Ahmet Toprak: Integrationsunwillige Muslime?
Ahmet Toprak: Integrationsunwillige Muslime? Ein Milieubericht. Lambertus Verlag (Freiburg) 2010. 200 Seiten. ISBN 978-3-7841-1959-5. 20,00 EUR, CH: 34,50 sFr.
Entstehungshintergrund und Anliegen
Vor rund 50 Jahren wurden die ersten Gastarbeiter muslimischen Glaubens zunächst aus der Türkei, dann aus den Magrebländern angeworben. Inzwischen leben ca. 3,5 Millionen Muslime in Deutschland. Bis vor zehn Jahren spielte deren Integration in den politischen Diskussionen eine untergeordnete Rolle. Erst durch die Einsicht insbesondere konservativer Politiker dahingehend, dass die Bundesrepublik Deutschland ein Einwanderungsland ist, geriet die Integration der Migranten allmählich in den Mittelpunkt der Politik. Bei den Diskussionen wird -verstärkt seit dem 11.09.2001 und vor allem von konservativer Seite- häufig zwischen „integrationswilligen“ und „integrationsunwilligen“ Migranten muslimischer Herkunft unterschieden. Sozusagen als Belege für die „Integrationsunwilligkeit“ werden Themen wie Zwangsheirat, häusliche Gewalt in Migrantenfamilien und Ehrenmorde oder geringe bzw. nicht vorhandene Kenntnisse der deutschen Sprache, die Rolle der Frau, das Kopftuch, Freistellung vom Sexual- und Sportunterricht sowie von Klassenfahrten u.a. genannt.
Ahmet Toprak will in seiner vorliegenden Studie diese und andere Themen, die mit „Integrationsunwilligkeit“ in Verbindung gebracht werden, aufgreifen und dabei die Betroffenen, die sog. „Integrationsunwilligen“ also, zu Wort kommen und zu diesen Themen Stellung nehmen lassen. Er hat dafür 124 Personen aus Kulturvereinen, Jugendzentren, Schulen, Frauengruppen, Anti-Aggressivitäts-Trainings u.a. in den Städten Berlin, Dortmund und München mittels halbstandardisierten Fragebogens gruppenweise oder einzeln interviewt. Die 71 männlichen und 53 weiblichen Interviewten sind zwischen 15 und 74 Jahren alt und gehören der ersten, zweiten und dritten Generation an. 29 stammen aus arabischen Ländern und 95 aus der Türkei. Die Befragten gehören drei unterschiedlichen Glaubensrichtungen an: 15 von ihnen sind Schiiten, 20 Aleviten und 89 Sunniten.
Autor
Dr. phil. Ahmet Toprak ist Diplom-Pädagoge und Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften. Darüber hinaus ist er auch tätig in der Weiter- und Fortbildung für Multiplikatoren mit interkulturellem Ansatz. Er war vor seiner Hochschullehrertätigkeit mehrere Jahre lange in der Sozialen Arbeit vor allem mit gewaltbereiten und gewalttätigen Jugendlichen und jungen Männern mit Migrationshintergrund tätig.
Aufbau und Inhalt
Abgesehen von einer knappen thematischen Einführung und anschließenden Erläuterungen zum methodischen Vorgehen ist das Buch nach zwölf Themenbereichen gegliedert.
Beim ersten Thema geht es um das Kopftuch: ein Stück Stoff – große Politik oder ein religiöses Symbol? Es wird aufgezeigt, „dass die Trägerinnen und Befürworter des Kopftuches viel differenziertere Motive haben“ (S. 33) und das Tuch nicht nur ein Zeichen für die Unterdrückung der Frauen ist, wie häufig in der deutschen Debatte angenommen wird.
Ehre-Ehrenmorde ist das zweite Thema. Der Autor behandelt dieses Thema nicht nur in seiner Vielfalt und Komplexität unter Rückgriff auf die Fachliteratur und Aussagen seiner Interviewpartner, sondern zeigt auch auf, dass die Ehre als Wert sich in einem starken Wandel befindet.
