Joachim Merchel: Leiten in Einrichtungen der Sozialen Arbeit
Joachim Merchel: Leiten in Einrichtungen der Sozialen Arbeit. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2010. 216 Seiten. ISBN 978-3-497-02123-9. 14,90 EUR.
Reihe: Handlungskompetenzen in der Sozialen Arbeit - 5.
Thema
Das Thema Leiten in Einrichtungen der sozialen Arbeit ist zwar nicht ganz neu, wurde in der Vergangenheit aber oft als Appendix der Managementliteratur im for-profit-Bereich vorgefunden. Joachim Merchel geht einen anderen Weg und beschreibt erfreulich komprimiert auf 133 Seiten, die Grundlagen eines Leitungsverständnisses aus dem Selbstverständnis der sozialen Arbeit heraus.
Autor
Joachim Merchel war langjährig in der verbandlichen Wohlfahrt tätig und lehrt an der Fachhochschule Münster Organisation und Management. Seine vorangegangenen Publikationen weisen ihn als Experten für Organisation und Qualitätsentwicklung aus.
Entstehungshintergrund
Die vorliegende Publikation ist der fünfte Band der Reihe „Handlungskompetenzen in der Sozialen Arbeit“ die sich dem Ziel verschrieben hat „eine umfassende (…) Vorstellung davon zu vermitteln, was kompetentes Handeln in diesem Beruf ausmacht und wie es fallspezifisch umgesetzt werden kann“ (Maja Heiner im Vorwort).
Aufbau und Inhalt
In der Einleitung verdeutlicht der Autor das Anliegen des Buches und fokussiert auf die einzelnen Elemente von Leitungskompetenz. Es folgt ein Fallbeispiel des Teamleiters Jörg, das man guten Gewissens als „model of bad practise“ bezeichnen könnte und in dem annähernd alle Elemente misslingender Leitung dargestellt werden. Ein wenig wird nun der Leser im Regen stehen gelassen, denn eine (vielleicht nur vom Rezensenten erwartete) Auflösung der misslichen Lage fehlt, im Gegenzug findet sich der erste Wissensbaustein Organisation am Ende des Fallbeispiels. Dieser Wissensbaustein erklärt, vom Autor ausgezeichnet auf den Punkt gebracht, die Bedeutung des Organisationsbegriffs für die soziale Arbeit. Im letzten Teil der Einleitung findet sich auf Seite 22 das Modell „Leiten in Einrichtungen der sozialen Arbeit“ das avancierten und/oder eiligen Leserinnen und Lesern als Einstieg und Kurzfassung großer Teile des Buches zu empfehlen ist. Die drei prozessbezogenen Kompetenzmuster: Analyse- und Planungskompetenz, Interaktions- und Kommunikationskompetenz und Reflexions- und Evaluationskompetenz werden von der adressatenbezogenen Hilfeleistung auf die Steuerung von Organisationen übertragen. Als inhaltliche Steuerungsbereiche, in denen Leitungspersonen fachliche Kompetenzen ausbilden müssen werden genannt:
- fachliche Steuerung: um der Sachziel-Dominanz in der Sozialen Arbeit gerecht zu werden
- ökonomische (betriebswirtschaftliche) Steuerung
- organisationsbezogene Steuerung: die Gestaltung von innerorganisatorischen Strukturen und Abläufen
- mitarbeiterbezogene Steuerung
- Reflexion und Gestaltung der Außenbezüge (Politik, AdressatInnen, andere Organisationen mit Kooperationsbezügen etc.)
Eine Auflistung von Hinweisen zur Rollengestaltung und sinnvollen Haltungen von Leitungspersonen ergänzt das auf sieben Seiten reduzierte Modell, das aber aufgrund von Querverweisen zu ausführlicheren Publikationen von großem Wert ist.
