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Petra Bauer, Hannah Hoffmann u.a. (Hrsg.): Fokus Medienpädagogik

Cover Petra Bauer, Hannah Hoffmann, Kerstin Mayrberger (Hrsg.): Fokus Medienpädagogik. Aktuelle Forschungs- und Handlungsfelder. kopaed verlagsgmbh (München) 2010. 420 Seiten. ISBN 978-3-86736-110-1. 22,80 EUR.
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Thema

Beschäftigt man sich in Deutschland mit der Medienpädagogik, so kommt man an einem Namen nicht vorbei: Stefan Aufenanger. Er ist im deutschsprachigen Raum einer der prägenden Persönlichkeiten dieser noch jungen Fachrichtung. Zu seinem sechzigsten Geburtstag haben die Autoren Petra Bauer, Hannah Hoffmann und Kerstin Mayrberger eine Festschrift mit verschiedenen Aspekten der Medienpädagogik zusammen gestellt. Im Zentrum steht der Begriff der Medienkompetenz, den Aufenanger maßgeblich in die pädagogische Debatte in Deutschland eingebracht hat. In Theorien, Analysen und praktischen Anwendungsvorschlägen wird eine große Spanne an Feldern, in denen sich die Medienpädagogik bewegt, vorgestellt.

Aufbau

Da es sich um eine Festschrift handelt, die einem bedeutenden Wissenschaftler gewidmet ist, wird der Sammelband von zwei persönlichen Noten gerahmt. Horst Niesyto beschreibt zu Beginn seine Begegnungen mit Stefan Aufenanger, während ihm Franz Hamburger im Nachwort seinen persönlichen Dank zum Ausdruck bringt. Dazwischen wird in vier thematischen Abschnitten die Medienpädagogik in den Fokus gerückt.

  1. Im ersten Teil stellen Theorien zur Medienbildung, Medienkompetenz, bzw. zur Media Literacy die Basis für die weitere Betrachtung. Drei der fünf Aufsätze sind hier in Englisch verfasst.
  2. Im umfangreichsten Teil des Buches widmen sich zehn Aufsätze den Medienwelten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.
  3. Der dritte Teil zeigt auf, wie man eine Medienpädagogik didaktisch nutzen und umsetzen kann.
  4. Der letzte Teil stellt die Forschungsbereiche der AG Medienpädagogik an der Universität Mainz vor.

Inhalt

Der Sammelband Fokus Medienpädagogik umfasst, wenn man das Vor- und Nachwort mit berechnet, insgesamt zweiunddreißig unterschiedliche Artikel, die dem Leser einen Ausschnitt aus der Breite der medienpädagogischen Diskussion darbieten. Aus der prinzipiellen Darlegung, welchen Auftrag sich die Medienpädagogik gestellt hat und wo sie ihre Notwendigkeit sieht, entwickeln sich verschiedene Stränge, stehen nebeneinander und haben doch einen gegenseitigen Bezug. Dem Computer und dem Internet gilt dabei die größte Zuwendung und vier Artikel beschäftigen sich mit dem Fernsehen.

Wie bereits erwähnt, beginnt und endet das Buch mit Widmungen an Stefan Aufenanger. Der erste Teil mit den Fachaufsätzen stellt sich medienpädagogischen Theoriefragen. Die Aufsätze von Dieter Spanhel zu medialen Bildungsräumen in pädagogischen Einrichtungen und von Gerhard Tulodziecki, der für eine strukturierte Medienbildung an deutschen Schulen plädiert, stellen die Bedeutung der Medienarbeit für das Lernen und die Bildung heraus. Alivisos Sofos stellt sein Konzept der Media Literacy vor, das er an der Bedeutung der allgemeinen Lesefähigkeit misst. Der Aufsatz von Tapio Varis schließt daran an und betrachtet die internationalen Ansätze der Media Literacy. Norm Friesen und Theo Hug beschreiben in ihrem gemeinsamen Aufsatz die gestiegene Bedeutung der Medien in den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen und appellieren, dass die Erziehung nicht trotz, sondern wegen der verstärkten Verfügbarkeit von Wissen (in den Medien) eine wichtige Rolle in der Bildung spielen müsse.

Der zweite Abschnitt des Buches gilt eben diesen medialen Lebenswelten. Bernd Schorb führt den Leser über Statistiken der Mediennutzung in die Notwendigkeit einer pädagogischen Umsetzung der Medienkompetenz ein. Er weist darauf hin, welche bedeutende Rolle die Medien für die Identitätsbildung und Aneignung von Wissen für Jugendliche spielen (127).

