Birgit Becker, David Reimer (Hrsg.): Vom Kindergarten bis zur Hochschule
Birgit Becker, David Reimer (Hrsg.): Vom Kindergarten bis zur Hochschule. Die Generierung von ethnischen und sozialen Disparitäten in der Bildungsbiographie. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 316 Seiten. ISBN 978-3-531-16224-9. 34,90 EUR.
Herausgeber und Autoren
Die 14 AutorInnen sowie vor allem die beiden Herausgeber (beide Diplom-Soziologen) können – verkürzt – als Angehörige einer (ich nenne es mal so) „Mannheimer Esser-Schule“ verstanden werden, d.h. einer (Migrations- und Bildungs-) Soziologie, die sich dem „methodologischen Individualismus“ und einer rein quantitativen empirischen Sozialforschung verpflichtet fühlen. Vier Beiträger haben Professorenstatus, alle anderen sind Nachwuchswissenschaftler ohne Promotion.
Entstehungshintergrund
Datengrundlage der verschiedenen Beiträge sind „aktuelle Ergebnisse aus Forschungsprojekten am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) und der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Mannheim“ (S. 7); intendiert wird ein Blick auf die gesamte „Bildungsbiographie mit ihren verschiedenen Etappen in ihrer Gesamtheit“ (ebd.), da, so die Herausgeber, bisher überwiegend nur die „kritischen Übergänge“ systematisch untersucht wurden (Beispiel PISA). „Daraus entstand die Idee zu einem Buch, das, beginnend bei der Wahl des Kindergartens bis hin zur Entscheidung für oder gegen ein Studium, die Entstehung von sozialer und ethnischer Ungleichheit untersucht“ (ebd.).
Aufbau
Nach dem Einleitungsbeitrag von Becker/ Reimer zu „Etappen in der Bildungsbiographie. Wann und wie entsteht Ungleichheit?“ folgen fünf Kapitel entlang der Bildungsbiographie:
- „Beginn des Kindergartens und Übergang in die Grundschule“ (zwei Beiträge),
- „Übergang in die Sekundarstufe“ (zwei Beiträge),
- „Schulformwechsel in der Sekundarstufe“ (ein Beitrag),
- „Übergang in die Ausbildung und die Hochschule“ (drei Beiträge) sowie
- der Abschlussartikel zu „Nachholen von Bildungsabschlüssen“.
Die Aufsätze ähneln sich in Duktus und Argumentation sehr stark, beziehen sich alle auf harte (nicht nur aktuelle) quantitative Daten (vgl. oben) und auf ähnliche (Hintergrund-)Literatur, operieren mit Tabellen, Statistiken und Signifikanztests, argumentieren selten makrotheoretisch (Thema Ungleichheit!) oder gar systemkritisch (es geht um die Reproduktion von Ungleichheit durch das bzw. im Bildungssystem!) und produzieren bekannte, aber eben empirisch belegte Ergebnisse und Erkenntnisse der Bildungs- und Migrationsforschung.
In anderen Worten. Man erführt kaum Neues oder gar Überraschendes – dies aber wohl fundiert und exakt belegt.
Inhalte und Diskussion
Die Herausgeber beschreiben in ihrem Einleitungsbeitrag ausführlich die Inhalte der Kapitel (S. 8 – 15) – dies will ich nicht wiederholen. Interessant ist dagegen ihr allzu knapper „Ausblick“ mit dem Hinweis: „Eine zusammenfassende Analyse der vorliegenden Befunde ist … nur bedingt sinnvoll“ (S. 15) – dies hätte m. E. auch eine differenzierte Theoriearbeit vorausgesetzt. Verdienstvoll ist der „ganzheitliche“ Blick auf die Bildungsbiographien auf der Grundlage von Längsschnittdatensätzen (Nationales Bildungspanel, HIS-Studien) und der empirische Beweis für die kumulativen Selektionsprozesse in unserem Bildungssystem. Letzteres wird in keinem Beitrag diskutiert, problematisiert oder gar kritisiert und nach dessen gesamtgesellschaftlicher Funktion gefragt (Qualifikation, Selektion/ Allokation, Integration/ Legitimation!) – dies wird wohl nicht als Aufgabe von Wissenschaft gesehen?! So sucht der Leser auch vergeblich nach Vorschlägen oder Konzepten zur Minderung der Reproduktion von sozialer Ungleichheit in unserer Gesellschaft oder gar zur radikalen Reform unseres auf Selektion basierenden föderativen Bildungswesens.
(Gesellschafts-)theoretische Literatur (z.B. Bourdieu) oder theoriegeleitete kritische Diskussionen zu diesem Thema fehlen gänzlich. Dies beruht m. E. auf dem Schulencharakter der Beiträge bzw. der rigiden Ausrichtung der Autoren am Esserschen Vorbild. Sicher scheint mir nur, dass dieses Selbstverständnis von Soziologie und empirischer Bildungsforschung gegenwärtig Konjunktur hat und einer wissenschaftlichen Karriere nicht im Wege steht.
M.E. wird auch zu wenig die historische Komponente der Thematik reflektiert, d.h. wann und in welchem politisch-gesellschaftlichen Kontext wurden die Daten erhoben und welche Bildungsdiskussion hat diesen Kontext beeinflusst? Sind die Daten vergleichbar, valide und reliabel? Wir haben in Deutschland ein föderatives Bildungssystem, das sich permanent ändert und in der Regel im Blickpunkt öffentlich-medial-politischer Debatten und Kontroversen steht.