Im Hauptteil des Werks findet sich nun das (positive) Fallbeispiel von Frau P., der Leiterin einer Einrichtung der Erziehungshilfe, über deren erfolgreiche Tätigkeit nach 17 Jahren resümiert wird. Anhand von (Interview-) Aussagen von Frau P. wird analysiert, welche Kompetenzen auf Seiten der Leiterin zum Leitungserfolg geführt haben. Mit dem konkreten Beispiel vor Augen wird die Leserin/der Leser genauer durch die oben (im Modell) genannten fachlichen Kompetenzen geführt und zusätzliche Wissensbausteine ergänzen die Analyse. Die Wissensbausteine geben einen guten Überblick zum Stand der Theorie in den Bereichen Organisation, Qualitätsmanagement, Finanzierung, Personalentwicklung und Sozialplanung. Auf jeweils ca. fünf Seiten wird gut lesbar das Wichtigste zusammengefasst und am Ende jedes Bausteins mit Literaturempfehlungen erweitert. Das letzte Kapitel des Hauptteils behandelt die Selbstreflexion und Selbstsorge für Leitungspersonen und trägt damit subjektivem Erleben selbiger Rechnung. Emotionale Belastungen und die „Einsamkeit von Leitung“ werden thematisiert und Optionen der Abhilfe erörtert.
Auf den ersten Blick etwas themenfremd, aber für ein Überblickswerk durchaus sinnvoll, wirkt der Schlussteil des Buches, wo auf zehn Seiten die Besonderheiten einer Bezirksleitung in einem Wohlfahrtsverband dargestellt werden. Anhand eines weiteren Beispiels, der Rückschau des Verbandsgeschäftsführers Herrn S. auf 15 Jahre erfolgreiche Tätigkeit, wird Leitung nun auch auf dieser Ebene diskutiert.
15 sehr kurz gehaltene Übungsaufgaben bzw. Reflexionsanleitungen beschließen den inhaltlichen Teil, es folgt noch das Literaturverzeichnis und sehr allgemein gehaltene Informationsquellen, die allerdings für Studierende der Sozialen Arbeit interessant sein könnten und schließlich ein Sachregister.
Diskussion
Dem Autor ist es hervorragend gelungen eine Einführung und einen Überblick zu den zentralen Aspekten des Leitens auf allen denkbaren Ebenen zu geben. Besonders erfreulich ist die Fokussierung auf den Bereich der Sozialen Arbeit und die damit verbundenen Besonderheiten und speziellen Anforderungen an die Leitung.
Das Buch ist gut gegliedert und die erfolgreiche Fallgeschichte von Frau P. im Hauptteil erlaubt der Leserin/dem Leser ein praxisbezogenes Verständnis aufzubauen, das durch die Wissensbausteine an idealer Stelle dann theoretisch vertieft wird.
Der Autor bietet vor allem den interessierten Studierenden der Sozialen Arbeit (ev. eher im Masterlevel) die Möglichkeit eines fundierten Einblicks in die Leitungstätigkeit, vielleicht manchmal verbunden mit der Gefahr der Abschreckung aufgrund der vielfältigen Anforderungen. PraktikerInnen werden konkrete methodische Hinweise zur Umsetzung vermissen und sich für eine gezieltere Behandlung einzelner Leitungsebenen interessieren.
Etwas unglücklich erscheint mir die fehlende Auflösung des Negativbeispiels des Teamleiters Jörg in der Einleitung und die äußerst kurze Darstellung der Besonderheiten der Bezirksleitung in einem Wohlfahrtsverband am Ende, beides ist aber wohl der Priorität des Überblicks geschuldet.
Fazit
Der Autor legt ein vollständiges Modell im Überblick über die verschiedensten Ebenen von Leitung vor, das für Studierende und Lehrende der Sozialen Arbeit zur Grundlagenliteratur gehören sollte. Anhand von eindrücklichen Fallbeispielen wird der Leserin/dem Leser unter Zuhilfenahme von Wissensbausteinen in komprimierter Form eine fundierte Einführung ins Thema geboten, ohne in unangemessene Komplexitätsreduktion zu verfallen.
Rezensent
Prof. Kurt Fellöcker
MA, MSc, DSA, Psychotherapeut (PD), Fachhochschule St. Pölten
Homepage www.fh-stpoelten.ac.at
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Zitiervorschlag
Kurt Fellöcker. Rezension vom 28.07.2010 zu: Joachim Merchel: Leiten in Einrichtungen der Sozialen Arbeit. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2010. 216 Seiten. ISBN 978-3-497-02123-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9307.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.
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