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James Marcus Bach: Die Freibeuterstrategie

Cover James Marcus Bach: Die Freibeuterstrategie. Durch selbstbestimmtes Lernen zum Erfolg. Kunstmann Verlag (München) 2010. 226 Seiten. ISBN 978-3-88897-646-9. D: 18,90 EUR, A: 19,40 EUR, CH: 32,90 sFr.

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Selbst darüber bestimmen, wie (und was) man lernt

Spätestens seit den für das deutsche (schulische) Bildungsdenken schockierenden Ergebnissen der PISA-Studie und der weiteren nationalen, schulform- und fächerspezifischen und internationalen Vergleichsuntersuchungen über schulisches Lernen und Leistungen, werden Forderungen danach gestellt, dass Lernen und Schule neu gedacht und reformiert werden müssen. Wir müssen von einer belehrenden zu einer lernenden Schule kommen; wir müssen eine neue Lernkultur entwickeln; andere Lernmethoden implementieren und die Menschen dazu bringen, dass sie Lernen als lebenslangen Prozess und Anforderung verstehen (siehe dazu auch die Rezension zu Wulf Schmidt-Wulffen, Motivation und Unterrichtserfolg durch Mitplanung von Schülern, 2008). Schule als lernende Organisation ist angesagt, Leitbilder werden gezimmert – und doch vollziehen sich Veränderungen in den Schullandschaften nur zögerlich. Die „gute alte (dreigliedrige) Schule“ wird verteidigt, als wolle man den Heiligen Gral hüten. Non vitae, sed scholae discimus, die Kritik des römischen Philosophen Seneca am Zustand der Philosophenschulen seiner Zeit, besagt ja, dass wir nicht, wie es sein sollte, für das Leben, sondern für die Schule lernen. Der umgedrehte Spruch, den man gerne über den Schultüren anbrachte, non scholae, sed vitae discimus, nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir, soll ja als Aufforderung verstanden werden, fleißig in der Schule zu lernen, damit man es im Leben zu etwas bringt. Schule, als „Zwangslernanstalt“, wird freilich immer schon von denjenigen in Frage gestellt, die durch das weitmaschige, überwiegend auf den gesellschaftlich definierten „Einheitslerner“ geflochtene Netz durchfallen; entweder, weil sie nicht wissen, wie man lernt, oder – und das ist sicherlich die Mehrzahl der so genannten Schulversager, Schulabbrecher und Schulschwänzer – denen die Lernangebote und die Schulorganisation entgegen stehen. Dass das Unbehagen an der Schule, wie sie ist, groß ist, zeigen z. B. die mehr als 2,3 Millionen Internetauftritte, die man erhält, wenn man in die Suchmaschine das Stichwort „Anti-Schule“ eingibt und z. B. Blogs „für alle die die Schule hassen“ liest; aber auch die seriösen, wissenschaftlichen Diskussionen, wie sie in den Erziehungswissenschaften geführt werden: Als Kritik am Schulsystem, an der institutionalisierten Schule, an den Lehrplänen und Methoden, an den „heimlichen Lehrplänen“, wie sie von gesellschaftlichen Gruppen in die Schule gebracht werden. Antipädagogik und Schulreform werden als alternative Modelle zur traditionellen Schule eingebracht. Immer wieder aber gibt es Menschen, die „trotz“ Schule ein erfülltes berufliches Leben schaffen. Wir brauchen dabei nicht unbedingt den Spruch vom Tellerwäscher, der es zum Millionär gebracht hat, bemühen; vielmehr lässt sich an zahlreichen Beispielen verdeutlichen, dass Menschen über einen anderen als den schulischen Bildungsweg erfolgreich sein können. Nicht selten ist es der so genannte Zweite Bildungsweg, der es Lerner ermöglicht, ohne die festgelegten schulischen Abschlüsse einen beruflichen Erfolg zu erreichen, oder die geforderten Qualifikationen auf anderen als den schulischen Wegen zu erreichen.

Autor und Inhalt

Es ist erst einmal starker Tobak und kostet Überwindung, ein Buch zur Hand zu nehmen, das schon auf der ersten Seite mit dem Paradigma beginnt: „Lernen ist wichtig. Schule nicht“ – es sei denn, man greift dazu, um es als Rettungsanker aus der Verzweiflung an der Schule zu nutzen. Denn der Autor, James Marcus Bach, hat mit 14 Jahren die Schule geschmissen und ist von zu Hause abgehauen; in den Augen der Mitmenschen war seine „Karriere“ als Drogensüchtiger und Versager vorprogrammiert. Wie aber konnte es sein, dass derselbe J. Bach fünf Jahre später leitender Manager bei Apple war und heute als einer der international anerkanntesten Experten für Software-Testing gefragt ist? Diese Karriere macht erst einmal neugierig, und als Schulmann fallen einem dazu auch gleich eine Reihe von Erklärungsmustern dazu ein. Aber wie man es drehen und wenden will: Fest steht, der junge Mann ist in seinem Beruf erfolgreich und, wie er sagt, zufrieden und glücklich. Seine Bücher, die er geschrieben, die Testsysteme, die er entwickelt hat, sind Grundlage für wissenschaftliches und praktisches Arbeiten, er ist ein willkommener Referent bei Fachkongressen und Tagungen. Sein Buch über seine eigenen Erfahrungen gehört, wie es scheint, nicht zu jener Art von Erfolgsratgebern, die den Lesern einreden wollen, dass Erfolg etwas sei, wozu man selbst nicht viel tun, sondern nur einfach Glück haben müsse. Als Gründe für seinen Erfolg nennt er:

  • Ich habe Zeit und Leidenschaft in mein selbstbestimmtes Lernen investiert.
  • Ich habe eine eigenständige Lernmethode entwickelt, die meinem Temperament und dem Rhythmus meiner geistigen Produktivität entspricht.
  • Ich arbeite in einem Bereich, wo Kompetenz und gute Ideen höher geschätzt werden als Diplome.
  • Ich fand Förderer und Kollegen, die mir halfen, genügend Selbstvertrauen zu gewinnen, um meine Ideen auf überzeugende Weise darzulegen.

Er sei, so sagt er von sich, ein „Freibeuter“: Frei und hoch qualifiziert und ein Verachter der traditionellen „Stufenleiter des Lebens“, die sich darin zeige, in der eigenen Entwicklung auf den vorgepflanzten Sprossen der sozialen Herkunft steigen zu können – ein Problem, das in unserem Bildungssystem als „soziale Auslese“ betrachtet wird und wirkt. Das ist wieder so ein Aha-Erlebnis beim Lesen des Buches: Da drückt einer etwas aus, das in der gesellschaftlichen Problemsammlung in den hinteren Ecken abgelagert und im politischen und wissenschaftlichen Diskurs zwar viel wörtlich benannt, aber in der real existierenden Wirklichkeit mit dem Schildchen „giftig“ gekennzeichnet wird. Da kommen Sätze zutage wie „Nur Wissen, das mich verändert, stellt eine echte Lernerfahrung dar". Das sollte man den Kultusministerien und Lehrbuchmachern mal ins Stammbuch schreiben. Wie war das? Ein Lehrbuch (und damit ein Lernstoff) entsteht, das von einem Lehrbuch abgeschrieben wurde, das von einem Lehrbuch abgeschrieben wurde… Die elf Elemente, wie er zu seinem selbstbestimmten Lernen gekommen ist, lesen sich dann doch wie eine Denkanweisung zum Lernen; in guten Schulen sind das übrigens selbstverständliche Leitbilder und Bausteine für Schulentwicklung (vgl. dazu: Robert-Bosch-Gesamtschule, Hildesheim: Bausteine der Schulentwicklung. Qualitätsbereiche und Handlungsfelder, 2008). Sie passen nur nicht oft genug in die offizielle und ideologisierte Schulpolitik. Die Lernpsychologie hat längst erkannt, dass es bestimmte Lerntypen bei den Menschen gibt; wieso muss dann die Schule mit der Rasenmäher-Methode alle Kinder auf ein gleiches Maß bringen wollen? James Marcus Bach zeigt auf, dass es besonders wichtig ist, frühzeitig zu lernen, wie man lernt. Das kann zyklisches oder antizyklisches Lernen sein, jedenfalls ist es die Entdeckung des eigenen Rhythmus; und natürlich die Entwicklung und Pflege des eigenen Selbstbewusstseins; was ja keinesfalls mit Schaumschlägerei verwechselt werden darf. Und es ist die Fähigkeit, einen Perspektivenwechsel durchzuführen. Gelegentlich kommt in die Bildungsdiskussion auch so ein Satz wie „“Aus Fehlern lernen“; aber in der schulischen Wirklichkeit sind Fehler Fallbeile und keine Kletterhilfen. Von letzteren wimmelt es in Bachs Erzählungen. Eines der größten gesellschaftlichen und sozialen Probleme von schulischen Loosern, besonders in den Haupt-(Rest)Schulen, ist es, nicht gebraucht zu werden, weil die Lehrpläne, Lernanforderungen und Lernmethoden ihnen ein abstraktes Wissen vermitteln wollen, mit denen sie, mental und für ihre Zukunft, nichts anzufangen wissen.

Fazit

Bachs Anleitung zum Freibeutertum hat nichts mit Piraterie zu tun. Auf den Segeln seines Freibeuterschiffs stehen Parolen wie: „Mentale Meuterei“, „Neugier“, „Reinspringen“, „Ausprobieren“, „Wagen“, „Versessen sein“, „Vergessen zulassen“… Es ist keine Anleitung zum „Hängen lassen“ und keine Bestätigung für „Schlaffis“. Denn es hat, von Anfang bis zum Ende zu tun mit LERNEN.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 18.05.2010 zu: James Marcus Bach: Die Freibeuterstrategie. Kunstmann Verlag (München) 2010. 226 Seiten. ISBN 978-3-88897-646-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9314.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.


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