Beim dritten Thema handelt es sich um Zwangsehe. Toprak trägt der Tatsache, dass es einen wesentlichen Unterschied zwischen Zwangsverheiratung und der arrangierten Ehe gibt, Rechnung, indem er zunächst die arrangierte Ehe mit ihren verschiedenen Facetten erläutert. Es wird zwar erkennbar, dass einerseits Familien aus unterschiedlichen Gründen ihre Kinder zwangsweise verheiraten, andererseits aber die Trennlinie zwischen Zwangsverheiratung und arrangierter Ehe „in den betroffenen Migrantenkreisen anders als in der Mehrheitsgesellschaft und in der Wissenschaft“ (S. 78) verläuft.
Im nächsten Kapitel werden zwei Themen zusammen behandelt: Gewalt, Gewaltanwendung einerseits und Homophobie andererseits. Toprak zeigt hierfür die unterschiedlichen, zum Teil sehr individuellen Gründe auf und kommt zum Ergebnis, dass der Islam oder die Religion an sich keine Motivlage weder für Gewalt noch für Homosexuellenfeindlichkeit darstellt und hierbei neben individuell-persönlichen Gründen gesellschaftliche, politische und bildungsbedingte Faktoren eine entscheidende Rolle spielen.
Gleichberechtigung und Geschlechterrollen lautet das nächste Thema. Bezugnehmend auf die Ergebnisse seiner Studie hebt Toprak hervor, dass die nach außen vermeintliche Dominanz der Männer doch nicht so stark ausgeprägt ist bzw. zu bröckeln scheint. Es werden folgende Indikatoren herausgefiltert, die das Selbstbewusstsein der muslimischen Frauen in Deutschland stärken: Berufsausbildung/Studium, Erwerbstätigkeit und Deutschland als ein offenes und demokratisches Land.
Als nächstes Thema greift der Autor die Teilnahme am Schwimm-, Sport und Sexualunterricht sowie an Klassenfahrten auf, wohlwissend, dass es sich hierbei um ein Randthema handelt, das jedoch in der Öffentlichkeit zum Teil große Wellen schlägt. Topraks Untersuchungsergebnisse ergeben, „dass die Bedeutung der Fächer Schwimmen, Sport und Sexualkunde bei den muslimischen Migranten entweder eine sehr untergeordnete Rolle spielt oder dass deren pädagogische Bedeutung den Eltern nicht bekannt ist.“ (S. 122) Es trifft also nicht zu, dass die Muslime diese Unterrichtsfächer aus religiöser Überzeugung ablehnen, wie landläufig in den Diskussionen angenommen wird.
Bei dem Thema die Rolle der Kultur- und Moscheevereine weist der Autor zunächst auf die niedrige Bedeutung der Kulturvereine hin (nur 4% sind Mitglied eines herkunftslandbezogenen Kulturvereins), die zahlreiche Angebote für ihre Mitglieder, zum Teil auch für Nicht-Mitglieder bereit halten, und deren Verantwortlichen die Integration begrüßen und meinen, selbst auch Integrationsarbeit zu leisten. Bei Kultur- und Moscheevereinen hat die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen einen hohen Stellenwert. Während bei den Kulturvereinen vor allem die Bildungsarbeit im Mittelpunkt steht, zielt die Jugendarbeit der Moscheevereine auf das Verstehen und Praktizieren des Islam ab.
Der Einfluss der Medien und die Rolle des Herkunftslandes wird in dem nächsten Kapitel thematisiert. Tragen der vorherrschende Konsum der Medien aus den Herkunftsländern sowie der Einfluss der Herkunftsländer zur „Ghettobildung“ und damit zur Förderung der „Integrationsunwilligkeit“ bei? Zur Überprüfung dieser viel diskutierten Frage analysiert Toprak neben den durchgeführten Interviews die Darstellung muslimischer Migranten in den deutschen Medien, betrachtet die Berichterstattung der Tageszeitung Hürriyet und untersucht exemplarisch die Aufgaben und Ansätze der türkischen Imame und Lehrkräfte, die als Beamte des türkischen Staates in Deutschland fungieren. Er stellt dann fest, „dass sowohl die deutschen als auch die Medien aus den Herkunftsländern nicht differenziert genug berichten. Auf beiden Seiten werden Klischees und Vorurteile reproduziert … (Dies verfestigt) bestimmte Klischees und Vorurteile, was sich kontraproduktiv auf den Umgang miteinander auswirkt. Die vereinfachte und einseitige Darstellung in den Medien verhärtet die Fronten“ (S. 146).
