Willem Heuves: Pubertät

Cover Willem Heuves: Pubertät. Entwicklungen und Probleme. Hilfen für Erwachsene. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2010. 176 Seiten. ISBN 978-3-86099-634-8. 14,90 EUR, CH: 27,90 sFr.

Aus dem Holländischen übersetzt von Dieter Becker.

Besprochenes Werk kaufen


Thema

Der Autor setzt sich intensiv mit den verschiedenen Aspekten der körperlichen, psychischen und sozialen sowie psychosexuellen Entwicklung von jungen Menschen in der Pubertät auseinander. Hierbei bezieht er sich sowohl auf die familiären und schulischen Veränderungen als auch auf die Bedeutung für die Peer-Gruppe und die Gesellschaft als Gesamtes.

Autor

Willem Heuves ist Universitätsdozent für Klinische Psychologie an der niederländischen Universität Leiden, Psychotherapeut und Psychoanalytiker für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die erste deutsche Auflage und fußt auf das zuerst in den Niederlanden erschienenem Buch „Pubers: Ontwikkeling en problemen“, das zuerst im Jahr 2006 und in 2008 in zweiter Auflage erschien. Der Autor berücksichtigt für sein Buch eine Reihe von recht unterschiedlichen Falldarstellungen. Es gibt kein Literaturverzeichnis und wenige Quellenangaben.

Aufbau

Das Buch ist nach einer kurzen Einleitung in sieben große Bereiche untergliedert:

  1. Psychosexuelle Entwicklung der Jugendlichen. Hier werden diverse Punkte aus der psychosexuellen Entwicklung von Jugendlichen thematisiert
  2. Die kognitive Entwicklung der Jugendlichen. In diesem Abschnitt wird der bedeutsame Punkt des „Über sich Nachdenken-Können“ hinsichtlich der Jugendphase genauer unter die Lupe genommen.
  3. Die Entwicklung des Selbstgefühls in der Pubertät. Das Selbstwertgefühl Jugendlicher und die Risiken, die während dieser Entwicklungsphase auf die Jugendlichen einwirken können, stehen hier im Mittelpunkt. Dazu zählen u.a. auch das Verhältnis zu den Eltern, Mobbing, die Beziehung zu Gleichaltrigen und das Schamgefühl.
  4. Probleme von und mit Jugendlichen. Dies Kernkapitel des Buches behandelt neben den statistischen Zahlen, die sich auf die Situation in Deutschland beziehen, viele unterschiedliche Problemstellungen bei Jugendlichen. Zudem werden Entwicklungsstörungen angesprochen und auf Phänomene wie die Scheidung der Eltern, Traumata, Adoption.
  5. Rauchen, Alkohol und Drogen in der Pubertät. In diesem Kapitel werden die Themen zur Sprache gebracht, welche oftmals im Alltag mit Jugendlichen in der Pubertät am meisten angesprochen werden; nämlich Nikotin, Alkohol und Suchtmittel.
  6. Die Drohung mit Suizid und eine Bemerkung über Selbstschädigung. Das relativ kurze Kapitel befasst sich mit Selbsttötungen und Selbstverletzungen bei Jugendlichen und beschreibt Möglichkeiten zum Umgang mit jungen Menschen in spezifischen Krisensituationen.
  7. Mit Jugendlichen sprechen. Dieses gut 15seitige Abschlusskapitel gibt noch einmal eine Quintessenz ab, welche Faktoren im Umgang mit Jugendlichen berücksichtigt werden sollten. Hierbei nimmt der Autor auch intensiven Bezug darauf, inwieweit man eine Anschlussbehandlung in Beratungsstellen oder in Therapie einleiten kann.

Inhalte

Das Buch lebt im Gesamten von einem sehr aufgelockerten Wechselspiel von Informationen, Tabellen und ausgesprochen realistischen Fallbeispielen, die kurz und präzise als Hintergrund dienen können, wie man als Erwachsener Jugendlichen angemessen und entwicklungsfördernd begegnen kann. Willem Heuves versteht es hier, ohne den Anspruch der Allgemeingültigkeit erheben zu wollen, ganz nah am Alltag von Familien mit Jugendlichen in der Pubertät zu sein und unterstützende Hinweise zu geben, die man gut auf seine persönliche Situation übertragen kann. Immer wieder gelingt ihm ein Perspektivenwechsel, der es den Eltern ermöglicht, sich besser in die Lage von jungen Menschen hineinzuversetzen. Schon in der Einleitung macht der Psychotherapeut deutlich, dass er die Jugendlichen nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Pubertät gesehen haben will, im Sinne von anstrengend, lästig und unbequem, sondern vielmehr sie als spannende, faszinierende Altersgruppe ansieht. So hat auch der Übersetzer nicht den oftmals anzutreffenden Ausdruck „Pubertierende“ verwendet, sondern einfach nur sich für die Übersetzung „Jugendliche“ entschieden.