Gelegentlich wird auch der „Kapital“-Begriff („Schulbezogenes Sozialkapital und Schulerfolg der Kinder“, S. 81ff oder S. 149 der Verweis auf Bourdieu und dessen „Habitus“-Konstrukt) benutzt; es wird aber nur sporadisch dessen Kapitaltheorie (ökonomisches, soziales, kulturelles sowie symbolisches Kapitel) herangezogen und/ oder zur theoretischen Interpretation genutzt (vgl. dagegen z.B. Nohl u.a.) – herrscht etwa ein „Berührungsverbot“, vor allem von jungen Kollegen, gegenüber kritischen Bildungswissenschaftlern vor?
In etlichen Beiträgen wird am Ende lapidar und mit Blick auf Wissenschaft und Karriere wohlwollend konstatiert, dass „weitere Forschungsarbeit notwendig“ ist (z.B. S. 75). Ich stehe dagegen eher auf dem Standpunkt, dass wir über die Reproduktion von sozialer Ungleichheit durch das und im Bildungssystem und die Relevanz von „class – race – gender“ (vgl. den „Intersectionality approach“, vgl. zusammenfassend dazu Degele/ Winkler) sowie „generation – religion – region“ (konkret: der „islamische Arbeitersohn aus der Großstadt“ versus das „katholische Arbeitermädchen vom Lande“; der Einfluss des Bundeslandes, Stadt-Land-Unterschiede etc.) mittlerweile genug Wissen und Erkenntnisse gesammelt haben, so dass die (empirische) Forschung und Wissenschaft ihre (Haus-)Aufgaben gemacht haben. Es geht nun darum, (bildungs-)politisch zu handeln. Mein (sicherlich ideologisch kanalisierter – dessen bin ich mir bewusst!) Blick auf das Verhältnis von Bildungsforschung und konkreter Bildungspolitik zeigt jedoch, dass bildungspolitisch in der Regel das Gegenteil dessen unternommen wird, was bildungswissenschaftlich als sinnvoll und vernünftig im Sinne der Förderung aller (!) Begabungsreserven in einer Einwanderungsgesellschaft (!) getan werden müsste (vgl. PISA und die Folgen) – Wozu dann „weitere Forschung“?
Fazit
Zu diesen oder ähnlichen Aspekten des Themas (vgl. den Untertitel „Generierung von sozialen und ethnischen Disparitäten“ – sinnvoller und alltagsnäher wäre m. E. von der „Reproduktion sozialer Ungleichheit“ zu sprechen) sucht man in den verschiedenen Beiträgen vergebens kontroverse Debatten oder diskursive Überlegungen. Es liegt – gemäß der „Mannheimer Esser-Schule“ – bei nahezu allen Beiträgen ein sehr enges (um nicht zu sagen rigides) Verständnis von Wissenschaft und Soziologie vor, das durch derlei Reader weiter reproduziert wird. Man ist geneigt – polemisch – zu sagen: „Hauptsache harte Daten, egal woher, aus welchem Kontext und aus welcher Zeit“ bzw. „Wenn’s denn der Karriereplanung dienlich ist“.
Der Band referiert bekannte Tatsachen der Bildungsforschung, belegt diese jedoch mit harten Daten und statistisch abgesicherten Erkenntnissen. Wer in diese Richtung Ergebnisse und Fakten sucht, wird mehrfach und fundiert fündig. Wer jedoch theoretische Diskurse über die Ungerechtigkeit im Bildungswesen, institutionelle Diskriminierung (vgl. dazu die empirisch gestützte theoretische Analyse von Gomolla/ Radtke) oder die Reproduktion sozialer Ungleichheit und die Rolle des Bildungssystems sucht, sucht vergeblich.
Für mich wurde durch die Lektüre des Readers deutlich: Die sich voneinander abgrenzenden (wissenschaftstheoretischen) Positionen in der Soziologie „Wissenschaft als Beruf“ und „Politik als Beruf“ (vgl. Max Weber bzw. der „Werturteilsstreit“) scheinen sich immer noch unversöhnlich gegenüber zu stehen – und ich dachte schon, der „Positivismusstreit“ wäre, zumindest bei jüngeren Kollegen, längst ad acta gelegt. Das Gegenteil ist der Fall.
Literatur
- Adorno, Theodor u.a.: Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. Neuwied und Berlin 1969
- Bourdieu, Pierre: Ökonomisches Kapital, soziales Kapital, kulturelles Kapital. In: Soziale Welt Sonderband 2. Göttingen 1983
- Gomolla, Mechthild und Radtke, Franck-Olaf (2002): Institutionelle Diskriminierung. Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule. Opladen.
- Nohl, Arndt-Michael u.a.(2010): Kulturelles Kapital in der Migration. Hochqualifizierte Einwanderer und Einwanderinnen auf dem Arbeitsmarkt. Wiesbaden
Rezensent
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie
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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 26.08.2010 zu: Birgit Becker, David Reimer (Hrsg.): Vom Kindergarten bis zur Hochschule. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 316 Seiten. ISBN 978-3-531-16224-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9208.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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