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Sabine Andresen, Micha Brumlik u.a. (Hrsg.): Das ElternBuch

Cover Sabine Andresen, Micha Brumlik, Claus Koch (Hrsg.): Das ElternBuch. Wie unsere Kinder geborgen aufwachsen und stark werden ; 0 - 18 Jahre. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2010. 635 Seiten. ISBN 978-3-407-85863-4. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 49,90 sFr.
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Thema

Das ElternBuch liefert alters- und entwicklungsbezogenes Wissen über das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen für Eltern, Kinderärzte, ErzieherInnen, LehrerInnen, psychologische und sozialpädagogische Fachkräfte.

Ziel

Angesichts der vielfach diagnostizierten Erziehungsunsicherheit von Eltern und dem beinahe unüberschaubaren Angebot von Ratgeberliteratur wollen die Herausgeber ein nüchternes und sachliches Gegenangebot unterbreiten. Führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie anerkannte Expertinnen und Experten fassen für Eltern den Wissensstand zusammen, klären auf und geben Orientierung. Dabei wurde darauf geachtet, dass die beteiligten Autorinnen und Autoren durchgehend respektvoll über Kinder, Jugendliche und Eltern schreiben. Das Buch soll sich deutlich von vereinfachenden Ratgebern und der weitverbreiteten Krisenliteratur abgrenzen, die auf der Grundlage von Erziehungsnotständen zu drastischen Mitteln greift. Es soll gesichertes Wissen in seiner Vielfalt und teilweise auch in seiner Widersprüchlichkeit bekannt machen und verdeutlichen, dass „Erziehen ein komplexes, vielfach bestimmtes Interaktionsgeschehen“ darstellt, das durch übertriebene Vereinfachung nicht angemessen verstanden werden kann.

Herausgeberin und Herausgeber

Sabine Andresen ist Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Bielefeld mit dem Schwerpunkt Kindheits-, Jugend- und Familienforschung. Micha Brumlik ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität in Frankfurt am Main und Claus Koch ist Diplompsychologe und Verlagsleiter beim Beltz-Verlag. Besonders Micha Brumlik ist auch außerhalb der Erziehungswissenschaften als kritischer Intellektueller bekannt, der regelmäßig in Zeitschriften und auf großen Tagungen und Kongressen zu pädagogischen, philosophischen, politischen und theologischen Themen Stellung nimmt.

Aufbau und Inhalt

Das ElternBuch besteht aus ca. 50 Aufsätzen bekannter Autorinnen und Autoren aus den Bereichen Erziehungswissenschaften, Medizin, Psychologie und Gesundheit. Es ist in fünf Themenbereiche gegliedert und wird durch ein ausführliches Nachwort von Jürgen Oelkers und einen umfangreichen Anhang ergänzt:

  • Teil 1: Vor der Geburt
  • Teil 2: Frühe Kindheit von 0-3 Jahren
  • Teil 3: Frühe Kindheit von 4-6 Jahren
  • Teil 4: Kindheit von 6-12 Jahren
  • Teil 5: Jugend von 12-18 Jahren

Jeder Themenbereich wird durch einen einführenden Beitrag in die jeweilige Lebensphase eingeleitet. Es folgen jeweils unterschiedliche Aufsätze zu den Themenfeldern Gesundheit und Entwicklung, Erziehung und Bildung.

Diskussion

Das ElternBuch tritt selbstbewusst mit seinem Anliegen auf, eine Brücke aus den Wissenschaften in die Praxis des alltäglichen und mitunter unüberschaubaren Erziehungshandelns zu bauen. Es mutet Eltern zu, Texte zu lesen und zu verstehen, die nicht selten lang, komplex und theoretisch anspruchsvoll sind. Der klare Aufbau, die gute graphische Gestaltung und die jeweils einführenden Texte unterstützen die LeserInnen.

Die meisten Texte liefern das, was die Herausgeber in ihrer Einleitung versprechen und führen die LeserInnen in einer verständlichen allerdings auch sehr anspruchsvollen Sprache in den aktuellen Stand der Bezugswissenschaften ein. Dies gilt besonders für die jeweils in die Altersgruppe einführenden Beiträge. Einige Texte sind darüber hinaus sehr originell und anregend, z.B. der Aufsatz von Mauri Fries „Was Babys uns sagen können“.