Willem Heuves verdeutlicht in seiner Einleitung, dass sich die Entwicklung Jugendlicher und ihre Stellung in der Gesellschaft in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten gravierend verändert hat. Er führt hier als Beispiele die zunehmende Mitbestimmung und die veränderte Sexualmoral auf. Zugleich hebt er auch hervor, dass gut ein Drittel der Jugendlichen die Pubertät ohne Probleme durchlaufen. Im Kapitel eins, das meines Erachtens ein bedeutender Glanzpunkt in diesem Buch ist, geht Willem Heuves offen und direkt auf die psychosexuelle Entwicklung Jugendlicher ein. Hier wird klargestellt, dass die Kinder nicht nur eine besondere körperliche Veränderung durchlaufen, sondern auch in ihrem Körpererleben „die gewohnte Vertrautheit mit dem eigenen Körper“ (S. 17) verlieren. Sie müssen sich mit unbekannten Gefühlen auseinandersetzen, erleben verstärkt Langeweile und müssen sich klarer werden, „wann eine soziale als eine sexuelle Situation verstanden werden darf, kann und muss.“ (S. 18). Hier gibt Willem Heuves mit seinen klaren Äußerungen konkrete Hilfestellungen und vor allem Informationen über Punkte, die im Alltag von den Eltern Jugendlicher kaum angesprochen werden. Ohne Sexualität zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen, stellt er sie als einen Teil der Pubertät dar. So geht er auf Masturbation, sexuelle Beziehungen, Homosexualität, Intimität in der Familie und sexuelle Aufklärung ein.

Im zweiten, relativ kurzen Kapitel, das sich mit der kognitiven Entwicklung auseinandersetzt, schafft es der Autor, ganz prägnant die Denk- und Gefühlswelt junger Menschen darzulegen: „Die Jugendlichen leiden durchaus darunter, dass sie ihre Erfahrungen und Erlebniswelt nur zum Teil verbalisieren können.“ Dies mache sie „ungeduldig, und sie fühlen sich sehr oft unverstanden, ohne direkt zu merken, dass sie selbst anderen ihre Innenwelt nur schlecht vermitteln können.“ (S. 40) Dabei wird auch die Bedeutung des Computers und der Sozialen Netzwerke angesprochen.

Im folgenden Kapitel 3 wird die Entwicklung des Selbstwertgefühls anhand der Kleidung und des Mobbings behandelt. Beim Begriff Mobbing fehlt in diesem Buch eine klare Definition dessen. Dafür aber schafft es Willem Heuves, den von vielen Autoren vernachlässigten Aspekt von Scham und Schuld intensiver zu thematisieren. Das vierte Kapitel kann als das Zentralkapitel in dem Buch angesehen werden. Hier vermittelt Willem Heuves das diverse Spektrum an Themen, die in der Pubertät von Bedeutung sind: Schule schwänzen, Alkohol- und Drogenkonsum, Rauchen, Abbrechen von Freundschaften, Rückzug, Ernährungsauffälligkeiten, Kriminalität, Gewalt, Selbstverletzung, usw. Willem Heuves teilt die Themenvielfalt in nach innen gewandte „autoplastische Störungen“ und nach außen gewandte „alloplastischen Störungen“. So geht er hier auf depressive Störungen, ADHS und die Nutzung von Computerspielen sowie auf das Thema Mobbing ein. Willem Heuves macht klar, dass das „Fehlen einer Altersgruppe oder Clique von Freunden/Freundinnen … dem Jugendlichen auch die Möglichkeit (nimmt), das gesamte soziale Repertoire der Pubertät einüben zu können.“ (S. 88) Weiterhin wird hier auf die besondere Situation bei Kindern geschiedener Eltern, einschneidende Ereignisse (bis hin zu Traumata) und Familiengeheimnisse sowie Adoption Bezug genommen. Dabei zeigt eine Graphik mit „Familienbedingungspyramide“ welche Unterstützung Jugendliche in bestimmten Fällen benötigen.

Das nur 15-seitige Kapitel über Rauchen, Alkohol und Drogen in der Pubertät brilliert durch seine ausgesprochene Alltagstauglichkeit, ohne jedoch in ein Patentmuster zu verfallen. Vielmehr schafft es Willem Heuves im gesunden Maße Informationen und Hinweise zum Umgang mit Rauchen, Alkohol und Drogen zu geben. Ob die statistischen Angaben in den einzelnen Familien tatsächlich hilfreich sein werden, hängt wohl mehr von dem Vorwissen der Eltern ab. Praxistauglich sind vielmehr die kurzen und prägnanten Fallbeispiele, die Darstellung der möglichen Reaktionsmuster durch die Eltern bei Vorfällen mit ihren Kindern sowie die Regeln für das Gespräch mit Jugendlichen zu diesen Konsumthemen. Hier werden manche Erwachsene Grundmissverständnisse erkennen, die oft dazu führen, dass der Dialog unterbrochen ist.

