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Karin Weiss, Alfred Roos (Hrsg.): Zuwanderung und Bildungspolitik in den neuen Bundesländern

Cover Karin Weiss, Alfred Roos (Hrsg.): Zuwanderung und Bildungspolitik in den neuen Bundesländern. Erfahrungen und Perspektiven aus Ostdeutschland. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2010. 270 Seiten. ISBN 978-3-7841-1931-1. 22,00 EUR, CH: 37,90 sFr.
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Thema

Der Sammelband beschreibt und analysiert den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den neuen Bundesländern, insbesondere Im Land Brandenburg.

HerausgeberInnen und AutorInnen

Die Mitherausgeberin Karin Weiss ist Integrationsbeauftragte des Landes Brandenburg und Honorarprofessorin am Fachbereich Sozialwesen an der Fachhochschule Potsdam. Der Mitherausgeber Alfred Roos leitet die RAA Brandenburg (Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie), einem der Hauptakteure auf dem Gebiet der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund im Land Brandenburg.

Bei den Autorinnen und Autoren handelt es sich um ausgewiesene Fachleute aus der Migrationsforschung und Bildungsforschung mit durchweg fundiertem Praxisbezug.

Entstehungshintergrund

Ausgehend von der Erkenntnis, dass Kinder mit Migrationshintergrund in den neuen Bundesländern bessere Bildungserfolge haben als in den alten Bundesländern geht der Band der Frage nach, welche Faktoren hierfür ausschlaggebend sind und inwieweit Bildungsansätze auf die Bildungserfolge von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund in alten und neuen Bundesländern übertragbar sein könnten.

Aufbau

Der Sammelband wird eingeführt durch die beiden Herausgebenden Weiss und Roos. In erster Linie wird hier auf die themenrelevanten Rahmenbedingungen der neuen im Vergleich zu den alten Bundesländern wie historisch bedingte flächendeckende Ausstattung mit Kindertagesstätten, Tendenz zu kleineren Klassengrößen aufgrund demografischer Entwicklungen, niedrigerer Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund, aber auch unterschiedliche Rezeption von Zugewanderten eingegangen.

Es folgen elf Beiträge - darunter zwei der Herausgebenden – die sich mit verschiedenen Modellen und Ansätzen integrationspolitischer, soziologischer und pädagogischer Sicht befassen.

Inhalt

Der Beitrag von Dietrich Thränhardt, einem der führenden Migrationsforscher in Deutschland räumt zunächst auf mit dem Klischee von Menschen mit Migrationshintergrund als ‚einheitliche Defizitgruppe‘ und beleuchtet gängiges aber falsches Vorverständnis insbesondere bezüglich des Bildungserfolges südeuropäischer Zuwanderungsgruppen. Thränhardt arbeitet die Korrelation zwischen Schichtzugehörigkeit und Bildung bzw. historisch gesteuerter Migration und Schichtzugehörigkeit heraus. Er beleuchtet weiterhin kritisch viel diskutierte Faktoren wie ‚Import von sozialem Kapital‘, ‚Wertschätzung von Bildung/Leistungsbereitschaft‘. Im nächsten Schritt beschreibt er die (bundes)länderspezifisch unterschiedlichen Rahmenbedingungen und deren Auswirkungen - auf denen die Themenstellung des Bandes grundsätzlich fußt - und schließt mit einem Blick auf ethnozentristische Tendenzen im deutschen Bildungssystem ab.

Die Mitherausgeberin Karin Weiss leuchtet eingangs den grundlegenden Umstand aus, dass die Zuwanderung in die neuen Bundesländer praktisch ausschließlich per Zuweisung erfolgt (Flüchtlinge und so genannte Spätaussiedler) und dadurch Zugewanderte tendenziell langfristig von öffentlichen Transferleistungen abhängen. Eine Situation, die sich in allererster Linie auf die Wahrnehmung der autochthonen Bevölkerung auswirkt. Im weiteren Verlauf vertieft sie mit differenziertem statistischem Material die bereits in der Einleitung angeführten Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland – dies insbesondere bezogen auf Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund und betont die herausragende Rolle von Bildung bei der gesamtgesellschaftlichen Integration.

Die Bildungssoziologin Sandra Wagner befasst sich in ihrem Aufsatz mit dem Einfluss der sozialen Lage auf die Schnittstelle Schule-Berufsausbildung. Anhand empirischer Daten weist sie für das Land Brandenburg exemplarisch nach, dass die häufig postulierte Argumentation fehlender Schulabschlüsse bei Migranten nicht greift. In der dualen Ausbildung ist hier im Gegensatz zu den alten Bundesländern ein Anstieg zu verzeichnen. Die Sozialwissenschaftlerin empfiehlt im Ergebnis noch mehr Sensibilität bei den beteiligten Akteuren um noch mehr bisher brachliegendes Potential zu binden. Gleichzeitig fordert sie mehr belastbares Datenmaterial zur Analyse von Ursache und Wirkung in diesem Bereich.

Der zweite Herausgeber Alfred Roos macht in seinem Beitrag deutlich, dass auch die Frage nach Konzepten Interkulturellen Lernens in den östlichen Bundesländern unter anderen Bedingungen zu stellen ist als in den westlichen. Insbesondere die hohe Zahl fremdenfeindlicher Übergriffe im Ländervergleich stellt eine besondere Herausforderung dar. Gleichzeitig wird die vergleichsweise geringe Präsenz von Migranten in den östlichen Ländern zum Argument gegen die Förderung interkultureller Bildungsansätze. Roos stellt den in den 1980er Jahren in den USA entwickelten Anti-Bias-Ansatz als hilfreiches Instrument auf dem Weg zu - wie er es nennt – demokratischer Integration vor.

