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Thorsten Benkel, Fehmi Akalin (Hrsg.): Soziale Dimensionen der Sexualität

Cover Thorsten Benkel, Fehmi Akalin (Hrsg.): Soziale Dimensionen der Sexualität. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2010. 420 Seiten. ISBN 978-3-8379-2010-9. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.

Reihe: Beiträge zur Sexualforschung.
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Thema

Lange Zeit stand die Allgemeine Soziologie – abgesehen von wenigen Ausnahmen – dem Thema Sexualität mit auffälliger Zurückhaltung gegenüber. Statt sie als Untersuchungsgegenstand mit in den Fokus zu nehmen, wurde die Sexualität von den meisten Sozialtheorien eher stiefmütterlich behandelt; dafür auf andere Disziplinen (allen voran Medizin, Biologie oder Psychologie) verwiesen. Das verwundert insofern, als doch gerade das Phänomen der sexuellen Kommunikation neben leiblichen und psychischen vor allem soziale Implikationen aufweist, die überaus untersuchungswert sind. So kann das 1955 erstmals erschienene Werk „Soziologie der Sexualität“ von Helmut Schelsky – aus damaliger Sicht – als Meilenstein betrachtet werden. Fast ein halbes Jahrhundert sollte es dauern, bis von Rüdiger Lautmann ein weiteres Ausrufezeichen gesetzt wurde und ein nennenswerter Gegenentwurf gelang. Lautmanns Standardwerk – ebenfalls „Soziologie der Sexualität“ betitelt – kann als Versuch gelesen werden, das Thema in eine allgemeinsoziologische Perspektive zu rücken. Der vorliegende Sammelband will daran anknüpfen, denn für das Forschungsgebiet der Sexualität ist auch (und gerade) die allgemeine Sozialwissenschaft prinzipiell zuständig bzw. ist sie dies schon immer gewesen.

Herausgeber

Die beiden Herausgeber des Bandes, Fehmi Akalin und Thorsten Benkel, lehren Soziologie am Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse der J. W. Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Während Akalins Forschungsschwerpunkte vorwiegend im Bereich der Systemtheorie sowie der Kultur- und Mediensoziologie liegen, arbeitet Benkel vor allem zur Mikro- und zur Wissenssoziologie.

Entstehungshintergrund

Im Rahmen des 34. Deutschen Soziologiekongresses in Jena im Oktober 2008 fand eine Unter­veranstaltung zur Soziologie der Sexualität statt, die von Herausgebern des Bandes organisiert wurde. Der Sammelband dokumentiert diese Veranstaltung, wobei auch Texte von Autoren enthalten sind, die speziell für die vorliegende Publikation verfasst wurden. Der Band ist in der Reihe „Beiträge zur Sexualforschung“ (Bd. 94) erschienen. Mit einer knapp 60-jährigen Geschichte und gegen­wärtig fast 100 veröffentlichen Bänden handelt es sich nicht nur um die langlebigste und umfassendste, sondern auch um die verdienstvollste sexualwissenschaftliche Publikationsreihe im deutschsprachigen Raum.

Aufbau

Neben Vorwort und Einleitung der Herausgeber besteht der Band aus 15 Beiträgen, die in drei Kategorien gegliedert sind.

  • Der erste Abschnitt befasst sich mit gesellschaftstheoretischen Perspektiven,
  • der zweite mit dem soziosexuellen Wandel und
  • der dritte Teil handelt von sexuellen Erscheinungsformen.

Inhalt und Diskussion

Mit dieser Vielzahl von Beiträgen (bei knapp 400 Seiten) liefert der Band einen recht breiten Überblick. Neben theoretischen Grundierungen werden sowohl historische Entwicklungen im gesellschaftlichen Umgang mit Sexualität als auch „neosexuelle“ Phänomene (Sigusch) im Zuge der zunehmenden Kommerzialisierung und Medialisierung der alltäglichen Lebenswelten skizziert. In erster Linie geht es den Herausgebern um das Aufzeigen sozialer Dimensionen der Sexualität: Der sexuelle „Lebens- und Handlungsbereich“ (Lautmann) müsse „als unabtrennbarer Teil der sozialen Existenz anerkannt werden“ (31). Doch nicht alle Beiträge entstammen der Soziologie oder beschränken sich einzig auf soziologische Auseinandersetzungen. Beispielsweise werden auch Blicke in biologische (Lautmann), in erziehungswissenschaftliche (Schmidt) oder in philosophische Bereiche (Flaßpöhler) geboten.