Heinz Moser spricht den Digital Divide, also die Problematik des allgemeinen Zugangs zu Medien, und die daraus potentielle Chancenungleichheit, an. Jedoch bezweifelt er, dass sich in der Gesellschaft über die Zeit der Einführung eines Mediums hinaus ein technologiebezogener Graben manifestiere (147). Claudia Lampert weist darauf hin, dass für eine erfolgreiche Medienpädagogik eine Sensibilierung der Gruppe der „medienkritischen“ und „bewahrpädagogischen“ Lehrer geschaffen werden müsse. Sie dürften sich nicht den Medienwelten der Kinder verschließen, sondern sich dem Gespräch über das, was Kinder bewegt, stellen (157). Friederike Siller geht hier noch weiter. Sie zeigt den Einsatz von Online-Lernaktivitäten in Schulen und stellt mit der Suchmaschine „FragFINN“ eine kindgerechte Möglichkeit dafür vor. Um Gewalt, bzw. latente Gewalt in Musikclips handelt der Aufsatz von Klaus Neumann-Braun und Axel Schmidt. Sie untersuchen gemeinsam wie eine Atmosphäre von Gewalt in solchen Clips entsteht und fordern die Medienpädagogik auf, sich dieser Thematik zu stellen. Ingrid Paus-Hasenbrink weist wie Schorb auf die Bedeutung des Fernsehens als moralische Richtschnur und für die Identitätsbildung bei Jugendlichen hin. Sie untersucht hierbei das Konzept von Schönheit und erinnert die Gesellschaft mit Worten von Stefan Aufenanger an die ethische Verantwortung und Sorgfalt für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Ein besonders interessantes Beispiel dafür analysiert Renate Luca mit der Casting Sendung Germanys Next Topmodel aus dem Blickwinkel des Doing Genders, der Manifestierung der Geschlechterrollen. Petra Grell und Oliver Nuss haben in Interviews für ihren Artikel Irritationen, bzw. die fehlenden Irritationen von Computerspielern in ihren Spielwelten offengelegt, während Klaus Wölfling das Suchtverhalten im Internet und besonders bei Online-Rollenspielen beschreibt. Er plädiert für einen besseren Transfer von Medienpädagogik und der klinischen Betrachtung von Suchtverhalten, damit Prävention und Behandlung effektiver gestalten werden könnte (246). Christoph Klimmt versucht hingegen die Lust am Spielen für das pädagogische Arbeiten nutzbar zu machen und eine spielaffine Lernumgebung an Schulen mit sogenannten „serious games“ zu schaffen.

Der dritte Abschnitt Neues Lernen mit neuen Medien widmet sich der Nutzung der neuen Medien für den Unterricht und gibt didaktische Anregungen hierzu. Die Methode des Story-Anchoured Curriculum wird von dem Autorentrio Gabi Reinmann, Frank Vohle und Monika Gröller anhand des Projektes zur technologiegestützten Narration „Tech Pi & Mali Bu“ vorgestellt. Kerstin Mayrberger beschreibt die Veränderung des Lernens an Schule und Hochschule zum Personal Learning Environment (PLE) und Claudia Bremer ruft zu mehr Aufmerksamkeit für den Einsatz des E-learnings auf. Der letzte Aufsatz in diesem Abschnitt analysiert die Kommentarkultur in Wissensblocks. Rolf Schulmeister kommt zu der Erkenntnis, dass sich, anders als bei Geschichts- oder journalistischen Blogs, hier keine Diskussionskultur in den Kommentaren gebildet habe.

Im letzten Abschnitt stellen verschiedene Mitarbeiter der von Stefan Aufenanger an der Universität Mainz initiierten AG Medienpädagogik kurz einige ihrer Forschungen vor und zeigen die vielfältigen Arbeitsfelder der Medienpädagogik auf.

Diskussion und Fazit

Fokus Medienpädagogik ist ein sehr umfangreicher Sammelband, der viele Facetten dieses Spezialgebietes der Pädagogik anspricht. Im Mittelpunkt steht der Mensch, der von der Medienwelt nicht vereinnahmt werden, sondern sie zu seinem Nutzen gebrauchen lernen soll. Lehr- und Lernprozesse haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert und werden sich auch in Zukunft weiter verändern. Der Sammelband geht auf die aktuelle mediale Situation bezogen auf Computer und Fernsehen ein, zeigt wie sie in unser Leben und besonders in die Welt von Kindern und Jugendlichen Einzug gehalten haben. Vielleicht hätten auch weitere Medien einen Beitrag in diesem Buches verdient gehabt, wie die Nutzung von Handys oder die frühe seriale Kommerzialisierung durch und mit Hilfe von Medienprodukten wie Prinzessin Lillyfee (Buch) oder Yugi-Oh (TV-Serie). Aber man sieht, wie sehr die Medien unser Leben bestimmen und wie vielseitig die unterschiedlichen Forschungsfelder sein können. Dies stellt keinen Mangel dieses Sammelbandes dar, sondern soll auf die Notwendigkeit einer Fortsetzung hinweisen.

Es ist ein sehr pädagogisches Buch geworden, das in seinem Ton eher didaktisch und in seinen Aussagen fordernd ist. Es ist ein Plädoyer für die Rolle der Medienpädagogik und eine Leistungsschau, für das was sie gerade erreicht hat, geworden.

Aber es ist auch eine schöne Festschrift zu Ehren eines bedeutenden Wissenschaftlers. Stefan Aufenanger hat in seiner langjährigen Arbeit erreicht, die Bedeutung der Medienpädagogik in das Blickfeld gesellschaftlicher Diskurse zu hieven. Dieser Sammelband führt eben diese Tradition fort und wirft mit der Präsentation der Arbeit der AG Medienpädagogik einen Blick in die Zukunft.


Rezensent
Michael Christopher
Filmwissenschaftler und Mitherausgeber der Zeitschrift manycinemas
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Zitiervorschlag
Michael Christopher. Rezension vom 09.07.2010 zu: Petra Bauer, Hannah Hoffmann, Kerstin Mayrberger (Hrsg.): Fokus Medienpädagogik. Aktuelle Forschungs- und Handlungsfelder. kopaed verlagsgmbh (München) 2010. ISBN 978-3-86736-110-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9195.php, Datum des Zugriffs 28.05.2016.


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