Dem Anspruch des Buches, dass die Texte jeweils das wissenschaftlich heute verfügbare Wissen darstellen und aufbereiten, werden allerdings nicht alle Texte gerecht. Teilweise wurden Autorinnen und Autoren ausgewählt, die eher die normative Grundposition der Herausgeber teilen, aber weder im Bereich der Wissenschaften tätig sind, noch Aufbau und Inhalt ihrer Beiträge an dem grundlegenden Anspruch ausrichten. Hierzu gehören z.B. die Beiträge des Psychotherapeuten Wolfgang Bergmann dessen Beitrag zum Thema „Jungen: Auf der Suche nach Identität“ besonders ärgerlich ist, weil hier populäre Vorurteile unkritisch aufgelistet und als Tatsachen dargestellt werden.

Auch der Aufsatz der Schulleiterin Ulrike Kegler, die eine sicherlich tolle Montessorischule in Potsdam leitet, ist völlig misslungen, da er Eltern eben nicht über die wichtigen Fragen bezüglich der Schulwahl informiert, sondern lediglich Werbung in eigener Sache betreibt. Es passt zum unwissenschaftlichen und einseitigen Auftritt von Ulrike Kegler und Wolfgang Bergmann, dass sie im Literaturverzeichnis ausschließlich eigene Veröffentlichungen erwähnen.

Der Anspruch der Wissenschaftlichkeit bedeutet leider zudem bei einigen Texten, dass sie für Eltern relativ langweilig zu lesen sind, da sehr breit wissenschaftliche Ansätze und Erkenntnisse geschildert werden, die spannenden Fragen dabei aber in den Hintergrund geraten. Dies gilt z.B. für den Beitrag von Micha Brumlik über die „Religiöse Erziehung“, in dem sehr ausführlich auf entwicklungspsychologische Theorien eingegangen wird. Auch wird hier aus der Sicht des Kindeswohls empfohlen, nicht zu spät mit der religiösen Erziehung zu beginnen. Die LeserInnen werden schließlich sogar gemahnt, dass „falsch getroffene oder aus Konfliktscheu unterlassene Klärungs- und Entscheidungsprozesse (über die Frage, ob man sein Kind religiös erziehen sollte, R.S.) in besonderem Maß nachhaltig negative Folgen zeitigen könnten.“

Einigen Autorinnen gelingt es vorzüglich, den Anspruch der Wissenschaftlichkeit mit dem Ziel des Brückenbaus zu Eltern zu verbinden, z.B. indem sie sich einer einfachen, klaren und dennoch bildhaften Sprache bedienen. Dies gelingt z.B. Barbara Rendtorff in ihrem Text „Soll ich meine Tochter anders erziehen als meinen Sohn?“, Gisela Szagun in ihrem Text über die frühkindliche Sprachentwicklung und Claus Koch in seinem Beitrag zu „Trennung, Scheidung“.

Fazit

Der Werbespruch des Beltz Verlages für das ElternBuch lautet „Erziehungsrat von 50 Top-Wissenschaftlern“. Beim Lesen der Texte zeigt sich, dass der Anspruch der Herausgeber, aus der Wissenschaft heraus Eltern Ratschläge zu geben, immens hoch gesteckt ist. Auch wenn wenig so praktisch ist, wie eine gute Theorie, so ist doch der Graben zwischen Wissenschaft und Praxis ziemlich breit und es bedarf zahlreicher Brücken, um ihn zu überwinden. Manchen der AutorInnen gelingt dieser Brückenbau hervorragend und vielen wenigstens zufriedenstellend, auch wenn die meisten Texte eher für Multiplikatoren als für breite Teile der Elternschaft geeignet sein dürften. Überzeugend sind der systematische Aufbau des Buches, die graphische Gestaltung und der umfangreiche Anhang.

Die Beiträge empfehlen insgesamt einen partnerschaftlichen und dialogischen Erziehungsstil, wodurch sich der Band erheblich und wohltuend von vielen anderen aktuellen Erziehungsratgebern unterscheidet.


Rezensent
Dr. Remi Stork
Referent für Jugendhilfe und Familienpolitik im Diakonischen Werk der evangelischen Kirche von Westfalen, Geschäftsführer der evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen Westfalen-Lippe
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Zitiervorschlag
Remi Stork. Rezension vom 25.02.2010 zu: Sabine Andresen, Micha Brumlik, Claus Koch (Hrsg.): Das ElternBuch. Wie unsere Kinder geborgen aufwachsen und stark werden ; 0 - 18 Jahre. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2010. ISBN 978-3-407-85863-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9202.php, Datum des Zugriffs 28.08.2016.


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