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Ulrike Froschauer, Manfred Lueger: Das qualitative Interview

Cover Ulrike Froschauer, Manfred Lueger: Das qualitative Interview. Zur Praxis interpretativer Analyse sozialer Systeme. UTB FÜR WISSENSCHAFT (Stuttgart) 2003. 236 Seiten. ISBN 978-3-8252-2418-9. 19,50 EUR.

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Bedeutung der Veröffentlichung

Bei der Publikation handelt es sich um eine überarbeitete und erweiterte "Neuauflage" des bereits 1992 erschienenen Buches "Das qualitative Interview zur Analyse sozialer Systeme" die sich bemüht, die Entwicklungen der letzten Jahre im Bereich der qualitativen Sozialforschung zu integrieren. An Erweiterungen gegenüber dem "Klassiker" finden sich neue Abschnitte zu den Komponenten qualitativer Sozialforschung, zur Forschungsstrategie, zur Qualitätssicherung und zur Darstellung in Forschungsberichten. Als zusätzliches Analyseverfahren wurde die "Themenanalyse" in die Veröffentlichung mit aufgenommen.

Die der Publikation auch 1992 zugrundeliegende ursprüngliche Zielsetzung der Autoren wurde beibehalten: Ulrike Froschauer, Ass.-Professorin am Institut für Soziologie der Universität Wien, und Manfred Lueger, ao. Professor am Institut für Allgemeine Soziologie und Wirtschaftssoziologie der Wirtschaftuniversität Wien, möchten eine knappe, praxisbezogene und sich an den Leitlinien qualitativer Sozialforschung orientierende, methodische Einführung in die Konzeption, Durchführung und Auswertung qualitativer Interviews geben.

Aufbau und Inhalte

Neben Vorwort und Literaturverzeichnis gliedert sich das Buch in sieben Kapitel, ergänzt um einen gehaltvollen Anhang mit kurzen Zusammenfassungen des Inhaltes.

Kapitel Eins - die Einführung - beschreibt die Zielsetzungen der Publikation und erläutert knapp die sich aus der Richtlinie der vorliegenden Arbeit (empirische Untersuchungen müssen sich an die Eigenschaften ihres Untersuchungsgegenstandes anpassen) ergebenden drei zentralen Notwendigkeiten: forschungspragmatische methodologische Ausgangsposition, flexibles Verfahrensrepertoire und reflexive Forschungsstrategie.

Kapitel 2 stellt die Grundlagen qualitativer Forschungsgespräche dar, aufgegliedert in das Forschungsdesign (Planungsphase, Orientierungsphase, zyklische Hauptforschungsphase, Ergebnisdarstellung), die möglichen Formen der Gesprächsführung wie u.a. Leitfadeninterview und narratives Interview und die Funktionen des Interviews (Deskription, Inspektion, Reflexion). Das Kapitel 2 schließt mit dem Beispiel einer Systemanalyse mittels qualitativer Interviews.

Kapitel 3 liefert eine Vielzahl praktischer Hinweise zur Gesprächsführung. Unter anderem wird hier zwischen Mehrpersonengesprächen und Einzelgesprächen unterschieden und ein allgemeiner Rahmen zur Durchführung offener Gespräche dargestellt. Dabei werden sinnvolle Haltungen des Forschers im Forschungsgespräch auf einprägsame Merksätze verdichtet: "Lernen!" (der Interviewende ist im Interview der Lernende), "Interesse und Neugier!" (Wer meint, alles zu wissen, kann nicht gut zuhören), "Keine vorschnellen (Vor-)Urteile!" (Offenheit hat Vorrang - Vereinfachungen verengen die Wahrnehmung), "Die interviewte Person hat immer recht!" (Widerspruchsfreiheit ist ein Problem des Forschers, nicht des Interviewten), "Zuhören!" (Zuhören meint einen aktiven Prozess des Mitdenkens), "Nicht alles als Selbstverständlich hinnehmen!" (Selbstverständlichkeiten, Verallgemeinerungen, Begrifflichkeiten schlechthin hinterfragen). Ebenso werden Inhalte des Gesprächseinstiegs, der Erzähl- und Nachfragephase und des Gesprächsabschlusses sowie unterschiedliche Frageformen (offene vs. geschlossene Fragen, Fragen nach sachlichen und zeitlichen Aspekten, Fragen nach Ereignissen und Fakten, nach Zusammenhängen, nach Funktionen, nach Meinungen und Erklärungen) dargestellt.

Aufbauend auf dem vierten Kapitel, in dem die Grundlagen der Gesprächsinterpretation dargestellt werden, stellt Kapitel 5 detailliert und über nahezu 60 Seiten praktische Hinweise zur Textinterpretation bereit. Unterschieden wird hier hinsichtlich der drei Analyseverfahren Feinstrukturanalyse, Systemanalyse und Themenanalyse.

Kapitel Sechs widmet sich - mit nur fünf Seiten - wenig ausführlich, den Fragen der Qualitätssicherung und Ergebnisaufbereitung.

Kapitel Sieben - über den methodologischen Kontext qualitativer Systemanalyse - lässt sich am ehesten als "Theorieteil" beinahe in Form eines eigenständigen Aufsatzes begreifen und ist angereichert mit vielen Praxisbeispielen. Da in diesem Kapitel u.a. Maxime und erkenntnistheoretische Rahmenbedingungen sowie Anforderungen an eine qualitative Systemanalyse (Interpretativität, Offenheit, Prozessualität, Kontextualität und Reflexivität) über Forschungsgespräche behandelt werden, lassen sich gewisse Redundanzen zum Vorangegangenen nicht durchweg verhindern.

Fazit

Bei dem Buch "Das qualitative Interview - Zur Praxis interpretativer Analyse sozialer Systeme" handelt es sich um eine gelungene Aktualisierung und Erweiterung der erstmalig 1992 veröffentlichten Publikation "Das qualitative Interview zur Analyse sozialer Systeme".

Aber gerade an dieser, vermutlich eher der Verlagspolitik als den Autoren anzulastenden Umbenennung des Buches, welche den Bezug zur Analyse sozialer Systeme in den Untertitel verdrängt, knüpft auch meine Kritik an. Der Umstand, dass die Basis der Publikation Arbeiten der Autoren speziell zu Organisationsanalysen bildet, macht dass Buch speziell für alle diejenigen, die sich der Erforschung von sozialen Systemen widmen, insbesondere aber für Organisationssoziologen, zu einer fundierten und aufgrund seiner zahlreichen Beispiele aus der Praxis gewinnbringenden Lektüre. Als eine grundlegende Einführung in die Konzeption und Durchführung qualitativer Interviews kann das Buch zumindest in seiner Gesamtheit nicht betrachtet werden, wenngleich auch Personen, die qualitative Interviews in einem anderen Forschungskontext verwenden möchten, von der Lektüre in weiten Teilen profitieren können.


Rezensent
Dipl. Soz.-Wiss. Kurt Groll
Dipl.-Soz.Wiss. Lehrbeauftragter und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sozialwissenschaftlichen Institut der Heinrich Heine Universität Düsseldorf im Forschungsprojekt "Kommunale Drogenpolitik"
Lehrbeauftragter (Soziologie abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle) des FB Wirtschaftswissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal
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Zitiervorschlag
Kurt Groll. Rezension vom 02.12.2003 zu: Ulrike Froschauer, Manfred Lueger: Das qualitative Interview. UTB FÜR WISSENSCHAFT (Stuttgart) 2003. 236 Seiten. ISBN 978-3-8252-2418-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/928.php, Datum des Zugriffs 23.05.2012.


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