Im Vorwort gehen die beiden Herausgeber auf die gegenwärtige Beziehung zwischen Allgemeiner Soziologie und Sexualität ein. Zentral erscheint hierbei, dass „eine zeitgenössische Auseinandersetzung mit der Sexualität“ (10) nicht unter normativistischen Vorzeichen zu geschehen habe: „Nicht das, was sozial wirksam sein soll, sondern das, was in der Gesellschaft an beobachtbaren Handlungen und Kommunikationen vorliegt, ist für die Soziologie der Sexualität von Interesse“ (10).

Die Einleitung teilen sich die Herausgeber auf: Während sich Akalin mit der Sexualität als autonomen Sozial- bzw. Kommunikationsbereich auseinandersetzt, geht es bei Benkel um die Bedeutung der Sexualität im Alltagssprechen. Ähnlich wie beim gesellschaftlichen Verhältnis zum Tod steht hier die Frage im Raum, ob es sich bei der Sexualität nun um ein „geschwätziges“ oder doch nach wie vor noch tabuisiertes Thema handelt. Mehrfach wird auf Foucault verwiesen, für den der Mensch ohnehin ein „Geständnistier“ ist, und für den bereits das Reden über Sexualität eine sexuelle Praktik darstellt. Der Beitrag von Lautmann befasst sich mit der Schnittstelle von Soziologie und der „Lebenswissenschaft“ Biologie. Im Vordergrund steht die Frage nach dem Verhältnis von physiologischen und soziokulturellen Vorgängen. Lautmanns Überlegungen gipfeln letztendlich in einem Plädoyer „für eine selbstbewusste, den Lebenswissenschaften aufgeschlossene Soziologie“ (64). Sven Lewandowski skizziert den im Zuge des sexuellen Wandels stattfindenden sexuellen Ausdifferenzierungs- und Autonomisierungsprozess. Notwendig dafür sei die sich vollziehende „Umstellung der Sexualität der Gesellschaft auf einen Primat sexueller Lust“ (72). Die zentrale These, die Lewandowski anführt und mit systemtheoretischer Diktion verfolgt, besteht darin, dass ein Spezifikum der modernen Gesellschaft eine noch nie da gewesene sexuelle Pluralisierung ist – obwohl (oder gerade weil) das Sexuelle an gesamtgesellschaftlicher Relevanz verloren hat.

Der zweite Teil liefert eine Reihe von Auseinandersetzungen mit dem soziosexuellen Wandel der letzten Jahrzehnte. Die Beiträge weisen einige – wohl unvermeidbare – Redundanzen auf; der Band wäre auch mit weniger Texten zu dieser Thematik ausgekommen, ohne dass seine Qualität darunter gelitten hätte. Volkmar Sigusch thematisiert die von ihm so benannte „neosexuelle Revolution“, die sich „zwar relativ leise und langsam“ vollzog, dennoch mit ihren hervorgebrachten „Transformationen der Sexual- und der Geschlechtsformen“ (137) zu „einschneidenderen“ Veränderungen führte als die sexuelle Revolution der 1960er und 70er Jahre. Franz X. Eder setzt historisch noch etwas früher an und entfaltet einen ausführlichen geschichtlichen Überblick, der bei den „Nachkriegswirren“ beginnt, als „auch die sexuellen Verhältnisse in Trümmern“ lagen (154), und über den „ambivalenten Sexualdiskurs“ der Folgejahre (157) hin zur „sexuellen Revolution“ führt – die „weniger ein radikaler Umbruch der sexuellen Verhaltensweisen und Mentalitäten“ war, als vielmehr der Klimax eines längeren Prozesses (160). Dieser Prozess hält bis in die Gegenwart hinein an, die von „einem breiten ,Angebot‘ von Hetero-, Homo-, Multi-, Metrosexualität, Queer, Transgender, Androgynität usw.“ (169) geprägt sei. Während dieser Zeitreise beleuchtet Eder nicht nur soziale, sondern auch damit zusammenhängende politische, wirtschaftliche, medizinische und mediale Aspekte.

