindertageseinrichtungen zusammengetragen. Insbesondere hat sie darauf hingewiesen, dass die gegenwärtigen Bedingungen keine „Exzellenzinitiative“ in der öffentlichen Kleinkinderziehung zulassen – wie von vielen Politiker/innen immer wieder versprochen. Damit bietet sie allen Interessierten und Beteiligten wichtige Grundlagen für weitere Diskussionen und Maßnahmen. Wer allerdings „Perspektiven für die Organisationsentwicklung“ (wie im Untertitel versprochen) erwartet, wird wenig Konkretes finden. Dazu sind die Analysen und Beobachtungen zu allgemein und deren jeweilige Blickrichtung zu eng. Dass Eltern Qualität und Flexibilität, Erzieher/innen einen zufrieden stellenden Arbeitsplatz und Träger ein Optimum an Effizienz und Effektivität erwarten, ist allgemein bekannt. Die entscheidende Frage, die zunächst einmal von Expert/innen zu beantworten wäre, lautet jedoch: Wie lassen sich diese gegensätzlichen Erwartungen ganz konkret in einem Einrichtungskonzept verbinden und welche bildungspolitischen und bildungsökonomischen Rahmenbedingungen sind erforderlich, damit möglichst viele Einrichtungen die damit verbundenen Leistungen zuverlässig und in hoher Qualität erbringen können?
Fazit
Die Verfasserin und ihre Ko-Autorinnen haben wichtige Daten und Ergebnisse ihrer Studien der letzten Jahre zum Thema „Kindertagesbetreuung im Wandel“ in einem Sammelband zusammengetragen. Ihrer These, dass sich dieser Bereich heute stärker mit strukturellen und organisationalen Fragen auseinandersetzen muss, kann genauso uneingeschränkt zugestimmt werden wie ihrer Forderung, dass die Optimierung und Flexibilisierung frühkindlicher Bildungs- und Betreuungsangebote – wie dringend erforderlich auch immer - nicht einseitig zu Lasten der Mitarbeiter/innen gehen darf.
Rezensent
Prof. Dr. Peter Erath
Professor für Theorien der Sozialen Arbeit, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Fakultät für Soziale Arbeit.
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Zitiervorschlag
Peter Erath. Rezension vom 03.04.2010 zu: Sybille Stöbe-Blossey (Hrsg.): Kindertagesbetreuung im Wandel. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 222 Seiten. ISBN 978-3-531-17086-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9192.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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