Islamismus, Terroranschläge und Diskriminierung sind Themen, die seit dem 11.09.2001 auch in Deutschland in der öffentlichen Diskussion an Bedeutung gewonnen haben. Daher greift Toprak diese Themen auf und geht der Frage nach, ob und wie die Befragten diesen Diskurs wahrnehmen. Alle Befragten lehnen den Islamismus als radikal-politische Form vehement ab, ebenso Terroranschläge. Diese seien mit dem Islam nicht vereinbar. Beim Thema Diskriminierung geben die Befragten an, dass sie sich vor allem beim Zugang zu Bildung, Arbeit und Wohnung, aber weniger bei Behördengängen diskriminiert fühlen.
Integration/Integrationsdebatte sind zwei Themen, die in einem Kapitel zusammengefasst werden. Die befragten Muslime verbinden mit der Integration v.a. die soziale und wirtschaftliche Teilhabe. So fühlen sich die meisten von ihnen in Deutschland gut integriert und zeigen Befremden darüber, dass ihnen eine gezielte Integrationsunwilligkeit vorgeworfen wird. Zugleich stellt der Autor -ausgehend von Essers soziologischem Integrationsverständnis- fest, dass nicht nur in der Mehrheitsgesellschaft Integration falsch verstanden wird, sondern auch bei den Muslimen.
Im letzten Kapitel des Buches wird ein Fazit gezogen: Es sei im Grunde falsch, von integrationsunwilligen Muslimen zu sprechen. Es müssten vielmehr bestimmte Begriffe klar definiert und genau abgegrenzt, integrationsfördernde Bedingungen in der deutschen Gesellschaft z. B. durch die Partizipation der muslimischen Muslime am Schul- und Ausbildungssystem, an der Arbeitswelt und in der Gesellschaft geschaffen werden, dann würde in Deutschland nicht mehr die Rede von „Integrationsunwilligkeit“ sein.
Diskussion
Es ist zwar eine brillante Leistung von Toprak, 12 Themen in knapp 180 (bei 124 teilstandardisierten Interviews!) sehr informativ, relativ detailliert und authentisch darzustellen. Doch leider bleibt für die/den Leser/in manches im methodischen Bereich etwas allgemein bzw. im Verborgenen; so z. B. muss die/die Leser/in sich selber davon ein Bild machen, was denn gemeint sein könnte, wenn der Autor schreibt „im zweiten Teil des Interviews wurden die Fragen so formuliert, dass der/die Interviewpartner sie mit eigenen Worten beantworten konnten.“ (S. 14)
Dennoch bietet die Arbeit von Toprak eine sehr gute Grundlage für Diskussionsanstöße bei den im Buch aufgegriffenen Themen, die in den öffentlichen Debatten größtenteils undifferenziert betrachtet werden. Vor allem handelt es sich bei dieser Veröffentlichung um die erste wissenschaftliche Arbeit überhaupt, in der die Betroffenen im Rahmen der durchgeführten Interviews zu den behandelten Themen zu Wort kommen. Toprak dringt mit seiner gelungenen Studie in ein recht komplexes und diffiziles Feld vor. Man merkt, hier schreibt jemand, der mit dem Thema nicht nur längere Erfahrung in der praktischen (sozial-) pädagogischen Arbeit mit Migranten gesammelt, sondern sich auch wissenschaftlich mit dem Thema intensiv auseinander gesetzt hat. Toprak versteht es, die individuellen Sichtweisen der 124 Befragten genauso zu berücksichtigen wie sozialwissenschaftliche Erkenntnisse und die aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussionen in Deutschland zu den jeweiligen Themen.
Fazit
Der vorliegenden, ausgezeichnet lesbar geschriebenen Arbeit kommt gerade in der heutigen Zeit eine große Aufmerksamkeit zu. Insgesamt gesehen laden die Ergebnisse der Studie von Toprak Politiker/innen wie Sozialwissenschaftler/innen und auch Pädagogen/innen geradezu dazu ein, ihre Einsichten zu den behandelten Themen zu überdenken, entsprechend dann sachgerecht differenziert in den Debatten zu diskutieren sowie humaner, gerechter und demokratischer mit den Betroffenen und deren Problemlagen umzugehen.
Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/goegercin.html
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 22.06.2010 zu: Ahmet Toprak: Integrationsunwillige Muslime? Lambertus Verlag (Freiburg) 2010. 200 Seiten. ISBN 978-3-7841-1959-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9315.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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