Katja Worch, Pädagogin stellt bildungspolitische Rahmenbedingungen, Unterstützungs- und Integrationsmöglichkeiten in Brandenburg vor, kommt in ihrem Fazit jedoch zu dem Schluss, dass bei aller Förderung und allem Engagement Integrationsarbeit längst nicht als Querschnittsaufgabe betrachtet wird. Insbesondere beklagt sie auch die Nachrangigkeit von Integrationsdimensionen jenseits von Sprachförderung.

Die Beiträge der Erziehungswissenschaftlerinnen Agi Shründer-Lenzen und Annelies Felger-Pärsch und der Beitrag von Renate Heusinger befassen sich mit der Sprachförderung für Kinder mit und ohne Migrationshintergrund, der in Brandenburg aufgrund der vergleichsweise wenigen Migrantenkinder möglich ist. Sie stellen unterschiedliche Aspekte des in dem Modellprojekt FörMig der Universität Potsdam zugrunde liegenden Ansatzes vor.

Auch der zweite Beitrag von Agi Shründer-Lenzen befasst sich mit der Sprachförderung und kommt zu dem Schluss, dass individuelle Sprachstandsanalysen, die Bildung sprachlich heterogener Lerngruppen sowie die Bereitstellung kulturgebundenen Weltwissens wichtige Aspekte bei der Integration durch Sprache seien.

Christin Schaefer und Karin Becher stellen Unterrichtsbausteine zum interkulturellen und interreligiösen Lernen vor, wobei sie sich in erster Linie auf ein Projekt der Stiftung Mercator beziehen, welches für die Jahrgangsstufen 5 und 6 entwickelt wurde und gleichzeitig der Vermittlung von Textverarbeitungsstrategien und dem Abbau von Vorurteilen dient.

Rainer Spangenberg befasst sich mit dem bereits thematisierten Anti-Bias-Ansatz und seine Anwendung in Brandenburger Kitas und Schulen. Er legt dar, warum dieser Ansatz in einer als weitgehend monokulturell wahrgenommenen Gesellschaft besonders geeignet erscheint. Dabei bezieht er sich auf die fundierten Erfahrungen der Arbeit der o.g. RAA Brandenburg.

Ein Beitrag der Soziologin und Leiterin der Antidiskriminierungsstelle Brandenburg Anke Zwink, den sie mit konkreten Vorschlägen zum weiteren Abbau diskriminierender Strukturen beendet, rundet den Band ab.

Diskussion

Der Band thematisiert Migrationskontexte in Ost- und Westdeutschland und stellt sie einander gegenüber, ein Thema mit Seltenheitswert. Durch die Vermittlung differenzierter Sicht- und Herangehensweisen im Land Brandenburg wird negativen Vorurteilen entgegengetreten und werden zum Teil beispielhafte Ansätze vorgestellt.

Unterschiede und deren Ursachen werden genau benannt: die spezielle Kombination von herkunftsbezogenen Faktoren und bestehenden politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wirken sich auf Integrationsprozesse und Bildungserfolge in den neuen Bundesländern in spezieller Weise aus. Auch wird ihnen in spezieller Weise begegnet; diesem Umstand wird in informativer Weise Rechnung getragen.

Das Plädoyer für einen adaptierten Anti-Bias-Ansatz und die gesellschaftlichen, fachlichen, ‚ost-sensiblen‘ Begründungen für seine Sinnhaftigkeit im Kontext spezifischer Lebenswelten, erscheinen der Rezensentin neben der faktischen Wissensvermittlung zum Thema Migration in Brandenburg und z.T. den anderen östlichen Bundesländern als wichtigster Beitrag des Bandes.

Während der erste Teil des Bandes grundlegendes Wissen über Rahmenbedingungen vermittelt, bezieht sich der zweite Teil stark auf die Praxis, wobei punktuell Arbeitsfelder – insbesondere Sprachförderung – besonders detailliert betrachtet werden. Die eingangs in dem Band angedeutete Fragestellung ob und wie Konzepte sich auf andere Bundesländer und andere Bedingungen übertragen lassen verschwimmt gegen Ende zunehmend.

Fazit

Das Buch stellt bezogen auf das Thema Migration ein notwendiges Plädoyer für den Osten Deutschlands dar und rückt verschiedene Klischees zurecht. Anliegen der Herausgebenden sind sozialwissenschaftlicher und politischer Art. Ein empfehlenswerter, wichtiger und bildungspolitischer Beitrag zu einem viel zu wenig beachteten Thema, der jedoch eine gewisse Redundanz aufweist und dem ein etwas abgestimmteres Zusammenführen der einzelnen Beiträge sowie ein Resumee zusätzlich gut getan hätten.


Rezensentin
Prof. Dr. Birgit Ammann


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Zitiervorschlag
Birgit Ammann. Rezension vom 08.07.2010 zu: Karin Weiss, Alfred Roos (Hrsg.): Zuwanderung und Bildungspolitik in den neuen Bundesländern. Erfahrungen und Perspektiven aus Ostdeutschland. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2010. ISBN 978-3-7841-1931-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9273.php, Datum des Zugriffs 04.12.2016.


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