Die Thematisierung von Tod und Suizid sowie Selbstschädigung ist leider in dem eigenen Buchabschnitt nur auf gut sieben Seiten beschränkt. Hier hätte man sich eine ausführlichere Befassung mit der Thematik gewünscht. Dennoch gelingt es hier durch die Prägnanz und Direktheit der Darstellung, sich damit zu befassen. Willem Heuves stellt hier die Signale, die in Richtung Suizid oder Selbstverletzung gehen, vor und schafft es klare und präzise Handlungsleitlinien zu geben, wenn eine Gefährdung vorliegt. Für Erwachsene ist es hier sicher hilfreich, dass Heuves auch auf die möglichen Motive eingeht, um den Prozess des Verstehens zu stärken.

Im Abschlusskapitel konkretisiert der Autor noch einmal die Kommunikation zwischen den Jugendlichen und ihren Eltern und geht den folgenden Fragestellungen nach: Woher kommen die Kommunikationsprobleme? Soll man als Lehrer/-in oder Therapeut/-in die Eltern benachrichtigen? Wie bewegt man Jugendliche zu einer psychotherapeutischen Behandlung? Welche Behandlungswege gibt es auch für die Eltern? Eklatant ist die Darstellung eines klassisch misslungenen Gespräches eines Arztes mit einem Jugendlichen. Hier wird klar vor Augen geführt, welche Punkte man unbedingt nicht machen sollte; ohne aber zu versäumen, auch auf die Aspekte einzugehen, welche einem hilfreichen Gespräch förderlich sind.

Ein klassisches Literaturverzeichnis, ein Internetlink-Verzeichnis oder eine Auflistung von Beratungs- und Hilfsstellen fehlt in dem Buch gänzlich. Hier verweist der Autor darauf, dass seine Erkenntnisse aus einem weiten Spektrum an persönlicher Erfahrung, Begegnung und Literatur fußen, ohne jeweils ausmachen zu können, aus welchen Quellen seine Ausführungen gespeist wurden.

Diskussion

Dieses Buch ist ein ausgesprochenes Praxisbuch für Erwachsene, die sich mit Jugendlichen in der Entwicklungsphase Pubertät auseinander zu setzen haben; ganz gleich ob als Eltern oder vor einem professionellen pädagogischen, therapeutischen oder sonstigen Hintergrund. Die Befassung mit dem Thema Pubertät gelingt in diesem Buch vortrefflich. Die weite und zugleich detaillierte Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Aspekten der Begegnung mit jungen MEnschen macht dieses Buch – trotz der schwierigen Thematik - zu einem fundierten, gut lesbaren Buch. Das ausgewogene Verhältnis von konkreter Alltagsbeschreibung, fachlicher Beschreibungen und hieraus resultierender, praxisrelevanter Einschätzungen ist vortrefflich gelungen. Die einzelnen Graphiken sind anschaulich, auch wenn man sich sicherlich mehr davon gewünscht hätte. Es handelt sich hier um ein Werk, das aus dem Niederländischen übersetzt und übertragen worden ist. Soziologische, pädagogische und (entwicklungs-) psychologische Gesichtspunkte fließen hier permanent ein und werden in so ungewöhnlich präzisen und authentischen Falldarstellungen sehr lebendig dargestellt. Der Untertitel des Buches („Entwicklungen und Probleme. Hilfen für Erwachsene“) trifft die inhaltlichen Ausführungen vollends. Sicher hätte man als gewöhnliche/-r Leser/-in noch ein Abschlusskapitel oder wenigstens ein Schlussbemerkung gelesen. Ansonsten aber thematisiert Willem Heuves in ungewöhnlicher Weise selbst in den Ratgebern oftmals vermiedene Teilbereiche der Pubertät.

Fazit

Ein insgesamt sehr einfühlsames Buch, das dem so manches Mal schweren Thema Pubertät die Bürde nimmt und insbesondere eines wieder zu entwickeln vermag: nämlich herauszukommen aus Ohnmacht, Hilfs- und Ratlosigkeit hin mehr Handlungskompetenz. Eine Lektüre, die nicht nur den Eltern von Kindern in der Pubertät dringend zu empfehlen ist, sondern auch den Lehrern/-innen, (Sozial-) Pädagogen/-innen sowie Therapeuten/-innen. In dieser offenen und präzisen Art ist es ein seltenes Buch, das sich deutlich von anderen „Ratgebern“ abhebt, die vielfach entweder zu (fall-) detailliert sind oder zu grob Empfehlungen abgeben, welche dann doch nicht umgesetzt werden können. Alles in allem ist dieses Buch ein Leuchtturm in dem Themenmeer Pubertät, der Richtungen sorgfältig vermittelt; nur der Weg selber muss zusammen mit dem Jugendlichen in der Pubertät zurückgelegt werden. Das Buch bietet die große Chance, dass dieser Weg ein gemeinsamer, wenn auch gewiss nicht immer leichter Weg sein wird.


Rezensent
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut
Jugendsozialpädagoge an einer Grund- und Hauptschule
E-Mail Mailformular


Alle 48 Rezensionen von Detlef Rüsch anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 05.11.2010 zu: Willem Heuves: Pubertät. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2010. 176 Seiten. ISBN 978-3-86099-634-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9331.php, Datum des Zugriffs 23.11.2014.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt

Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.