Der dritte Teil ist der heterogenste. Die Texte thematisieren hier unterschiedliche sexuelle Phänomene der Gegenwart. Der Beitrag von Karl Lenz handelt von sexuellen Interaktionen in Partnerschaften und beschäftigt sich mit der Aufnahme sexueller Paarbeziehungen und der Frage, inwieweit das gemeinsame „erste Mal“ in den letzten Jahren gewissen Veränderungen unterlag. Im Vordergrund steht eine Analyse von typischen, sich wiederholenden Handlungsmustern. Dabei wird die von Gunter Schmitt postulierte These einer verschwindenden Sexualmoral aufgegriffen, an deren Stelle eine gewisse „Verhandlungsmoral“ gerückt sei, die nicht die sexuelle Handlung selbst bewertet, sondern lediglich die Art und Weise ihres Zustandekommens. Renate Berenike Schmidt will – aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive – aufzeigen, dass Sexualität trotz bestimmter biologischer Determinationen ein „von Natur aus“ soziales Phänomen ist (254). Neben der Feststellung, dass Fragen der sexuellen Sozialisation bislang auch „für die Allgemeine Erziehungswissenschaft kaum eine Rolle“ spielen (252), wirft Schmidt unter anderem einen Blick zurück auf die Anfänge der Sexualerziehung, die zu Zeiten Rousseaus in erster Linie als „Verhinderungspädagogik“ (252) zu verstehen war. Der Text von Sabine Grenz nimmt sich des Themas Prostitution an – genauer: der ambivalenten Bedeutung des Geldes. Neben theoretischen Bezügen, die sich unter anderem auf Überlegungen des „Klassikers“ Georg Simmel stützen, verweist Grenz vor allem auf eigenes Interviewmaterial mit männlichen Freiern, das sie auszugsweise vorträgt. In der Prostitution erhält das Geld seine ambivalente Bedeutung dadurch, dass es dem Freier als „anonymes Tauschmittel“ (314) einerseits eine gewisse Allmacht verleiht, anderseits aber auch Begrenzung symbolisiert, weil durch das Bezahlen ein spezifischer Handlungsrahmen vorgegeben wird. Michael Schetsche unternimmt den Versuch, den seit einiger Zeit durch die Medien wandernden Topos der „sexuellen Verwahrlosung“ kritisch unter die Lupe zu nehmen und anhand von empirischem Material (Inhaltsanalyse zweier pornografischer Internetseiten) sowie auf Basis theoretischer Überlegungen auf seine Berechtigung hin zu überprüfen. Svenja Flaßpöhler untersucht die (nicht unbedingt neue) These, wonach die „Wirklichkeit“ durch den pornografischen Film, der vorgibt, „alles“ zu zeigen (340), beeinflusst bzw. mithin performativ erzeugt wird. Den Band beschließt ein Text von Thorsten Benkel, der (u. a. ebenfalls mit Simmel) eine „Soziologie der Blicke“ im Allgemeinen und die heimliche Beobachtung des Voyeurs im Speziellen in den Fokus nimmt. Voyeurismus sei hier keineswegs als „neosexueller Modetrend“ abzutun, sondern als eine immer schon da gewesene „Begleiterscheinung von vielfältigen Varianten sexueller Interaktionsformen“ zu betrachten (361). In diesem Kontext werden mit der Pornografie, Stripclubs, „Peepshows“ und dem FKK-Strand einige sehr – im wahrsten Sinne des Wortes – „anschauliche“ Beispiele aufgeführt. Schließlich wird der Voyeur dem Exhibitionisten und dessen Handlungslogiken vergleichend gegenübergestellt.

Fazit

Alles in Allem liegt ein in jeder Hinsicht gelungener, durchaus lesenswerter und insbesondere im letzten Abschnitt unterhaltsamer Sammelband vor, der sich auf der Höhe des gegenwärtigen Forschungstandes befindet. Der Leser bekommt nicht nur die Vielfalt der sozialen Dimensionen des Sexuellen aufgezeigt, sondern ihm werden noch dazu verschiedene Herangehensweisen an ein facettenreiches Thema geboten.


Rezensent
Matthias Meitzler
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Zitiervorschlag
Matthias Meitzler. Rezension vom 08.09.2010 zu: Thorsten Benkel, Fehmi Akalin (Hrsg.): Soziale Dimensionen der Sexualität. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2010. ISBN 978-3-8379-2010-9. Reihe: Beiträge zur Sexualforschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9248.php, Datum des Zugriffs 04.12.2016.


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